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Daniel Serafin, künstlerischer Direktor der Oper im Steinbruch St. Margarethen

Daniel Serafin: Kultur kennt keine Farbe

16.03.2020

Wie die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Kultur funktioniert, wie nachhaltig die Kulturszene heute sein muss, und was er sich von der neuen Staatssekretärin für Kunst und Kultur wünscht – ein Gespräch mit dem künstlerischer Direktor der Oper im Steinbruch St. Margarethen Daniel Serafin. In einem Update haben wir nach den Folgen der Corona-Krise gefragt.

Welche Bedeutung haben Kunst und Kultur für den Wirtschaftsstandort? Wir sind ein Kulturland. Das merke ich jedes Mal, wenn ich im Ausland bin. In Amerika wird Österreich etwa ganz stark mit Kultur verbunden. Die Menschen denken an Mozart, Schubert oder Haydn. Das sind unsere Assets.  

Machen wir genug aus diesen Assets? Ich habe den Eindruck, dass die Kultur bei der heimischen Politik neben den Bedürfnissen der Wirtschaft manchmal ein wenig untergeht. Unser ältestes und größtes Asset wird dagegen nur beiläufig wahrgenommen. Dabei ist der Kulturschatz, den Österreich sein eigen nennt, ein echter door opener.  

Wenn es um Kultur geht, werden vor allem die großen Namen der Vergangenheit genannt. Ist die heimische Kulturszene lebendig und zeitgemäß genug aufgestellt, oder verwalten wir nur ein historisches Erbe? Ich liebe zeitgenössische Kunst. Sie ist extrem wichtig. Die alten Meister waren auch einmal zeitgenössische Kunst. Allerdings droht die Contemporary Art immer neben den alten Meistern unterzugehen. Deswegen glaube ich, dass wir auch ein Augenmerk darauf legen sollten, die zeitgenössische Kunst mehr ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. 

Sie sind künstlerischer Leiter der Oper im Steinbruch St. Margarethen und haben letztes Jahr die Zauberflöte zur Aufführung gebracht. Dieses Jahr steht ab Juli Turandot auf dem Programm. Diese Stücke sind auch nicht gerade neu. Diese Opern sind zeitlose Klassiker und werden in der einzigartigen Kulisse der 7.000 Quadratmeter großen Bühne auf spektakuläre Art und Weise dem Publikum präsentiert. Wir führen Oper der anderen Dimension auf! Im Zusammenspiel mit der 2000 Jahre alten UNESCO-Weltkulturerbe-Location und der Kulinarik sorgen wir für ein Erlebnis der Extraklasse. Die Leute kommen, um begeistert zu werden, das zeigt sich bei der Auslastung. Und die Themen der Stücke entfalten in unseren Inszenierungen eine ungebrochene Faszination. 

Weil sie neu interpretiert werden? Das Verlassen der ausgetretenen Pfade ist zwar wichtig, wir setzen aber nicht auf radikale Modernisierung. Es geht vielmehr darum, das Pu­blikum zu faszinieren. Oper, die nicht authentisch ist, kann keine Begeisterung erwecken. 

Welche Funktion hat Kultur neben Begeisterung und Unterhaltung? Kultur ist eine Brücke. Sie ist ein Medium, das Menschen und Kulturen verbindet. Sie sorgt für Dialog. Kultur – und insbesondere Musik – ist eine Sprache, die auf der ganzen Welt gesprochen wird. Sie verbindet und eint uns. Sie öffnet Türen.   

Was können Kunst und Kultur für die Wirtschaft leisten? Kultur kennt keine Farbe. Sie ist Menschen aller Parteien und Werthaltungen wertvoll und wichtig. Denn sie befreit und öffnet die Gedanken. Sie bietet aber auch ein Forum, in dem Wirtschaft stattfinden kann. Warum wird auf Symposien zwischendurch Musik gespielt? Weil sie einen klärt. Bei Sushi ist auch immer Ingwer dabei, denn er neutralisiert die Geschmacksnerven, um Raum für neue Eindrücke zu schaffen. Auch die Kunst neutralisiert den Geist und gibt uns dadurch die Chance, Neues zu entdecken.

