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Die Biene: Neues Testimonial, das vor dem großen Sterben warnt

Das Ende der Vielfalt

12.03.2020

Tag für Tag verschwinden Tier und Pflanzenarten – unwiederbringlich. Eine Tatsache, die neben dem Klimawandel unterzugehen droht. Dabei hängen beide Phänomene direkt zusammen, und das Massensterben könnte der Menschheit sogar noch wesentlich schneller zum Verhängnis werden. Eine Bestandsauf­nahme mit wenigen Lichtblicken.

Das Thema Artensterben ist nicht neu. Bereits seit Jahren warnen Biologen und NGOs davor, dass der Mensch den Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen zerstört und damit ihre Ausrottung bewirkt. Man kennt die Sujets mit Löwen, Elefanten und seit Beginn der Klimakrise auch immer öfter mit Polarbären, denen das Eis unter den Tatzen wegschmilzt. Es sind Bilder mit Strahlkraft, die von eindrucksvollen Spezies erzählen, die uns faszinieren und deren Verschwinden breite Massen bedauern würden. Wenn es um Insekten geht, fallen die Empathiewerte dagegen rasch in den Keller. Ein Fehler, denn ihre Existenz ist mit jener der Menschen viel enger verbunden, als manchem bewusst sein mag. Und gerade um sie steht es so richtig schlecht. Deswegen ist ein neues Testimonial aufgetaucht, das vor dem großen Sterben warnt: die ­Biene. Wenn sie verschwindet, hat in vier Jahren auch das letzte Stündchen des Menschen geschlagen, soll schon Albert ­Einstein gemahnt haben. 

VON HAND BESTÄUBT: Wie real dieses Szenario geworden ist, zeigen Bilder aus China, wo die Biene in manchen Regionen bereits vollständig ausgerottet wurde. Die Lösung der Volksrepublik: Nun bestäuben Menschen Obstbäume von Hand mit kleinen Pinseln, dafür im großen Stil. Dass sie im Vergleich zu den fleißigen Insekten nur eine klägliche Performance abliefern, wird niemanden überraschen. So dürftig die Methode auch sein mag, womöglich wird man schon bald auch in Südengland sowie in Kalifornien auf sie zurückgreifen müssen. Auch dort gibt es in manchen Regionen kaum noch heimische Bienen. Ein Manko, das bislang von Großimkereien ausgeglichen werden konnte, die unzählige Völker in die Plantagen brachten. Ein System, das nun ebenfalls an seine Grenzen stößt. Der Stress beim Transport sowie massenhaft Pestizide in den Monokulturen setzen den Bienen zu. Immer mehr Völker sterben im industrialisierten Prozess, dessen Teil sie unfreiwillig geworden sind.

Nicht nur die domestizierten Honigbienen spielen nicht mehr mit. Auch die Zahl der Wildbienen geht erschreckend rasch zurück. Ihr Sterben wirkt sich noch fataler aus. Eine domestizierte Honigbiene fliegt pro Tag bis zu 30-mal aus und besucht 200 bis 300 Blüten pro Flug. Ein Klacks verglichen mit der Bestäubungsleistung von Wildbienen, die pro Tag bis zu 5.000 Blüten schaffen. Selbst ein noch so motivierter chinesischer Arbeiter käme niemals auf eine vergleichbare Zahl. Genau wie die Bienen, die aus manchen Landstrichen verschwunden sind und deren Fehlen den Kreislauf von Befruchtung, Wachsen und Gedeihen unterbricht, wurden auch viele andere Insekten ausgerottet. Fliegen, Käfer, Wespen, Schmetterlinge sowie Motten sind ebenfalls an der Bestäubung maßgeblich beteiligt. Und auch sie werden immer weniger.

