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Schon bald muss man nicht einmal mehr zu Hause sein, wenn die Lieferung eintrifft. Dank Internet of Things kann der Zusteller einmal die Wohnung betreten.

Das Match um hungrige Kunden

28.02.2018

Fast alle Handelskonzerne liefern Lebensmittel direkt an die Haustür und schreiben damit rote Zahlen – noch. Doch warum steigt dann Amazon ein?

TEXT MARKUS MITTERMÜLLER

Noch ist es Zukunftsmusik: Ein Zusteller, der das Essen oder die Lebensmittel nicht nur bis an die Haustür, sondern direkt in den Kühlschrank liefert. Der Besteller muss dabei nicht einmal mehr selbst zuhause sein. Denn der Lieferant bekommt einen Einmalcode für die Eingangstür und kann so die Wohnung betreten. Möglich wird dies durch das Internet of Things. Nur der Zeitpunkt, wann sich diese Technologie auch hier durchsetzt, ist noch offen. Schon jetzt ist der Markt der Essenslieferanten stark umkämpft. Dienste wie Uber oder Amazon haben kürzlich den Lebensmittelhandel in Angriff genommen, die großen Lebensmittelkonzerne setzen schon länger auf eigene Lieferservices. Und das, obwohl sie damit rote Zahlen schreiben – was sich laut Experten auch nicht so schnell ändern wird.

ÖSTERREICHER SHOPPEN ONLINE

Insgesamt boomt der Onlinehandel aber. 60 Prozent geben laut einer Befragung von meinungsraum.at an, im Jahr 2016 zumindest einmal etwas online gekauft zu haben. Die Hitliste wird von Kleidung und Schuhen angeführt, gefolgt von Büchern und Reisen. Nicht groß ist dagegen die Begeisterung der Österreicher noch dafür, Lebensmittel im Netz zu kaufen. Nur rund vier von zehn Befragten nutzen diese Möglichkeit. Damit ist das Potenzial aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Zuwachszahlen untermauern diese Aussage. So hat der Onlineshop der Lebensmittelkette Billa von 2015 auf 2016 ein Umsatzplus von 160 Prozent erzielt. „Wir sind mit den Entwicklungen unseres Onlineshops sehr zufrieden“, betont Paul Pöttschacher, Pressesprecher der Rewe International AG. Den Shop mit seinem heutigen Konzept gibt es seit 2013. Dafür hat Billa bereits 2012 eine eigene E-Commerce-Abteilung eingerichtet, die den Onlinehandel mit Lebensmitteln als ganzheitliche Strategie umsetzt. „Der Großteil der Bestellungen wird von Privatkunden aufgegeben. Aber wir beobachten, dass auch immer mehr Firmen, Schulen oder Kindergärten ihren Lebensmitteleinkauf online abwickeln“, so Pöttschacher. Das Potenzial ist groß: Zählt man die zur Rewe International AG gehörenden Handelsfirmen Billa, Merkur und Bipa zusammen, so liegt der Umsatz im Onlinehandel im Jahr 2016 bei 30 Millionen Euro.

REWE BAUT SERVICE AUS

Bis auf Hofer setzen seit September des vergangenen Jahres alle großen Lebensmitteleinzelhändler auf einen Onlineshop. Billa und Unimarkt liefern österreichweit, Spar nur in Wien, Merkur zudem in mehrere Gemeinden im Umland der Hauptstadt. „Aufgrund der steigenden Nachfrage bei Merkur arbeiten wir daher gerade daran, sowohl das Onlinesortiment als auch die Liefergebiete weiter auszubauen. Die Anzahl der Auslieferungszentren wurde bereits auf drei erhöht, und für 2018 ist eine Ausweitung des Liefergebietes auf die Regionen Graz und Linz geplant“, so der Konzernsprecher. Gratis ist das Service jedoch nicht. Bei allen Shops gibt es einen Mindestbestellwert, und auch Lieferkosten – in der Regel zwischen 3,90 und 9,90 Euro – sind zu bezahlen.

In England wurden sämtliche Gebühren bereits abgeschafft. Österreich hinkt hier Jahre hinterher.

