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Der Alpeninuit

07.02.2014

Günther Brunner ist Österreichs einziger Iglubaumeister. Nach einer wirtschaftlichen Bruchlandung ging er mit kühlem Kopf noch einmal zurück an den Start.

Baumeister Günther Brunner präsentiert das geräumige Innere der Cloud 9.

Text: Florian Gasser

Es gibt wenige Orte in Tirol, wo raue Bergwelt und Urbanität so aufeinanderstoßen wie auf der Innsbrucker Seegrube. Wer hier, auf knapp 2.000 Metern Seehöhe, nach oben sieht, dessen Blick fällt auf die schroffen, wolkenverhangenen Felswände der Nordkette, während unten im Tal die Lichter der Stadt scheinen, durch die sich der Inn seinen Weg bahnt. Günther Brunner zieht an seiner Zigarette und wirkt zufrieden. „Hier geht es mir gut", sagt er, „ich kann ohne Berge nicht arbeiten, hier oben sind alle Probleme scheinbar weg." Der 32-jährige Tiroler ist Besitzer des wohl außergewöhnlichsten Clubs des Landes, der Cloud 9, untergebracht in einem Iglu aus 3.000 Kubikmetern Schnee, gleich neben der Bergstation der Nordkettenbahn. Brunner ist Österreichs einziger amtlich zertifizierter „Baumeister für das Gewerbe zur Errichtung von Schnee- und Eisbauten" und hat als Unternehmer ein Jahr voller Höhen und Tiefen hinter sich.

 

Heiße Nächte bei null Grad

Die Schneekonstruktion des gelernten Tischlers fühlt sich innen kalt und doch einladend an. Es ist die Mischung, die hippe Innenstadtclubs oft versprühen, mit der Ausnahme, dass es hier tatsächlich konstant null Grad Celsius hat. Geheizt werden die zwei Räume nämlich nur von den Körpern der 350 Besucher, die sich abends aneinanderdrängen, zu internationalen DJ-Crews tanzen und wohl manchmal vergessen, dass sie ihr Bier in einer hochalpinen Landschaft inmitten einer Schneehöhle trinken.

Die Idee dazu kam Brunner vor mehr als zehn Jahren. Nach seinem Lehrabschluss setzte er sich in das Auto eines Freundes, der in die Schweiz fuhr. „Ich steig’ irgendwo aus", sagte der Tischlergeselle, landete in einem Hotel in Graubünden und wurde als Kellner engagiert. Drei Frauen nahmen ihn eines Abends zu einer House-Party auf einen Berg mit, wo er durch Zufall „einen Typen mit Hawaiiblumen um den Hals" kennenlernte – es war Adrian Günter, ein Pionier des Iglubaus. Brunner begann, für ihn zu arbeiten, als Guide für kleine Schneeiglus. Gemeinsam verfeinerte das Duo die Bauweise der Gebäude und entwickelte die sogenannte Ballon-Technik. Dazu werden eigens angefertigte Spezialballone aufgeblasen, im Boden verankert und mithilfe von Schneefräsen und Pistengeräten gleichmäßig zugeschneit – dadurch entsteht der Hohlraum in Kuppelform. Nachdem die Luft aus dem Ballon wieder herausgelassen wurde, beginnt der harte, der körperliche Teil der Bauarbeiten: Mithilfe von Eispickeln und Lawinenschaufeln wird das Innere des Iglus geformt, „geshapt". Die Wände der Cloud 9 werden danach von Künstlern bearbeitet, und die Schriftzüge der Sponsoren werden wie Reliefs in die Schneewand eingeritzt.

 

Österreichs erster Iglubaumeister

Das Licht im Inneren ist stets diffus, die Beleuchtung taucht Schnee und Eis in verschiedene Farben. Seine Zulassung als Baumeister bekam er 2010 „auf Nachsicht" von der Wirtschaftskammer erteilt. „Zuerst wurde ich abgewiesen, ich hatte ja keine Ausbildung. Doch dann konnte ich den Innungsmeister mit meiner langjährigen Erfahrung überzeugen", erzählt er. Seither kann sich Brunner erster und einziger Iglubaumeister des Landes nennen.

Bis zum vergangenen Jahr baute Günther Brunner mehrere Iglus. Seine GmbH errichtete Clubs und sogar ganze Schneehotels in Kärnten, im Zillertal sowie in Lappland, und am Rettenbachferner entstand das erste Iglu-Dorf Österreichs. Immer mehr, immer größer; der Erfolg gab der kleinen Firma zunächst recht. Für die TV-Sendung „Galileo" baute er 2011 gar das größte Iglu der Welt. Seither steht sein Name im Guinness-Buch der Rekorde. Doch als ausgerechnet ein Projekt im Zillertal scheiterte, wie die Unterstützung der dortigen Tourismusindustrie wegbrach, war es aus – die GmbH war insolvent, und keiner wusste, wie es weitergehen sollte.

 

Lehren aus der Pleite

„Ich war auf zu vielen Baustellen gleichzeitig", sagt Brunner heute. Er wollte noch einmal beginnen, auch wenn er als insolventer Unternehmer für die Banken ein rotes Tuch war. „Ein Freund hat mir den Neustart schließlich ermöglicht", erzählt er. Nur noch ein Projekt, hier auf der Nordkette, „das dafür mit Herz". Er macht alles selbst, von den Holzfußböden bis zum Bardienst. „Ich habe überall Einblick, und wenn mal nichts los ist, dann bastle ich am Iglu." Denn Schnee lebt, und das Gebäude sinkt pro Saison um bis zu drei Meter, immer wieder muss Brunner die Räume nachshapen.

Die Cloud 9 ist mittlerweile zum Geheimtipp avanciert, die Veranstaltungen werden bekannter und das Publikum zahlreicher. Der Radiosender FM4 wird im Februar ein Event live von hier übertragen. Wenn im Frühling der Club langsam schmilzt, arbeitet Brunner wieder als Tischler oder am Bau – was sich gerade anbietet. Dazu will er heuer erstmals Baumhäuser bauen. Bis im November wieder ein neuer Club auf der Seegrube entsteht.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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