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Blockchain einsetzen oder nicht? Eine Checkliste für Unternehmen

24.11.2020

Aus dem Beschäftigungsfeld einiger Krypto-Nerds ist eine viel beachtete Erfolgs-Technologie geworden, die das Potential hat, das Wirtschafsleben von Grund auf zu verändern. Doch wie können Unternehmen diese Technologie erfolgreich einsetzen? Prof. Alfred Taudes, Vorstand des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU und langjähriger Vortragender der WU Executive Academy, hat sich angesehen, für welche Anwendungsfälle die Blockchain geeignet ist und wie Unternehmen strategisch vorgehen sollten, die über einen Einsatz für ihr eigenes Business nachdenken. Eine Check-Liste für die Praxis.

„Gerade in den letzten Monaten hat sich die Blockchain-Technologie stark weiterentwickelt“, sagt Alfred Taudes, wissenschaftlicher Leiter des Austrian Blockchain Center.

Die Blockchain wird längst nicht mehr nur im Zusammenhang mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen gesehen: Mittlerweile kommt sie in den unterschiedlichsten Bereichen in der Praxis zur Anwendung. „Gerade in den letzten Monaten hat sich die Blockchain-Technologie stark weiterentwickelt“, erläutert Alfred Taudes, der auch wissenschaftlicher Leiter des Austrian Blockchain Center ist. So gab es etwa Verbesserungen beim Energieverbrauch und der Geschwindigkeit. Aber auch bei den Kryptowährungen gibt es neue Möglichkeiten, unter anderem sogenannte Stablecoins, das sind Kryptowährungen, deren Wert an traditionelle Assets wie den US-Dollar gekoppelt ist. Diese bilden die Basis von „Decentralized Finance“ – offene Protokolle, die auf Basis der Ethereum-Blockchain Alternativen für Finanzdienstleistungen wie Darlehen anbieten.

Was tun mit der wertvollsten Kette der Welt?

In der modernen, digitalisierten Wirtschaftswelt bietet diese Technologie eine ganze Reihe außergewöhnlicher Möglichkeiten zur Vereinfachung, Automatisierung und Steigerung der Verlässlichkeit. Wie aber können Unternehmen nun konkret abschätzen, ob sich der Einsatz dieser Technologie für das eigene Business lohnt? In der folgenden Blockchain-Checkliste erklärt Alfred Taudes, wo die Erfolgs-Technologie inzwischen unverzichtbar ist, für welche Branchen sie sich besonders gut eignet und wie Unternehmen konkret vorgehen sollten, wenn sie sich für den Einsatz der Blockchain entscheiden.

Wo die Blockchain-Technologie nicht mehr wegzudenken ist

  • Natürlich in der Finanzwelt. Hier entstehen ganz neue Anbieter, die auf der Blockchain-Technologie aufsetzen, wie Bitpanda oder Coinfinity. Banken verwenden die Blockchain derzeit zur sogenannten Tokenization: Damit kann für Wertgegenstände wie Aktien, Immobilien oder Kunstwerken eine digitale Repräsentation erstellt werden, die es erlaubt, auf Basis einer Blockchain rascher und in vielen kleineren Teilen gehandelt zu werden.
  • Der zweite große Bereich ist Produktion und Supply Chain Management: Hier erlaubt die Blockchain die Notarifizierung von Produktionsdaten, die Verfolgung von Gütern entlang der Wertschöpfungskette und die unveränderliche Speicherung von Digital Twins. Unverzichtbar wird die Blockchain bei der Realisierung des Physical Internet. Bei diesem Konzept werden die derzeitigen unternehmensspezifischen Logistiknetze durch ein dezentrales, analog zum digitalen Internet organisiertes, organisationsübergreifendes, auf Standards basierendes Netzwerk ersetzt.
  • Im E-Government wird in Österreich derzeit eine Public-Blockchain-Lösung aufgebaut, deren erste konkrete Umsetzung der Notar für jedermann sein wird: Damit kann nachgewiesen werden, welche Inhalte eine Datei zu einem bestimmten Zeitpunkt hat. Eingesetzt wird das beispielsweise in der Kreativ- und Designbranche, wenn es um den Nachweis der Herkunft von Ideen geht. Den großen Wurf in diesem Bereich verspricht das Konzept der „Self-Sovereign Identity“. Dabei kann jeder Staatsbürger in einer digitalen Dokumentenmappe seine Identitätsdaten selbst verwalten und selektiv für Behörden und Unternehmen freigeben. Dies erspart die derzeit aus Datenschutzgründen notwendige wiederholte händische Eingabe in verschiedene Formulare – etwa, wenn staatliche Services in Anspruch genommen werden, oder bei Compliance-Anfragen von Finanzdienstleistern.
  • Im Kulturbereich gibt es außerdem interessante Anwendungen wie den Wiener Kultur Token, bei dem Fahrten mit der Straßenbahn mit Tokens belohnt werden, die man dann auf einem Marktplatz gegen Besuche von Kultureinrichtungen eintauschen kann. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt CryptoWiener, bei dem Wiener Persönlichkeiten wie Sigmund Freud als Tokens gekauft werden können – diese Pixelart-Kunstwerke sollen zeigen, wie sich die Blockchain in der Kunstwelt einsetzen lässt.
  • Corona hat auch die Wichtigkeit einer datenschutzkonformen Verarbeitung von Gesundheitsdaten aufgezeigt und hier leistet die Blockchain-Technologie wichtige Beiträge. Beispielsweise können mit Blockchain basierten Verschlüsselungsmethoden verteilt erhobene und verschlüsselte Gesundheitsdaten ausgewertet werden, ohne dass diese entschlüsselt und zentral gesammelt werden.
  • Auch im Energiebereich ist die Blockchain als Basis von Peer-To-Peer Energy Trading wichtig, bei dem Konsumenten zugleich die Rolle von Energieherstellern – etwa über die eigene Photovoltaikanlage – übernehmen und mit Energie handeln können. Ebenso ist die Blockchain im Bereich der E-Mobilität von Bedeutung, beispielsweise für die sichere Bezahlung von Ladevorgängen über unterschiedliche Infrastruktureinrichtungen.

