Die Idee mit den Maisstangerln | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Die Idee mit den Maisstangerln

10.03.2017

Ein Produkt, das aus einer einzigen Zutat besteht, findet heute begeisterte Käufer in fünf Ländern. Dahinter steht ein kleiner Frauenbetrieb aus Niederösterreich – ­gegründet von einer 60-Jährigen. 
 

Die Geschichte der Firma Moniletti beginnt weder mit einer zündenden Idee in einem Marketingseminar noch mit dem Eintrag ins Firmenbuch – sondern mit einem Spaziergang. Eines Tages ging Monika Crepaz übers Feld und äußerte einen starken Wunsch: „Ich habe eine große Sehnsucht nach einer neuen Tätigkeit, die finanzielle Unabhängigkeit bringt, Eigenständigkeit und die mich gleichzeitig aufrichtig sein lässt, mir selbst und dem Leben gegenüber.“ Das war 2006. Für Monika Crepaz, damals knapp 60 Jahre alt, ist gerade beruflich ein Kapitel zu Ende gegangen. Die zierliche blonde Frau, geboren in Rottweil im Schwarzwald, ist ausgebildete Altenpflegerin. 14 Jahre leitete sie in München in einem großen Seniorenwohnheim einen Bereich mit 580 Senioren. Dann kam 1997 aus familiären Gründen der Wechsel nach Niederösterreich – nach Würflach, einen kleinen Ort im südlichen Umland von Wien. Ihre Ausbildung wird in Österreich nicht anerkannt, also arbeitet Crepaz in der ambulanten Altenpflege für das Nieder­österreichische Hilfswerk. Autofahrten, abgelegene Bauernhöfe, alte Menschen, die auf Hilfe warten. Monika Crepaz spürt, dass sie diese Arbeit nicht ewig weitermachen kann. Doch sie verfügt über keinerlei finanzielle Rücklagen. 

Im Jahr 2006 begleitet sie ihren damaligen Ehemann auf eine Geschäftsreise nach China. Dort sieht während des Aufenthalts in einer Großstadt das offizielle Nachmittagsprogramm für die Damen einen ausgedehnten Einkaufsbummel vor. „Mich inte­ressierten aber die Kaufhäuser voller Fälschungen nicht. Also überredete ich meine chinesische Begleiterin, durch die kleineren Nebenstraßen zu gehen“, sagt Crepaz. In einer dieser Straßen sieht sie plötzlich einen kleinen Mann, der auf dem Boden sitzt und mit einem Plastiksackerl von oben aus einer Maschine fallende gelbe Stangerl auffängt. Sie riechen nach Popcorn und schmecken köstlich. 

Die gelben Stäbchen, die früher in Osteuropa, in der ganzen Sowjetunion und in China jedes Kind kannte, sind zu dieser Zeit in Westeuropa noch nahezu unbekannt. Und da hatte Monika ­Crepaz die Idee. „Ich wusste sofort: Das ist es. Und da kam mir dieser verwegene Satz in den Sinn: Das schmeiß ich in Österreich auf den Markt.“ Gegenüber ihrer chinesischen Begleiterin bestand sie darauf, keine Schuhe und Uhren kaufen zu wollen, sondern so eine Maschine. Einige Zeit später kam ein schmutziges, sehr schweres Päckchen aus China an. Darin: Eine Schnecke aus Stahl, eine Hülse, ein Metallblock: ein Extruder. Und anbei ein Zettel, auf dem stand, dass der Motor leider fehle und man sich diesen am besten in Europa besorgt, weil die Motoren in Europa sowieso besser seien. 

Wenn eine verrückte Idee aufgeht

Und damit ging für Monika Crepaz der lange Weg von einer Geschäftsidee zur eigenen Firma los – dem Hersteller Moniletti, der heute von Würflach aus 200.000 Sackerl voll gelber Maisstangerl nach ganz Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien und in die Schweiz liefert. Und der seit seiner Gründung jedes Jahr zweistellig gewachsen ist. Im Nachhinein scheint dieser Weg gut gangbar gewesen zu sein, eine durchaus zu bewältigende Aufgabe. Inzwischen ist der Zuspruch in der Fachöffentlichkeit groß. Monika Crepaz ist ausgezeichnet als Unternehmerin 2014. Die Firma Moniletti einer der Preisträger des Trigos 2015, eine bedeutende Auszeichung für Corporate Social Responsibility. Kindergartengruppen und Schulklassen kommen zu Besichtigungen vorbei, Jugendwohnheime freuen sich über Spenden des Unternehmens. Doch damals, ganz am Anfang, war es alles andere als klar, dass diese Idee klappt. Im Gegenteil: Nicht wenige erklärten sie für verrückt. Dank ihrer Erfahrungen in der Leitung des Pensionistenwohnheims verfügte Crepaz zwar über Kenntnisse im Management, der Qualitätssicherung, der Teamführung. Aber wie man eine Firma gründet, die Buchhaltung führt, Zertifikate für die Herstellung von Lebensmitteln besorgt, sich den fehlenden Motor und die genau passende Maissorte beschafft – all das musste sich die damals 60-Jährige selbst erarbeiten.

