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„Das muss alles verändern“

20.03.2017

Mit der entsprechenden Infrastruktur kommen die besten Köpfe, Innovationen und Welt­konzerne. Ohne sie sei Österreich dagegen mausetot. Wie Staatssekretär Harald Mahrer Österreich in die Liga der Innovationsführer katapultieren möchte, erklärt er im Interview. 

Ob es um die Digitalisierung, die Kreativwirtschaft oder Start-ups geht: Eine deiner zentralen Forderungen gilt immer der Innovation. Was verstehst du unter dem Schlagwort?
Kurz gesagt gestaltet Innovation, erschafft etwas Neues, das einen Nutzen stiftet, den es bislang nicht gegeben hat. Konkret geht es mir um Produkt- und Serviceinnovationen, aber auch um soziale Innovation. Also etwa um Lösungen für den Gesundheits-, den Bildungs- oder Pflegebereich.    

Hast du ein Beispiel für eine spannende Innovation?
Besonders interessant sind für mich Innovationen im Bereich der digitalen Bildung. Etwa die Idee von Flipped Classroom. Hier erklärt ein digitales Lernprogramm Inhalte, die dann im Klassenverbund gemeinsam geübt werden. Solche Konzepte werden eine enorme Auswirkung darauf haben, wie man Wissen vermittelt.

Wie aufnahmefähig ist denn das Bildungssystem in Österreich für solche Ansätze?
Die Lage ist gleich rückständig wie in allen anderen europäischen Ländern. Vorreiter im Bereich der Education Technology sind u. a. die asiatischen Länder. Dabei geht es aber nicht nur um Kinder, sondern auch um die Requalifikation von Arbeitnehmern, die durch die Digitalisierung nötig werden wird. Fest steht für mich, dass wir im Bildungsbereich zu den Topländern weltweit zählen müssen, wenn wir die Zukunft meistern wollen. 

Aktuell sind wir davon aber schmerzlich weit entfernt. Wie soll sich das ändern?
Wir haben etwa eine Bildungsinnovationsstiftung beschlossen, die jetzt gegründet und mit einem hochkarätigen internationalen Beirat besetzt wird. Wir haben ein Budget von 50 Mio. Euro für die ersten zwei Jahre und werden innovative Projekte fördern; Initiativen von Lehrern und Unternehmen, die neue Ansätze ausprobieren. 

Noch wichtiger als digitale Fähigkeiten wäre es, wenn die Kinder fehlerfrei lesen und schreiben könnten – und vielfach krankt es schon dort. 
Stimmt, das schließt sich allerdings nicht aus. Die Grundvoraussetzung sind natürlich Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen – aber ergänzt um digitale Kompetenzen. Mit der Bildungsreform haben wir einige Dinge beschlossen, um das sicherzustellen. Wichtig ist auch das verpflichtende zweite Kindergartenjahr, um die Sprachkenntnisse schon vor dem Schuleintritt zu fördern. Es gibt darüber hinaus einige Neuerungen im Schulbereich, wie die Schulautonomie, die hier positive Effekte zeigen werden. 

Die entsprechenden Mittel sind da?
Sie müssen da sein. Es gibt keine Alternative. Dazu brauchen wir aber auch eine Top-Infrastruktur. Deshalb haben wir gerade beschlossen, die 5G-Strategie zu beschleunigen. Wir benötigen eine flächendeckende Glasfaseranbindung für die Bildungseinrichtungen, aber natürlich auch für die Unternehmen. Wir müssen alles tun, um in die Gruppe der Innovationsführer zu kommen.

Wie sieht die Roadmap dafür aus?
Dafür brauchen wir die Gründer, die Spin-offs und die Social Entrepreneure, weil sie mit neuen Geschäftsideen eine Bugwelle der Veränderung in der Wirtschaft erzeugen. Wir müssen aber auch das innovative Denken der Kreativwirtschaft mit der Gründerszene vernetzen, was wir mit der Kreativwirtschaftsstrategie machen.  Dann braucht man ein offenes Innovationssystem, also haben wir die Open Innovationsstrategie erarbeitet. Und auch hier gilt wieder: Das alles braucht ein digitales Backbone, für dessen Ausbau wir eine Digitale Agenda erstellt haben. Alles, was ich hier mache, plus die Bildung, greift ineinander und zahlt auf das übergreifende Ziel ein, Österreich zum Innovationsführer zu machen.

