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Die Digitale Renaissance

04.12.2017

Der deutsche Historiker Bernd Roeck beschreibt die Renaissance nicht als die Zwischenperiode, die das Ende des Mittelalters von der der beginnenden Neuzeit trennt sondern als weit in die Moderne hineinreichende Epoche, in der sich der Mensch von der Übermacht der Natur emanzipierte und zu deren Herr und Meister machte. Könnte es bald eine „Digitale Renaissance“ geben?

Die „Digitalisierung“ beziehungsweise „Digitale Transformation“ ist es, die derzeit eine neue Epoche einläuten könnte. Parallelen zur Definition von Roeck lassen sich schnell finden, wenn man anstelle der „übermächtigen Natur“ die aktuelle Technologie einsetzt. Zwar ist diese (noch) nicht übermächtig, aber gemessen an der Masse sind tatsächlich nur wenige in der Lage, die jüngsten technischen Errungenschaften zu nutzen beziehungsweise diese zu „beherrschen“.

Ist ein Emanzipieren von der Technik überhaupt noch vorstellbar? Und wir sprechen dabei noch nicht über die mögliche Gefahr, dass eine künstliche Intelligenz unserer menschlichen Existenz übermächtig wird. Es gibt übrigens auch schon Versuche, eine künstliche Intelligenz mit dem menschlichen Gehirn direkt zu vernetzen.

Die Kernfrage zur Technologie, die man sich meiner Ansicht nach stellen sollte, lautet: Kann die Menschheit mithilfe neuester Technologien langfristig ein höheres Gemeinwohl erlangen oder erhalten? Die Frage ist insofern auch eine politische. Welche Technologie macht man der breiten Masse zugänglich? Und welche ist nur einem kleinen Entscheidungsträgerkreis vorbehalten?

Nicht wenige Menschen fühlen sich heute schon durch moderne digitale Systeme überfahren, zum Teil sogar entmündigt. Auch spielen hierbei immer mehr Regularien eine Rolle, beispielsweise lässt sich seitens der Hersteller mit der Betonung auf „Sicherheit“ gut lobbyieren, damit gewisse Standards geschaffen werden, egal ob beim PC oder beim Fahrzeug. Und wie überall führt auch Kostendruck zur verstärkten Technologieabhängigkeit eines jeden einzelnen. Online-Plattformen sind weltweit die größten Umsatzbringer. Und beim Kundenservice vertraut man immer mehr auf Automaten, nicht nur in der Bank, beim Check-In oder der Post, auch im Lebensmittelhandel.

Mit der vierten industriellen Revolution sind die Automatisierung und vor allem die Vernetzung technologisch auf einer Ebene angelangt, sodass nun immer mehr Produkte individualisiert erzeugt werden können. Jedoch nicht so individuell, dass man etwa auf den Gurt im Auto verzichten könnte oder auf die Webtechnologie am Smartphone.

Herrscht nicht bereits eine gewisse „Übermacht“ der Technologie vor, von der man sich vielleicht etwas emanzipieren müsste? Diese Anregung sollte keinesfalls als Plädoyer zur Technologiefeindlichkeit verstanden werden! Jede Technologieentwicklung, wenn diese auf dem Markt angenommen wird, ist als höchst positiv anzusehen, denn sie stiftet irgendwo Nutzen.

Es geht aber darum, zu hinterfragen, ob sich der Einzelne noch offen dagegen aussprechen kann, diesen Technologiefortschritt zu nutzen oder eben nicht! Denn aller Technologieverherrlichung zum Trotz muss uns bewusst sein, worauf wir uns einlassen. Manche Auswirkungen auf den Menschen sind noch gar nicht erforscht – vor allem langfristige. Was wird etwa eine moderne Sprachsteuerung mit uns Menschen anstellen? Wie verändert sich das Denken, wenn wir es bereits Kleinkindern erlauben, statt per Hand nur mehr mit dem PC oder der Smartphone-Tastatur zu schreiben oder vielleicht bald gar nicht mehr (siehe Amazon Alexa)? Wird sich die gesprochene Sprache verändern? Man sollte darauf Acht geben, dass die Technologieentwicklung die menschliche und kulturelle Entwicklung nicht überfordert.

Autor/in:
Ing. Johannes Tomsich
Original erschienen am 04.12.2017: Die Wirtschaft.
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