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Die große Zäsur

08.06.2018

Was wird die Blockchain wirklich verändern? Prof. Alfred Taudes, Leiter des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie der WU Wien, glaubt, dass sogar der Nationalstaat, wie wir ihn kennen, in Gefahr sein könnte. Und selbst die marktbeherrschenden Internetgiganten sollen ordentlich unter Druck geraten. 

Sie leiten das neu gegründete Forschungsinstitut für Kryptoökonomie der WU Wien. Welche Fragen beschäftigen die Wissenschafter aktuell am meisten? Im Moment befassen wir uns insbesonders mit Kryptowährungen und hier unter anderem mit Fragen der Regulierung zum Beispiel von ICOs. Generell wollen wir herausfinden, wie eine zukünftige Wirtschaft aussieht, die auf Blockchain basiert. Wie ändert sich das Rechtssystem, wie ändern sich Märkte, welche Rolle haben Intermediäre? Wie wird in Zukunft die Produktion organisiert? Wir vernetzen uns, machen Projekte, forschen und lehren.

Wenn sich die Blockchain-Technologie so rasant entwickelt, wie von manchen vermutet, könnte es gut sein, dass die Begriffe „Krypto“ und „Ökonomie“ schon bald ohnedies gar nicht mehr zu trennen sein werden. Davon ist auszugehen. Die Blockchain wird sicher zur Basis-Technologie und zum Mainstream. Dabei gibt es viele Parallelen zum Beginn des Internets. Auch damals gab es zunächst einen Hype und viel Skepsis. Aber heute leben wir in einer Internetökonomie, und die fünf wertvollsten Unternehmen sind Internetkonzerne. Ich bin davon überzeugt, dass die Blockchain eine ähnlich transformative Wirkung haben wird. 

Stecken darin eher Chancen oder Risiken für die heimische Wirtschaft? Definitiv Chancen! Märkte, die neue Technologien früher adaptieren, haben Vorteile. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Österreich vorne mit dabei ist. 

Wer sind denn hierzulande die Vorreiter? Es gibt diverse tolle Start-ups aus Österreich, die führend an der Entwicklung arbeiten. Egal, ob es um Exchanges, Mining, Gaming oder Produktion geht. Es gibt aber auch schon viele etablierte Unternehmen, die Use-Cases haben. 

Sind das Unternehmen, denen die Blockchain besonders gefährlich werden könnte? Also Intermediäre wie Banken und Versicherungen? Die Banken und Versicherungen haben für das Thema sogar internationale Konsortien gebildet. Ein österreichisches Konsortium arbeitet an einer organisationsübergreifenden Identity-Lösung. Auch die Energiebranche ist an dem Thema dran. Die etablierten Unternehmen schlafen also zum Glück nicht und bauen Prototypen. Sogar der öffentliche Bereich befasst sich mit dem Thema.

Was erwartet uns da? Die Stadt Wien hat etwa ein Projekt, wo sie offene Daten signieren. Das Bundesrechenzentrum entwickelt „Kettenbruck“, ein Portal einer virtuellen österreichischen Gemeinde, auf dem Beispiele von Blockckainanwendungen insbesondere im E-Government demonstriert werden. Alle sind aktiv. Das ist nur in der Öffentlichkeit nicht so bekannt. Dort bekommt man nur die Betrugsfälle mit Bitcoin und die Kursschwankungen mit.  

Die Blockchain soll ja Intermediäre wie Banken, Versicherungen sowie Plattformen obsolet machen. Allerdings muss ja auch auf Basis der Blockchain jemand die Services bereitstellen, die Seiten betreiben und warten. Was ändert sich wirklich? Das Userinterface bleibt eine normale Website, die Blockchain läuft nur im Hintergrund. Was sich ändert, ist, dass mit Smart Contracts viele Dinge automatisiert ablaufen, die jetzt Banken teils händisch oder in alten IT-Systemen machen. Das ist ineffizient. 

Haben Sie ein Beispiel? Nehmen wir eine internationale Geldüberweisung. Das dauert lange und kostet viel. Das lässt sich in einem Smart Contract automatisieren. Im Frontend braucht es natürlich eine Firma, die es bereitstellt. Und auch normale Datenbanken haben nicht ausgedient. ERP-Systeme wird es weiter geben. Und auch die Blockchain-Anwendungen haben normale Datenbanken dahinter. Aber die Kernlogik, die Transaktionsabwicklung, die erfolgt transparent auf der Blockchain. 

Dann könnten sich ja die klassischen Intermediären ganz leicht im Spiel halten, in dem sie die Blockchain und den Kundenzugang nutzen, oder? Wenn Sie es rechtzeitig machen, bleiben Sie im Spiel. Aber die Geschäftsmodelle werden weg von der primitiven Transaktionsvermittlung hin zu anderen Dienstleistungen gehen, die beratungsintensiv sind. Wer sich zeitgerecht mit der Blockchain befasst, hat eine Chance, sein Geschäftsmodell zu verändern und sich anzupassen. Ein Smart Contract alleine kann ja nicht alles machen. 

