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Bei uns geht’s nicht so schnell

14.04.2019

Neue Produktionsanlagen, eine Biererlebniswelt und tausende Jahre alte Werte: Wie gut sich Trends und Traditionen verbinden lassen, zeigt die Stiftsbrauerei Schlägl im Mühlviertel. Es gibt nur eine Voraussetzung: Zeit!

Wenn die Prämonstratenser Geburtstag feiern, sind hohe Zahlen im Spiel. Eben erst waren es 800 Jahre Stift Schlägl, denn man schrieb das Jahr 1218, als Chalhoch von Falkenstein das Stift im dicht bewaldeten Nordwald des oberen Mühlviertels an den Orden übergab. Vor 500 Jahren kam die Stiftsbrauerei hinzu – die einzige Stiftsbrauerei Österreichs, wie gerne betont wird. Sie gehört zur Gänze dem Orden und ist „unter den großen Brauereien eine eher kleine, unter den kleinen eine eher größere“, wie Markus Rubasch, Kämmerer des Ordens und Geschäftsführer der Brauerei, anmerkt.

Auf alle Fälle ist sie eine gut bestellte Brauerei. Der Orden führt gerade eine der größten Investitionen in der langen Historie des Unternehmens durch. In nur einem Jahr Bauzeit wurde die Brauerei um sieben Millionen Euro erneuert, denn „der Ausstoß steigert sich Gott sei Dank“. Das bedeutete einen neuen Lagerbereich, neue Lagertanks und Gärtanks. Alles zwischen Filtration und Abfüllung ist neu, inklusive der Verrohrung und Automatisierung. Braumeister Reinhard Bayer meinte, er freut sich, wenn er zu seinem fünfzigsten Geburtstag einen neuen Gär- und Lagerkeller bekommt und zu seinem 60. dann ein neues Sudhaus.

Bei uns steht nicht Gewinnmaximierung an oberster Stelle. Markus Rubasch, Kämmerer Stift Schlägl

Neben dem Geburtstag des Braumeisters dürfte auch die große Landesgartenschau, die heuer von Mai bis Oktober in Aigen-Schlägl stattfindet, eine Rolle gespielt haben, dass auch gleich der komplette Besucherbereich der Brauerei erneuert wurde, was mit weiteren sieben Millionen zu Buche schlägt. „Eine Investition in dieser Größenordnung ist für uns schon eine große Herausforderung“, erklärt Rubasch. Insgesamt rund 15 Millionen, das entspricht in etwa dem Jahresumsatz des Stiftes, der sich zu ungefähr gleichen Teilen aus dem Braubetrieb mit rund 25.000 hl Bierproduktion, dem Forstbetrieb und der Gastronomie zusammensetzt. Noch dazu kommt alles aus Eigenmitteln, Fördermittel des Landes fließen für die stiftseigenen Investitionen keine hinein.

ACHTSAM STATT PROFITGIERIG

In Schlägl agieren nicht nervöse Betriebswirte, sondern Ordensmänner. „Bei uns steht nicht Gewinnmaximierung an oberster Stelle“, sagt Rubasch, „sondern die christliche Soziallehre.“ Das bedeutet Vorbildfunktion im achtsamen Umgang mit Menschen und Ressourcen, Verantwortung für 200 Mitarbeiter samt deren Familien. Selbstverständlich ist die Brauerei in Teilbereichen ein Bio-Betrieb mit Umweltzertifizierung, der den Begriff der Heimat betont. Eine Jubiläumsbiersorte wird sogar „Heimat“ heißen. Regionalität ist hier kein Marketinggag, sondern Tradition.

Wie die hohen Investitionen abgesichert werden? Herr Rubasch überlegt ein wenig und sagt dann: „Wir sind das Stift!“ Das ist eine Antwort, felsenfest wie jener blaue Granit, auf dem die Gebäude seit 800 Jahren stehen. Die Wirtschaftsbereiche stützen einander. „Wir haben Anvertrautes übernommen und geben es an die Nachfolger weiter“, so Rubasch, „und zwar besser als wir es übernommen haben.“ Bereiche, die vielleicht nicht so gut funktionieren, werden nicht gleich abgestoßen. Woanders würde man sagen, man schleppt etwas mit. Hier schaut man, wo das Potenzial liegt, wie man das Ganze am Laufen halten und wieder aufpäppeln kann. Menschen, die am Arbeitsmarkt nicht so viele Chancen haben, finden hier Beschäftigung. Hier im Stift scheint es eine Ressource im Überfluss zu geben, die im Geschäftsleben rar geworden ist: Zeit. Rubasch: „Bei uns geht es nicht so schnell, besser eine Nacht länger über eine Entscheidung schlafen. Aber dann hat sie Substanz.“