KEINE INSEKTEN, KEINE ERNTE

Die Folge sind Ernteeinbußen. Natürlich müssen nicht alle Pflanzen von Insekten bestäubt werden, es gibt auch Arten, die auf die Bestäubung durch den Wind eingestellt sind. Doch sie sind die verschwindende Minderheit. Von den 107 weltweit am häufigsten angebauten Kulturpflanzen werden 91 von Insekten bestäubt. Der Mensch ist also auf bestäubende Insekten angewiesen. Schätzungen von Umweltschutzorganisationen zufolge würde ein Totalverlust an Bestäubern zu Ernteeinbrüchen von bis zu 90 Prozent führen. Die Welternährung würde zusammenbrechen. Der Tod von Milliarden Menschen wäre die unweigerliche Folge. Einstein könnte also recht behalten.

TRAURIGE FAKTEN

Doch wie weit ist der Exodus in Tier- und Pflanzenwelt fortgeschritten? Stehen wir vielleicht schon mit einem Fuß im Grab, ohne es zu ahnen? Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, und sie sind beängstigend. Der Mensch und seine Schlachttiere machen mittlerweile 97 Prozent des Gewichts der auf dem Lande laufenden Wirbeltiere aus. Was bedeutet, dass Wildtiere auf drei Prozent dezimiert worden sind. Auch der Anteil der Fluginsekten alleine in Europa hat sich um 75 % reduziert. Die Zahl der Amphibien sank weltweit um 41 %, die der Vögel um 13 %. Ein Teufelskreis in sich: Denn wenn Insektenarten aussterben, sterben mit ihnen auch Amphibien und Vögel, deren Nahrung sie sind. Ähnliche dramatische Zahlen wie an Land zeigen sich auch beim Leben im Meer. Seit dem späten 19. Jahrhundert ist rund die Hälfte aller Korallenriffe verschwunden. Nicht übersehen werden darf neben der Tierwelt der Rückgang der Flora. Bereits 30 % der bekannten Nadelbaumarten sind von der Erde verschwunden. Vor allem die letzten 50 Jahre haben der Artenvielfalt massiv zugesetzt.

HOTSPOTS DES STERBENS: Besonders stark vom Artensterben sind jene Regionen betroffen, die vormals eine besonders hohe Vielfalt hatten. Während etwa in unseren Wäldern zehn Baumarten bestimmend sind, gibt es in Costa Rica Gebiete, die auf einem Quadratkilometer 10.000 Baumarten verzeichnen. Werden dort ganze Wälder abgeholzt oder gerodet, geht eine enorme Zahl an Arten verloren, deren Bedeutung für das globale Ökosystem noch vielfach unbekannt ist und deren Arten noch nicht einmal erfasst worden sind. Wissenschaftler gehen davon aus, dass aktuell erst zehn Prozent der Pflanzen- und Tierarten bekannt sind. Die traurige Erkenntnis: Der Mensch rottet die Arten also schneller aus, als er sie erforschen kann. Eine Entwicklung, die auch den Klimawandel beschleunigt.  

VIELFALT SCHÜTZT VOR KLIMAWANDEL: Denn der Planet braucht Wälder, die Heimat der meisten Arten, gerade dringender denn je, um Kohlenstoff zu binden. Weniger Wald bedingt dagegen höhere Temperaturen. Diese wirken sich wiederum negativ auf Pflanzen und Tiere aus und beschleunigen das Artensterben. Ein weiterer Teufelskreis, der kein Ende zu nehmen scheint. Zwischen 1980 und dem Jahr 2000 wurden 100 Millionen Hektar tropischer Regenwald abgeholzt – weitere 32 Millionen Hektar allein zwischen 2010 und 2015, was circa viermal der Fläche Österreichs entspricht. Eine Entwicklung, die sich auch im abgelaufenen Jahr fortgesetzt hat. 

