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Die Blaumacher

16.07.2014

Porträt: Im Mühlviertel steht eine der letzten Blaudruckereien Mitteleuropas. Ein Besuch dort beweist: Mit alter Handwerkskunst kann man junge Kundschaft ansprechen.

In dem „Küpe“ genannten Bottich werden die Leinen zum Färben versenkt. Bis zu zehn Stunden kann ein Färbevorgang dauern.

Text: Daniel Nutz

Die Tür zur Werkstatt ist angelehnt. Der kleine Spalt gewehrt den ersten Blick in die Blaudruckerei Wagner. Wir treten ein. Karl und seine Frau Maria lassen sich aber nicht von der Arbeit abhalten. Am meisten erfahre man von seinem Handwerk, wenn man ihm einfach über die Schulter schaue, sagt Karl Wagner. Das tun wir. In Wagners Hand liegt ein hölzerner Model. Mit dieser Schablone stempelt er die vor ihm liegenden Leinen. Neben ihm steht seine Frau Maria. Sie rührt in einer geheimnisvollen Masse. Es ist der Papp – eine farbabweisende Substanz. Woraus wird der Papp gemacht? Frau Wagner schmunzelt: „Das sagen wir nicht. Es ist eine alte Familienrezeptur.“  

Eine Zeitreise
Seit 1878 betreibt die Familie Wagner in der beschaulichen Marktgemeinde Bad Leonfelden im Mühlviertel den Blaudruck. Zur Hochzeit vor rund hundert Jahren gab es in dem kleinen Ort noch drei Betriebe. In der Umgebung waren es ganze 17. Die Industrialisierung ließ aber bald so gut wie alle verschwinden. Heute gibt es in ganz Österreich nur mehr die Wagners sowie eine Druckerei im Burgenland, die das alte Handwerk praktizieren. „Uns geht es auch darum, die Familientradition fortzuführen“, sagt Karl Wagner. Die Arbeit des Ehepaars wirkt anachronistisch. Die wenigen elektrischen Maschinen – eine Presse und eine Stoffwaschmaschine – scheinen aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen. „Die Elektronik  kann man wenigstens noch selbst reparieren.“ Aber nicht nur durch den Anblick der nostalgisch anmutenden Apparate fühlt man sich in eine andere Epoche versetzt. Es ist auch die Art, wie man hier arbeitet. „Im Grunde sind unsere Methoden dieselben, die mein Urgroßvater vor 150 angewandt hat“, sagt Karl Wagner, während er im großen Färbebottich rührt. Hier werden die Leinen blau gefärbt. Daher stammt auch der Name des Blaudrucks, der technisch gesehen natürlich falsch ist. Denn eigentlich wird blau gefärbt. Nur die mit dem farbabweisenden Papp gestalteten Muster bleiben hell und erzeugen den Eindruck, dass mit weißer Farbe auf blauem Stoff gedruckt wird. Karl Wagner blickt in den Bottich vor ihm. Erst beim Rühren schimmert das berühmte Indigoblau aus der dunklen Masse. „Die Farbe wird nie getauscht, sondern immer aufgefüllt. Irgendwo werden wohl noch ein paar Tropfen sein, die mein Urgroßvater eingefüllt
hat“, sagt er.

Wie alle seine Nachkommen hieß auch der Gründer und Urgroßvater des aktuellen Blaudruckereibesitzers Karl. Hinter der heutigen tschechischen Grenze geboren und bei Pflegeeltern aufgewachsen, begab sich dieser als 22-Jähriger – wie damals üblich – auf Wanderschaft. „Ich zog hinaus in die Welt, um Wissenschaft und Kenntnisse zu sammeln“, schrieb er 1869. Er kam nicht zuletzt mit dem Wissen über die Kunst des Blaudrucks und vielen Mustern zurück, die er auf seiner Reise durch halb Europa gesammelt hat. Diese Model sind noch heute ein Teil des Firmenkapitals der Wagners. Zwischen 150 und 200 Muster könne sie anbieten, schätzt Maria Wagner. Manche Model habe man eher zufällig beim Ausräumen des Dachbodens entdeckt. Jede dieser hölzernen Schablonen stellt für die Arbeit eine Herausforderung dar. „Es gilt zu erkennen, in welchen Kombinationen man sie einsetzen kann“, sagt Karl Wagner. Das Tüfteln gehört für ihn zum Schönsten an seiner Tätigkeit. Eines Tages kam der Wiener Stoffproduzent Backhausen, erinnert sich Karl Wagner, vorbei: „Er hatte 18 Model, die ein Muster ergeben sollten. Wir haben es schlussendlich geschafft, dieses zu rekonstruieren.“