Beim Klären der behördlichen Fragen seien die Angebote der Wirtschaftskammer sehr hilfreich gewesen, sagt Crepaz heute. Bei ihrer ersten Maschine hatte sie Glück in der direkten Nachbarschaft: Ein alteingesessener Schmiedemeister aus Würflach besorgte einen Motor und setzte die Stahlelemente zu einem funktionierenden Ganzen zusammen. Die ersten Stangerl, produziert im eigenen Keller, sahen trotzdem aus „wie schwarze Spaghetti“, so Crepaz. Von Anfang an stand fest: Die Stangerl müssen mit einer einzigen Zutat gut schmecken: reiner Biomais aus der Region. Dass dieses Produkt komplett ohne Salz, Zucker, Wasser, Fett, Gluten oder Geschmacksverstärker auskommt, sollte später ein zentrales Erfolgsgeheimnis werden. Denn dieses Kennzeichen unterscheidet die Moniletti von den Maisstäbchen im Osten. Wer will, kann heute im Internet zahlreiche Foren finden, in denen die Mütter von Babys klagen, dass die Moniletti wieder ausverkauft sind. Schließlich klappte es mit einer bestimmten Maissorte eines Biobauern im Burgenland: Die Stangerl gelingen knusprig und kross. 

2007, wenige Monate nach ihrer Chinareise, kontaktiert Monika Crepaz einen niederösterreichischen Vertrieb für Bioprodukte, der für eine Präsentation in der Wiener Stadthalle 1000 Packerl bestellt. Für die frisch gebackene Firma und ihre Chefin kommt die Feuertaufe: Etiketten drucken, Schweißmaschine, Kartonverpackungen, Europaletten, die Messer der Maschine reparieren. Moniletti liefert seine erste Bestellung trotzdem pünktlich. Und drei Wochen später der erste Triumph: die ersten 1000 Packerl ausverkauft. Kurz danach die nächsten 1000. Zwei Jahre später interessiert sich ein großer Biovertrieb aus Deutschland für die Stangerl. Im Jahr darauf erklärt ein anderer, die Stangerl nach Frankreich liefern zu wollen. Ein Schweizer Vertrieb findet die Stangerl in einem Regal in Luzern, obwohl Moniletti gar nicht dorthin geliefert hatte, und ruft ebenfalls in Würflach an. Anfang 2011 schließlich mietet Monika Crepaz von der Gemeinde den jetzigen Produktionsstandort und übersiedelt aus dem Wohnhauskeller in ein kleines Gewerbegebiet in Würflach. 

Ein Betrieb, der gefunden wird

Heute erwirtschaftet Moniletti, gegründet mit einem Startkapital von 3000 Euro, einen Jahresumsatz von 428.000 Euro und steht ohne Schulden da. Mit der Chefin und ihren neun Mitarbeiterinnen ist es ein reiner Frauenbetrieb. Ebenso wie der Mais und die Zulieferer kommen sie alle aus der Region. Es sei keine einzige Stellenanzeige nötig gewesen, um die Mannschaft zusammenzustellen, erzählt Monika Crepaz: „Ich habe sie nicht gesucht, sie haben mich gefunden.“ Entsprechend unterscheidet sich auch die Atmosphäre grundlegend von vielen anderen Firmen. Alle müssen anpacken, Kisten schleppen, mit einem Hammer den eingebrannten Mais aus den Maschinen klopfen. Trotzdem steht neben dem Arbeitsraum immer ein frisch gebackener Kuchen. Und jede ihrer Mitarbeiterinnen habe eine eigene Geschichte, sagt Monika Crepaz: „Hinter diesen Frauen stehen 21 Kinder und Kindeskinder. Alle haben Verständnis, wenn eine wegen ihrer Familie später kommt oder früher weg muss.“ Und doch sei keinerlei extra Motivation nötig, wenn es um die Bewältigung der anfallenden Arbeit geht. Auch das ist ein Punkt, der Moniletti von so vielen anderen Herstellern unterscheidet: Die Firma ist nicht nur erfolgreich, weil sie mit einem zeitlosen Produkt exakt den Zeitgeist trifft, auf wirklich ökologische, regionale Rohstoffe setzt und Kunden vom Baby bis zum Partygast anspricht. Sondern auch, weil hier ein Unternehmen zum Wohle seiner Mitarbeiter betrieben wird und nicht umgekehrt. Ihre Bitte, eigenständig und gleichzeitig aufrichtig sich selbst und dem Leben gegenüber arbeiten zu können, bekam Monika Crepaz erfüllt. 

Autor: Peter Martens

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