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Die grüne Revolution

14.02.2011

Der Energiebereich birgt ein enormes Potenzial, aber auch die Gefahr, die nötigen Weichenstellungen zu versäumen und damit einen klimatischen Supergau zu riskieren. Welche Szenarien realistisch sind und welche Herausforderungen der Energiepolitik bevorstehen – die WIRTSCHAFT hat bei Experten nachgefragt.

Wenn sich das Who-is-Who der CO2-Verursacher auf globalen Konferenzen trifft, um - jetzt aber wirklich - eine Trendwende herbeizuverhandeln, dann keimt ein wenig Hoffnung auf. Hoffnung, dass die Welt den Klimawandel tatsächlich noch in den Griff bekommen könnte. Meist enden diese Gipfeltreffen allerdings nicht mit knallharten Resultaten, sondern damit, dass man sich gegenseitig den nicht ganz so grünen Peter zuschiebt. Trotzdem zeigt man sich am Ende geschlossen positiv gestimmt: Schließlich gilt schon allein die Anreise in karibische Destinationen als Bereitschaft zur Problemlösung.

Dabei birgt die drohende Katastrophe sogar enorme Chancen – zumindest wenn es um den Aufstieg der so genannten Green Economy geht. Der Wettlauf um Macht und Energieträger, der bisher auf den Ölfeldern dieser Welt ausgetragen wurde, hat sich nämlich in andere Gefilde verlagert: Technologie und Forschung heißen die Bereiche, in denen es heute die Weichen für morgen zu stellen gilt. Und paradoxerweise haben es die größten Klimasünder USA und China wieder einmal geschafft, den Rest der Welt abzuhängen.
Während man im alten Europa nämlich noch überlegt, wie man den erneuerbaren Energien mittels Förderungen aus den Kinderschuhen helfen könnte, hat sich China bereits zum Marktführer bei Windenergie oder Fotovoltaik entwickelt. Die Großmacht hat Nägel mit Köpfen gemacht. Nicht primär, weil man die Welt retten will, sondern deshalb, weil die chinesische Politik erkannt hat, dass sie ihren immensen Energiehunger mittels Öl und Gas auf Dauer nicht abdecken wird können.

Neue industrielle Revolution im Anmarsch
Energiewende heißt die Herausforderung der Stunde – vielleicht ist es sogar die größte, der sich die Menschheit je zu stellen hatte. Um der Diskussion ein dynamisches Schlagwort zu verpassen, spricht man von einer neuen industriellen Revolution. Nicht mit Pauken und Trompeten wird diese eingeläutet, sondern mit zögerlichen Schritten. Denn der Weg ist weit: Alternative Technologien müssen marktreif gemacht, Strukturen neu erfunden und, was wohl am schwersten ist, Gewohnheiten geändert werden. Arbeitsplätze sollen in Zukunft grün und nachhaltig sein – geht es nach dem „Masterplan Green Jobs“ von Umweltminister Berlakovich, werden bis 2020 immerhin 100.000 Stellen in der Umwelttechnikbranche entstehen.

Doch die Wunderwaffe Green Jobs allein wird die Welt nicht retten können. „Die zentrale Frage ist doch, wie ein globalisierungsfähiger Wirtschaftsstil aussehen soll“, sagt der Umweltökonom Stefan Schleicher und nimmt im selben Atemzug das Zauberwort Energieeffizienz in den Mund: „Wir haben gelernt, mit menschlichen Ressourcen oder Sachkapital produktiv umzugehen. Jetzt stehen wir vor der Herausforderung, mit Energie viel produktiver umzugehen.“ Genauso, wie das Recycling von Papier bei uns heute zum guten Ton gehört, müsse man in allen Bereichen darüber nachdenken, wie jede Ressource effizienter verwendet werden kann.

Marschrichtung: Energieeffizienz
Nach Technologieabschätzungen werden wir 2050 mit der Hälfte der jetzigen Energie auskommen. Grund dafür sollen Effizienzsteigerungen im Bereich von Mobilität, Gebäuden und produzierender Industrie sein. Diese positive Prognose bezieht sich freilich nur auf die industrialisierte Welt und nicht auf Schwellen- oder Entwicklungsländer, deren Bedarf sich gemeinsam mit dem Angebot gerade erst aufbaut. „In den OECD-Ländern haben wir eine Energieentwicklung hinter uns, die über viele Jahrzehnte sehr ineffizient und verschwenderisch war. Jene Länder, die jetzt am Anfang der Entwicklung stehen, können nicht den gleichen Pfad durchlaufen wie wir. Dafür wäre der CO2-Ausstoß einfach zu groß und es würde zur Klimakatastrophe kommen“, fasst Walter Boltz, Geschäftsführer der E-Control und Vizevorsitzender des europäischen Regulierungsrates ACER das Dilemma zusammen. Würden China und Indien denselben Pro-Kopf-Verbrauch wie wir in Anspruch nehmen, müsste die globale Erdölproduktion blitzschnell verdoppelt werden. Vor diesem Hintergrund wäre es also sinnvoll, Technologie-Egoismus und nationales Wetteifern beiseite zu schieben und in Sachen Energie eng mit Schwellen- und Entwicklungsländern zusammen zu arbeiten. „Außerdem müssen wir uns fragen, wie wir deren Mehrenergieverbrauch – sie werden einen haben – bei uns einsparen können“, so Boltz.

