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Die Falterin

29.02.2012

Wer sich in letzter Zeit einen Besuch in der Wiener Staatsoper gegönnt hat, ist vermutlich bereits mit Renate Houskas Handwerkskunst in Berührung gekommen.

Faltenröcke sind zwar out, Renate Houskas Geschäft ist trotzdem in. Mit der letzten Plisseewerkstatt Wiens konzentriert sich die gelernte Schneidermeisterin auf exklusive Kundschaft – und ist zur Stelle, wenn schnell mal ein paar Ecken und Kanten ins Kostüm müssen.

Das Anfertigen der Plissees der Kostüme für die Premiere der Brecht-Oper „Der Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" hatte der Wienerin so manchen langen Arbeitstag gekostet. Denn Opern- und Theateraufträge gehören in der Regel zu den kurzfristigen und sehr stressbehafteten Bestellungen ihres Berufsalltags. Aber eben auch zu jenen, die für die künftige Auslastung der Auftragsbücher sowie für den Erhalt der Reputation fundamental wichtig sind. Mit herkömmlichen Kunden ließe sich ihr Geschäft nämlich nicht führen. Das war allerdings auch schon 2001 so, als die gelernte Schneidermeisterin unternehmerischen Mut fasste und sich für den Einstieg in ein Handwerk entschloss, das viele als zum Aussterben verdammt ansahen.

 

Hunderte Schablonen

Nach zehn Jahren im Geschäft steht Renate Houska inmitten ihrer Plisseemanufaktur im achten Wiener Gemeindebezirk und hat gut lachen. Denn das Geschäft der Frau Ende 40 mit kurz gelocktem Haar läuft gut. Rings um sie herum liegen Schablonen aus Karton, die sie für ihr seltenes Handwerk braucht. Es sind einige hundert, vielleicht sogar mehr als tausend – so genau weiß das Frau Houska selbst nicht. In die Schablonen fügt sie in manueller Feinarbeit jene Stoffe, in denen die Plissees genannten Falten entstehen sollen. Jene Falten die viele an Schuluniformen erinnern und einen etwas altmodischen Touch verbreiten. „In die praktische Alltagsmode wird mein Handwerk wohl nicht mehr zurückkehren", weiß sie. Was aber Nebensache ist, denn als Plisseewerkstatt muss man sich heute freilich längst spezialisieren, wie sie schnell feststellte. Sehr geholfen haben ihr dabei persönliche Kontakte zu Kostümbildnern von Theatern. Ansonsten hat sich Frau Houska wenig Gedanken über mögliche andere Kundengruppen gemacht. Sie habe munter drauflosgearbeitet, erzählt sie. Dann sei sie aber sehr schnell darauf gestoßen, dass in vielen Trachten Plissees eine grundlegende Rolle spielen und auch Lampenhersteller eine weitere tragende Säule ihres Kundenstamms darstellen.

 

Geschäfte auf dem Postweg

Wie schaffte sie es, im Geschäft zu reüssieren? „Ich versuche alles, um schnell und termingerecht zu liefern", sagt Renate Houska, während sie ein fertiges Plissee aus dem Ofen holt. 30 Minuten werden die Stoffe dort mit knapp 100 Grad unter Dampf gebacken. Etwa drei Stunden dauert danach das Trocknen. Muss es schnell gehen, kommt der Föhn zum Einsatz. Dringlich war es beispielsweise, als vor zwei Jahren das Staatsopernballett anrief und eine von Stardesigner Valentino entworfene Kollektion vorbeibrachte. Bei der Anfertigung der Plissees in einer anderen Werkstatt war etwas schiefgegangen – da kam Houska ins Spiel und stellte die Kostüme in nächtelanger Arbeit fertig. Einsatz, der sich auszahlt. Immer wieder kommen auch aus dem Ausland Anfragen von Kostümbildnern. „Die meisten Kunden lern’ ich gar nicht persönlich kennen", erzählt die Plissiererin. Meist kommen die Stoffe mit der Post und werden ebenso als Paket wieder zurückgeschickt. Manchmal quer durch Europa, da zufriedene Kunden immer wieder auch aus der Ferne auf ihre Dienste zurückgreifen.

 

Mut zur Innovation

Um die Kundschaft bei der Stange zu halten, zählt freilich auch in diesem Handwerk, das im antiken Ägypten seine ersten Spuren hinterließ und aus dem Französischen übersetzt so viel wie „Falten" heißt, eine gewisse Innovationskraft zu den geschäftlichen Grundtugenden. „Ich brauche Ziele. Finde es lustig, wenn ich meinen Kunden etwas Neues bieten kann", meint sie lächelnd. Zu grinsen beginnt Frau Houska, wenn sie auf ihr großes Vorbild zu sprechen kommt. Der 1949 in Venedig gestorbene spanische Modeschöpfer Mariano Fortuny gilt als Doyen der Plisseekunst und gibt auch mehr als 60 Jahre nach seinem Tod noch handwerkliche Rätsel auf. Seine unregelmäßig plissierten Kollektionen erzeugen heute auf dem Kunstmarkt Rekordergebnisse – auch deshalb, weil die genaue Methodik Fortunys nicht überliefert wurde. Die Nachkommen ließen Schablonen, Skizzen und Pläne des alten Meisters im Müll landen und sorgten damit indirekt für seine heutige Mystifizierung und für den Antrieb vieler Nachahmer, wie Renate Houska eine ist. „Hierbei muss ich noch viel üben", sagt sie, während sie einen Kleiderstoff herzeigt, dessen Falttechnik so komplex ist, dass sie ansatzweise an fernöstliche Origami-Kunst erinnert. Aber daran liegt auch die Leidenschaft, die sie in ihrem Handwerk immer wieder findet: Renate Houska will herausfinden, wie weit sie gehen kann.

 

Trend zu Plissee

Vielleicht bekommt sie bald auch in der zeitgenössischen Designermode eine Spielfläche, um ihre Handwerkskunst auszuleben. Ein Blick in die aktuellen Modemagazine zeigt jedenfalls, dass die Haute Couture das Plissee gerade wiederentdeckt. Vermutlich wird man bereits im kommenden Herbst Plissees auch vermehrt in den heimischen Boutiquen finden, meint Renate Houska. Was allemal gut für ihre Auftragsbücher sein wird, und für jene der Handvoll anderen Plisseeanstalten, die es heute in Österreich noch gibt. Doch Trends sind oft so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind, weiß sie. Dass ihr Handwerk wieder einmal den Sprung aus der Nische schafft, glaubt die Plissiererin übrigens nicht. Was Renate Houska aber weiter nichts ausmacht, denn sie fühlt sich in der Falte ihrer Branche sichtlich wohl.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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