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Die Garage als Industrie-4.0-Hub

09.10.2019

Die Grand Garage in Linz bietet als offene Werkstätte Zugang zu Maschinen zum Bau von Prototypen. Hier kommen Unternehmen mit der Community zusammen – und es werden gemeinsam Projekte realisiert.

Ruth Arrich- Deinhammer und ihr Mann Werner Arrich wollen Hochtechnologie für Einzelpersonen begreifbar machen.

Die Garage – für die einen ein Ort, der mit allem vollgestopft werden kann, was man irgendwann wieder brauchen könnte, für die anderen eine Geburtsstätte für Ideen, ein Ort des lustvollen Experimentierens, ein Raum voll Zukunftsgeist und Möglichkeiten. Zu diesen anderen gehören die Initiatoren der Grand Garage, einer offenen Werkstätte, die im Februar in der Linzer Tabakfabrik bildlich gesprochen erstmals ihr Garagentor öffnete. Jeder kann hier 3D-Drucker, Lasercutter, CNC-Fräsmaschinen, Roboter, Maschinen zum Pulverlackieren, Löten und für die Blechbearbeitung sowie diverse Schweiß- und Elektromessgeräte verwenden und Workshops, zum Beispiel zum 3DDruck, besuchen. Auf mehr als 4.000 Quadratmetern versuchen die Betreiber alles anzubieten, was Technik- und Innovationsfreaks zum Bauen von Prototypen brauchen.

MEHR ALS EINE BASTELBUDE

300 Mitglieder hat die Grand Garage bereits. Sie sieht sich aber nicht als Maker-Space, wie sie seit einigen Jahren in aller Welt aus dem Boden sprießen. Ruth Arrich-Deinhammer, die die Grand Garage mit ihrem Mann Werner Arrich gegründet hat und leitet, sagt: „Wir bezeichnen uns bewusst nicht als Maker-Space, denn darunter wird teilweise eine Bastelbude verstanden. Wir verstehen uns als Innovationswerkstatt für Menschen in der Technologie.“ Es bestehen unter anderem Kooperationen mit Fachhochschulen, der Kunstuni Linz und Instituten wie der Johannes-Kepler-Uni. Aber auch Anfänger sind willkommen. Arrich-Deinhammer: „Wir wollen den Spagat zwischen einem professionellen Anspruch und einem niederschwelligen Zugang schaffen und Hochtechnologie für Einzelpersonen begreifbar und verstehbar machen.“ Aber auch Unternehmen können Mitglieder werden. Für sie werden individuelle Pakete geschnürt.

IDEE VON JUGENDLICHEN

Die Entstehungsgeschichte der Innovationswerkstatt ist ungewöhnlich, denn die Idee kam von Jugendlichen, die neben ihrer AHS-Ausbildung in der Freizeit eine Mechatroniklehre absolvieren. Dieses Angebot nennt sich CAP. und wurde ebenfalls von Arrich-Deinhammer und ihrem Mann ins Leben gerufen, unter anderem weil sie für eines ihrer Kinder den optimalen Ausbildungsweg suchten, aber nichts dergleichen fanden. Absolventen von CAP. wandten sich 2016 an Arrich-Deinhammer, weil sie keinen Zugang zu Maschinen hatten, um Prototypen zu bauen. Arrich-Deinhammer: „Wir haben uns dann intensiv mit dem Markt beschäftigt und sind draufgekommen, dass am Mechatronikstandort Oberösterreich eine offene Werkstätte fehlt.“

Mithilfe einer Anschubfinanzierung durch Future Wings, dem gemeinnützigen Teil der TGW Future Privatstiftung, einer FFG-Förderung und der Unterstützung von Unternehmen, die Maschinen und Know-how zur Verfügung stellen, gründete das Ehepaar die Grand Garage als Industrie-4.0- Hub. Das mittelfristige Ziel ist laut Werner Arrich die Kostendeckung. Gewinn muss nicht erzielt werden, da es sich um ein gemeinnütziges Projekt handelt, hinter dem der TGWKonzern, ein Logistikunternehmen, das in Wels Lagersysteme baut, steht. Der Gründer hat in der Stiftungsurkunde der Future-Wings-Privatstiftung festgelegt, dass ein Teil des Konzerngewinns für gemeinnützige Projekte ausgegeben werden soll, in denen es um das Lernen und Wachsen junger Menschen geht. In diesen Rahmen fällt die Finanzierung der Grand Garage. Firmen können nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit Mitglieder werden, sondern weil sie das Ökosystem vervollständigen.

