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Deppert sterben lassen

28.01.2015

Wenn alle Verwandten und Freunde außer dem „gehörnten“ Ehepartner vom „Fremdgehen“ seines Partners wissen, wenn bei einem Hauskauf der Verkäufer den Käufer nicht über einen sehr wichtigen aber kaum nachweisbaren Mangel des Gebäudes informiert hat, dann gibt es in Österreich dafür den harten, aber treffenden Ausdruck, man habe die jeweils nicht Aufgeklärten „deppert sterben lassen“.

Auch wenn mit Wissensvorsprung und Macht ausgestattete Menschen immer schon gerne andere in Unklarheit und Unwissenheit belassen haben, in unserer globalisierten Welt erreicht diese Methode gerade eine unfassbare Blütezeit. Zu vielen der an der Spitze der Gesellschaft stehenden – sei es in Wirtschaft, Politik oder Religionen – ist es kein Anliegen aufgeklärte Menschen, mündige Konsumenten oder Mitwirkende mit echtem Überblick aufkommen zu lassen.

Hochentwickelte aber skrupellose Globalbanken haben die Ahnungslosigkeit von Millionen Sparern, Anlegern, Leistungsträger aber auch die Naivität ganzer, jetzt hochverschuldeter Staaten für sich ausgenutzt. Auch Internet-Imperien, welche ihre User um Geld und Daten über deren persönliche Gewohnheiten bringen und den Blick hinter ihre Kulissen verwehren, lassen uns deppert sterben. Raffinierte Werbestrategien von Konzernen und Massenproduktanbietern haben die Menschen verführt, Dinge zu kaufen, die sie kaum brauchen aber unsere fortschreitende Klimakatastrophe befeuern. So nebenbei wird auch unsere Sprachkultur zerstört: Was heißt z.B. „So muss Technik“?

Sozialistische Parteien drücken Ansprüche an Ausbildungsstandards, Disziplin, Prüfungen und Notengebung nur deshalb so gerne, damit sie letztlich viele Ungebildete, Arbeitslose, Motivationslose, also „sozial Schwache“ haben, die sie als Wähler und im Kampf gegen „die Reichen“ für sich gewinnen können, sie lassen sie deppert sterben. Konservative Parteien wiederrum neigen dazu, rein auf Effizienz ausgerichtete, mit Zugangskriterien versehene Bildungseinrichtungen zu schaffen, aus denen sie „gut funktionierenden“ Nachwuchs für die Wirtschaft und sich selbst rekrutieren können. Wer mit dem Trend zum reinen „Kompetenzen vermitteln“ den Schülern das Wissen um die geistigen Errungenschaften der Menschheit und ihrer großen Denker verwehren will, begeht eine Sünde am Erhalt unserer Werte. Schlimm auch, dass Lehrer und Professoren mit untauglichen Mitteln und unzureichenden Kompetenzen behindert, ja sogar herabgewürdigt werden.

Was die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund in demokratisch-westliche Werte und Bildung betrifft, waren sich bisher beide „Klassenkampf“-Seiten einig: Die einen freuten sich auf neue, sozial bedürftige Wählerschichten, die anderen wollten – vor allem als diese noch als Gastarbeiter kamen – billige Arbeitskräfte. Und so haben sie viel zu lange zugesehen, wie unaufgeklärte Parallelgesellschaften und letztlich auch Brutstätten des Terrors entstanden sind.

Unverantwortliche und extremistische Religionsführer und -lehrer konnten das ausnützen. Wenn dabei deren Schülern kaum etwas anderes als die Schrift des Religionsgründers vorgesetzt und westliche Bildung als teuflisch bezeichnet wurde, dann hat man auch diese deppert sterben lassen – im doppelten Sinn des Wortes, wenn diese dann auch noch als Selbstmordattentäter fungierten.

Höchste Zeit, allen Jugendlichen wieder Freude an Schule und Lernen zu geben. Höchste Zeit, den wahren Leistungsträgern im Mittelstand das Know How für ein Lobbying anhand zu geben, mit dem sie sich ganz sauber gegen die Dominanz der Großlobbys aus Kapitalismus, Konzernen und Gewerkschaften wehren können. Höchste Zeit alle Gesellschaftsschichten in einen großen Dialog über ein gemeinsames Entwicklungs- und Bildungsprogramm einzuschließen. Aber bitte nicht unter dem Slogan „So muss Bildung!“

Wolfgang Lusak, Unternehmensberater und Lobby-Coach, 
auf www.lobbydermitte.at und www.lusak.at.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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