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Kuno Haas und Reinhart Kepplinger haben aus einem Zwei-Mann-Abenteuer ­einen Betrieb mit 500 Mitarbeitern gemacht.

Crowd sei Dank

30.03.2020

Das ober­österreichische Unternehmen Grüne Erde steht nicht nur für nachhaltiges Wirtschaften, sondern beschreitet seit der Bankenkrise auch in der ­Finanzierung alternative Wege. Der Erfolg gibt ihm recht. 

Anders sein, das will Karl Kammerhofer, als er in Scharnstein das Unternehmen Grüne Erde gründet. Er will beweisen, dass man nachhaltig wirtschaften kann, ohne Mensch und Natur auszubeuten. Sein Startkapital: 5.000 Adressen von Stammkunden aus seiner alternativen Linzer Buchhandlung. Die Produktidee liefert ein Bekannter, der Kammerhofer vorschwärmt, wie wohltuend der Schlaf in einem japanischen Futon-Bett ist. Daraus entsteht die aus Naturmaterialien gefertigte Matratze „Weiße Wolke“, die noch heute ein Kernstück im Produktportfolio des Unter-nehmens ist. 

Während der „Kampf“ um die Hainburger Au seinem Höhepunkt zustrebt, fertigt Kammerhofer im Keller des Schlosses Scharnstein mit dem vorgestreckten Geld seiner Kunden seine Matratzen. Ende 1985, nach Beendigung seines Studiums, stößt Reinhard Kepplinger zum Unternehmen. Man kennt sich aus der Gründungsphase der ökologischen Bewegung, die Mitte der 80er Jahre noch in den Kinderschuhen steckt. Kepplinger im O-Ton: „Karl hat mich angerufen und gefragt, ob ich ihm ein bis zwei Tage die Woche im Marketing helfen kann.“ Zehn Jahre später verkauft Kammerhofer das Unternehmen an Reinhard Kepplinger und Kuno Haas, einen Freund von Kepplinger aus Studientagen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Zwei-Mann-Abenteuer zu einem Unternehmen mit 100 Beschäftigten und einem Umsatz von 100 Millionen – Schilling wohlgemerkt – herangewachsen.

Größere Bekanntheit, breiteres Sortiment

Naturprodukte für den erholsamen Schlaf bleiben zwar weiterhin im Zentrum, doch nach und nach werden zusätzliche Produktlinien kreiert. Aus ersten Versuchen mit ätherischen Ölen entsteht die Kosmetiklinie, und ab 2010 wird das Sortiment auf nachhaltig produzierte Kleidung ausgeweitet. Reinhart Kepplinger: „Wir haben uns zwar schon länger mit der Idee beschäftigt, aber als dann eine Umfrage in der Zeitung erschien, wonach Grüne Erde mit 24 % die bekannteste Marke für ökologische Textilien ist, haben wir uns an die Umsetzung herangewagt.“ Der Gag: Als die Umfrage erschien, waren ökologische Textilien noch gar nicht Bestandteil des Produktsortiments.

Heute vermarktet die Grüne Erde-Gruppe ein breites Sortiment mit 6.640 Einzelprodukten aus den Bereichen Vollholzmöbel, Heimtextilien, Wohnaccessoires, Naturkosmetik und ökologische Mode über 14 Geschäfte – sieben in Österreich, sieben in Deutschland – und ein Onlineportal. 2018 wurde im Almtal zusätzlich die Grüne Erde Welt eröffnet, wo Besucher nicht nur einkaufen können, sondern auch einen Einblick in die Philosophie und Produktion des Unternehmens erhalten. Bereits im ersten Jahr nutzten 60.000 Menschen das Angebot. Im Geschäftsjahr 2018/19 erzielte das Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitern einen Umsatz von 57,6 Millionen Euro. 

Die Produkte werden zum Teil selbst erzeugt, wie etwa Matratzen, Kissen und Polstermöbel im oberösterreichischen Almtal. Andere Produkte werden bei sorgfältig – nach strengen Nachhaltigkeitskriterien – ausgewählten Produktionsbetrieben zugekauft. Anfangs wurden auch die Möbel bei heimischen Tischlereien zugekauft, bis 2003 der Besitzer des größten Zulieferbetriebes meinte, dass er keinen Nachfolger habe und den Betrieb wohl schließen werde. Nach kurzer Überlegung fassten die Grüne Erde-Eigentümer den Beschluss, die Tischlerei in Kärnten zu übernehmen. Vor fünf Jahren wurde die Produktion von Gallizien ins nur zehn ­Kilometer entfernte Sittersdorf verlegt. Dort fertigen die 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen großen Teil der Möbel. 

Finanzierung der anderen Art

Finanziert wurden die Investitionen für die Modernisierung der Produktionsstätte in Sittersdorf zum Teil durch Darlehen vonseiten der Kundinnen und Kunden. Eine „Investorengruppe“, die bei der Finanzierung des Unternehmens von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt hat. Lange Zeit erfolgte der Rohstoffeinkauf mittels Vorauszahlungen. „Mit dem Vorauszahlungssystem haben wir lange – bis Ende der 90er Jahre – einen Großteil der Finanzen gestemmt“, erzählt Reinhart Kepplinger. Dann folgte das, was Kepplinger heute als „Fehler“ bezeichnet, weil es „nicht unserer Philosophie entsprochen hat“. Allenthalben lockten die Banken mit günstigen Krediten, und auch bei der Grünen Erde wurde der Lockruf wahrgenommen. So lange bis 2008 die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers einen Tsunami auslöste, der nicht nur die Finanzwelt an den Rand des Abgrundes gedrängt hat, sondern auch in der Realwirtschaft tiefe Spuren hinterlassen hat.

Mittelständische Unternehmen kommen seither deutlich schwerer an Geld he­ran. Um die Bonität der aushaftenden Kredite zu steigern und um die bankinternen Regeln einzuhalten, beginnen sich die Banken „massiv einzumischen“, wie es Reinhart Kepplinger formuliert. Das Problem: „Bei einem Unternehmen wie dem unseren geht das halt nicht so leicht, wie es sich die Banken vorgestellt haben.“ Grund: Ein großer Teil des eingesetzten Kapitals ist in den Lagern gebunden. Wurden diese Lager vor der Finanzkrise noch als Sicherheit akzeptiert, so hat sich die Situation danach dramatisch geändert – auch für die Grüne Erde. 

Crowd statt Banken

Der Ausweg: Crowdfinancing – eine Finanzierungsform, die nicht zuletzt aufgrund des Konfliktes zwischen dem „Waldviertler Schuhrebellen“ Heini Staudinger mit der FMA plötzlich in aller Munde ist. Um einen Konflikt mit der Finanzmarktaufsicht zu vermeiden, setzt sich die Grüne Erde Geschäftsführung mit dieser in Verbindung und findet die Lösung in sogenannten nachrangigen Anleihen. Ab 2013 – also noch vor Inkrafttreten des Alternativfinanzierungsgesetzes (AltFG) 2015 – werden Kunden zu Darlehensgebern. Mittlerweile haben mehr als 2.200 Kunden Geld als Darlehen in das Unternehmen eingebracht. Das Thema Nachrangigkeit der Darlehen „spielt längst keine Rolle mehr“, meint Reinhart Keplinger. „Bis auf geförderte ERP-Kredite haben wir keine Bankkredite. Die Finanzierung des Unternehmens ist bankenunabhängig geworden“, sagt ­Kepplinger und fügt augenzwinkernd hinzu: „Die Banken waren sozusagen unsere Hauptmotivatoren.“

Text: Harald Fercher

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