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Über CEE und die EU diskutierten beim Crow East Kongress: Manfred Berger, Wilhelm Molterer und Arnold Schuh.

CEE: Zwischen Öffnung und Nationalismus

04.04.2019

Im Mittelpunkt des 10. Grow East Kongresses stand die Frage, welche Rolle die Länder Mittel- und Osteuropas (CEE) heute in Europa spielen und wie sie sich in den nächsten Jahren entwickeln werden.

Was ist notwendig, um weiter zu den reicheren Ländern Westeuropas aufzuschließen? Zur Diskussion darüber haben die Veranstalter – Arnold Schuh vom Competence Center for Emerging Markets & CEE der WU Wien, Manfred Berger vom Neusicht Think Tank und Konstantin Bekos von der Aussenwirtschaft der WKO – Experten eingeladen, die sich dem Thema von verschiedenen Perspektiven näherten.

Wir brauchen ein neues Narrativ für die EU

Den Kongress eröffnete Jan Zielonka, Professor für Europäische Politik an der Universität Oxford und Autor des Bestsellers „Counter-Revolution - Liberal Europe in Retreat“. Aus seiner Sicht ist das liberale Modell der Demokratie und des Kapitalismus unter Druck, weil sich die Eliten von den Bedürfnissen der Bevölkerung entfernt haben. „Die Politiker wissen nicht mehr, was sie mit der Wählerschaft aushandeln sollen“, so Zielonka. National gesinnte populistische Politiker in West- und Osteuropa, deren gemeinsamer Nenner meistens nur die Gegnerschaft zur EU ist, nutzen diese Schwäche aus, um ihre Gegenrevolution voranzutreiben. Die Ungleichheit im Wohlstand, in der wirtschaftlichen Dynamik, Arbeitslosigkeit und in der Betroffenheit von der Migration zwischen und innerhalb der EU-Länder sorgt für steigende Spannungen, auf die die Eliten kaum passende Antworten wissen – aber auch nicht die Populisten. Er plädiert für einen Paradigmenwechsel, der eine neue Form des Regierens umfasst, die Einbindung von Regionen, Städten und Zivilgesellschaften in den Entscheidungsprozess und vor allem der vernetzten jungen Menschen, um deren Zukunft es geht.

Neues Narrativ gesucht

Wilhelm Molterer, Geschäftsführer des European Fund for Strategic Investments, einer Säule des „Juncker-Plans“, fordert ein neues, zukunftsorientiertes Narrativ für Europa – das jetzige ist historisch mit „nie wieder Krieg“ begründet und holt so die heutige Jugend nicht ab. Wir brauchen eine Vision für die Zukunft, die auf europäischen Werten und Stärken aufbaut. „Zuerst müssen wir uns die Frage stellen, ob wir eine starke EU wollen, um im globalen Wettbewerb mitzuhalten, und ob wir ein Vorreiter für Nachhaltigkeit und Fairness sein wollen“, so Molterer. Sind diese Fragen geklärt, können die Prioritäten bei den Investitionen diskutiert werden. Die EU hat ein enormes Investitionsdefizit, das vom Innovationsbereich über Energieeffizienz, die physische und soziale Infrastruktur bis hin zur Sicherheit reicht - in Summe sind Investitionen in der Höhe von EUR 400 Mrd. pro Jahr bis 2030 erforderlich, um diese Lücke zu schließen. Dafür reichen öffentliche Investitionen nicht aus – v.a. der private Sektor ist aufgefordert, hier in Form von Eigenkapital und privatem Beteiligungs- bzw. Wagniskapital beizutragen. Bei den privaten Investitionen liegen die CEE-Länder noch unter dem EU-Durchschnitt. Die Hauptgründe dafür ist nicht mangelnder Zugang zur Finanzierung, es sind die mangelnde Verfügbarkeit von Fachkräften, die Unsicherheit hinsichtlich der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung und die Überregulierung.

Von „Made in CEE“ zu „Invented in CEE“

Als letzter Festredner widmete sich Gunter Deuber, Chef-Ökonom der Raiffeisen Bank International, der Frage, wie die CEE-Länder aus einer peripheren Position zum wirtschaftlichen Kerneuropa aufschließen können. So erreichen die Länder Mitteleuropas nach einem schnellen Aufholprozess heute fast 80% des BIP pro Kopf des EU-Durchschnitts, die südosteuropäischen Länder kommen auf knapp unter 60%. Allerdings wird die zukünftige Annäherung langsamer stattfinden, da die Produktivitätszuwächse abnehmen. Er schlägt vor, sich auf die Verbesserung der Qualität der Institutionen, also auf Rechtsstaatlichkeit, Bekämpfung der Korruption und Wirksamkeit der Regierung, zu konzentrieren. Diese sind Voraussetzung für eine innovationsgetriebene Wirtschaft, die weitere Wohlstandsgewinne verspricht.

Das erste von Martin Wodraschke von C/M/S geleitete Panel ging dann auf den Anschauungsfall der ungarischen Automobilindustrie ein. Mit 700 Unternehmen, 175.000 Beschäftigten und einen 20% Anteil an den ungarischen Exporten ist sie eine Paradebranche der ungarischen Wirtschaft. Während früher vornehmlich Assembling-Leistungen erbracht wurden, orientiert sich die Branche nun in Richtung höherwertiger Aktivitäten. Die Continental AG hat beispielsweise ein Competence Center for Machine Learning in Ungarn eingerichtet, in dem an Lösungen für das autonome Fahren gearbeitet wird. Die ungarische Regierung trägt zu dieser technologischen Aufwertung hin zu „Invented in Hungary“ mit der Bereitstellung des ZalaZone Testgeländes bei, wo Unternehmen neben der Fahrdynamik auch autonomes Fahren und elektrische Antriebe testen können. Mit Aeriu war auch ein Startup vertreten, der ein Künstliches-Intelligenz-Programm mit kommerziellen Drohnen kombiniert und zur Bestandsverwaltung in Lagerhallen wie z.B. bei IKEA einsetzt. 

