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„Die Grundvoraussetzungen sind denkbar gut“

20.09.2010

Wien ist nicht nur Bundeshauptstadt und Lebensraum, sondern auch Standort für unzählige Unternehmen. Wir haben bei der Wiener Wirtschaftskammer Präsidentin Brigitte Jank nach den Stärken und Schwächen der Metropole gefragt.

„Was wir immer brauchen, ist Qualität.“

Interview Stephan Strzyzowski

Wo steht der Wirtschaftsstandort Wien aus Ihrer Sicht?
Fest steht, dass wir weit besser durch die Krise gekommen sind als andere Bundesländer. Das liegt an der starken Dienstleistungsorientierung in Wien. Die stärker betroffene Produktion ist in Wien dagegen nicht so stark ausgeprägt. Das ist zwar ein Umstand, an dem generell gearbeitet werden muss, jetzt ist er uns aber zugute gekommen. Was nun nachhinkt, um in einen spürbaren Aufschwung zu kommen, ist die Investitionsfreudigkeit der Betriebe. Wir stellen fest, dass vorwiegend Ersatz-investitionen getätigt werden, aber keine Neuinvestitionen. Diese sind aber wichtig um die Entwicklung der Betriebe voranzutreiben. Wir sehen auch, dass die Preise noch nicht mitziehen. Die Auslastung wird zwar wieder besser, allerdings hat das Preisniveau deutlich nachgelassen. In der Ertragssituation schlägt sich der Aufschwung also noch nicht so stark nieder.

Hängt die mangelnde Investitionsfreude vielleicht auch damit zusammen, dass es für viele Unternehmer nach wie vor sehr schwer ist, Kredite zu bekommen?
Die Kritik an den Banken steht natürlich im Raum. Allerdings hat die Finanzierung aufgrund vieler Maßnahmen der Banken, aber auch der Wirtschaftskammer Wien und der Wiener Kreditbürgschaftsgesellschaft zumindest in Wien wieder ein gutes Maß erreicht. Es gibt aber natürlich Einzelbereiche, wo es um langfristige großvolumige Finanzierungen geht, in denen der Zustand von vor der Krise noch nicht wieder erreicht wurde.

Welche Stärken und Schwächen hat der Wirtschaftsstandort Wien?
Die geografische Lage am Tor zu den wachsenden Ostmärkten ist sicher einer unserer großen Standortvorteile, verbunden mit der guten Verkehrsinfrastruktur.  Ein Vorteil ist auch, dass wir eine Universitätsstadt sind und dadurch eine gute Verfügbarkeit von gut ausgebildetem Personal besteht. Damit ist eine hohe Produktivität der Mitarbeiter gegeben. Manches ist aber noch verbesserbar. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen Wien und Bratislava. Bei der Verkehrsinfrastruktur haben wir hier noch nicht alles, was gebraucht wird. Das wäre aber wichtig. Denn Wirtschaft entwickelt sich immer an den Verkehrsadern. Eine zweite große Aufgabe ist die Steigerung der Exportfähigkeit und der Exportbereitschaft der Betriebe. Schließlich kommt ein großer Teil des Wachstums aus dem Export. Demgemäß muss er auch ein Schwerpunkt für die Zukunft sein.

Die Wirtschaft benötigt auch geeignete Lehrlinge, die momentan stark in der Kritik stehen. Wie beurteilen Sie die Situation?
Wir müssen die Facharbeiterausbildung auf dem hohen Niveau halten, auf dem sie bislang war. Dazu bedarf es aber auch Anpassungen im Bildungssystem für Pflichtschüler. Denn dort orten wir wachsende Defizite. Immer mehr Unternehmer melden uns, dass die jungen Menschen die Qualifikationen nicht mehr vorweisen, die notwendig sind, um eine duale Berufsausbildung zu absolvieren. In diesem Bereich sind jetzt tatsächlich alle Kräfte gefordert.

Wie steht es um den Produktionsstandort Wien?
Wien braucht unbedingt einen stabilen Produktionsanteil. Denn produzierende Betriebe fragen zahlreiche Leistungen aus dem Dienstleistungsbereich nach. Wenn sich die Produktion zu sehr ausdünnt, sind rasch auch Dienstleister weg. Und eine wachsende Stadt muss auch ausreichend Arbeitsplätze bieten. Deshalb haben wir auch unter www.standort-wien.at ein Betriebsflächenkonzept für Wien dargestellt, in dem wir aufzeigen, welche zusammenhängenden Betriebsflächen es in Wien gibt, die erhalten werden müssen, um Probleme mit Anrainern zu vermeiden und Neuansiedlungen bewerkstelligen zu können.

