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Das Ringen um die beste Qualität

11.06.2015

Silber gilt als antiquiert. Zu Unrecht, wie die Wiener Silber Manufactur beweist. Neben Klassikern werden aktuelle Designs von Künstlern wie Erwin Wurm, Zaha Hadid und ­Wolfgang Joop realisiert.

Text: Alexandra Rotter

Mit dem Jahr 2008 verbinden viele vor allem die Krise. Georg Stradiot denkt vermutlich auch an eine Krise, aber eher an eine überwundene Krise. 2008 kam das Team der Wiener Silber Manufactur, deren Geschichte bis in die 1880er-Jahre zurückreicht, auf den Unternehmer zu. Der Traditionsbetrieb steckte in Schwierigkeiten – in so großen, dass der Betrieb fast eingestellt werden musste. Stradiot kam zu Hilfe und investierte in ein Handwerk, das vom Aussterben bedroht ist.

„Vor 150 Jahren gab es in Wien zirka 170 Silbermanufakturen. Heute gibt es nur mehr zwei“, erzählt der Kunst- und Architekturliebhaber. Die gehobene Tafelkultur, zu der Silberobjekte und -besteck gehören, ist fast schon in Vergessenheit geraten und findet sich nur mehr in wenigen Haushalten. Qualitätvolles Tafelsilber ist nicht nur teuer, sondern braucht auch Pflege. Es scheint fast, als hätte Silber eine Seele: Es möchte beachtet werden. „Silber muss man verwenden, sonst ärgert es sich schwarz“, sagt Stradiot. Er und seine Frau essen täglich vom Besteck „135“, das der österreichische Architekt und Designer Josef Hoffmann 1902 entworfen hat, ein Jahr, bevor er die Wiener Werkstätte mitbegründete. Das Design wirkt extrem modern. „Hoffmann hat damals einen revolutionären Durchbruch geschaffen“, schwärmt Stradiot.
Die alten Stanzen, die zur Produktion des Bestecks notwendig sind, gehören zum Schatz des Unternehmens und befinden sich nach einer Übersiedlung der Produktion im niederösterreichischen Weigelsdorf. Außerdem umfasst das Archiv rund 11.000 Originalentwürfe, unter anderem von Hoffmann, Koloman Moser und Otto Prutscher. Diese sind die Voraussetzung, um Bestecke und Silbergeschirr bzw. die sogenannte Korpusware wie Krüge, Vasen, Kannen oder Schüsseln heute noch nach alten Designs anzufertigen.

Kein Nachwuchsproblem
In der Produktionshalle in Weigelsdorf sind 15 Mitarbeiter beschäftigt, darunter eine junge Frau, die eine Lehre absolviert. Das Team ist generell auffallend jung. Selbst der Meister, Antonio Umani, der aus Deutschland hierher gekommen ist, ist erst Mitte 30. Georg Stradiot legt viel Wert auf die Ausbildung des Nachwuchses. Daher wurde auch mit den Mitarbeitern, die bei der Übernahme kurz vor der Pensionierung standen, eine Vereinbarung getroffen: „Sie haben sich verpflichtet, ihr Wissen an eine junge Garde an Silberschmieden weiterzugeben.“ Am Tag der Eröffnung des Verkaufslokals in der Wiener Innenstadt wurde zum ersten Mal nach vielen Jahren mit Umani wieder ein Silberschmiedemeister von der Wirtschaftskammer gekürt. Heute steht ein weiterer Geselle kurz vor der Meisterprüfung. Die Zukunft ist, jedenfalls was das Personal betrifft, damit sichergestellt.

