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Die aus der Armut kamen

05.09.2013

Die Gründung eines kleinen Unternehmens ist in Bosnien-Herzegowina oft die einzige Möglichkeit, sich aus der durch Krieg und Wirtschaftskrise entstandenen Armutsfalle zu befreien. Eine Reportage vom Balkan darüber, wie Mikrokredite den aufkeimenden ­Unternehmergeist sprießen lassen.

Admir Barcic (r.) startete gemeinsam mit seiner Frau Fadila (l.) vor acht Jahren seine Unternehmerkarriere. Um sich selbst aus dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Armut zu befreien.
Muhiba Zahirovic richtete mithilfe von Mikrokrediten ihren Friseursalon ein. Sie würde ihn gern erweitern, stößt dabei aber immer wieder an die Grenzen der starren Bürokratie.
Hanifa Sljivic zeigt stolz ihren über einen Mikrokredit finanzierten Traktor. Mittlerweile bemühen sich auch Banken um sie.

Text: Daniel Nutz

Am Rande einer engen, staubigen Straße, tief in der ostbosnischen Provinz Tuzla, steht Admir Barcic und winkt seine Besucher zu seiner kleinen Farm. Stolz zeigt er, was er hier in den vergangenen acht Jahren aufgebaut hat. Vier Gewächshäuser stehen heute auf den leicht hängenden Wiesen hinter dem Wohnhaus. Das dort gezogene Gemüse verkauft er am Markt in der nahen Großstadt Tuzla.

Wie läuft das Geschäft? Bei dieser Frage verzieht Barcic ein wenig das Gesicht. Soll heißen, es reicht gerade, um durchzukommen. Die Preise für Tomaten, Gurken oder Paprika waren auch schon einmal besser. Doch der Mittvierziger ist nicht unzufrieden. „Es ist besser, du tust irgendetwas, als du machst gar nichts", sagt er und bringt damit eines der Hauptprobleme seines noch jungen Staates auf den Punkt. Das Nichtstun – sprich die Arbeitslosigkeit – ist mit einer Quote von rund 40 Prozent (!) eines der größten Probleme des Landes. Da bleibt oft nur Resignation oder sein ökonomisches Schicksal wie Barcic in die eigenen Hände zu nehmen. Mut brauche man, aber dieser mache sich auch bezahlt, sagt der Farmer und blickt dabei stolz auf seine Gewächshäuser. Hierauf könne sein Sohn einmal aufbauen, lautet seine Hoffnung. Die Kinder sollen einmal einen leichteren Einstieg ins Berufsleben haben als er selbst.

 

Kleine Kredite, große Wirkung

Admir Barcics Unternehmergeschichte begann mit einem Kleinkredit in der Höhe von 1.500 Euro. Keine große Summe, doch für jemanden ohne Sicherheiten von einer normalen Bank nicht zu bekommen. Also wendete sich Barcic an eines der insgesamt 22 Mikrofinanzinstitute, die sich darauf spezialisieren, den Ärmsten der Gesellschaft mit der Bereitstellung von Krediten die Chance zu geben, ihr eigenes Geschäft zu gründen und so der Armut zu entkommen. Diese Mikrofinanzinstitute agieren als lokale Schnittstelle zwischen den internationalen Geldgebern – die sich aus Entwicklungsgeldern, Bankeinlagen sowie Firmen- und Privatinvestments zusammensetzen – und den lokalen Kreditnehmern. Etwa 350 Millionen Euro sind derzeit in Bosnien-Herzegowina in dieser Form veranlagt. Das Investment gibt nicht nur einen wichtigen Impuls in der Entwicklungshilfe, sondern bringt den Anlegern auch in unsicheren Börsenjahren stets eine sichere Rendite. Denn anders als manche Staaten oder börsennotierte Konzerne gelten die Mikrofinanznehmer als vorbildlicher Schuldner. Weit mehr als 95 Prozent der Kredite werden zurückgezahlt.

