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Die Dekadenz-Gesellschaft muss enden

02.05.2021

Dass wir die Welt nicht erklären können, soll uns nicht von der Suche nach Antworten abhalten, meint der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset. Welche Gefahren Halbwissen birgt, warum wir gerade besonders stark unter Zukunftslosigkeit leiden und wie wir die Welt in Balance bringen könnten – ein Gespräch über ein System an der Kippe.

BUCH-TIPP: Anders Indset: Das infizierte Denken

Warum wir uns von alten Selbstverständlichkeiten verabschieden müssen

Sie waren als Unternehmer tätig und suchen heute als Autor und Speaker nach philosophischen Antworten auf wirtschaftliche Fragestellungen. Wie sind Sie zur Philosophie gekommen? Ich habe Philosophie nicht studiert, ich wollte mir vielmehr eine Meinung bilden. Ich wollte Sachverhalte validieren und die Kunst, unrecht zu behalten, perfektionieren. Ich habe mehrere Unternehmen aufgebaut und in Technologie- Start-ups investiert. Viele Jahre habe ich mich als Hardcore- Kapitalist bezeichnet. In dieser Phase habe ich von der Außenwelt gelebt und Erfolg mit Geld gleichgesetzt. Das war eine sehr anstrengende Zeit. Nebenbei habe ich mich aber intensiv mit Philosophie beschäftigt und die Klassiker gelesen.

Wie hat sich die Beschäftigung auf Ihre unternehmerische Tätigkeit ausgewirkt? Ich habe immer stärker bemerkt, dass ich so nicht weitermachen möchte, und irgendwann meine Firmenanteile verkauft. Ich habe damit begonnen zu schreiben, Vorträge zu halten und bin immer tiefer in die Philosophie eingetaucht. So habe ich auch die deutsche Sprache gelernt, denn ich wollte die Werke im Original lesen. Das schafft ein anderes Verständnis. So kamen bei mir Wirtschaft und Philosophie zusammen. Ganz ohne Businessplan.

Welche Bedeutung haben die klassischen Denkmodelle der Philosophie für Probleme des 21. Jahrhunderts? Ich schätze die akademische Philosophie sehr, aber Nietzsche, Kant, Hegel oder Spinoza hatten allesamt eine Anschauung, die auf dem klassischen Verständnis der alten Physik beruht. Sie waren in ihren Selbstverständlichkeiten gefangen. Die Essenz ihres Denkens muss also im Kontext des 21. Jahrhundert völlig neu interpretiert werden. Heute Marxismus anzustreben wäre falsch. Wenn man das Denken hinter der Idee versteht, kann man den grundlegenden Ansatz aber vielleicht neu modellieren. Dabei muss man sich aber immer vor Augen halten, dass die Welt eine völlig andere war, als diese Denkmodelle entwickelt wurden. Ich nehme gerne verschiedene Modelle und bringe sie in Einklang mit der Welt heute.

„Wir müssen runter vom Konsum und höhere Steuern bezahlen.“

Wie gut lassen sich Wirtschaft und Philosophie in Einklang bringen? Ich glaube, dass die beiden Disziplinen viel zu lange voneinander getrennt waren. Heute sind sie enger miteinander verbunden. Die Wirtschaft ist holistischer geworden. Sie umfasst den Menschen in seiner Gesamtheit und befasst sich damit, wie wir Veränderung gestalten können. Was kann ich wissen, was muss ich tun, was kann ich hoffen? Wir sind bei genau diesen elementaren Grundfragen der Philosophie angekommen. Die Wirtschaft ist das Betriebssystem unseres Lebens geworden, aber immer öfter scheint es nicht zu funktionieren. Wir erleben gerade einen tiefgreifenden Wandel, weil wir uns von endlichen Systemen lösen.

Inwiefern? Wir haben in vielen Bereichen mit Endlichkeit gearbeitet. Wir haben Ausbildungen gemacht, an deren Ende ein Abschluss stand. Heute lernen wir ein Leben lang. Wir hatten hierarchische Systeme, an deren Ende eine Führungskraft stand, und heute arbeiten wir kooperativ. Wir haben die Wirtschaft als ein System von Gewinnern und Verlierern betrachtet. Dieses alte System trifft nun auf eine Welt der Unendlichkeit, auf eine Welt der Metaphysik. Genau an dieser Stelle lassen sich Wirtschaft und Philosophie sehr gut verbinden.

Mit welchem Ziel? Wirtschaft kann jetzt die Grundlagen für Sinnstiftung schaffen. Die größte Herausforderung liegt heute darin, den Menschen zu aktivieren. Die Sinngebung als Bestandteil der Wirtschaft ist eng mit philosophischen Fragen verbunden. Wir befinden uns auf dem Weg zu einem atheistischen, gläubigen, post-westlichen, buddhistischen Kapitalismus. Wir brauchen etwas, woran wir glauben können, wenn alles permanent maximiert wird und wir immer funktionieren müssen. Wir wenden uns jetzt einer dynamischen Balance zu. Sie pendelt zwischen einer buddhistisch-spirituellen Weltanschauung und dem Streben nach Luxus. Besonders gut kann man diese Ausprägung bei jungen Menschen erkennen.