Trachten, Tischwäsche und Haute Couture
Große Namen wie Backhausen zählen zu den Referenzkunden. Die Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner trug sogar auf dem K2 ein Tuch von Wagner. Auch mit der Haute Couture arbeitet man zusammen. In erster Linie produziert man aber Stoffe für Trachten sowie Tischwäsche. Zielgruppe sind vordergründig Privatkunden. Kein Wunder, Großaufträge würden schnell die Kapazitäten der Wagners sprengen. „Das schaffen wir einfach nicht“, sagt Maria. Daher versucht man sich auch in der Preisgestaltung dementsprechend aufzustellen. Es gibt keinen Mengenrabatt, weil die Arbeit für uns ja immer die gleiche ist“, erklärt Karl Wagner. Zwischen 64 und 85 Euro kostet der Laufmeter, je nachdem, ob einmal oder zweimal gefärbt wird. Etwa 2.000 Meter erzeugen die Wagners pro Jahr.

Manchmal nimmt man freilich auch größere Aufträge an. Vergangenes Jahr produzierte man für einen Großkunden auf einen Satz 300 Meter. „Damit waren wir einen Monat beschäftigt. Immer dasselbe Muster, das wird schnell langweilig“, sagt Karl Wagner. Spannender ist es, mit einzelnen Kunden das individuell beste Muster zu finden. „Die meisten sind überfordert mit der Vielfalt. Ich versuche immer herauszufinden, welches Muster zum jeweiligen Kundentyp passt“, erklärt Maria Wagner. Und der Ruf der Wagners hat sich schon herumgesprochen. Mittlerweile kommen wöchentlich sogar ein bis zwei Reisebusse vorbei. Das ist zwar gut fürs Geschäft, Karl Wagner will es aber auch nicht ausufern lassen: „Wir wollen kein reiner Schaubetrieb werden, dann kämen wir ja gar nicht mehr zum Produzieren.“
Eines ist klar: Die Nachfrage steigt. Dafür ist nicht nur der Trend zurück zur Tracht verantwortlich, der immer mehr Frauen jedes Alters Dirndln tragen lässt. Auch die Wertschätzung für das „ehrliche Handwerk“ habe sich gesteigert, sagt Maria Wagner: „Als wir 1996 begonnen haben, hat sich fast keiner für uns interessiert.“ Heute schwimmt man auf einer Welle. Kunden setzten zunehmend auf Wertarbeit, Regionales und Individuelles. „Wir stehen definitiv für das Gegenteil von Massenware“, sagt Karl Wagner. Ihm und seiner Frau ist es wichtig, das Handwerk zu erhalten. Mit der kleinen Szene an Blaudruckern in Mitteleuropa pflegt man mittlerweile engen Kontakt und Austausch. Die Zeit, in der wir uns nur als Konkurrenten sahen, ist vorbei, meint Karl Wagner. Auch auf Reisen halten die Wagners immer die Augen offen. Zuletzt konnten sie sogar in Nepal ein paar Model kaufen. Der Erwerb neuer Schablonen ist nämlich mittlerweile das größte Problem. Denn es gibt heute keine Formenstecher mehr, die diese herstellen. So hat sich Karl Wagner dazu entschlossen, das Handwerk des Formenstechens selbst zu erlernen.
Und wie steht es um die Nachfolge? Es wäre schon schade, wenn die vierte Generation der Wagner’schen Blaudrucker die letzte sein sollte, sagt der Firmenchef. Aber seinen Sohn will er zu nichts drängen. In einer Sache hat er und seine Frau Maria aber schon vorgesorgt: In weiser Voraussicht trägt auch er „Karl“ im Namen. Vielleicht tritt einmal Felix-Karl in die Fußstapfen seiner Vorfahren.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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