Talente und Fähigkeiten als Engpass bei der digitalen Transformation

Im nächsten Panel ging es um die transformative Rolle der Digitalisierung für die Wirtschaft. WU-Professor Phillip Nell stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die eine zunehmende Machtkonzentration in den Unternehmenszentralen aufgrund der Digitalisierung vorhersagt. Durch die Digitalisierung bekommt die Zentrale Zugang zu mehr und besseren Informationen, kann sich dadurch stärker in den Entscheidungsprozess einbringen und dadurch eine höhere Wertschöpfung schaffen. Die Rekrutierung und Entwicklung von „digitalen Talenten“ wird hier als Engpass gesehen, nicht nur in CEE. Beispiele zur Digitalisierung des Logistiksektors in CEE wurden von Rail Cargo und der Österreichischen Post vorgestellt. Die Digitalisierung führt im Mobilfunkbereich zu massiven Veränderungen bei Produktnutzung, Anwendung und Wettbewerb. Darauf reagiert die A1 Group, die in sieben CEE-Ländern präsent ist, mit einer neuen Markenstruktur: die ehemaligen nationalen Marken wie vip, s!mobil, velcom und tel werden schrittweise in eine einheitliche A1 Markenstruktur übergeführt. Die Benutzererfahrung steht im Zentrum der neuen strategischen Ausrichtung und diese unterscheidet sich bei digitalen Leistungen kaum mehr zwischen den Ländern. Für A1 bedeutet dies eine bessere Positionierung gegenüber Mitbewerbern sowie auch Vorteile in der Unternehmenskultur und Kommunikation, da sich nun alle Mitarbeiter einer großen Unternehmensgruppe zugehörig fühlen können.

Im letzten Panel wurde dann ein Thema aufgegriffen, das während der vorangegangenen Vorträge immer schon mitgeschwungen ist, nämlich die Frage nach den für die wirtschaftliche und digitale Transformation erforderlichen Personal- und Managementressourcen.

Günter Tengel von Amrop Jenewein verwies in seinem Vortrag auf den erheblichen Fachkräftemangel – nicht nur in CEE, sondern fast in ganz Europa, der aufgrund des dramatischen Bevölkerungsrückgangs sich noch steigern wird. Somit gilt es für die Arbeitgeber, stärker auf die Wünsche von Talenten und Fachkräften einzugehen, Flexibilität bei den Anstellungsmodellen zu zeigen und über Onboarding, Mentoring und Teambuilding die Mitarbeiter besser zu integrieren. Lokale Arbeitsmärkte werden zu regionalen und für Talente und Spitzenkräfte zu europäischen und globalen.

Arnold Veraart, Senior Vice President bei PepsiCo, zeigte, dass das Innovationsmanagement immer globaler wird und Prozesse und Geschwindigkeit an Bedeutung gewinnen. Das bedeutet, dass bei weltweit agierenden Unternehmen wie PepsiCo Innovationsbudgets von vielen kleinen und lokalen Projekten auf weniger große und globale umgeschichtet werden, da sich der hohe lokale Managementeinsatz und internationale Koordinationsaufwand bei geringen Erfolgsquoten nicht mehr rechnet.

Abschließend teilte Töre Birol, Vice President Sales Europe bei Henkel, seine Erfahrungen als General Manager beim Krisenmanagement in Schwellenländern wie der Ukraine, dem Baltikum und der Türkei. Wenn Bürgerkriege oder Konflikte mit Nachbarstaaten ausbrechen, in Folge davon lokale Währungen abstürzen und persönliche Probleme bei den Beschäftigten überhand nehmen, dann sind starke Führungsqualitäten gefragt. Dabei kamen ihm seine Erfahrungen als Pilot eines einmotorigen Flugzeugs zugute. Piloten werden auf Krisensituationen wie den Ausfall des Motors gezielt vorbereitet. Die Abfolge von „Aviate – Navigate – Communicate“ gilt aus seiner Sicht auch für Unternehmenskrisen.

Die Vorträge und Diskussionen am Grow East Congress 2019 haben eines gezeigt: die Region Mittel- und Osteuropa holt weiterhin wirtschaftlich auf, wobei der Reform- und Aufholbedarf in Südost- und Osteuropa größer ist als in Mitteleuropa. Zugleich stehen viele Länder vor der Herausforderung, ihr vorherrschendes Wirtschaftsmodell von dem eines Billigproduzenten hin zu einem stärker innovationsgetriebenen Modell zu verändern. Bei diesem Paradigmenwechsel geht es nicht nur um Kapital und Investitionen, sondern auch um Ausbildung und Talente sowie weitere Reformen der Institutionen. Die Gewährleistung der Rechtssicherheit, der Abbau der Bürokratie, die Bekämpfung der Korruption, der Ausbau der Infrastruktur und eine gute Staatsführung sind wesentlich, um innovative Unternehmen aufzubauen und anzulocken sowie um Talente zu gewinnen und zu halten. Eine Umkehr des Brain Drains würde nicht nur den eklatanten Fachkräftemangel mildern, sondern wäre auch ein Signal, dass die Bürger an eine gute Zukunft in ihrem Heimatland glauben.

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