RED ALERT: Der Verlust des Waldes spiegelt sich beinahe direkt in der Roten Liste der vom Aussterben gefährdeten Tier- und Pflanzenarten der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN). Auch sie wird 2020 wieder länger werden. Die 2007 veröffentlichte Ausgabe der IUCN enthielt 16.308 bedrohte Arten. In ihrer aktuellen Roten Liste hat die Weltnaturschutzunion im Dezember 2019 insgesamt 30.178 Tier- und Pflanzenarten als bedroht aufgeführt. Und jeden Tag sterben weitere Arten dieser Roten Liste aus. Laut einem Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) sind eine Million Arten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht – wenn es zu keinen grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung, beim Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels kommt. Wohlgemerkt, wenn. Um abschätzen zu können, ob und wie realistisch echte Veränderungen im System sind, lohnt es sich, die Ursachen näher unter die Lupe zu nehmen.

WIE IST DAS PASSIERT? Auch wenn es uns nicht gefällt: Schuld sind keine Vulkanausbrüche oder Asteroideneinschläge, sondern der Mensch. „Das Insektensterben ist in unseren Breiten in erster Linie synonym mit dem ‚Sterben‘ historisch gewachsener Lebensräume in der Kulturlandschaft, vor allem infolge intensiver Landwirtschaft, Flächenfraß und chemischer Immissionen. Außerdem schlägt im Hochgebirge die globale Erwärmung zu“, bringt es Andreas Segerer, Biodiversitätsforscher an der Zoologischen Staatssammlung München auf den Punkt. Dass der Mensch zu einem der wichtigsten Einfluss­faktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist, hat dazu geführt, dass Wissenschaftler sogar eine neue geochronologische Epoche nach ihm benannt haben: das Anthropozän. Dass der Mensch just im Zeitalter, da er die Erde am wesentlichsten beeinflusst, seine eigene Lebensgrundlage zerstört, wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte. Doch auch wenn die Entwicklung der gesamten Menschheit zum Verhängnis wird, könnten einzelne Player durchaus zur Verbesserung der Lage beitragen. Wer nach konkreten Möglichkeiten sucht, wird rasch bei der industriellen Landwirtschaft, den Konsumenten und der Politik fündig. Wem das auch noch zu vage ist, kann Aspekte wie Monokulturen, den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, die Zersiedelung von Landschaften, Überfischung, Jagd, Abholzung oder das Einbringen fremder Arten in Ökosysteme anprangern. Allesamt komplexe Variablen, die nach beherzten Maßnahmen verlangen. Doch eine sticht besonders heraus: Pestizide. 

WARUM IMMER MEHR ARTEN VERSCHWINDEN: Denn laut Experten, wie dem Professor für Natur- und Umweltschutz an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, Rainer Luick, hat vor allem der massive Einsatz von Neonicotioniden den Rückgang der Insekten enorm beschleunigt. Sie bilden den Ausgangspunkt der gesamten Kettenreaktion. Doch was ist passiert? Rund um das Jahr 1990 wurden Neonicotionide zugelassen. Mit diesen hochwirksamen Insektiziden wurden daraufhin in den USA, aber auch in Europa, England und Japan mit enormen Mengen gegen alles vorgegangen, was kreucht und fleucht. Derzeit liegen zwar keine aktuellen, detaillierten Statistiken über den Verbrauch von Neonicotinoiden in der EU vor. Angaben von Eurostat, die sich auf das Jahr 2003 beziehen, beziffern das ausgebrachte Wirkstoffgewicht aber auf 550 Tonnen, was einem Anteil von sieben Prozent am Gesamtinsektizidverbrauch entsprach. Um zu verdeutlichen, wie viel Gift das ist: Ein einziger Teelöffel reicht, um eine Milliarde Bienen zu töten. Dass sich der permanente Einsatz solcher Massenvernichtungswaffen nachhaltig auswirkt, darf nicht wirklich verwundern. In der EU dürfen mittlerweile drei Neo­nicotinoide im Freiland nicht mehr verwendet werden. Zumindest ein kleiner Teilerfolg. Gibt es also vielleicht Regionen, wo bereits ein echtes Umdenken stattgefunden hat, wo die Umwelt noch in Ordnung ist? Wenn ja, dann ist Österreich keine dieser Inseln der Seligen.   

