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Das Rennen um Platz eins

08.09.2014

Das Geschäft, ja das ganze Leben ist ein Wettbewerb. Wie der Wettkampfgedanke uns seit der Industrialisierung prägt und was die Weltmeister im Unternehmertum ausmacht.

Wie viele Nummer-zwei-Hits haben Sie derzeit im Ohr? Können Sie noch die vergangenen fünf Fußball-Vizeweltmeister oder Olympiazweiten nennen? Trinken Sie gerne die zweitpopulärste Cola? Nein? Eben! Machen mindestens zwei Menschen das Gleiche, geht es scheinbar seit jeher darum, wer besser ist. Die Kulturwissenschaft bestätigt: Die abendländische Gesellschaft ist eine zutiefst kompetitive. Turniere und Wettkämpfe prägten frühe Hochkulturen. Koroboisos lief im Jahr 776 v. Chr. am schnellsten die 192 Meter durch das Stadion von Olympia. Der Lohn des ersten Olympioniken war lebenslange Ehre und Reichtum. Für den Zweiten blieb dagegen nichts.

 

Es geht aber nicht nur um Anerkennung. Der Wettkampf führt den Menschen sogar zu höheren Leistungen. Diese Erkenntnis machte der Sozialpsychologe Norman Triplett vor mehr als 100 Jahren. Die körperliche Leistungsfähigkeit der Menschen steigert sich demnach, wenn sie in einer Wettkampfsituation stehen. Auch das Publikum spielt dabei eine unterstützende Rolle. Die Erkenntnis ist freilich nicht bloß auf Sport beschränkt. Neil Armstrong und Buzz Aldrin hätten wohl nie im Juli 1969 ihre Füße auf den Mond gesetzt, wäre die Mondlandung nicht Ziel eines mit extremem Ehrgeiz geführten binationalen Wettstreits gewesen. Ob es der verlautbarte große Schritt für die Menschheit war, darf freilich bezweifelt werden. Die trotzige Erklärung der unterlegenen Sowjets, wonach die wissenschaftlichen Erkenntnisse einer Mondmission weniger relevant wären, entbehrt nicht jeder Plausibilität.

 

Reiner Wettstreit ist also nicht immer der Sache dienlich. Erkenntnisse aus der Pädagogik legen sogar nahe, dass der „gesunde Wettkampf“ ein Mythos sei und dieser die Persönlichkeitsbildung und Ausformung der individuellen Talente eher behindere. Auch im Büroalltag kann zu viel interne Konkurrenz zum Klotz am Bein werden. Beispiele hierfür gibt es zuhauf. Wettstreit ist gleichzusetzen mit Kapitalismus, lautet oftmals die Anklage. Und an dieser Feststellung ist etwas dran. Aber das muss nicht per se schlecht sein. Tatsächlich erfährt der Wettstreit durch die einsetzende industrielle Revolution ab dem späten 18. Jahrhundert eine neue Bedeutung. Und diese überträgt sich vom Wettrennen nach Produktionssteigerungen der konkurrierenden Fabriken auch auf andere Bereiche der Gesellschaft. Die Entstehung modernen Wettkampsports fällt nicht etwa zufällig in die Zeit der industriellen Revolution.

 

Schneller, weiter, stärker“ wird zum Motto und verdrängt damit weitgehend den bis dahin vorherrschenden philanthropischen Gedanken der körperlichen Gesundheit, wie der Linzer Sportpsychologe Prof. Günter Amesberger erklärt. Es geht darum, Erster zu sein und auch die Leistungen der Vergangenheit in den Schatten zu stellen. Der Philosoph Max Scheler erkannte im Wetteifer eine Grundkonstante der modernen Konkurrenzgesellschaft. Der sogenannter „Streber“ ist für Scheler dabei der dominierende Typus. Doch was macht den „Streber“ im Wirtschaftsleben aus? Der deutsche Universitätsprofessor Hermann Simon kennt eine Antwort. Er erforscht seit rund 30 Jahren Erfolgsfaktoren mittelständischer Hidden Champions (siehe Interview auf Seite 10). Auf Simons Erkenntnisse hat sein Wiener Kollege Thomas Haller österreichische Welt- und Europameister untersucht.

Tatsache ist, dass diese führenden Unternehmen einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Hinter fast allen global erfolgreichen Spitzenunternehmen steht eine starke Unternehmerpersönlichkeit. Diese 24-Stunden-Manager haben die Mission, an die Spitze vorzudringen, Erster zu werden. Beim Weg dorthin hinterlassen manche auch Spuren der Verwüstung. Wer Erster werden will, geht eben ungern Kompromisse ein – Konkurrenten werden auch mal aus dem Weg geräumt. Ein autoritärer Führungsstil ist häufiger anzutreffen als bei Durchschnittsunternehmen.

 

Erfolg beruht aber bei weitem auf mehr als guter Ellbogentechnik. Entscheidende Faktoren liegen in der strategischen Ausrichtung (siehe unten). Wer Erster ist, agiert in der Regel extrem fokussiert. Das gilt bei der Konzentration auf ein oder wenige Kernprodukte sowie bei der Internationalisierung. Die globalen Einser gehen nicht zu schnell in einzelne Märkte, sondern erobern die Welt in mehreren wohlüberlegten Schritten. Konkurrenz scheuen sie nicht. Der Druck des Mitbewerbers wird zum Anheben der eigenen Innovationskraft kanalisiert.

 

Rasender Wettbewerb diene letztlich auch dem Gemeinwohl, postulierte der Moralphilosoph und Urvater der Nationalökonomie Adam Smith. Ob diese These tatsächlich der Praxis standhält, ist Teil einer nunmehr 250 Jahre andauernden Kontroverse. Fakt ist dagegen, dass Wettbewerb schon immer die Innovationskraft stärkte. Der Ökonom John Maurice Clark beschreibt in seinem Wettbewerbsmodell, wie Unternehmen sich an die Spitze setzen und eine Vorreiterrolle einnehmen. Der Erfolg des Ersten ruft demnach Nachahmer auf den Plan. Von dieser Erkenntnis geht letztlich auch die „Evolutionäre Wettbewerbstheorie“ aus. Demnach müssen die Unternehmen ihre Produkte oder Dienstleistungen variieren, um den Bedürfnissen der Kunden zu entsprechen. Die Nachahmer leisten so gesehen einen wertvollen Dienst, weil sie einen ökonomischen Wettbewerbsprozess in Gang setzen, der technischen Fortschritt bringt. Das Rennen um den ersten Platz bringt letztendlich Wachstum – und verkaufen lässt sich ein Platz auf dem Siegertreppchen allemal besser.

 

Erfolgsfaktoren heimischer Europa- und Weltmarktführer

  • Innovationskraft
  • Technologieführerschaft
  • Mitarbeiterorientierung
  • Unternehmenskultur
  • Kundennähe
  • Diversifikation
  • Gesellschaftliche Verantwortung
  • Strategische Kooperation

Quelle: Haller, Schedl: Spitzenleistungen Made in Austria, Linde 2007

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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