IREDS 135118:Der grosse Umbau | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Der große Umbau

23.11.2015

Wie soll die Energiebranche auf die massiven Auswirkungen der Energiewende reagieren? Und kann es jemals gelingen, den Klimawandel zu stoppen? Auf Österreichs wichtigster Energiekonferenz suchen Manager und Wissenschaftler nach Antworten.

Text: Peter Martens

Es ist ein malerischer, beschaulicher Ort, an dem die wichtigste Energiekonferenz Österreichs stattfindet. Das Schlosshotel direkt am Fuschlsee in Salzburg diente schon als Kulisse für die „Sissi“-Filme mit Romy Schneider, später besuchten es Staatschefs wie Gerald Ford und Nikita Chruschtschow oder Hollywoodstars wie Audrey Hepburn. Heute kommen alle zwei Jahre Manager, Techniker und Wissenschaftler der Energiewirtschaft hierher, um auf Einladung des Verbunds die drängendsten Fragen ihrer Branche zu diskutieren – und diese Fragen sind momentan alles andere als beschaulich. „Wir brauchen einen New Deal in der Energiewirtschaft“, sagt Wolfgang Anzengruber, Konzernchef des Verbund und Gastgeber der Konferenz, zum Auftakt der energy2050. „Der gesamte Marktplatz formiert sich gerade neu. Entweder wir schaffen es als Branche, diesen Prozess mitzugestalten, oder es machen die anderen.“

Konzerne leiden unter der Energiewende
Auslöser der fundamentalen Umbrüche ist die von Deutschland gestartete Energiewende. Das angestammte Geschäft der großen Versorger, nämlich der Verkauf von Wärme und Strom, bricht gerade auf ganzer Linie weg. Während der Ausbau der Kapazitäten aus Sonne und Wind weiter zulegt, verfällt der Strompreis im Großhandel – und einst so stolze Energieriesen wie Eon und RWE, die sich zu spät von der Atomkraft abgewandt haben, schreiben inzwischen Milliardenverluste. Österreich betrifft das Geschehen wegen der gemeinsamen Preishandelszone mit Deutschland direkt. So steht der Verbund wegen seiner hohen Wasserkraftanteile sehr viel besser da als die Konzerne im Nachbarland. Doch auch für den größten heimischen Erzeuger wird der Betrieb modernster Gaskraftwerke und der so wichtigen Pumpspeicher immer unrentabler. Gleichzeitig haben auch große Netzbetreiber wie die heimische APG alle Hände voll zu tun, damit die enormen Schwankungen der Erneuerbaren nicht mit einem Blackout ganze Regionen lahmlegen.

Dabei ist die Idee der Energiewende aus Klimasicht unbestritten. Jahrzehntelang haben Umweltschützer der 68er-Generation für einen höheren Schutz des Planeten und den Ausstieg aus der Atomkraft gekämpft, und Letzteres in der Regierung von Gerhard Schröder auch durchgesetzt. Danach leitete Angela Merkel den Ausstieg vom Ausstieg ein – doch spätestens mit der Katastrophe von Fukushima war die Mehrheit der Atomkraftgegner zu groß. Daraufhin entschied sich Merkel für eine völlige Abkehr von ihrem bisherigen Kurs. Das war der zentrale Startschuss des Megaprojekts. Das Ziel: Stilllegung aller AKWs bis 2022, Ausbau der Erneuerbaren auf 40 Prozent bis 2025 – und eine deutliche Senkung der Emissionen. Ohne Fehler ist ein Vorhaben wie dieses undenkbar.

Dank Förderungen verfügt Deutschland heute über Kapazitäten an Erneuerbaren von 84 Gigawatt. Das reicht, um an einem sonnigen und windigen Tag allein mit Ökoenergie den gesamten Strombedarf zu decken – und zusätzlich enorme Mengen ins Ausland zu pumpen. Mit dem Ausbau sind riesige Industriezweige neu entstanden. Und gleichzeitig auch riesige Probleme: Es fehlen Netze, um den Windstrom aus dem Norden zu den großen Verbrauchern im Süden zu leiten. Die Situation der Preise ist paradox: Die Betreiber von Erneuerbaren bekommen einen garantierten fixen Tarif, der sich aus Börsenpreis plus Umlage zusammensetzt. Je billiger der Börsenpreis, desto höher die Umlage und damit die Kosten, die großteils der Mittelstand und die deutschen Endverbraucher zahlen müssen. Österreich hat viele Fehler des Nachbarn vermieden und profitiert heute vom billigen Strom im Großhandel – die Verwerfungen treffen die heimische Energiewirtschaft trotzdem.