 

Schwieriges Umfeld für Unternehmer

Eine, die ihre Raten bisher immer fristgerecht zurückzahlte, ist Muhiba Zahirovic. Mit Stolz präsentiert sie ihren eigenen Friseursalon nahe einer Hauptstraße der Stadt Srebrenik. Friseurin wollte sie immer schon werden – und selbstständig sein auch, sagt die Frau mit braunem Haar im schwarzen Arbeitskittel selbstbewusst. 14 Kredite zu jeweils rund 1.500 Euro nahm sie bereits auf, um ihren Friseursalon zu kaufen, auszubauen und voll auszustatten. Das Geschäft läuft gut, auch wenn sie hier nur 2,50 Euro für einen Haarschnitt verlangen kann – in der Provinzhauptstadt Tuzla kostet ein Schnitt um die Hälfte mehr. Trotzdem will sie weiter expandieren. „Mein Traum ist ein großer Salon. Damit ich mehr Frisuren machen kann, wie sie die Schauspielstars im Fernsehen tragen", sagt sie lachend. Ihre Mundwinkel verziehen sich aber, als sie über die bürokratischen Hürden zu sprechen beginnt, die ihr dabei aber anscheinend in den Weg gelegt werden.

Bosnien-Herzegowina ist seit seiner Eigenständigkeit 1995 ein überbürokratisiertes Staatengebilde, in dem Korruption und Schwarzarbeit gleichermaßen blühen. Diese Rahmenbedingungen lassen Keime des Aufschwungs schnell verwelken. Besonders die kleinen Unternehmer leiden darunter. Viele Menschen, vor allem die gutgebildeten, wollen deshalb weg. Es stellt sich folglich auch die Frage, welchen Beitrag Mikrokredite überhaupt zur Armutsbekämpfung leisten
können?

 

Die Schatten der Mikrofinanzierung

Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, geht es von Srebrenik über Tuzla nach Sarajewo. Die Straße führt über Bergpässe und quer durch die dichten bosnischen Wälder, an deren Rändern hie und da noch Schilder vor Landminen warnen. In einem Prachtbau im Zentrum der mondänen Hauptstadt sitzt Almir Salihovic. Er ist Bürochef des Gouverneurs der Zentralbank und wirft seit Jahren einen Blick auf die Mikrokreditszene. Er erklärt, dass 290.000 Menschen derzeit nur durch Mikrokredite zu Bankservices kommen. Doch er spricht auch von den Schattenseiten der Branche, von einem Überschuldungsproblem im Land, zu dem auch das Platzen einer Mikrofinanzblase vor sechs Jahren beitrug.

Was war passiert? Nicht zuletzt die Vergabe des Friedensnobelpreises an den bangladeschischen Branchenpionier Muhammad Yunus im Jahr 2005 führte zu einem weltweiten Boom der Mikrofinanzierung. Immer mehr Geld wurde von weltweiten Anlegern zur Verfügung gestellt. Dies führte mancherorts aber zu einer laxen Kreditvergabe. Mit dem vorhandenen Investitionskapital wurden auch in Bosnien-Herzegowina von manchen Mikrofinanziers plötzlich nicht nur mehr Geschäfts-, sondern auch Konsumkredite vergeben. Was wiederum zu vermehrten Zahlungsausfällen führte. Bis vor kurzem gab es in seinem Land noch kein Schuldenregister. Sprich eine Person konnte sich gleich bei mehreren Instituten Kredite aufnehmen, erklärt der Zentralbanker. Gerade Mikrokredite, die mit etwa 20 Prozent verzinst werden und damit doppelt so hoch wie ein normaler Bankkredit, hätten die Überschuldung vorangetrieben. „Mit diesen Zinssätzen wird eine Rückzahlung oftmals schwierig", so der Beamte. Ziel der staatlichen Anstrengungen ist es demnach, dass mehr Menschen und vor allem Mikrounternehmer für Banken kreditwürdig werden.

 

Kein Allheilmittel

„Mikrokredite sind sicher kein Allheilmittel. Sie stellen aber eine wichtige Hilfe auf dem Weg zur vollen Kreditwürdigkeit dar", sagt auch Günter Lenhart. Der Wiener ist Vizevorsitzender der Österreich-Tochter des international tätigen Finanzierungsgenossenschaft Oikocredit. Seine Organisation verwaltet insgesamt rund 42 Millionen österreichisches Anlegerkapital und kapitalisiert damit auch bosnische Mikrofinanzunternehmen. Das Platzen der Mikrofinanzblase von 2007 hat seine Organisation wachgerüttelt. Zu viele unseriöse Mikrofinanzorganisationen hatten sich – nicht zuletzt aufgrund guter Kontakte zu Staat und Regierung – breitgemacht, um an dem Boom mitzunaschen. Die Wahl der lokalen Partner von Oikocredit erfolgt darum nach strengen Regeln und Standards.