Also werden sich vermutlich wieder neue Plattformen bilden. Ja, aber auf Basis der Blockchain. Und teilweise extrem effizient, transparent und verlässlich. Facebook kann heute einfach beschließen, die Geschäftsbedingungen zu ändern. Die dezentralen Systeme haben niemanden, der so etwas alleine durchsetzen kann. Da entscheidet die Community. Ein Musiker kann ein Lied auf die Blockchain stellen und damit seine Urheberschaft verifizieren. Dann aktiviert er einen Smart Contract. Wenn jemand die Musik hören will, zahlt er mit Kryptowährung. Und damit braucht man in der Mitte zur Abwicklung niemanden mehr. 

Aber auch dann geht das ja nicht ohne Zugang oder App. Wie findet man denn sonst die Musik? Appstores kommen erst langsam. Das ist alles noch im Aufbau. Wie das Internet in den 90ern. Das gilt auch für die Kommunikation zwischen Blockchains. Da stehen wir erst am Anfang. Aber es wird sich ein Internet 3.0 entwickeln. Das sich vom heutigen unterscheidet. Das heutige ist ein Client-Server-System. In der Blockchain ist man Herr seiner Daten, und man interagiert auf einer Peer-to-Peer-Basis. Und die Kommunikation läuft über Smart Contracts.

Werden sich dann in der neuen Welt wieder marktbeherrschende Player wie Google herausbilden? Klar. Aber ob es Google oder Facebook sein wird, wage ich zu bezweifeln.

Warum? Die wären doch prädestiniert? Auch der Quelle-Versand hatte alle Voraussetzungen in den E-Commerce einzusteigen, aber er ist in Konkurs gegangen. Ein Outsider hat es gemacht: Amazon. Neue Technologie in einem klassischen Unternehmen umzusetzen ist schwierig. 

Die bekannteste Blockchain-Anwendung ist Bitcoin. Die OeNB hat vor Kryptowährungen allerdings eindringlich gewarnt. Wäre es sinnvoll, hier stärker mit Regulierung einzugreifen? Natürlich, sogar die Vertreter der Kryptowährungen sind für Regulierung, weil sie dann einen Massenmarkt erreichen können. Wenn es immer wieder Fälle gibt, wo kleine Anleger betrogen werden oder wo bei ICOs das ganze Geld verschwindet, schadet das der Entwicklung. Es gibt deshalb auch schon eine Arbeitsgruppe im Finanzministerium, die an einer Regulierung arbeitet. Frau Prof. Susanne Kalss vertritt darin das Forschungsinstitut für Kryptoökonomie.

Aber lässt sich das überhaupt auf nationaler Ebene regulieren? Nein. Darin liegt die Herausforderung. Die Blockchain ist der letzte Schritt zum Ende des Nationalstaats. 

Inwiefern? Schauen sie sich die Steuervermeidungsstrategien der amerikanischen Konzerne an. Schauen sie sich das Theater mit dem Datenschutz an. Das funktioniert doch jetzt schon alles nicht auf nationalstaatlicher Ebene. Google hat viel mehr Macht als mancher Nationalstaat. Die nehmen keine Rücksicht auf nationales Recht. Entsprechend begrenzt sind die lokalen Freiräume zur Regulierung. Wenn man wirklich etwas tun will, muss man es zumindest auf der EU-Ebene machen. China hat versucht, ICOs zu verbannen, und die Unternehmen sind einfach nach Singapur gegangen. Diese neuen Geschäftsmodelle leiten das Ende des Nationalstaates ein. Like it or not. 

Ist das eine positive Entwicklung aus Sicht der Wirtschaft? Ich weiß es auch nicht. Welche neuen Unternehmensformen entstehen werden, ist noch völlig offen. Bitcoin ist zum Beispiel komplett dezentral organisiert. Da gibt es niemanden, der dahintersteht. Und das ist der Grund, warum es so robust ist. Es ist ein supranationales Gebilde, wo ein paar tausend Leute Rechner zur Verfügung stellen. Das ist keine Firma. Was ist es also? Man weiß es nicht. Und das gilt auch für alle anderen neuen Plattformen. Das muss man erst rechtlich definieren. Beim Internet hat man gesagt, dort wo der Server steht, gilt das Recht. Bei Blockchain geht das nicht. Wir stehen also noch ganz am Anfang.  

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich dadurch die ökonomischen Machtverhältnisse verschieben und sich das System demokratisiert? Ein großer Vorteil ist sicher, dass die aktuellen Großkonzerne Konkurrenz bekommen. Es wird Alternativen zu Facebook und Google auf der Blockchain geben. Und auch Banken und Energiekonzerne werden die Entwicklung zu spüren bekommen. Sie müssen sich jetzt überlegen, wie sie besser werden. Aber es kann sein, dass die Blockchain wieder zu Zentralisierungen führt. Wenn Sie sich die Verteilung der Bitcoins anschauen, da haben wenige am meisten. Das ist in ökonomischen System ohne Eingriff so. Es kommt zu Ungleichheitseffekten. Deshalb war der Nationalstaat gut, denn der hat besteuert und umverteilt. Wenn es den nicht mehr gibt, macht das niemand. 

