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Peter Baumgartner

Die Chance ist so groß wie der Optimismus

15.04.2020

Was können sich Führungskräfte vom Arktispionier Ernest Shackleton für die aktuelle Krise abschauen? Sie müssen vor allem immer ein Vorbild sein, meint der Unternehmensberater Peter Baumgartner. Ein Gespräch über Krisen und ihre Bewältigung.

Shackleton führte sein Team zwar nicht ganz an den Südpol, aber aus dem sicheren Tod im Packeis zurück in die Zivilisation. Mit welchen Eigenschaften hat er das geschafft?

Shackleton war seiner Zeit weit voraus. Damals war eine extrem hierarchische, militärische Führung gängig, die keinen Widerspruch duldete. Der Führungsansatz von Shackleton war völlig anders. Er wollte seine Leute nicht klein machen, sondern groß und das Beste aus ihnen herausholen. Es ging ihm darum, ein gemeinsames Ganzes zu schaffen. So umgab er sich auch konsequent mit Männern, die etwas besser konnten als er selbst. Er nahm damit vor 100 Jahren vorweg, was Steve Jobs als Erfolgsrezept gelebt hat, der sagte: „Es macht keinen Sinn, kluge Leute einzustellen und ihnen zu sagen, was zu tun ist. Wir stellen kluge Leute ein, damit sie uns sagen können, was zu tun ist.“ 

Trotzdem hat er seine Ziele nie erreicht. Warum nicht?

Zumindest nicht alle. Er war nicht der Erste, der den Südpol erreicht hat. Aber er stand im Januar 1909 als Weltmarktführer in Eis, Schnee und Entlegenheit nur 97 Meilen vor dem Südpol. Und dass er sich um seine Leute stets kümmerte, ist ein wesentlicher Aspekt seiner Art zu führen. Er ist wenige Meilen vor dem Ziel umgekehrt, eben weil er alle zurückbringen wollte. Er ging ans Limit, hat aber den letzten Schritt aus Vernunft nicht mehr gemacht. Zu wissen, wann man den Rückzug antreten muss, ist wichtig. So hat er bei vier Expeditionen hunderte Männer ins Eis und in extremste Bedingungen geführt und sie alle zurückgebracht.

Welche Eigenschaften und Ansätze waren dafür noch entscheidend?

Er hat seine Männer permanent motiviert und zwar durch seine Vorbildwirkung. Er ertrug alle Herausforderungen wie seine Mannschaft, er war sich für nichts zu schade. Er aß gleich wenig wie sein Team und gab zum Beispiel seine Handschuhe an einen Mann mit Erfrierungen weiter. Kurz: Er war selbstlos und ein Vorbild.

Wie hat er es geschafft, dass ihm in so einer extremen Situation niemand die Gefolgschaft verweigert?

Er hat immer rasch und entschieden gehandelt und so Zweifel erst gar nicht aufkommen lassen. Er hat Schnelligkeit durch Vertrauen gewonnen. Es gibt nichts Wirksameres in der Führung als Vertrauen. Er hat sich konsequent mit loyalen Menschen umgeben, die seine Entscheidungen mitgetragen haben. Auf diese Art erreicht man Schnelligkeit im Team. Und Shackleton hat erkannt, wie wichtig es ist, dem gesamten Unterfangen Sinn zu verleihen.

Was kann man von seinen Ansätzen auf die aktuelle Situation übertragen?

Dass es zu spät ist, wenn man sich erst jetzt um sein Team und um Maßnahmen im Krisenfall kümmert. Eine gute Führungskraft trägt das Krisenwissen bereits vor Ausbruch einer Krise mit sich herum. Das Bundesheer hat etwa schon vor vielen Jahren seine Ressourcen runtergefahren. Jetzt lässt sich das nicht so schnell hochfahren. Das gilt auch für das Gesundheitssystem. Eine gute Führungsperson sorgt sich also rechtzeitig um ihre Mitarbeiter, Ressourcen und Kompetenzen, die man abrufen kann, wenn es so weit ist. Jetzt heißt es natürlich, die nächsten Entwicklungen zu analysieren und gut vorauszuplanen. Dabei gilt: Die Chance ist so groß wie der Optimismus. Das größte Risiko wäre jetzt eine Unternehmensphilosophie, die sich nicht um das Risikomanagement kümmert.

In so einer Ausnahmesituation ist es schwierig, alles richtig zu machen. Wie ist Shackleton mit Fehlentscheidungen umgegangen?

Wenn man Fehler macht, muss man dazu stehen. Wenn man hinfällt, schaut man sich den Stolperer an. Selbstkritisch zu sein, gehört bei einer Führungskraft dazu. Es geht aber nicht um permanente Selbstkritik. Das hilft niemandem. Aber wenn man Fehler gemacht hat, muss man dazu offen kommunizieren. Und die Augenhöhe ist dabei extrem wichtig. Führungsqualität ist kein Zufall. Sie hat viel mit dem Mindset zu tun. Die Unternehmen, die diese Krise jetzt besser meistern können, haben den Wandel bereits vorher umarmt. Sie werden nicht so stark von den Entwicklungen überrollt. 

Viele Unternehmen dürfen ihren Betrieb jetzt nicht weiterführen. Haben Sie einen Tipp, um einen kühlen Kopf zu bewahren?

Führungskräfte sind ein Vorbild, immer. Sie müssen ihre negativen Gefühle kontrollieren. Die dürfen nicht ans Team weitergegeben werden. Es hilft, sich mit einigen Vertrauten zu umgeben, mit denen man sich austauschen kann. Ich würde auch bewusst für Psychohygiene sorgen und nicht nur den ganzen Tag die Nachrichten verfolgen. Man muss das Wesentliche im Auge behalten. Natürlich ist es schlimm, wenn sich die Paletten stapeln, aber wichtiger ist, dass alle gesund bleiben. 

Zum Beitrag über Sir Ernest Shackleton

Zur Person:

Peter Baumgartner ist emotionaler Vortragsredner, Unternehmensberater, Coach, Autor und Hochschuldozent. Als Wirtschaftsingenieur und Diplom-Pädagoge vereint er zwei Welten. Seit seinen Studien in Österreich, Deutschland und England ist er international als Berater tätig. 

Buchtipp:

Peter Baumgartner verlost jeweils fünf Exemplare folgender Bücher:
● Geniale Grenzgänge: Limits in der Wirtschaft und am Ende der Welt
● Manager müssen Mut machen: Mythos Shackleton 
● Leadership leben: Charakter und Charisma entscheiden

Schicken Sie einfach eine Mail mit dem Titel des Buches, das Sie gewinnen möchten, als Betreff an 
info@peterbaumgartner.at

 

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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