ROT-WEISS-ROTES ARTENSTERBEN: „Die Artenvielfalt in Österreich nimmt drastisch ab“, meldete etwa die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erst Ende Februar. Österreich sei zwar eines der artenreichsten Länder Mitteleuropas. Fast 3.000 Pflanzenarten und 54.000 Tierarten, davon allein 40.000 Insekten, bevölkern das Land. Doch die Biodiversität schwindet dramatisch. „In 20 Jahren sind beispielsweise 42 Prozent der Brutvögel in der heimischen Kulturlandschaft verlorengegangen, jede dritte Art steht auf der Roten Liste“, stellt Christian Sturmbauer, Zoologe an der Universität Graz und Mitglied der Kommission für Interdisziplinäre ökologische Studien der ÖAW, fest. Dass es um die heimische Natur nicht gut steht, muss auch Franz Maier, Präsident des Umweltdachverbands bestätigen: 82 % aller Arten sowie 79 % der Lebensräume der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen sind in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Und für den Umweltexperten steht fest: „Die derzeitigen Zielsetzungen, Strategien und Gegenmaßnahmen reichen bei Weitem nicht aus, um Österreichs Biodiversität für die nächsten Generationen zu erhalten.“ Erschwerend kommt aus seiner Sicht zur dramatischen Ausgangslage hinzu, dass die Krise weitgehend unbemerkt bleibt. Während die Zerstörung des Amazonasregenwaldes oder die Brände in Aus­tralien wahrgenommen werden, verursacht die Biodiversitätskrise, die auch bei uns um sich greift, keinen echten Aufschrei. Schlicht, weil sie noch nicht so stark spürbar ist. Das sei beim Klima anders, meint Maier. Hitzeperioden mit Tropennächten werden von der breiten Bevölkerung bereits wahrgenommen. Soweit sei es bei der Biodiversitätskrise noch nicht. Zumindest nicht in Österreich. Doch das sei laut Maier kein Verdienst der Politik oder der Bevölkerung. Vielmehr hätten wir das der naturräumlichen Ausstattung Österreichs mit seinen Alpen zu verdanken. Doch auch ohne großen gesellschaftlichen Aufschrei dürfe man beim Artenschutz laut dem Verband dem Sterben nicht länger tatenlos zusehen.  

POLITIK GEGEN DAS MASSENSTERBEN: Womit der Ball bei der Politik liegt, wo er nur zögerlich ins Rollen kommt. Denn auch wenn es auf europäischer Ebene ein Biodiversitätsziel 2020 gab, mit dem der Artenverlust gestoppt werden sollte, ist vergleichsweise wenig passiert. Mittels neuer Fristen, Maßnahmen und Programme werden die Ziele vielmehr immer wieder in die Zukunft verschoben. So auch im österreichischen Regierungsprogramm. Doch vielleicht kommt nun mehr Bewegung ins System. Eine Neuauflage der kürzlich ausgelaufenen nationalen Biodiversitätsstrategie ist gerade in Ausarbeitung. Hoffnung macht nun ein eigener Fonds, der zur Umsetzung der Maßnahmen geschaffen werden soll. Doch sei noch nicht näher angegebenen, wann er bereitstehen und wie hoch er dotiert sein wird, erklärt Franz Maier. Doch gerade das sei ein zentraler Punkt. Denn so gut eine Strategie auch sein mag, ohne konkrete Förderprogramme, Renaturierungsmaßnahmen und das Management von Schutzzonen, kann sie nur wenig erreichen. Es scheint also nicht nur an Aufmerksamkeit, sondern auch an Mitteln zu fehlen. Ein Beispiel dafür sind laut Maier auch die Europaschutzgebiete, die das Ziel verfolgen, natürliche Lebensräume dauerhaft zu sichern. Auch sie werden nicht ausreichend gemanagt und selbst wenn, können solche Schutzinseln die gesamte Entwicklung nicht stoppen. 