Jetzt ist entschieden worden. Jetzt werden Weichen für die Zukunft gestellt. Die Besucher blicken von einer Balustrade auf die Abfüllanlage, gehen in ein Spiegelkabinett, sehen einen durchaus hippen Film über Bier und finden sich in einem top-modernen Verkostungsraum wieder. Alles hat eine Wasser-Hopfen-Glas-Optik, das Glas ist hinterleuchtet, die Besucherlenkung durchdacht, man ist hier definitiv in einer Bier-Erlebniswelt und wagt solche modernen Marketing-Begriffe gar nicht zu denken.

ZWISCHEN TREND UND TRADITION

Aber das Stift hat mit Elfriede Haindl eine Marketingleiterin, die weiß: „Bier ist zu einem Erlebnis geworden. Früher hat man das auf der Baustelle getrunken, jetzt ist es ein zutiefst emotionales Genussmittel.“ In ihrer täglichen Arbeit steht sie vor der Aufgabe, den Produkten einen Namen und eine Sprache zu geben, Trendsetting und Traditionsbewusstsein auszutarieren. „Ich hätte oft noch ganz andere Ideen“, lacht Haindl, und Ordensmann Rubasch meint: „Da muss ich dann Regulator sein.“

Natürlich geht es in der Brauerei Schlägl nicht darum, dass das Bier die kürzest mögliche Zeit in der Brauerei verbringt. Auch das Bier darf sich Zeit lassen – und zwar rund 1,5 Monate, bis es vom Sud ins Fass oder in die Flasche kommt. Und das wird auch gerne hergezeigt. Hier ist das weiche Wasser aus dem Urgestein des Böhmerwaldes, das Malz aus heimischen Mälzereien und der Mühlviertler Hopfen, der dem Bier die nötigen Bitter- und Aromastoffe gibt. Der Jahresbedarf an Hopfen wird im Sinne regionaler Wertschöpfung zur Gänze aus dem Umland des Mühlviertels gedeckt. Selbstverständlich gibt es auch schicke Craftbiere, wobei „bei uns ist jedes Bier ein Craftbier, weil ja jedes handwerklich erzeugt wird“, sagt Rubasch, „da ist nichts industriell.“ In der Abfüllanlage wird auch Bier für andere Brauereien gefüllt, etwa für Hofstetten.

NACH ALTEN WERTEN LEBEN UND BRAUEN

Vor zehn Jahren wäre der Kämmerer, sozusagen der Finanzminister des Stiftes, bei einer Investition in der aktuellen Höhe äußerst skeptisch gewesen, heute aber gibt er dem Bier eine große Zukunft. Es habe einen anderen Stellenwert bekommen, und dadurch minimiere sich das Risiko der Investition. Markus Rubasch blättert im zehn Jahre alten Nachhaltigkeitsbericht und freut sich, dass alles, was drinnen steht, noch Gültigkeit hat.

Was soll sich an den guten Maximen des Ordensgründers Norbert von Xanten auch ändern? – Actio, Contemplatio, Communio und Missio bestimmen das Leben im Stift Schlägl. Auch das Bier steht unter den Prämissen des gemeinsamen Arbeitens, der Meditation, der Gemeinschaft und der Verbreitung der frohen Botschaft. Darum ist es ja das „wert-vollste“ Bier, wie die Werbebotschaft lautet, also ein Bier, das nicht nur von Wasser, Hopfen und Gerste, sondern auch von Werten durchdrungen ist. „Vielleicht machen wir wieder einmal einen Nachhaltigkeitsbericht“, sinniert Markus Rubasch, um zu sehen, wie nachhaltig die Umgestaltung der Brauerei gelungen ist, wobei er weiß: „Nicht die Lautesten sind die Erfolgreichsten, sondern die Beständigsten.“ Und vielleicht bekommt der Braumeister zu seinem sechzigsten Geburtstag auch noch sein Sudhaus, „aber darum muss sich dann jemand anderer kümmern“, lacht Rubasch.

Autor/in:
Harald Koisser
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