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Das Geschäft mit der Liebe

23.11.2017

Es eröffnet sich ein Markt für Liebesangebote, die ihren Namen auch verdienen. Die Liebe wird zu einem Businessmodell, das weiblich geprägt ist. „Liebeskultur statt Porno“ ist das Credo der Anbieterinnen.

Nacktheit findet bei Veronika Lamprechts Liebes- Retreats am Zimmer statt, nicht in der Gruppe

TEXT: HARALD KOISSER

Wenn man vom „Geschäft mit der Liebe“ liest, meint man schon zu wissen, was da kommt. Zu lange wurden die Begriffe „Liebe“ und „Erotik“ vom Porno-Business missbraucht, um damit Umsätze von jährlich acht Milliarden Dollar allein in den USA und rund einer Milliarde Euro pro Jahr im deutschsprachigen Raum zu generieren. Kaum war das erste Kino in New York eröffnet, entstand 1896 auch schon der erste Pornofilm. Und mit der Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg im 15. Jahrhundert wurde als Erstes nicht etwa die Bibel reproduziert, sondern erotische Kupferstiche samt schlüpfriger Texte.

Auch wenn die Pornografie mit ihrer Darstellungsästhetik längst auch die alltägliche Werbung durchdringt, hat sich – unmerklich, aber beständig – ein Markt für das Geschäft mit der wahren Liebe entwickelt; mit Liebe, wie sie eigentlich gemeint ist: als eine lebendige, intime Verbindung zwischen zwei Menschen. Dieser Markt geht mittlerweile weit über Kitschromane, Ratgeberliteratur und Psychotherapie hinaus. Und er scheint, im Unterschied zur männlichen Pornografie, weiblich geprägt, sowohl was die Anbieterinnen als auch die Zielgruppe betrifft.

Wenn die junge Köchin Claudia Hochreiter ihre „Gemüseromanze“ anbietet, kommen Paare, um köstlich zu speisen – gespickt mit aphrodisierenden Kräutern und Gewürzen aus den Schätzen der wilden Natur. Aber nicht nur. Das Augenmerk wird auf kuschelige Speiseplätze für die Paare – in sommerlichen Gärten oder romantisch gestylten Räumen – gelegt. Dann wird nach jedem Gericht auch eine Übung serviert, die achtsame und tiefe Begegnung ermöglicht. Das Abendessen dient also dem sinnlichen Genuss und soll einen Entwicklungsraum für die Beziehung darstellen.

KONTAKT ZUR NATUR ANSTATT SCHMUDDELKRAM

Herrlich kochen kann auch Thomas Hofer. Er war Chef de Cuisine im Steirereck. Jetzt verwöhnt er Liebespaare im Hotel Bergergut. Liebe geht durch den Magen, aber nicht nur. Seit 30 Jahren ist das Hotel Bergergut auf die Betreuung von Liebenden spezialisiert – von „frisch Verliebten bis zu routiniert Verliebten“, wie Eva-Maria Pürmayer scherzt. Sie hat das Hotel vor kurzem übernommen und macht mit großer Konsequenz weiter. „Damals, als meine Eltern mit dem Liebeshotel begonnen haben, gab’s Naserümpfen – vom Pfarrer bis zu den Einheimischen“, und nach einer Pause setzt sie hinzu: „Aber auch heute noch braucht es Mut, das anzubieten.“ Mut für Liebe? „Seid ihr das Sexhotel?“, wird sie immer noch gefragt. Das Problem ist wohl eher, dass das Schmuddelige im Kopf die Wahrnehmung dominiert. „Wenn die Leute erst einmal da sind, ist eh alles klar“, sagt sie. Ganz neu im Programm sind etwa „Love Walks“. Dabei werden Paare eingeladen, unter kundiger Führung in die Natur hinauszugehen und dort Kontakt mit der Natur und den eigenen Sinneswahrnehmungen aufzunehmen. Den Wind spüren, die Sonne auf der Haut, das Rauschen der Blätter im Ohr. „Das Wahrnehmen der Natur ist eine gute Schulung der Sinne, und wache Sinne beleben die Zweisamkeit“, schwärmt Pürmayer. Und: „Ja, wir wollen mehr sein als ein Hotel. Die Menschen sehnen sich nach einem nachhaltigen Liebesleben. Wir geben Impulse dafür.“ Männer stellen skeptische Fragen zu den neuen Love Walks, die Frauen buchen sie. „Aktivitäten in der Natur haben wir immer schon gerne gemacht. Aber wie viel Kraft wir auch für unsere Beziehung aus der Natur holen können, das war neu für mich“, notierte Werner aus Salzburg im Gästebuch. Für Männer gibt es auch leicht buchbare Angebote am Bergergut. Man kann sich nette Autos für romantische Ausfahrten ausborgen.

Veronika Lamprecht, Schloss Eschelberg „Viele Paare sehnen sich nach Liebeskultur statt nach Porno“

Das Bergergut versammelt seine Angebote unter dem Begriff „Loveness“, Veronika Victoria Lamprecht würde eher von „Liebeskultur“ sprechen. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die Initiative „Liebeskultur“ gegründet und bietet „Liebes-Retreats“ für Paare an. Eine Woche lang geht es nur um das eine – um die Beziehung. Während im Hotel Bergergut die Liebe als Urlaubspackage verfügbar ist, geht es im Schloss Eschelberg, wo die „Liebeskultur“ beheimatet ist, unmissverständlich um die Beziehungspflege. Gesprächsrunden, Übungen, auch intimer Natur. „Nacktheit findet am Zimmer statt, nicht in der Gruppe“, betont Lamprecht. Anregungen für eine gelingende Sexualität gibt es durchaus, und sie sind weit tiefgründiger als banale Stellungstechniken. „Innigkeit lebt von Verlangsamung“, sagt Lamprecht, „drosselt man das Tempo, wird die Vereinigung zu Meditation.“ Man erfährt beim Liebes-Retreat etwas über Männer und Frauen, was man gerne schon in der Pubertät gewusst hätte: dass Energieströme und hormonelle Beschaffenheit unterschiedlich sind und wie man damit umgeht; ebenso gibt es dienliche Impulse zu Gesprächstechniken, denn das Miteinander-Reden gehört zur Liebe. Finden die Frauen. Auch bei den Liebes-Retreats mit dem vielversprechenden Titel „Paradise Now“ kommen Interesse und Buchungen zuerst einmal von den Frauen.

WEIBLICHE LIEBESKULTUR

„Es geht darum, die Intimität lebendig zu halten. Viele Paare sehnen sich daher nach Liebeskultur statt nach Porno“, bemerkt Veronika Lamprecht, wobei der männlich getriebene Porno nicht gleich verschwinden wird, aber die sinnliche und eher weibliche Liebeskultur hinzukommt. Es eröffnet sich ein Markt für Liebesangebote, die ihren Namen auch verdienen. Die von allen geschätzte Liebe wird zu einem Businessmodell. „Wir brauchen mehr Kultur in unserer Liebe und mehr Liebe in unserer Kultur“, sagt Veronika Lamprecht, und eine neue weiblich geprägte, sinnlichere Ökonomie ist für sie die längst überfällige Ergänzung zum bisherigen Lebens-, Liebes- und Wirtschaftsverständnis.

Autor/in:
Harald Koisser
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