LIEFERUNG OPTIMIEREN

„In England wurden sämtliche Gebühren bereits abgeschafft. Österreich hinkt hier Jahre hinterher.“ Mathematiker und Optimierungsexperte Philipp Hungerländer muss es wissen. Mit einem Team von Wissenschaftlern der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt konnte er die Effizienz der Auslieferungsrouten für eine globale Handelsmarke in England um bis zu zehn Prozent steigern. „Dort wird das Zustellservice auch viel stärker von den Kunden angenommen“, so Hungerländer. Das von seinem Team entwickelte Optimierungstool errechnet schnell, wie sich zusätzliche Bestellungen auf die optimale Route auswirken und erstellt adaptierte Zustellpläne. Entscheidend dabei ist auch, dass sich die Kunden ein Zeitfenster von einer halben Stunde aussuchen können, in dem die Lebensmittel dann zugestellt werden. „Langfristig wird es auch in Österreich möglich sein, den Kunden genaue Lieferzeiten anbieten zu können“, ist der Mathematiker überzeugt. Die großen Lebensmittelhändler setzen dafür auf einen hauseigenen Lieferservice. Das wird laut Hungerländer auch so bleiben: „Das Service muss nicht nur bei der Logistik, sondern auch bei der Übergabe des Essens passen. Daher werden hier keine Drittanbieter zum Zug kommen.“

UBEREATS STEIGT IN WIEN EIN

Anders verhält es sich bei jenen Essenszustellern, deren Siegeszug mit der klassischen Pizzalieferung in den 1980er Jahren begonnen hat. Hier liefern viele Restaurants nicht mehr selbst, sondern kooperieren mit neuen Zustellservices. Wien ist die erste und bislang einzige deutschsprachige Stadt, in der UberEATS, der Zustelldienst von Uber, gestartet ist. „Mit UberEATS bieten wir eine innovative On-Demand Essensliefer-App auf Basis der Uber-Technologie“, erklärt Luisa Elster, Sprecherin von UberEATS. Bisher stellt Uber weltweit in 55 Städten Essen von mehr als 10.000 Restaurant- Partnern zu. Bestellt wird mittels einer App am Handy, die Abrechnung läuft im Hintergrund über Kreditkarte und PayPal. Als Kuriere werden Profiboten oder Studenten eingesetzt, die derzeit meist mit dem Fahrrad unterwegs sind. „Wir konnten in knapp einem Jahr das Angebot in Wien auf über 200 Restaurants ausweiten und die Lieferzeit von rund 40 Minuten auf 31 Minuten reduzieren. Unser Liefergebiet haben wir seit unserem Start um 80 Prozent vergrößert, unser Kundenstamm hat sich allein in den letzten drei Monaten verdreifacht“, berichtet Elster.

BESTELLPLATTFORMEN BOOMEN

Mit Amazon steht auch schon der nächste Gigant vor der Tür, um in dieser Branche mitzumischen. Seit ein paar Monaten liefert der Konzern aus Seattle Essen in deutsche Haushalte in Berlin oder auch Hamburg, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Amazon Fresh auch in Österreich startet. In der Zwischenzeit matchen sich auch Bestellplattformen wie Mjam, Foodora oder Lieferservice. at um die hungrigen Kunden. Lieferservice.at liefert derzeit bis auf wenige Ausnahmen nicht selbst, sondern vermittelt zwischen Kunden und Restaurants und erhält dafür rund zehn Prozent des Bestellumsatzes. Seit Beginn des Jahres bietet das Unternehmen auch ein Logistikservice für Restaurants an, welche über keine eigene Liefermöglichkeit verfügen. Prominente Partner sind hier Vapiano, Nordsee oder auch Türkis.

Gegen den Strom schwimmt derzeit die Hofer KG. Der Konzern liefert einzelne Artikel, aber keine Lebensmittel. „Wir sind davon überzeugt, dass das stationäre Geschäft im Lebensmittelhandel weiterhin bestehen bleiben wird. Denn gerade bei frischen Produkten spielt das reale Einkaufserlebnis eine große Rolle für die Kaufentscheidung“, heißt es aus dem Konzern. Ob Hofer damit auf das richtige Pferd setzt, wird sich bald herausstellen.

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