UMWELTSCHUTZ UND FÖRDERUNGEN VERBINDEN

Denn wesentlicher Haupttreiber ist nach wie vor die Flächennutzung insgesamt. Womit die Agrarpolitik in den Fokus rückt. Die sogenannte Gemeinsame Agrarpolitik (kurz GAP) der EU ist mit rund 40 Prozent des EU-Haushalts, knapp 60 Milliarden Euro jährlich, noch immer der finanziell am besten ausgestattete Bereich. Dass nun im Gegenzug zu Förderungen Umwelt- und Naturschutzziele eingehalten werden müssen, scheint naheliegend zu sein. Tatsache ist aber laut Global 2000, dass bislang 70 Prozent der EU-Gelder pro Hektar ohne weitreichende Auflagen ausgegeben werden. Es gilt Masse vor Klasse: Wer viel Land bewirtschaftet, bekommt auch viel Geld. Wobei erwähnt werden muss, dass eine zweite Säule die ländliche Entwicklung, den Ökolandbau sowie Umweltmaßnahmen unterstützt. Dass nun für die nächste Förderperiode eine stärkere Fokussierung auf Artenschutzmaßnahmen erfolgt, ist wenig überraschend eine zentrale Forderung vieler NGOs. Eine Rolle dürfte dabei spielen, dass sich die EU zu internationalen Zielen für den Klimaschutz und die Biodiversität verpflichtet hat. Die Agrarpolitik wurde darauf allerdings noch nicht ausgerichtet. Ohne weitreichende Reformen würde die EU die internationalen Ziele verfehlen. Es wäre also durchaus im Sinne der Union, die Weichen zu stellen. Steht der Rahmen der EU, werden von den Staaten entsprechende Programme ausgearbeitet. Solche Programme gab es allerdings schon bislang, und sie waren nicht ausreichend, moniert Franz Maier. Es hätten Anreize gefehlt, damit sich die Landwirtschaft von der Intensivwirtschaft wegentwickeln könne. „Wenn man auf Dünger verzichtet, muss es sich rechnen, sonst macht es keiner“, meint der Präsident des Umweltdachverbandes. Rasche Rettung ist also auch nicht aus Brüssel zu erwarten. 

DIE UNTERSCHÄTZTE BEDROHUNG: Eine Analyse des Stockholm Resilience Centre zu den ökologischen Grenzen der Erde zeigt eindeutig: Das Artensterben ist noch weit gefährlicher als der Klimawandel. Dennoch ist die Aufmerksamkeit für das Thema vergleichsweise gering. „Es gibt zu wenig Diskussionen“, ärgert sich auch der international anerkannte CSR-Stratege, Vordenker und Autor Prof. René Schmidpeter: „Man reduziert das Thema auf Bienen, Roundup und Monsanto. Also auf Bereiche, wo man Feindbilder schaffen kann.“ Doch insgesamt fehle das Bewusstsein der Dringlichkeit. „Vielleicht ist es bereits fünf nach zwölf, und wir haben es noch nicht gemerkt“, meint der Experte und warnt vor allem die Nahrungsmittelindustrie vor Scheuklappen. Sie könnte schon bald vor ähnlichen Herausforderungen wie die Autoindustrie stehen. Auch weil sie extrem viel CO₂ produziert, könne die Stimmung rasch kippen. 

