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Das Spiel von Licht und Schatten

21.07.2015

Reden wir über Natur: Warum er Nachhaltigkeit in der Familiengruft begriffen hat und heute niemand mehr über seinen alten Janker lacht, erklärt Forstwirt Felix Montecuccoli.

Interview: Stephan Strzyzowski


Wenn man heute eine freie Fläche bepflanzt. Wie lange dauert es, bis darauf ein Wald steht, der sich verwerten lässt?

Das dauert mindestens 80 Jahre. Wenn ich einen Wald neu anpflanze, wird er nach zehn Jahren so dicht, dass man nicht mehr durchgehen kann. Nach 20 weiteren Jahren sterben die unteren Äste und einige Bäume wegen Lichtmangel ab. Der Bestand lichtet sich und wird langsam zu einem schönen Wald.

 

Der Wald dünnt sich also selbst aus?

Ja, der Motor im Ökosystem Wald ist der Wechsel von Licht und Schatten. Diese Faktoren sind am wesentlichsten, und sie sind die Einzigen, die wir steuern können. Auf Bodengüte, Nährstoffe, Regen und Schnee haben wir keinen Einfluss. Doch wenn man Bäume gezielt entnimmt, kommt mehr Licht bis zum Boden, und neue Pflanzen beginnen dort zu sprießen. Dieses Spiel von Licht und Schatten ist die Kunst der Forstleute.

 

Auch die Wirtschaft lebt davon, dass Raum für Wachstum neuer Marktteilnehmer entsteht. Welche Parallelen gibt es noch?

Wir lernen in der Forstwirtschaft, dass es keine zwei gleichen Individuen gibt. Selbst wenn ein Baum an einem Standort sehr gut wächst und eine tolle Qualität erreicht, kann es trotzdem sein, dass sich seine Samen nicht so gut entwickeln. Absolute Skalierbarkeit gibt es bei uns nicht. Deswegen brauchen wir die Vielfalt der Individuen, von ihren Stärken und Schwächen. Sie gibt uns im Mix Sicherheit über viele Generationen. Das ist nicht nur im Wald so, sondern auch in der Wirtschaft. Auch dort gibt uns die Vielfalt von Unternehmen und Konzepten Sicherheit.

 

Was macht die perfekte Mischung aus?

Auch das hängt vom jeweiligen Umfeld ab. In den höheren Zonen des Gebirgswaldes findet man immer Gruppen von mehreren Bäumen. Gemeinsam können sie der Witterung trotzen. Einzeln ginge das nicht. Auch in den tieferen Lagen ist es die Mischung aus unterschiedlichen Arten, die einen stabilen Wald ergibt, der Trockenheit, Sturm, Schneelasten und den Angriff von Schädlingen übersteht. Die Grunderkenntnis: Es gibt nicht die geniale Mischung, die immer passt. Aber: Eine gemischte Gruppe ist immer stärker als der Einzelne.

 

Monokulturen sind also passé?

Ja, aber man sieht sie natürlich noch, weil ein Zyklus im Wald gute 100 Jahre dauert. Das macht die Forstwirtschaft scheinbar traditionell und langsam, aber auch sehr stabil. Die Bäume, die ich heute ernten darf, haben vieles erlebt. Sie wurden noch in der Monarchie gepflanzt, in der Krise der 30er vielleicht durch Brennholzdiebe geläutert, dann haben sie den Krieg erlebt und waren Schutz für Soldaten. Ab 1945 war das Gut einige Jahre durch die russische Besatzung enteignet. Die haben rigoros geschlägert. Was übrig blieb, haben mein Großvater und Vater aufgepäppelt. Jetzt ist der Wald schließlich so alt, dass ich ernten darf. Die Bäume haben sechs Währungen und fünf verschiedene Staatsformen erlebt. Was aber immer funktioniert hat, war ihr Wachstum im Spiel von Licht und Schatten.

 

Seit wann bewirtschaftet Ihre Familie diesen Wald?