Gerade im Sektor Raumwärme orten Experten großes Potenzial: „Eine gute Sanierung reduziert den Energieeinsatz typischerweise um ein Viertel. Ein Passivhaus benötigt im Vergleich nur ein Zehntel der Energie, ohne dass der Komfort darunter leidet“, rechnet Wirtschaftsprofessor Schleicher vor. Er ist vom Zukunftskonzept „Haus als Kraftwerk“ überzeugt: „Die Rolle von Gebäuden innerhalb neuer Energiestrukturen kann nur unterschätzt werden. Diese sind eine fantastische Infrastruktur, um Energie einzusammeln und Überschüsse dort hinzubringen, wo sie gebraucht werden.“ Doch nicht jedes Haus muss neu gebaut werden, um seinen Effizienzbeitrag zu leisten. Zwei Drittel aller Wohnungen in Österreich hätten ohnehin ein thermisches Face-Lift nötig. Die Erhöhung der Sanierungsrate von 1,2 auf 3 Prozent - wie im Rahmen der Energiestrategie von Wirtschafts- und Lebensministerium vorgesehen - ist ein Fingerzeig in die richtige Richtung – leider aber auch nicht mehr. Denn in diesem Tempo werden wohl mehr als 50 Jahre vergehen, bis man mit der Sanierung des Altbestandes endlich durch ist.

Abhängigkeitsverhältnis überwinden
Das Damoklesschwert des endlichen Erdöls und die drohende Umweltkatastrophe treiben die Suche nach neuen Energiequellen voran. Nicht davon zu trennen ist aber der Bedarf einer sicheren Versorgung. Wie abhängig diese von politischen Kontroversen sein kann, hat nicht zuletzt der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine deutlich gemacht. Vom Pipelineprojekt „Nabucco“, das kaspisches Gas via Türkei nach Österreich leiten soll, verspricht sich die EU mehr Unabhängigkeit von Russland. Doch die Großmacht ist Europa mit der neuen „South Stream“-Route bereits einen Schritt voraus: Der Krisenherd Ukraine soll umschifft und das Gas direkt vom Schwarzen Meer aus geliefert werden. Österreich beteiligt sich zur Sicherheit an beiden Projekten, um die Versorgung zu gewährleisten und nur als Ergänzung zu erneuerbaren Energien, wie Bundeskanzler Faymann und Wirtschaftsminister Mitterlehner beim Shake-Hands mit Ministerpräsident Wladimir Putin betonen.

Die EU ist von Energielieferungen abhängig. Mehr als die Hälfte des Bedarfes wird durch Importe gedeckt. Österreich liegt mit 70 Prozent - die Hälfte davon Erdöl, rund ein Drittel Gas - sogar leicht über dem Schnitt. Doch vor allem ein Faktor macht die Alpenrepublik zum gallischen Dorf in Europas Mitte: Während Deutschland jüngst seine AKW-Laufzeiten verlängerte und Staaten wie Frankreich oder Schweden ihren Bedarf zu großen Teilen mit Kernenergie decken, fährt Österreich seit dem Zwentendorf-Votum eine strikte No-go-Politik in Sachen Atomstrom. Diese Zurückhaltung beschränkt sich freilich nur auf die Produktion und nicht auf den Import der umstrittenen Energie, wie die Umweltorganisation Greenpeace in der Vergangenheit immer wieder anprangerte. Einen neuen AKW-Boom befürchten Experten dennoch nicht. „Kernenergie ist sowohl von der technischen Bewältigung, als auch von der Finanzierung her keine einfache Sache. Ohne Unterstützung des öffentlichen Sektors wird es keine neuen Projekte geben“, so Stefan Schleicher.

Zuckerbrot und Peitsche
Dafür hat Wasserkraft im Land am Strome eine besondere Bedeutung, ist sie doch heute für zwei Drittel der erzeugten Elektrizität verantwortlich. Auch andere erneuerbare Energieträger sollen in Zukunft anziehen, geht es nach Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der österreichischen E-Wirtschaft: „Mit steigenden Preisen wird Windstrom als erste der neuen, erneuerbaren Energien ohne Förderung auskommen.“ Das wird wohl auch so sein müssen, verrät ein Blick in Fördertöpfe, deren Volumen für Neuanlagen zum Ärger der IG Windkraft bereits jetzt bis 2015 ausgeschöpft ist. Damit sich Investitionen in Windenergie wieder lohnen, pocht die Interessengemeinschaft deshalb auf eine dringende Reform des Ökostromgesetzes und höhere Einspeisetarife.