Was kann Wien noch tun, um für Headquarter attraktiv zu sein?
Die Grundvoraussetzungen sind denkbar gut, etwa durch die ausgezeichnete Infrastruktur – auch im IKT-Bereich, die Nähe zu Forschungseinrichtungen oder die Förderlandschaft. Ansässige Headquarters und potenzielle Ansiedler müssen aber aktiv mit dem Wissen über diese Standortvorteile ausgestattet werden, um Wien als Standort gegenüber ihren Konzernzentralen jederzeit rechtfertigen zu können. Das machen wir bereits sehr intensiv in einer Kooperation mit Headquarters Austria.

Bei der internationalen Standortauswahl spielen auch Faktoren wie die Abgabenhöhe eine Rolle. Sind wir in diesen Bereichen konkurrenzfähig?
Ich glaube schon! Wir haben zwar höhere Lohnkosten, weil wir einen höheren Sozialstandard haben und in Lebensqualität investieren. Wir haben aber auch eine höhere Produktivität. Wir können in aller Regel ohnehin nicht mit Massenproduktionsgütern punkten, sondern nur mit einer Qualitätsproduktion. Als kleine Volkswirtschaft ist die hohe Qualifikation der Rohstoff, den wir besitzen.

Welche Branchen sind aus Ihrer Sicht besonders zukunftsträchtig?
Ganz sicher der IKT-Bereich, der Bereich der Life-Sciences, also der Biotechnologien, aber auch die Umwelttechnologien. Gerade bei den Stadtumwelttechnologien haben wir ein enormes Know-how. In der Energietechnik sind wir ebenfalls gut aufgestellt. Diese Bereiche sind also zu forcieren. Wo wir uns darüber hinaus in der Zukunft entwickeln sollten, ist die Gesundheitswirtschaft, der Sicherheitsbereich und der Mobilitätssektor.

Welche Aktivitäten sind dafür nötig?
Es gibt einiges, was als ungehobener Schatz bezeichnet werden kann. Etwa in unseren Forschungseinrichtungen, wo enorm viel Wissen vorhanden ist. Die Umsetzung der Ergebnisse in wirtschaftlichen Betrieben ist aber längst noch nicht auf dem Level, der möglich wäre. Da braucht es mehr Unterstützung, aber auch Verbindung zwischen den Forschern und den Unternehmen. Es ist außerdem viel mehr privater und öffentlicher Einsatz von Risikokapital nötig. Diese Klammer zu schließen ist ein Teil der öffentlichen Aufgabe. Ich sehe aber gute Möglichkeiten, solche Projekte im Stadtentwicklungsgebiet Aspern durchzuziehen.

Wie beurteilen Sie den Wandel innerhalb der Unternehmerschaft zu immer mehr neuen Selbständigen und EPU?
Auch wenn die vielen neuen Unternehmensgründungen von Kleinbetrieben immer wieder in Frage gestellt werden, sehe ich diesen Trend sehr positiv. Es handelt sich um hoch-motivierte, engagierte Menschen, die sich im Aufbau befinden, und die muss man voll unterstützen. Wir haben nämlich immer noch nicht das Niveau der Selbständigkeit erreicht, das in anderen Ländern gang und gäbe ist.

Die Wahl steht vor der Tür: Welche Themen gehören auf die Agenda?
Nach der Wahl wird es darum gehen, in Wien die Jahre der konzentrierten Wirtschaftspolitik einzuläuten. Unter Berücksichtigung der derzitigen Ausgangslage muss die Politik der nächsten Jahre ganz auf eine Wachstumsoffensive ausgerichtet sein.
Dabei geht es um eine Entlastung der Wirtschaft, einen Abbau der Bürokratie, eine Neuausrichtung des Förderwesens, eine Stärkung der Kleinstunternehmen, eine neue Clusterpolitik, ein Forcieren von Wachstumsbereichen wie IKT, Energie- und Umwelttechnik, die Sicherung von Produktionsflächen und ein Vorantreiben der Internationalisierung.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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