Die Esterházy Kulturbetriebe, zu denen auch die Oper im Steinbruch St. Margareten gehört, sind ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Lässt sich so ein Angebot ohne staatliche Subventionen realisieren? Kultur braucht Subventionen, ob durch Staat oder Land. Im Moment erhalten wir nur eine Landesförderung vom Burgenland, sind aber im Dialog mit der neuen Bundesregierung, um auch staatliche Förderungen zu erhalten. 

Gibt der Staat denn nicht genug Geld für das Thema aus? In Kunst und Kultur muss investiert werden. Es stimmt schon, dass wir in einem privilegierten Land leben, im Vergleich zu den USA, wo Kultur nicht subventioniert wird. Das macht sich hierzulande allerdings auch bezahlt, denn unser Angebot ist extrem breit gefächert und reich. Kunst kostet und muss erhalten werden. 

Provokativ gefragt: Warum soll sich ein Land Kunst leisten, die subventioniert werden muss? Weil Kunst auch mit Bildung zu tun hat. Kinder sind unsere Zukunft. Wenn wir aufhören, ihnen Kultur näherzubringen, wo würden wir dann enden? Wenn man Institutionen wie die Wiener Staatsoper schließen müsste, wäre das unvorstellbar. 

Mit Ulrike Lunacek gibt es jetzt eine Staatssekretärin für Kunst und Kultur. Was für Maßnahmen wünschen Sie sich von ihr? Ich schätze sie als kompetente, kulturoffene Frau und wünsche mir natürlich, dass sie bei der Kulturförderung auch die Esterházy Kulturbetriebe berücksichtigt. Kultur benötigt entsprechende Mittel, und die vorhandenen Förderungen sollten optimal verteilt werden. Unsere neue Staatsekretärin hat damit eine extrem wichtige und spannende Aufgabe übernommen. Ich freue mich auf einen konstruktiven, positiven Dialog mit ihr.  

Neben der öffentlichen Hand investieren auch viele Unternehmer in Kunst und Kultur. Eine gelungene Symbiose oder eine lästige Notwendigkeit, die zur Vereinnahmung der Kunstschaffenden führt? Dass auch Unternehmen Kultur fördern, ist wichtig und gut. Viele Firmen kümmern sich nachhaltig und intensiv um die Förderung von Kultur, weil es ihnen ein echtes Anliegen ist. Anders kann die Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden auch gar nicht funktionieren. Der Austausch bereichert Unternehmen und Gesellschaft und hat einen positiven Schneeball-Effekt.

Sie veranstalten in New York den Viennese Opera Ball. Wo liegen Unterschiede zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Kulturverständnis? Können wir uns etwas abschauen? In New York wird das Kulturgeschehen stark vom Sponsoring bestimmt. Ohne Spender und Gönner  könnte ein Großteil der Kultur in den USA nicht stattfinden. Schlicht weil der Staat in dieser Hinsicht gar nichts macht. Allerdings ist Kultur dort von der Steuer absetzbar. Bei uns ist das nicht so. Ich bin davon überzeugt, dass es die heimische Kulturlandschaft beflügeln würde, wenn Spenden an Kulturinstitutionen auch in Österreich absetzbar wären. Dann müssten auch manche Institutionen aus der Komfortzone herauskommen und sich für Interessenten attraktiver machen. 