Philosophie ist die „Liebe zur Weisheit“. Auf die ganz großen Fragen der Menschheit gibt es leider auch nach Jahrhunderten der Suche keine Antworten. Was spricht dafür, sich dem Denken ohne Ergebnis hinzugeben? Die Welt ist geprägt von permanentem Wandel. Damit muss man sich auseinandersetzen. Es geht, davon abgesehen, vor allem um den Weg. Dass wir die Welt nicht erklären können, soll uns nicht von der Suche nach Antworten abhalten. Denn: Würden wir ein Endergebnis erreichen, würde auch die Essenz verloren gehen. Es geht also darum, neue Dimensionen und Ebenen des Bewusstseins zu entdecken. Die Liebe zur Weisheit gipfelt im geistig aktivierten Menschen, der bewusst nach Fortschritt strebt und die Kunst, unrecht zu haben, perfektioniert. Leider kommt dieser Weg bei der Masse der Menschen zu kurz. Wir sind zu Reaktionswesen geworden, gefangen in unserer eigenen Freiheit. Anstatt aktiv zu gestalten, sind wir zu philosophischen Zombies geworden, die der Technologie unterliegen und es nicht einmal bemerken.

Technologie schafft allerdings auch Zugänge zu Wissen, Kommunikation und Vernetzung. Warum glauben Sie, dass uns Technik das Hirn ausschalten lässt? Ich liebe Technologie. Ganz besonders die Blockchain, und ich bin auch in ein Quantentechnologie-Unternehmen in der Schweiz investiert. Es geht uns enorm gut durch Technologie. Aber auch hier ist es nicht ein Entweder-oder. Technologie ist nicht böse oder gut. Sie bietet Möglichkeiten. Sie rettet uns vielleicht sogar vor dem Klimakollaps. Auf der anderen Seite steht die unbewusste Nutzung von Technologie. Dort sehe ich eine Gefahr. Wir sind Prosumenten in einer voll technologisierten Ökonomie geworden. Wir leben in einer „Like-me-Gesellschaft“. Diese technologiegetriebene Optimierung führt dazu, dass sich Menschen in dreifacher Geschwindigkeit Podcasts anhören, während sie einen Yoga-Kurs machen. Wir sind aber durch den Faktor Zeit limitiert. Wir können uns in den 24 Stunden, die uns zur Verfügung stehen, nur bedingt optimieren. Die Technologie kann sich allerdings rund um die Uhr weiterentwickeln. Wir erhoffen uns von der Entwicklung eine liberale Wissensgesellschaft, übersehen aber, dass es sich lediglich um Information handelt.

Wie könnten wir gegensteuern? Ich sehe die Herausforderung darin, genug Zeit, Brainpower und Kontemplation in das Verständnis von dem, was wir entwickeln, einzukalkulieren. Uns muss bewusst sein, dass wir nicht genau wissen, was Empfehlungsalgorithmen genau machen. Wenn wir die Autorität abgeben, wäre das fatal.

Davon sind wir doch aber weit entfernt. Wenn man bedenkt, wie schlecht alleine die Algorithmen funktionieren, die uns Produkte empfehlen, muss man sich aktuell nicht vor allmächtigen Maschinen fürchten. Nein, von einem Terminator- Szenario sind wir tatsächlich weit entfernt. Ich spreche von subtileren Gefahren. Wenn jemand in Russland oder China lebt, weiß er, dass er in einem Land mit Propaganda lebt. In unserer westlichen Welt mit ihren Empfehlungsalgorithmen wird man dagegen verleitet, mehr und mehr Inhalte zu konsumieren. Man wird nicht gezwungen, man wird durch den Ausstoß von Dopamin im Gehirn gezogen. Die Inhalte sind auf unsere neurologischen Bedürfnisse optimiert. Das Problem liegt heute also nicht darin, dass uns ein Algorithmus sagt, was wir lesen sollen, sondern dass viele Menschen überhaupt kein Buch mehr lesen. Es herrscht unglaublich viel Halbwissen. Diese Halbbildung ist empfänglich für Verschwörungstheorien. Niemand weiß mehr etwas wirklich genau. Man liest nur mehr Headlines und auch das nur nebenbei. Die Empfehlungsalgorithmen erzeugen Gleichheit und sorgen für die Spaltung der Gesellschaft. Am liebsten ist man gegen etwas, denn wenn man für etwas ist, könnte man falsch liegen. Dabei spielt Technologie eine Rolle. Ich spreche also von der Konsequenz von leistungsstarken Systemen, die wir nicht verstehen.

