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Das preisgekrönte Interieur der Buchhandlung Haymon in Innsbruck lädt zum Verweilen ein.

Besser als ein Algorithmus

07.05.2014

Der Buchhandel wurde schon oft totgesagt, setzte ihm doch die Konkurrenz aus dem Internet ­mächtig zu. Doch mit Innovation, Kreativität und ­Qualität ­konnten sich viele Geschäfte bis heute halten.

Text: Florian Gasser

Viele kamen, und noch mehr gingen wieder. Heinz Stierle hat schon viele Buchhandlungen auf- und zusperren sehen. Der 74-Jährige ist seit 52 Jahren Buchhändler in Salzburg. Mitten im Zentrum der Mozartstadt, nur einen Steinwurf vom Residenzplatz entfernt, sitzt er in seinem kleinen Buchgeschäft, das seinen Namen trägt. In hellen Holzregalen stehen Lexika, Kinderbücher, Bildbände oder Belletristik. Hier ist man besonders auf Lokales spezialisiert, Bücher aus und über Salzburg. „Ich bin Buchhändler aus Überzeugung", sagt er. Es bereite ihm Spaß, sonst würde er nicht noch immer jeden Tag im Geschäft stehen. Trotz der Konkurrenz im Internet und großer Handelsketten, mit deren Margen eine kleine Buchhandlung nie mithalten kann, gibt es die Buchhandlung Stierle noch immer – und viele andere auch.

„Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele", schrieb bereits Cicero. Was der alte Römer im ersten Jahrhundert vor Christus nicht wissen konnte: Eine Buchhandlung hat inzwischen mit Büchern oft nur noch bedingt zu tun.

Die Einzigartigkeit der Kleinen
Während große Buchhandelsketten, in denen sich zwischen Best- und Restsellerangeboten Buddha-Statuen, Glasperlen und Lebensberatungsbücher breitmachen, zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten schlittern, scheint das klassische Buchgeschäft geradezu eine Renaissance zu feiern. Während Ketten ihren Filialen ein einheitliches Gewand überstülpen, setzen kleine Buchhandlungen auf ihre Einzigartigkeit.
Der stationäre Buchhandel ist es gewohnt, gebeutelt zu werden. Zuerst setzten ihm die großen Ketten zu. Thalia, Morawa, Weltbild oder Hugendubel lockten Kunden mit gigantischen Verkaufsflächen. Doch die Eroberer von damals sind heute die Opfer. Gerade die großen Ketten leiden besonders unter dem Onlinehandel. Ganze Landstriche verloren ihre Buchhandlungen, in manchen Orten oder Wiener Bezirken fand sich kein einziger echter Buchladen mehr.

Doch mittlerweile erleben gerade kleine Buchhandlungen wieder einen Zulauf – wenngleich die Steigerungsraten noch überschaubar sind. Zwar gibt es für Österreich noch keine aktuellen Zahlen, doch der Blick nach Deutschland stimmt optimistisch. Nach jahrelangen Umsatzrückgängen verbuchte der stationäre Buchhandel dort wieder ein kleines Plus und stieg um 0,9 Prozent.

Mit Innovation und Selbstausbeutung
Der Buchhandel wurde schon oft totgesagt – und es gibt ihn immer noch. Eine echte Trendumkehr kann Erwin Riedesser, Vorsitzender des Buchhändlerverbands und Inhaber der Wiener Buchhandlung Leporello, aber nicht feststellen. „Der Grund, wieso es dem Einzelhandel schlechter geht, ist das Internet, und das ist nicht im Abmarsch", sagt Riedesser. Trotzdem sei die Situation gerade in Österreich besser als in Deutschland. „Es machen immer wieder kleine Buchhandlungen auf, die mit der notwendigen Selbstausbeutung auch erfolgreich sind."
Doch Einsatz allein reicht schon lange nicht mehr. Innovation ist das Zauberwort. Ein Bücherwühltisch mit den Bestsellertiteln ist bestimmt kein Verkaufsargument. Wer in eine Buchhandlung geht, weiß zumeist noch gar nicht, was er kaufen möchte. Der Leser will stöbern – und beraten werden. Heinz Stierle ist Spezialist für Reisebücher und kennt sich bei Sprachen aus. Eine seiner Angestellten ist Kennerin von Kinderbüchern. „Das spricht sich herum, manche kommen extra wegen der Beratung hierher und verlangen nach ihr", erzählt Stierle. „Doch eine gute Beratung ist teuer, man braucht richtige Fachkräfte."

Gespräche statt Algorithmen
„Bei großen Ketten ist fast keiner mehr da, weil die Personaldecke dünn gehalten wird", sagt Riedesser. „Beim kleinen Buchhandel haben wir genug Stammpersonal. Die Kunden wollen Gespräche führen und sich anders beraten lassen als nur durch einen Algorithmus." Buchhändler müssten jetzt erst recht besser, schlauer und klüger sein und über mehr Wissen verfügen als die anderen. „Wenn jemand in eine Buchhandlung geht und dort kein freundliches Wort bekommt, dann wird er das nächste Mal eher mit dem Computer arbeiten."

Als Stierle vor mehr als einem halben Jahrhundert als Buchhändler begonnen hatte, gab es in Salzburg noch 17 Buchläden. Elf sind bis heute übrig geblieben. Noch immer muss er sich stets etwas Neues überlegen, immer am Ball bleiben. 65 Prozent der Kundschaft sind Stammgäste, rund ein Viertel Touristen. Gemeinsam entscheidet die Belegschaft, was ins Sortiment aufgenommen wird und was nicht. 11.000 Titel liegen bereit. Paulo Coelho und Stefan Zweig liegen Stierle besonders am Herzen. Doch manchmal muss er auch über seinen Schatten springen. Thomas Bernhard im Regal stehen zu haben gehöre in Salzburg dazu. „Aber der ist überhaupt nicht meins", sagt Stierle. „Diese Nestbeschmutzung, das mag ich nicht."

Alternative Ideen
Immer wieder warten Buchhandlungen mit neuen Konzepten und innovativen Ideen auf. In der Buchhandlung Heyn in Klagenfurt werden die Kunden bekocht, andere setzen auf außergewöhnliche Architektur wie die Buchhandlung Haymon in Innsbruck, deren Interieur bereits mehrfach preisgekrönt wurde.

„Ihr Buch hat ein Gesicht" heißt eine von 39 Wiener Buchhändlern ins Leben gerufene Initiative. Sie wollen damit explizit auf die Qualität des Buchhandels aufmerksam machen und argumentieren, dass ein ausgebildeter Buchhändler mehr ist als bloß ein Verkäufer. Die Buchhandlung ist ein Ort des Austauschs, des Dialogs über Literatur. „Ich behaupte nicht, dass das Internet Teufelszeug ist", sagt Erwin Riedesser. Trotzdem würde Riedesser „zum Beispiel lieber in Plattengeschäfte gehen, aber die gibt es kaum mehr. Wein kann man auch im Internet kaufen, aber mir würde es abgehen, wenn es keine Weinhandlungen mehr gäbe."

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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