Dass die Zukunft auch wirtschaftlich gesichert ist, dafür sorgt vor allem eine neue Strategie: Das Unternehmen setzt auf zeitgenössische Designs. Unter anderem konnten der deutsche Modedesigner Wolfgang Joop, die aus dem Irak stammende Architektin Zaha Hadid und der österreichische Künstler Erwin Wurm als Silberdesigner gewonnen werden. Barbara Kamler-Wild, Artdirektorin der Silber Manufactur, sprach Joop 2011 in Mailand an, als er mit großem Gefolge durch die Designmesse rauschte: „Alle haben auf ihn eingeredet. Ich habe mich ihm in den Weg gestellt und gesagt: ‚Herr Joop, wollen Sie unser Silber kennenlernen?‘ Zu meinem Erstaunen hat er Ja gesagt, und ich habe ihm unser Hoffmann-Geschirr gezeigt. Er hat es gekauft, in zwölffacher Ausführung.“ Joop rauschte weiter, doch Kamler-Wild hatte keine Kontaktdaten. Ein Mann im Gefolge versicherte ihr, dass der Kauf zustande komme – und so war es auch. Später entwarf Joop den Tafelaufsatz „Magic Mushrooms“, dessen Pilze zum Beispiel als Gewürzbehälter verwendet werden können.

Hohes Risiko
„Heute ist es umgekehrt: Die besten Designer kommen auf uns zu“, erzählt Kamler-Wild. Der Künstler Erwin Wurm etwa klopfte an, um sein Fat Car – das im wahrsten Sinn des Wortes fette Auto, das für die aufgeblasene Gesellschaft steht – aus Silber herstellen zu lassen. Er selbst war unsicher, ob das in ausreichender Qualität möglich wäre. Es war möglich, und heute steht eine Fat-Car-Zuccheriera im Wiener Museum für angewandte Kunst. Auch Zaha Hadid stellte für ihre Vasenentwürfe „Loa“ und „Vesu“ höchste Ansprüche an die Silberschmiede. Mit der Produktion einer Vase ist ein Mitarbeiter – und zwar der Meister – drei Monate beschäftigt. Das Risiko ist dabei enorm: Macht er nach zweieinhalb Monaten einen Fehler, war alles umsonst, und er muss von vorn beginnen. „Das ist keine Routinearbeit“, betont Georg Stradiot, sondern „eine Herausforderung und ein Ringen um eine Lösung und um die beste Qualität.“ Zum Vergleich: Um einen Löffel herzustellen, braucht es – sofern die Stanzen dafür vorhanden sind – eine Stunde.

Zur Marktstrategie der neuen Wiener Silber Manufactur gehört auch der weltweite Vertrieb. So stehen regelmäßige Messebesuche, unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Russ­land oder in den USA, auf dem Programm. Manche Produkte werden sogar für einen bestimmten Markt entworfen, etwa das Ensemble „Ikra Ice“ von Thomas Bastide, das besonders russische Kundschaft anzieht. Es besteht aus einem großen schüsselartigen Behälter, in dessen Mitte sich eine Form für Kaviar sowie sechs Becher befinden, die für Wodka vorgesehen sind. In den Behälter kann Eis gefüllt werden, sodass alles gekühlt bleibt. Dazu gehört eine Wodkaflasche und Kaviarlöffel. Andere Produkte wie etwa Edward Tuttles Eiskühler „Ball“ sprechen besonders die asiatische Klientel an.

Georg Stradiot hat mit seiner zeitgenössischen Schiene eine Nische erschlossen. Seine Hoffnung beruht darauf, dass sich die Schiene weiter etabliert und somit zu einem echten Standbein für die Zukunft wird. Denn Schließlich ist der Mäzen auch Unternehmer. Das Logo der Silber Manufactur, das es auch in Form von Schlüsselanhängern, Armbändern oder als Anhänger für Halsketten zu kaufen gibt, würde jedenfalls für eine blühende Zukunft sprechen: Es besteht aus vier Herzen, die ein vierblättriges Kleeblatt bilden.

Wir machen’s trotzdem:
Erfolgreiche Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf den ersten Blick überholt oder abwegig erscheinen mag, finden sich in dieser Serie wieder. Anregungen an: d.nutz@wirtschaftsverlag.at

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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