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Covid-19: Wir sind nicht resilient

20.03.2020

Der TU-Professor und Geschäftsführer von Fraunhofer Austria, Wilfried Sihn, sieht enorme Abhängigkeiten bei der Grundversorgung Österreichs. Im Gespräch mit „Die Wirtschaft“ erklärt er, wo die Herausforderungen liegen, wieso sich die Corona-Krise positiv auf Umwelt und Innovation auswirken wird und warum wir uns auch auf ihr Ende wirklich gut vorbereiten müssen.

"Dass so etwas wirklich passieren kann, hatte niemand als realistische Möglichkeit auf dem Schirm", meint Wilfried Sihn.

Unsere Welt ist von globaler Vernetzung geprägt. Ist das aktuell Segen oder Fluch?

In der aktuellen Situation ist es ein Fluch. Wir befassen uns zum Beispiel gerade intensiv damit, was passieren wird, wenn andere Länder die Warenströme stoppen. Wir sehen uns hier an, wie groß die Abhängigkeiten Österreichs im Bereich der Grundversorgung der Bevölkerung sind.

Und wie ist die Lage?

Die Abhängigkeiten sind zum Teil extrem. Bei der Grundversorgung muss man sich die Frage stellen, wie unsere Sourcing-Strategie aussieht. Haben wir nur einen Lieferanten, oder fahren wir eine duale Strategie? Das ist gerad in unserer globalisierten Wirtschaft eine riesige Herausforderung.

Ein resilientes System sieht anders aus. Hat man das einfach übersehen?

Eindeutig. Wir sind nicht resilient. Dass so etwas wirklich passieren kann, hatte niemand als realistische Möglichkeit auf dem Schirm. Vor allem keine globale  Ausbreitung dieser Größenordnung.

Aktuelle hängt bei uns vieles davon ab, wie stabil die heimische Logistik bleibt. Wie beurteilen Sie die Lage?

Die Logistik wächst über sich hinaus. Das muss man sagen. Weil es in den etablierten Logistikketten enorme Schwierigkeiten gibt, versucht man die Herausforderungen mit allen Mitteln zu stemmen. Aber die Herausforderungen sind enorm. Ware kommt zu spät, weil sie an der Grenze festhängt. Medizinische Produkte dürfen aus anderen Ländern gar nicht erst ausgeführt werden. Da gibt es 1000 Probleme. Aber die heimische Logistik schlägt sich gut und ist gut aufgestellt.

Was wir gerade erleben, ist beispiellos. Haben Sie eine Vorstellung, wie sich dadurch unser gesamtes System verändern wird?

Ich glaube, die hat momentan noch keiner. Niemand kann das noch in vollem Umfang fassen. Aber es gibt kleine Dinge, die auf der Hand liegen. Was sich ändern wird, ist etwa die Bereitschaft zu reisen. Nicht nur privat, sondern auch geschäftlich. Wir erleben gerade, dass es auch elektronisch funktioniert. Wir werden verschiedenste digitale Systeme bekommen, mit denen wir unsere Aufgaben besser meistern können und das wird zur Folge haben, dass auch die Kritiker sehen, dass ein Großteil der Reisen überflüssig ist. Das wird Auswirkungen auf die Luftfahrt und die Bahn haben. Aber die Software-Industrie wird dafür zu den Gewinnern zählen.

Die Umwelt vermutlich auch.

Genau. Zudem werden sich die Regierungen intensive Gedanken über Versorgungsstrukturen machen - auch in Hinblick auf die Globalisierung, weil ein neues Virus garantiert kommen wird. Hundertprozentig. Darum wird es neue logistische Strukturen brauchen. Dazu gibt es schon lange einen Fachbegriff: Glokalisierung. Es geht darum, die lokale Produktion in den Vordergrund zu stellen, ohne auf die Globalisierung zu vergessen. Das wird auch der Umwelt zugutekommen. Diese Krise wird mittelfristig also auch positive Auswirkungen auf unser Klimaverhalten haben.

„Diese Krise wird bestimmt dazu führen, dass die Welt nachher anders aussieht.“

Sie predigen seit Jahren, wie machtvoll Daten sind. Werden es auch Daten sein, die uns jetzt retten können?

Garantiert. Im Moment gibt es zwei große Fragestellungen. Was muss ich aktuell tun, um das Leben abzusichern? Und die spannendere Frage lautet: Wie sieht die nahe Zukunft aus, wie sehen Hochrechnungen aus, wie sich Corona auf die Wirtschaft gesamt auswirkt? Wie viele Arbeitslose wird es geben, welche Branchen sind gefährdet? Das basiert alles auf Daten.

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist die größte Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen in Europa. Was kann sie aktuell beitragen?

Wir haben keinen medizinischen Bereich. Bei uns geht es aktuell um den Produktions- und Logistikbereich. Hier wollen wir mit unseren Kompetenzen helfen. Immer mit dem Fokus auf Lieferketten und Warenströme. Wir werfen aber auch schon einen Blick in die Zukunft und überlegen, wie wir Unternehmen helfen können, wenn die Krise zu Ende ist. Dann ist ein Hochlaufen nötig, und dann fehlt im schlimmsten Fall alles und Lieferketten müssen erst wieder aufgebaut werden. Deswegen analysieren wir, wie wir den Wiederanlauf gestalten können.

Wir sehen gerade viele Unternehmen, die Lieferdienste und Webshops einrichten: Wie gut können Unternehmen in dieser Extremsituation ihre Prozesse umstellen?

Jetzt ist es schwierig. Wenn du nichts mehr liefern kannst, weil es deine Kunden nicht annehmen können, braucht es neue Lösungen. Hier sprechen wir über neue Geschäftsmodelle. Jetzt machen sich viele Menschen endlich Gedanken darüber. Aus der Not heraus.

Lassen sich die Auswirkungen auf unser Wirtschaftsgefüge bereits abschätzen – unter der Voraussetzung, dass der Spuk in absehbarer Zeit zu Ende geht?

Das ist aktuell nicht möglich. Denn alles hängt davon ab, wie lange die Krise andauert. Sicher ist, dass sie drastische Folgen haben wird. Es wird viele Betriebe geben, die es nicht überleben. Viele Unternehmen werden selbst mit Kurzarbeit nicht über die Runden kommen. Wir steuern also auch auf ein soziales Problem zu. Das darf man nicht vergessen. So gut und schnell die Maßnahmen der Regierung auch sind. Trotzdem werden wir viele Arbeitslose bekommen. Die Hoffnung ist, dass sich alles im Frühsommer stabilisiert und wir bis dahin nicht zu viele Insolvenzen bekommen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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