An Innovationskraft mangelt es heimischen Unternehmern nämlich nicht, wie die Fotovoltaik-Branche deutlich zeigt: Geht es um die Entwicklung der Anlagen gilt Österreich als Vorreiter. Bei der Nachfrage im eigenen Land hakt es jedoch. „Wir haben keinen Heimmarkt und kein System, das ein sinnvolles Betreiben ermöglicht. 95 Prozent der Umwelttechnologie wird exportiert“, sagt Hans Kronberger, Präsident der Photovoltaic Austria. Hauptargument dafür sind die hohen Kosten der Anlagen. „Wie teuer wird es die Gesellschaft und die Volkswirtschaften kommen, wenn der rechtzeitige Ausstieg aus dem fossil-nuklearen Energiesystem nicht gelingt?“, kontert Kronberger. Immerhin könnten die finanziellen Mittel, die in den Zukauf von Energie aus dem Ausland investiert werden, ja auch der heimischen Wirtschaft zugute kommen.

Politik und Energieversorger gehen lieber auf Nummer sicher: Zuerst in Erprobtes investieren wie in den Ausbau der Wasserkraft und abwarten - vielleicht wird die Technologie ja von selbst billiger. Zumindest im Fall Fotovoltaik könnte das konservative Konzept aufgehen, mutmaßt Wissenschafter Stefan Schleicher: „Hier hat es bereits in den vergangenen Jahren einen unglaublichen Preisverfall gegeben. Durch den Markteintritt von China wird sich noch einiges tun.“

Langfristige grüne Lösungen
Damit die Entwicklung an Fahrt aufnimmt, wäre eine Kombination aus Forschungsinvestitionen und sicheren Unterstützungsmodellen gefragt. Entscheidend dabei, das Wort „langfristig“. Denn Sicherheit brauchen nicht nur die Kunden am Ende der Leitung, sondern auch Unternehmer, um der Umwelttechnikbranche tatsächlich zum erhofften Wachstum verhelfen zu können. Wer investiert schon gerne in neue Sektoren, wenn nicht klar ist, ob diese auch in der nächsten Legislaturperiode noch en vogue sein werden? „Es gilt einen Mix aus Zuckerbrot und Peitsche zu finden. Ohne einen gewissen Druck werden wir die Stückzahlen, die wir brauchen, nicht erreichen“, sagt Walter Boltz. Auch Wissenschafterin Angela Köppl vom Wirtschaftsforschungsinstitut stimmt zu: „Hier geht es um Veränderungen des gesamten Lebensstils und Konsums. Da kommt man an Regulierungen nicht vorbei.“ Will man dafür sorgen, dass sich alternative Energieträger schneller rechnen, sei das so genannte „Carbon Pricing“ - die Besteuerung der fossilen Energieträger – unausweichlich.

Im Netz der Zukunft
Im Süden Sonnenparks, im Norden Offshore-Windanlagen, dazwischen Block- und Wasserkraftwerke, Biogas- oder private Fotovoltaikanlagen – das alles intelligent miteinander vernetzt und schon ist die Vision eines energieautarken Europas fertig. Was dieser – neben den Kosten und der Marktreife der Technologien – im Wege steht, sind vor allem die notwendigen Infrastrukturen. Während der bisherige Energietransfer nämlich eine Einbahnstraße war, zeichnen sich in Zukunft dynamische, dezentrale Modelle ab. Der Verbraucher soll die selbst erzeugte Energie schließlich auch ins Netz zurückspeisen können.

Soweit die Theorie, die vor allem in Sachen Lastmanagement und Speicherstruktur noch Entwicklungsbedarf hat. Denn was, wenn der Wind nicht bläst, die Sonne nicht scheint oder der Bach nicht rauscht? Rund sechs Milliarden Euro planen österreichische Elektrizitätsunternehmen bis 2020 zu investieren, um das herauszufinden. Mit der „Smart Grid Modellregion“ der Salzburg AG ist dazu schon ein umfassendes Forschungsprojekt auf den Weg gebracht worden. Anhand der regionalen Bedürfnisse soll ein intelligentes, flexibles Energienetzwerk skizziert werden, das sowohl das Haus als Kraftwerk, als auch das E-Mobil der Zukunft verträgt.

Die ewig vieldiskutierte Frage, ob und wann uns tatsächlich das Öl ausgeht, ist eigentlich ganz unwichtig. Vielmehr ist ein generelles Umdenken notwendig, auch um den wirtschaftlichen Anschluss nicht zu verlieren. Nur mit gutem Willen und noblen Visionen allein wird die Energie-Revolution nämlich nicht von selbst passieren. Um es mit den erfrischend direkten Worten des ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten Moritz Leuenberger abzuschließen: „Es ist wunderbar, dass Sie auf Technologie- und Verhaltensänderungen hoffen – aber es wird sich nichts ändern. Hier braucht es das Primat der Politik.“

(Redaktion: Christina Leitner)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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