Welche Rolle spielen dabei die klassischen KMU?
Sie spielen die zentrale Rolle, denn auch sie sind von der digitalen Veränderung maßgeblich betroffen. Überall entstehen wahnsinnig innovative Zukunftstechnologien, die bald Marktreife erreichen werden und die unsere Welt dramatisch verändern. Ich sage dir: Die letzten 20 Jahre waren nur der Gruß aus der Küche. Das Hauptmenü mit allen Gängen kommt erst. 

Können wir uns so fit für die Transformation machen, dass nicht allzu viele Unternehmen und Jobs verloren gehen?
Das ist eine der zentralen Aufgabenstellungen. Darum laufe ich auch überall herum und weise auf den Zeitfaktor hin. Wir können nicht einfach abwarten, was passiert. Es ist ein globaler Wettkampf mit allen Schattenseiten. Entscheidend wird die Frage sein, ob wir in der Gruppe der Länder sind, die die Potenziale nützen können. 

Wie schätzt du die Chancen dafür ein? 
Wir haben viele Menschen mit der Idee, das Land ganz nach vorne zu bringen, begeistert und ich spüre, dass ein Ruck da ist. Ich glaube wirklich, dass Österreich das schaffen kann. Aber dafür brauchen wir eine Art „Club der Freunde der Zukunft“, Menschen mit Mut, die an sich glauben, Vorteile sehen und gestalten wollen. 

Wer sind die möglichen Mitglieder in diesem Club?
Die gesamte Zivilgesellschaft, die im Bereich der sozialen Innovation arbeitet. Wichtig ist auch die Gruppe der Gründerinnen und Gründer, der Start-ups und der universitären Spin-offs. Sie alle befassen sich intensiv mit neuen Geschäftsmodellen und Herangehensweisen und verbinden Money und Meaning, also Geldverdienen und Sinnstiften. Mit ihrem tollen Spirit können sie auch die traditionelle Wirtschaft mitreißen. 

Welche Punkte des neuen Regierungsprogramms zahlen denn auf diese Entwicklung ein?
Zum Thema Innovation findet sich darin zum Beispiel die Sicherstellung der digitalen Grundlage. Wir optimieren unsere Breitbandstrategie und arbeiten daran, 5G Pilotland zu werden. Das ist ein großer Hebel, weil viele internationale Unternehmen nicht in große Länder gehen werden, um neue Geschäftsmodelle auszurollen, sondern in kleine. Viele Firmen brauchen einen Testmarkt, und wir haben optimale Voraussetzungen. Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, können zwischen 2020 und 2030 zwischen 30 und 40 Milliarden Euro zusätzliches BIP durch den 5G-Ausbau entstehen.

Wie viel müssen wir investieren, um dieses Netz aufzubauen?
Die Frage ist vor allem, wer investieren muss. Hauptsächlich werden es die Privaten sein. Die Republik wird aber bis 2020 das Volumen der Breitbandmilliarde verdoppeln. 

Wie soll die transformierte Wirtschaft Österreichs aussehen, wenn wir in die Gruppe der Innovationsführer aufschließen? 
Wir sind eine kleine exportorientierte Volkswirtschaft, die auf den internationalen Märkten mit genialen Produkten punkten muss. Wir werden mehr denn je gefordert sein, auf den Weltmärkten erfolgreich zu sein. Wir können uns nicht abkoppeln und Insel spielen, denn wir verdienen sechs von zehn Euro im Export. Wir müssen ein offener Handelsstandort sein. Wir müssen in die Zukunftsmärkte gehen. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere starken Branchen ihre Geschäftsmodelle noch zukunftsfähiger und datenorientierter machen. Lifescience, Pharma, Innovations- und Kreativwirtschaft, Greentec: Auf diese Themen müssen wir setzen.     