 

Die „guten" und „bösen" Mikrofinanzierer

Eine von nur drei zertifizierten Organisationen, mit denen Oikocredit zusammenarbeitet, ist Mi Bospo. Bereits 1996 startet man direkt nach dem Krieg als erste Institution und legte den Fokus ganz klar auf Frauen, an die die überwältigende Mehrzahl der Kredite geht. „Einige unseriöse Mikrokreditorganisationen haben leider der ganzen Szene einen Imageschaden beschert", sagt Geschäftsführerin Nejra Nalic. Die umtriebige Geschäftsfrau legt eine Kalkulation eines Geschäftsfalls ihrer Non-Profit-Organisation auf den Tisch: 22 Prozent Verzinsung pro Jahr, 17 Prozent davon gehen für „operation costs", also Verwaltung und Beratung, drauf. Klingt nach viel, an der Kostenschraube ist angesichts der niedrigen Entlehnsummen und dem damit verbundenen hohen Personalaufwand aber kaum zu drehen. Gerade die Beratung sei essenziell, erklärt die Mi-Bospo-Geschäftsführerin. Anders als beim klassischen Bankkredit bekommen die Klienten bei der Mikrofinanzierung nämlich auch handwerkliche und unternehmerische Beratung bereitgestellt. Für die im Vergleich zu den Banken höheren Zinsen wird also auch mehr individuelle Beratung geboten. Und genau diese brauchen viele Unternehmensgründer, da es oftmals an grundlegender kaufmännischer Vorbildung fehlt.

 

Eine Frau mit Geschäftssinn

Dass man Bildungsdefizite mit einer Portion gesundem Menschenverstand aber schnell wettmachen kann, zeigt Hanifa Sljivic. „Während mein damals arbeitsloser Mann um das hart Ersparte Tabak kaufte, investierte ich in meine erste Milchkuh", erzählt die selbstbewusst auftretende Frau mit blond gefärbtem Haar und sichtlich starken Oberarmen. Das war der Anfang ihrer Unternehmerlaufbahn. Dass die Bank sie abblitzen ließ, spornte die resolute 50-Jährige noch mehr an. So landete sie bei Mi Bospo. „Ich bekomme von niemandem Geld geschenkt, sondern habe alles selbst in der Hand", sagt die Bäuerin, nach ihrem unternehmerischen Antrieb gefragt. 1.000 Euro, gut das Doppelte eines bosnischen Durchschnittsverdiensts, nimmt sie im Monat ein. Einiges geht für die Kreditraten drauf. Vom Rest lässt sich aber zu viert – neben ihrem Ehemann arbeiten auch Sohn und Schwiegertochter tatkräftig mit – ganz gut leben. Zumal man fast alles selbst herstellt, das man zum Leben braucht: vom Hühnerfleisch über sämtliche Milchprodukte bis zu Obst und Gemüse. Sogar Tabak pflanzt sie neuerdings an, damit ihr Mann auch etwas vom Geschäftserfolg habe, wie Hanifa grinsend erklärt.

So viel Geschäftssinn hat neuerdings auch klassische Banken, die sie einst abgelehnt haben und jetzt anscheinend als Kundin wollen, auf den Plan gerufen. Unlängst habe man ihr telefonisch einen Kredit angeboten, erzählt Sljivic. Sie habe vorerst abgelehnt, erzählt sie weiter, weil ihr die persönliche Betreuung von Mikrofinanzorganisationen wichtig sei. Elf Mikrokredite hat sie schon zurückgezahlt, erklärt die Selfmade-Bäuerin. Um den zwölften hat sie sich unlängst einen roten Traktor gekauft, um den Ertrag ihres Hofes nochmals zu steigern. Vermutlich wird sie dennoch bald Bankkundin sein, dazu werden ihr auch die Berater von Mi Bospo raten, auf deren Hilfe sie bald nicht mehr angewiesen sein wird.

In ihrem kleinen Dorf Zivinice hat Hanifa Sljivics Wandlung zur Geschäftsfrau Bewunderer hervorgebracht, aber auch einige Neider auf den Plan gerufen. Die Betroffene nimmt es mit Humor. Nach dem Motto: Wenn man im Gespräch ist, muss man etwas richtig gemacht haben. Selbstbewusst klopft sie sich auf die Brust und sagt: „Wäre nur jede zehnte Frau so engagiert wie ich, wäre Bosnien ein reiches Land." Man kann Frau Sljivic kaum widersprechen.

*Die Recherche in Bosnien-Herzegowina erfolgte auf Einladung von Oikocredit.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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