Das Land wurde von den Vorfahren 1628 gekauft und seither unter verschiedenen Gesichtspunkten bewirtschaftet. Früher ging es vorwiegend darum, Brennholz aus dem Wald zu ernten, da wurden hauptsächlich Buchen angepflanzt. Heute ist Holz ein vielseitiger industrieller Rohstoff, der vielerlei Verwendung findet. Das spiegelt sich auch im Wald wider. Wir setzen heute auf einen Mix aus Baumarten und Qualitäten. Das passt gut, weil es auch ökologisch sinnvoll ist.

 

Wie funktioniert ein Wirtschaftskonzept, wenn es auf viele Generationen ausgerichtet werden muss?

Ich ernte heute, was mein Großvater angepflanzt hat, und pflanze selbst für meine Enkelkinder. Die langen Zyklen zwingen uns, generationsübergreifend zu denken. Wenn ich statt zehn nur mehr fünf Hektar nachpflanze, wird es jetzt noch niemand merken. Dann bleibt zwar für mich mehr übrig, doch wenn man das länger so macht und die nächste Generation auch, dann ist irgendwann nichts mehr da. Was es mit der Nachhaltigkeit auf sich hat, ist mir als Kind in der Familiengruft bewusst geworden. Dort sah ich die vielen Sarkophage, in denen meine Familie seit 400 Jahren bestattet wird. Mir wurde klar, dass der Besitz immer von einer Hand zur nächsten weitergegeben wurde. Da kam mir die Erkenntnis: Ich möchte sicher nicht der Letzte gewesen sein, das wäre eine Niederlage!

 

Kann man einen Wald überhaupt wie ein anderes profitorientiertes Unternehmen bewirtschaften?

Nein. Wir führen die Forstbetriebe zwar nach den Grundprinzipien der Ökonomie, aber Gewinnmaximierung ist für uns mehr als nur Geld. Für den einen Waldbesitzer ist es, einen Hirsch zu jagen, für den anderen, eine schöne Ecke seines Waldes gar nicht zu bewirtschaften. Für den dritten gehört zum Gewinn, dass er auf der Almhütte ohne Handyempfang sitzen kann. Das sind alles Ergebnisse aus dem Betrieb, die auch einen Teil des Gewinns darstellen. Andere Manager müssen sich das alles kaufen. Am Ende unserer Zeit messen wir unseren Erfolg darin, ob wir einen besseren Betrieb weitergeben, als wir übernommen haben. Ich muss mich dafür immer bescheiden und kann nicht mehr entnehmen, als mir der Wald an Naturalzuwachs – an natürlichen Zinsen – bietet.

 

Die Maxime wirtschaftlichen Handelns sieht meistens anders aus.

Wir blicken auf eine Phase von 20 Jahren zurück, in der Bescheidenheit keine Tugend der Wirtschaft war und es nur um Maximierung ging. Darum wurden wir Forstleute auch oft wegen unserer abgetragenen Janker und den alten Autos belächelt. 1.000 Hektar Wald und dann so unterwegs! Dass wir uns mit ein bis zwei Prozent Kapitalverzinsung zufriedengegeben haben, hat niemand verstanden. Man hat uns geraten, den Waldbesitz bei der Bank zu belasten und damit am Kapitalmarkt 16 Prozent zu machen. Heute werden wir nicht mehr belächelt.

 

Wenn man Ihnen heute mehr Gehör schenkt: Welche Erkenntnisse wollen Sie weitergeben?

Der Wald lehrt uns, dass die Dinge Zeit brauchen, es geht nicht alles von heute auf morgen. Spannend ist auch, dass es in der Natur keine Stagnation gibt. Es gibt nur Wachstum oder Absterben, ein Aufstreben oder Zusammenbrechen. Ich muss mich auch als Mensch ständig entscheiden, vorwärts zu gehen oder zurückzufallen, zu lernen oder der letzte Depp zu werden. Das alles lehrt uns die Natur – wenn wir nur hinsehen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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