Was ist es, das wir nicht verstehen? Es gibt zum Beispiel einen Schachcomputer namens Alpha Zero, der auf KI basiert. Alpha Zero hat sich das Spiel selbst beigebracht und gegen den Weltmeister Magnus Carlsen gespielt. Dabei hat er einen Schachzug mit sehr hohem Risiko gemacht. Einen Zug, den die besten, leistungsstarken Supercomputer als Fehler erkennen. Doch über 14 Züge hatte er einen Vorteil. Magnus Carlsen hat dadurch einen neuen Schachzug gelernt, der zum Sieg führt. Das Problem ist, dass die Technologie etwas spielt, was der Mensch nicht versteht. Es ist nicht logisch, führt aber zu gutem Ergebnis. Die Ingenieure verstehen nicht, was im Algorithmus passiert. Wenn nun darüber nachgedacht wird, an das menschliche Gehirn anzudocken und uns mit KI aufzurüsten, ist das keine gute Idee. Wir kennen die Konsequenzen nicht. Wir verlagern auch gerade enorme Vermögen in Crypto-Assets, die von KI gesteuert werden. Wenn wir die Entscheidungsfindung für etwas Wichtiges abgeben, müssen wir das sehr bewusst tun und uns der möglichen Konsequenzen bewusst sein.

Oft kristallisiert sich am Ende anstatt extremer Prognosen ein Mittelweg heraus. Ist das nicht auch hier denkbar? Wir sind von der Dystopie so weit weg wie von der Utopie. Wir erleben gerade gleichzeitig sehr unterschiedliche Dinge. Wir haben viele Menschen aus der Armut geholt. Gleichzeitig stehen wir an einem Punkt, an dem das Klima zu kollabieren droht. Wir pendeln auch historisch betrachtet immer von einem Extrem zum anderen, von einer sehr konservativen Haltung zu einer liberalen. Deswegen ist ein Mittelweg nicht wirklich in der Mitte. Man muss ja immer den Ausgangspunkt betrachten. In einer Katastrophe ist das Heute besser als das Gestern, aber nicht besonders nahe an positiver Utopie. Dystopie verkauft sich natürlich gut. Doch daran glaube ich nicht, allerdings auch nicht an ein Szenario der Mitte.

Was bleibt dann über? Hier ein bisschen Paradies, dort die Hölle auf Erden? Wir sehen schon jetzt eine perverse Entkoppelung der Elite von der unfassbaren Armut. Es verhungern jeden Tag Millionen Menschen. In Afrika leben 1,4 Milliarden Menschen, Ende des Jahrhunderts werden es vier Milliarden sein. Auf einem Kontinent, der immer wärmer wird. Das ist eine dystopische Aussicht! Die Menschen werden in den Norden kommen. Die Lösung: Wir müssen runter vom Konsum und höhere Steuern bezahlen. Nur: Wer das vorschlägt, wird null Stimmen bekommen. Aber das ist trotzdem die einzige Lösung. Die Dekadenz-Gesellschaft muss enden. Dafür retten wir die Menschen vor der absoluten Armut. Die Welt käme dadurch in Balance. Ich möchte also sagen: Die Wahrheit wird nicht in der Mitte liegen, wir werden unterschiedliche Szenarien parallel erleben. Es wird das eine und das andere geben.

Wie kann Wirtschaft in Zukunft funktionieren? Unternehmertum sollte enkelfähig sein. Man muss verstehen, wie die Welt in zwei Generationen aussieht. Die Unternehmen werden eine perfekte Kreislaufwirtschaft brauchen, sonst bekommen sie keine jungen Talente. Man muss begreifen, dass Ökonomie und Ökologie sich beflügeln können. Dann findet man auch Wege. Man muss sich auch für Technologie interessieren. Konkret für Österreich denke ich, das der Tourismus große Chancen hat, wenn er auf die Nähe zur Natur setzt. Aber auch Biotechnologie und Pharma haben enorme Wachstumschancen. Sehr wichtig werden auch neue Bildungsformen werden. Auch das Thema Bio wird uns noch lange begleiten. Ich bin davon überzeugt, dass der Verzehr von Fleisch und Fisch schon bald genauso angesehen wird wie Rauchen.

Welches Mindset, welche Philosophie rückt bei Führungskräften in den Vordergrund? Sie müssen innere Balance erlangen. Sich im Außen zu definieren, funktioniert nicht mehr. Immer mehr meditieren, machen Yoga und achten auf die Ernährung. Natürlich ist das oft nur eine Pseudoselbstfindungsphase. Doch der dritte Lockdown macht etwas mit den Menschen. Die Müdigkeit und die Depression steigen stark, weil man keine Bindung zu sich hat. Keiner hat mehr Angst vor Corona. Aber man fürchtet die Zukunftslosigkeit, weil wir keinen Bezug haben zu dem, was uns wichtig ist. Es geht nur um Optimierung und um Gefälligkeit. Das ist sehr anstrengend. Wir sind lebendig, aber nicht lebend, wir sind untot. Das liegt an der mangelnden Bindung zur Natur, zur Realität, zur Normalität, zu uns selbst. Noch nie haben so viele Menschen sich die Sonnenuntergänge angesehen wie 2020. Das ist es, was ich damit meine. Es geht nicht um die ganz große Reise. Es geht um mehr Balance.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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