ÖFFNUNG FÜR FIRMEN

Während in den ersten Monaten der Fokus auf Einzelpersonen lag, startete das neue Geschäftsjahr, das mit September begonnen hat, unter dem Motto „Öffnung für Firmen“. Werner Arrich: „Wenn man jetzt als Firma kommt, sieht man schon viel Substanz und Leben. Es bewegen sich sicher 2.500 Menschen im Jahr durch die Grand Garage.“ So können Firmen hier ihre Minimal Viable Products bauen, also minimal überlebensfähige Produkte, die sofort auf Nutzen und Brauchbarkeit für Kunden hin erprobt werden. Die Firmenmitglieder kommen schwerpunktmäßig aus der mechatronischen Industrie, die sich mit dem Internet of Things, Robotik, additiver Fertigung, generativem Design und Produktdesign mit künstlicher Intelligenz befassen. Ein Mitglied ist der Maschinenbauer Wacker Neuson, ein anderes Transgourmet, das die Infrastruktur zur Entwicklung eines Kapselträgers für eine Siebträgermaschine nutzt. Im Oktober wird die Foresight Bay eröffnet, ein neuer Bereich, der Unternehmen beim Prototypenbau unterstützen wird, wobei es hier zu einer Kooperation mit der Community kommen soll. Ein eigener Bereich im Erdgeschoß wird zudem mit einem Design-Thinking-Lab ausgestattet.

Für Unternehmen ist das Netzwerk der Grand Garage auch interessant. Ende September startet der erste Techbrunch, bei dem immer freitags für zwei Stunden Interessierte und Profis zusammenkommen und über ein Thema wie etwa additive Fertigung, Robotik oder Virtual Reality sprechen. Das Ganze soll ein verkaufs- und visitenkartenfreier Raum sein – Jobvermittlung soll hier nicht passieren. Die jungen Menschen, die sich hier engagieren, sind gefragt am Arbeitsmarkt. Doch laut Werner Arrich seien die meisten nicht an Jobs bei Firmen mit klingendem Namen interessiert, sondern an spannenden Projekten: „In von uns kuratierten Formaten kommt es zur Anbahnung auf Projektebene.“ Bald starten auch die Makerthons, wo vor allem Studierende vier Tage lang an einer konkreten Fragestellung von Unternehmen arbeiten.

NEUESTE TECHNIK

Up to date zu sein ist den Geschäftsführern ein Anliegen. Werner Arrich: „Wir haben den Anspruch, permanent die neueste Technologie verfügbar zu haben.“ Manche Geräte sind kurz nach dem Kauf wieder veraltet, weil die Entwicklung so schnell geht. Daher stellen Partnerfirmen die Geräte zur Verfügung und tauschen sie immer wieder gegen neue Modelle aus. Das macht für sie auch Sinn, weil sie hier potenziellen Kunden ermöglichen können, die Geräte auszuprobieren.

Ein neuer Trend ist übrigens 3D-Metalldruck. Gegen Jahresende wird das auch hier möglich sein. Einer der Kooperationspartner ist AMS – Additive Manufacturing Solutions –, das seine Expertise im 3D-Druck zur Verfügung stellt und sich von Ideen, die hier realisiert werden, inspirieren lässt. Florian Grabs, Business Development Manager, sagt: „Hier kommen Enthusiasten von Unternehmen und Privatpersonen zusammen, um gemeinsam Technologie anzuwenden.“ Zum Metalldruck sagt er, dass dieser jetzt auf erschwinglichen FFF-3D-Druckern zur Verfügung steht, was die Herstellungskosten deutlich reduziere: „Mit der Grand Garage haben wir einen engen Partner, mit dem wir den Besuchern und Mitgliedern diese Innovation näherbringen möchten.“ So können Interessenten etwa in einem Workshop Anfang Dezember die Besonderheiten des Verfahrens erlernen.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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