WAS GETAN WERDEN KÖNNTE: Zugegeben: Ausgestorbene Arten wird man nicht zurückbringen können. Doch Schadensbegrenzung sollte immer noch möglich sein. So komplex die Zusammenhänge auch sind, so simpel und logisch sind gewisse Maßnahmen, die rasch zumindest ein wenig Abhilfe schaffen können. Sie beginnen etwa bei der Renaturierung von Fließgewässern. Aktuell gibt es allein in Österreich über 33.000 Querbauwerke in den Flüssen, die die Durchgängigkeit behindern. Zudem könnte die Landwirtschaft insgesamt wesentlich insektenfreundlicher gestaltet werden. Wird etwa der Saum neben den Feldern erhalten, bietet er Lebensraum für zahlreiche Insekten, die wiederum Schädlinge fressen würden, wodurch weniger Pestizide benötigt werden. Eine wesentliche Rolle im Kreislauf der Natur spielen laut Biologen auch Tierexkremente und Aas, die Nahrung und Lebensraum für viele Arten bieten, aber immer öfter entfernt werden. Wichtig wäre auch die Schaffung von Korridoren zwischen landwirtschaftlichen Flächen. Abgesehen von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie könnten auch die Konsumenten ihren Teil beitragen und weniger Fleisch essen. Denn um den stetig steigenden Fleischkonsum decken zu können, werden enorme Landflächen benötigt. Einerseits für Schlachtvieh, andererseits für Futter. Genauso wichtig wäre laut Umweltorganisationen auch eine Ausweitung von Zonen im Meer, die nicht befischt werden dürfen.

WAS WIRKLICH GETAN WIRD: Ob die drastischen Bilder von Eisbären und sterbenden Bienen, oder die Fakten und Zahlen für ein Umdenken samt entsprechenden Maßnahmen sorgen werden, ist fraglich. So paradox es klingen mag: Vielleicht naht sogar Abhilfe vonseite der Lebensmittelindustrie selbst. Gründe genug wären vorhanden, wenn man bedenkt, dass alleine der Verlust von Bestäuberinsekten die Nahrungsmittelproduktion im Wert von bis zu 577 Milliarden Dollar pro Jahr bedroht. Eine Zahl, die zukünftig noch steigen könnte, da allein in den letzten 50 Jahren der Anbau bestäuberabhängiger Kulturpflanzen weltweit um mehr als 300 Prozent zugenommen hat. Wer an den Homo oeconomicus glaubt, der sich an wirtschaftlichen Zielen orientiert, darf also hoffen. Sonst landen wir am Ende vielleicht auch schon bald auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Willkommen im Anthropozän.

 

KLIMAZIELE DER EU
• Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 40 % gegenüber 1990 sinken. 
• Der Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen soll sich auf mindestens 32 % erhöhen.
• Die Energieeffizienz soll um mindestens 32,5 % gesteigert werden

 

ARTENSTERBEN IN ZAHLEN

● Eine Million der acht Millionen Tier- und Pflanzenarten droht zu verschwinden
● 85 Prozent der globalen Feuchtgebiete sind bereits zerstört
● Seit dem späten 19. Jahrhundert ist rund die Hälfte aller Korallenriffe verschwunden
● Neun Prozent aller Nutztierrassen sind ausgestorben
● 23 Prozent der Landfläche des Planeten gelten als ökologisch heruntergewirt­schaftet 
● Durch die Zerstörung von Küstengebieten wie Mangrovenwäldern ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet
● Jede dritte Art in Österreich steht bereits auf der Roten Liste
● Mehr als 30.000 Tier- und Pflanzenarten sind global vom Aussterben bedroht 

 

ARTENVIELFALT - WAS UNTERNEHMEN TUN KÖNNEN

Rund um das Firmengebäude:
● Trockenmauern anlegen, Steinhaufen errichten 
● Einheimische Bäume und Hecken pflanzen  
● Randstreifen, Freiflächen oder Wiesen mit Wildblumensaat einsäen
● Bürofassaden und Dächer begrünen 
● Parkflächen entsiegeln und naturnah anlegen 
● Versickerungsmulden anlegen 
● Nistmöglichkeiten für Insekten und Vögel aufstellen 
● Wasserflächen anlegen, Niederschlagswasser nützen 

Maßnahmen für Firmen ohne eigenen Standort:
● An freiwilliger Klimaschutzabgabe beteiligen 
● Lieferketten auf Auswirkungen für die biologische Vielfalt untersuchen 
● Nutzung von Ökosystemdienstleistungen ermitteln 
● Negative Auswirkungen, d. h. Umweltkosten         identifizieren 
● Beschaffungswesen biodiversitätsfreundlich ausrichten

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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