Warum soll gleich der ganze Nationalstaat obsolet werden? Es passiert ja jetzt schon. Wie viele Steuern zahlt Google in Österreich? Die Konzerne suchen die Staaten aus, wo sie am wenigsten zahlen müssen und entziehen sich. 

In Österreich besteht die Wirtschaft aber immer noch zu 98 Prozent aus KMU, die hier Steuern abführen. Klar, es gibt Branchen, die Arbeitsplätze schaffen, die sich nicht entziehen können. Aber wenn Sie an die Macht denken, die Facebook hat: Die können politische Systeme beeinflussen. Genauso bei Google. Amazon ist noch reicher. Die können alles kaufen, was sie wollen. Der Grund, warum es unsere Kleinen noch gibt, ist, weil sie für diese Spieler derzeit gar nicht interessant genug sind. Sie werfen zu wenig ab, darum leben sie noch. Man muss auch an Drohnen und das Internet der Dinge denken. Da wird sich noch enorm viel entwickeln. Es gibt zum Beispiel Gerüchte, dass Amazon auch die Logistik selber machen will. Und da hängen viele Arbeitsplätze dran. Die haben Marktmacht und sind supranational aufgestellt. 

Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck hat zu dem Thema gesagt: „Wir dürfen die technische Entwicklung nicht schon zu Beginn mit Überreglementierung hemmen, müssen aber auch die Sicherheit und Souveränität der Bürgerinnen und Bürger im Auge behalten.“ Macht sie sich da was vor? Ein schöner Satz! Aber die Realität ist, dass Österreicher bereits ins Ausland gegangen sind, um dort einen ICO zu machen. Weil es in Singapur einfach leichter geht. Und den neuen Firmen ist es egal, wo der Firmensitz ist. Da geht es nur um Rechtssicherheit, Steuern und Personal. Die angelaufenen Bemühungen zur Regulierung in Österreich sind daher sehr zu begrüßen.

Wo müssen die heimischen Unternehmen jetzt tun? Sie sollten sich informieren. Man muss einmal verstehen, dass es um viel mehr als nur Bitcoin geht. Man muss erkennen, welchen Impact die Entwicklung auf das eigene Business haben wird. Dann gilt es, mit wenig Aufwand einen Prototyp zu machen. Man muss es ausprobieren. Es macht auch Sinn, sich zusammenzutun. So, wie es gerade die Banken machen - denn die Lösungen betreffen meistens ganze Lieferketten. 

Wie gut ist Österreich auf die Entwicklung vorbereitet? Wie gut ist unsere Infrastruktur? Da die Anwendungen nicht nur aus der Blockchain bestehen, wird es irgendwann schwierig, wenn es kein 5G gibt. Im Bereich der Forschung sind wir gut aufgestellt. Überall arbeitet jemand dran. Was wir aber sicher brauchen werden, ist Venture Capital. Auch die zögerliche Bürokratie befördert das Thema nicht gerade. In England gibt es zum Beispiel schon Sandboxes, regulierungsfreie Räume, wo man ein neues System in einem begrenztem Zeitraum in Kooperation mit der Regulierungsbehörde aufbauen und testen kann. 

Auch Russland fördert die Entwicklung mit Bitcoin-Miningfarmen, um Kapital zu erzeugen. Venezuela hat auch drüber nachgedacht. Man kann die staatliche Währung sehr rasch auf Bitcoin umstellen. Das Geld ist ja jetzt auch komplett digital. Für manche Nationen ist das eine Lösung, wenn sie sich abkoppeln wollen. Denken Sie nur an den Iran. Es ist ja auch möglich, nicht frei handelbare Kryptowährungen zu machen oder sie etwa an den Dollar zu binden und sie zu stabilisieren. So wie man sie programmiert, so sind die Währungen. Und jeder kann eine machen, es müssen nur genug Leute akzeptieren. 

Denken Sie, dass in absehbarer Zeit ein Land umstellen wird? Die Nationalbanken haben Gruppen, die das beobachten und drüber reden. Im Euroraum könnte man auch einen Krypto-Euro machen. Alleine, dass die Verwaltung und die Überweisungen billiger würden, wäre ein Vorteil. Die Griechen haben auch in der Krise darüber nachgedacht, als ihnen die Banken kein Geld mehr geben wollten. Spannend ist das auch für manche Entwicklungsländer, es gibt ja Milliarden Menschen, die gar kein Bankkonto haben. 

Wenn man sich wie Sie hauptberuflich mit dem Thema befasst: Wird man unweigerlich zum Bitcoin-Zocker? Das fragt mich immer jeder, aber: Nein, ich habe keine Bitcoins. Ich habe immer drüber gelesen und aufs Kaufen vergessen, und irgendwann war der Kurs zu hoch. Und gut war es, dass ich nicht bei 20.000 eingestiegen bin. 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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