Für welche Branchen eignet sich also Blockchain?

Immer dann, wenn mit anderen Unternehmen wichtige Werte und heikle Daten ausgetauscht werden sollen und das nicht zentralisiert laufen soll, ist die Blockchain die passende Technologie. Es handelt sich um eine disruptive, neue Möglichkeit der Kommunikation. „Auch das Internet bestand ja anfangs nur aus E-Mails und wir sehen, was daraus geworden ist. Blockchain kann also in jeder Branche erfolgreich angewendet werden, manche wie die Finanz- und die Energiebranche, oder der Bereich Supply Chain Management eignen sich aber besonders gut“, so Taudes.

Schritt für Schritt zur Umsetzung im eigenen Unternehmen

  1. Der erste Schritt ist, eine Antwort auf diese grundlegende Frage zu finden: Ist die Blockchain für mein Problem geeignet?

Das sollte man gemeinsam mit einem Berater beantworten. Ein Beispiel: Wenn das eigene ERP-System mit jenem eines Partners zusammengehängt werden soll, kann das über die Blockchain erfolgen. Ein ERP-System lediglich durch eine Blockchain-Lösung zu ersetzen, macht keinen Sinn.

  1. Proof of Concept erstellen: In einem zweiten Schritt geht es darum, einen einfachen Prototyp zu erstellen, um zu sehen, wie die konkrete Anwendungen aussehen kann und wie sie in der Praxis funktionieren könnte.
  2. Rechtliche Rahmenbedingungen überprüfen: Diese müssen Unternehmen unbedingt am Radar haben, weil eine Nichtbeachtung oft ein Show Stopper für das ganze Projekt sein kann. Speziell geschulte Juristen des Austria Blockchain Centers stehen hier etwa zur Verfügung.

Blockchain - erfolgreich mit dem richtigen Geschäftsmodell

„Ob eine Blockchain-Lösung funktioniert, ist neben der entsprechenden Analyse der eigenen (Geschäfts-)Situation vor allem von einem abhängig: dem geeigneten Geschäftsmodell“, sagt Taudes. Die Erstellung eines solchen ist ein interaktiver und vor allem auch kreativer Prozess. Am Anfang muss ein Gefühl für die Möglichkeiten, die die Technologie der Blockchain bietet, entwickelt werden. In weiterer Folge ist es wichtig, sich die eigenen Geschäftsmodelle, Beispiele und Best Practices aus anderen Unternehmen bzw. Branchen anzusehen: Wo wird die Blockchain bereits erfolgreich eingesetzt und wie kann es gelingen, darauf basierend eine neue Idee zu entwickeln? Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, denn der Einsatz der Blockchain-Technologie steht erst am Anfang. Wenn es etwa darum geht, Geschäftsprozesse zu vereinfachen und zu automatisieren, eine sichere Kommunikation zu garantieren oder Betrugsmöglichkeiten zu reduzieren, bietet die Blockchain in naher Zukunft eine Vielzahl von Möglichkeiten.  

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