Wo Kultur geboten wird, kommen viele Menschen zusammen. Die Aufführungen benötigen Energie, zum Teil große Aufbauten, Verpflegung und vieles mehr, also jede Menge Ressourcen. Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit in der heimischen Kulturszene? Nachhaltigkeit ist ein Thema, das im Kulturbetrieb immer wichtiger wird. Wir haben uns natürlich auch darüber Gedanken gemacht, da wir in einem Naturschutzgebiet agieren, und besonders darauf geachtet, die Naturkulisse so wenig wie möglich zu verändern. Wir setzen auch, wo immer es geht, auf Materialien, die man wieder verwerten oder verwenden kann. Darüber hinaus setzen wir beim Essen und Trinken auf Naturprodukte. Das Schloss Esterházy ist zum Beispiel als „Green Event Location“ zertifiziert. Dies gilt es noch weiter auszubauen. 

Sollten Kulturschaffende das Thema Nachhaltigkeit noch stärker aufgreifen und auch selbst vorleben? Nein, Kultur soll polarisieren, begeistern, faszinieren, anregen und manchmal auch verstören. Sie soll neue Materie schaffen. Doch sie ist nicht dazu aufgerufen, alles im Lichte der Nachhaltigkeit zu sehen. Das ginge zu weit. Vielmehr muss sie etwas Bleibendes hinterlassen. Natürlich sollten aber Kulturbetriebe nicht verschwenderisch mit Ressourcen umgehen.

Ihr Vater war Opernsänger und Leiter der Seefestspiele Mörbisch. Sie selbst haben Gesang und Schauspiel studiert und sind jetzt künstlerischer Direktor der Oper im Steinbruch. Welche Rolle spielen die väterlichen Fußstapfen? Was machen Sie anders? Mein Vater hat in einer wirtschaftlich starken Zeit als Intendant der Seefestspiele Unglaubliches geleistet. Das ist im sehr hoch anzurechnen. Wir leben jetzt in einer andere Zeit, die von permanenter Veränderung geprägt ist. Das Publikum hat völlig andere Ansprüche. Wir müssen die Menschen heute mit neuen Inhalten faszinieren. Deswegen sage ich: Kultur ist Wandel. Man kann nicht machen, was vor 20 Jahren erfolgreich war. Man muss immer wieder zündende Ideen haben und sich den ständigen Veränderungen anpassen. Genau das mache ich mit einem sehr motivierten, starken Team. Wir wollen die Faszination Oper ins 21. Jahrhundert bringen.

Update: 

Aufgrund der Corona-Krise muss die komplette Aufführung in diesem Jahr abgesagt werden. Was bedeutet das für die Oper im Steinbruch?

Anhand der Weltweit herrschenden Umstände wegen CoVid19 und der damit verbundenen Reiseeinschränkungen und Restriktionen wäre es fahrlässig gewesen über den Sommer zu spielen, somit haben wir nach gründlichen Überlegungen die geplante Produktion von Turandot auf den Sommer 2021 verschieben können. Es ist uns gelungen 95 Prozent des Ensembles zu behalten, weil wir frühzeitig reagiert haben und somit eine der ersten Kulturinstitutionen Österreichs waren, welche mutig diesen Schritt gegangen sind. Ein positiver Blick in die Zukunft ist das wichtigste.

Das gesamte Leben verlagert sich gerade in die eigenen vier Wände und ins Web. Wird dort in Zukunft mehr Kunst stattfinden?

Momentan befinden wir uns in einem Vakuum, zumal überall ein gewisser Stillstand herrscht. KünstlerInnen zeigen viel Kreativität, um dem Stillstand entgegenzuwirken. Etwa mit Social-Media-Home-Konzerten. Als Überbrückung ist dies ja ganz lustig, aber es ist weder für Künstler lukrativ, noch für die Branche. Die Qualität der Aufnahmen ist weit von von professionellen Aufzeichnungen entfernt und kann nur als Überbrückung dienen. 

Was können Kunstschaffende jetzt für die Menschen tun?

Wir haben momentan eine sehr schwere und belastende Zeit voller Unsicherheiten und auch viele Kunstschaffende sind stark davon betroffen. Es gilt jedoch mit positivem Beispiel voran zu treten. Die Hoffnung auf eine baldige Normalisierung und eine stetige Anpassungsfähigkeit sind in auch in der Kunst das Um und Auf.

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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