Mehr Emissionen trotz Energiewende
Vor allem aber: Der CO2-Ausstoß ging zwar 2014 zurück, doch vorher stieg er vier Jahre in Folge. Sowohl der Anstieg der Emissionen als auch die Teuerung werden heute der Energiewende vorgeworfen. Das ist aber nur zum Teil richtig, denn der größte Treiber der Emissionen in Mitteleuropa ist die im Überfluss vorhandene, spottbillige Kohle, die auch den Börsenpreis nach unten drückt. Ein wichtiger Grund dafür ist wiederum die sehr umstrittene Frackingtechnologie in den USA. Dort verdrängt das mit Fracking gewonnene Gas die Kohle, die nun billig exportiert wird. Auch China setzt trotz des Zubaus von Windkraft massiv auf Kohle und verantwortet inzwischen allein ein Drittel der weltweiten Emissionen. Angesichts dieser Entwicklung scheinen die Aussichten sehr gering, dass ein Umbau des Systems jemals gelingen kann – auch und gerade im Vorfeld der Klimakonferenz Ende November in Paris. Christoph Frei, Generalsekretär des einflussreichen Welt­energierats, gibt sich zwar während der energy2050 im Hinblick auf Paris betont optimistisch. Doch er sagt auch: „Bei allen bekannten und noch zu erwartenden technischen Innovationen, politischen Maßnahmen und Lernkurven: Das alles wird nicht reichen, um den Klimawandel zu stoppen. Ohne drastische Entscheidungen der Politik wird es nicht gehen. Und ohne einen ambitionierten CO2-Preis auch nicht.“ Solche Töne sind neu auf großen Veranstaltungen der Branche, wo normalerweise wirtschaftsfreundliche Standpunkte vorherrschen. In der Wissenschaft dagegen herrscht schon länger die Überzeugung vor, das wirksamste Instrument gegen den Klimawandel wäre ein weltweit einheitlicher Preis für den CO2-Ausstoß – doch wie es gelingen kann, ein solches System global umzusetzen, ist völlig offen. Zumal es selbst auf EU-Ebene nicht ausreichend funktioniert.

Amerikanischer oder europäischer Weg
Eine sehr amerikanische, weil zutiefst optimistische Perspektive nimmt dagegen der Gründer und Chef von EnerNoc, dem Weltmarktführer im Bereich von Demand Response, David Brewster, ein: „Notwendigkeit erzeugt Innovationen. Wir werden also Fortschritte machen, und ich glaube, wir schaffen es. Ich hoffe, ich habe recht.“ Demand Response, also Laststeuerung, könnte ein Teil der Lösung sein. Hier bekommen Industriebetriebe viel Geld vom Netzbetreiber, wenn sie je nach Situation im Netz ihren Verbrauch hochfahren oder drosseln. In dieser Technologie seien die USA Europa weit voraus, sagt Brewster – in allen anderen Energiefragen dagegen seien Länder wie Deutschland und Österreich „meilenweit“ vorn. „Bei uns in der Energiebranche kennt jeder das deutsche Wort ,Energiewende‘. Die ganze Welt schaut darauf, was in Deutschland passiert.“ Trotz aller Probleme beginnt das Megaprojekt, so scheint es, seine Vorbildwirkung zu entfalten. Heuer im Sommer haben die USA und Frankreich ambitionierte Gesetze zur deutlichen Absenkung der Emissionen verabschiedet. Und in Deutschland fiel die Entscheidung, die umstrittenen Stromautobahnen von Nord nach Süd nicht auf 75 Meter hohen Masten, sondern als Erdkabel zu verlegen – eine sehr teure, aber weitaus weniger umstrittene Maßnahme, die helfen dürfte, das große Problem fehlender Netze zu lösen. Trotzdem könnte Christoph Frei recht behalten: All diese Schritte werden nicht reichen. Martin Graf von der heimischen E-Control weist auf ein grundsätzliches Problem hin: Die Energiewende sei heute vor allem eine Stromwende. Auch bei einem massiven Ausbau der Erneuerbaren werde ihr Anteil am gesamten Energieverbrauch gering bleiben. Das bedeutet: Wenn wir zumindest in Europa die notwendige Senkung der Emissionen erreichen wollen, dann sind radikale Schritte auch beim Verkehr und im Bereich Wärme unumgänglich. Und dann schließlich bleibt die Hoffnung, dass andere Regionen dieser Welt mitziehen, um eine Bedrohung abzuwenden, die zu den größten in der Geschichte der Menschheit gehört.


Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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