Aktuell nehmen eher protektionistische Entwicklungen zu.  
Der Protektionismus ist für ein exportorientiertes Land, wie wenn ich mir mit zwei Pumpguns gleichzeitig in die Knie schieße. Das ist einfach irre! Uns abzuschotten und einzumauern, zu glauben, wir können uns selbst genügen und das Wohlstandsniveau halten, ist völlig unrealistisch. Wir leben in einer zunehmend global vernetzen Welt, in der es im Jahr 2020 dreimal so viele vernetze Geräte und Sensoren geben wird wie Menschen. 2,5 Exabyte an Daten werden pro Tag generiert. Das entspricht der Datenmenge von 25.000 Universitätsbibliotheken. Und um die Größenordnung zu verdeutlichen: Alle von der Menschheit jemals gesprochenen Wörter in Textform würden etwa fünf Exabyte an Daten ausmachen. Das wird und muss alles verändern.

Ein Bereich, der hohes Innovationspotenzial bietet, ist die Nachhaltigkeit: Der geplante CSR-Aktionsplan ist allerdings gescheitert. Du arbeitest an einem Nachfolger unter dem Titel der gesellschaftlichen Innovation. Warum hat es Österreich nicht geschafft, diesen Plan aufzustellen? 
Verschiedene Stakeholdergruppen hatten den Wunsch, gesetzlich verbindliche Verpflichtungen einzuführen, und das hat zu Differenzen geführt. Ich bin der Ansicht, dass es selbstregulierend funktionieren sollte. Wir haben ja schon total überbordende Auflagen, und man sollte gesellschaftspolitisches Engagement nicht per Gesetz verordnen. Das lebt man, oder man tut es nicht. Was wir jetzt brauchen, ist eine Plattform, wo sich Social Entrepreneurs beteiligen können. Es sollen aber auch all jene andocken können, die sich zusätzlich zu ihren ökonomischen Tätigkeiten als Unternehmer engagieren wollen. Diese Player wollen wir zusammenbringen.

Und was soll diese Plattform tun?
Sie muss einen Netzwerkcharakter haben. Soziale Innovation funktioniert dann, wenn Ideen, die immer in sozialen Netzwerken entstehen, ins machtpolitische Zentrum geraten. Die neuen Ideen entstehen nämlich nicht in den bürokratischen Strukturen, die über Macht und Geld verfügen. Darum braucht es so eine Plattform.

Nur was bringt das den Unternehmern, die sich bereits mit großem Engagement für Ökologie und Mitarbeiter enga­gieren? Sollen sie speziell gefördert werden?
Ich meine, dass CSR-orientierte Unternehmer das aus einem Selbstverständnis heraus machen sollten, dafür muss man sie nicht belohnen. Sie haben dafür gesellschaftliche Anerkennung verdient. Aber wir wollen ihnen eine Möglichkeit bieten, ihr Wissen zu teilen und andere zu begeistern. Das Interesse, sich auszutauschen und Dinge gemeinsam zu machen, ist wirklich groß. Wir brauchen jetzt Macher, keine Quatschbuden.

Das politische Karussell dreht sich mitunter schnell. Was sind deine zwei wesentlichsten Baustellen, die du unbedingt auf Schiene haben willst?   
Ich will sicherstellen, dass wir im Bereich Forschung und Innovation eine ausreichende Langfristfinanzierung haben, um unsere Exzellenzprojekte auszustatten, die Österreich massiv voranbringen werden. Wir müssen dafür sorgen, dass der Brain Gain, den wir aktuell haben, weiter anhält. Österreich muss ein offener Hub in Europa werden, der für Spitzenforschung und Innovation bekannt ist. Und der zweite Punkt: Wenn wir keine top digitale Infrastruktur bekommen, sind wir in Zukunft mausetot. Dann können wir geordnet die Lichter abdrehen, uns weiße Leintücher umhängen und zum Zentralfriedhof gehen. 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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