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Bauen wie vor 1000 Jahren

28.06.2017

Errichtung, Betrieb, Entsorgung: Kaum eine Branche benötigt so hohe Ressourcen wie der Baubereich. Ein Dorn im Auge von Hubert Rhomberg, der smarte Methoden entwickelt hat, um Abhilfe zu schaffen. Wenn das richtige Verständnis da ist.

Interview: Stephan Strzyzowski

Sie setzen sich massiv für eine ökologische Trendwende in der Branche ein. Was hat diese Überzeugung geprägt?
Vor 15 Jahren sind zwei Dinge zusammengekommen: Ich habe die operative Geschäftsführung von meinem Vater übernommen. Und wir haben einen Strategieprozess gestartet, der 20 Jahre vorausgeblickt hat. Im Zuge dessen habe ich mir überlegt, was ich eigentlich will. Persönlich. Mir wurde klar, dass ich einen Unterschied machen wollte. Ich habe damals den Umweltforscher Friedrich Schmidt Bleek getroffen, der das deutsche Chemikaliengesetz geschrieben hat. Er setzt sich dafür ein, dass wir von der Reparaturökologie wegkommen. Er hat mir aufgezeigt, dass wir damit aufhören müssen, zuerst Schäden anzurichten und sie danach technisch zu minimieren. Er hat mir auch erklärt, wie viele Ressourcen wirklich in einem Kilo Beton, Stahl, Holz stecken.   

Wie hat sich dieses Wissen auf Ihre unternehmerische Tätigkeit ausgewirkt?
Wenn man erkennt, dass man 500 Kilo Ressourcen benötigt, um einen Kilo Kupfer zu gewinnen, und wenn man weiß, dass die Bauwirtschaft 40 Prozent der globalen Ressourcen verbraucht, wird einem klar, dass man hier ansetzen muss, um zukunftsfähig zu sein. Das war ein wesentlicher Treiber für Innovation bei uns. Nachhaltigkeit ist für mich kein „Nice to have“, sondern ist eine Innovationsmaschine. Daraus hat sich bei uns etwa ein Lösungsansatz für umwelt- und klimafreundlichen System-Holzbau entwickelt.    

Der ökologische Hebel, den die gesamte Bauwirtschaft hätte, ist aufgrund des enormen Ressourcenbedarfs sehr groß. Ist sich die Branche ihrer Verantwortung bewusst?
Wenn sich die gesamte Branche umstellen würde, hätte das sicher gigantische ökologische Auswirkungen. Es ist aber so, dass die Bauwirtschaft noch sehr weit davon entfernt ist. Sogar wir selbst, da wir ja auch in einem System operieren, das uns dazu zwingt, Projekte zu realisieren, wie sie geplant oder vom Gesetz vorgeschrieben sind. Dabei wird noch überhaupt nicht berücksichtigt, wie viel Energie benötigt wird, um das Baumaterial herzustellen. Alle reden zwar von Nullenergiegebäuden, weil sie glauben, dass sie mit Solarenergie mehr Strom produzieren, als sie verbrauchen. Vergessen wird aber völlig, was sie vorher an Energie hineingesteckt haben. Deswegen bin ich auch so ein Freund von Lowtech.

Was ist darunter zu verstehen?
Wenn man hinter jedes Gerät Smartmeter einbaut, ist das eine ökologische Katastrophe. Man sollte eher smarte Citys und Quartiere schaffen, indem man ganze Gebäude analysiert, die eine Lastenkurve haben. Die kann man mit anderen Verbrauchern kombinieren. Aber jede einzelne Wohnung zu messen – das bringt überhaupt nichts. Aber die Industrie will möglichst viel von dem Zeug verkaufen, das man alle paar Jahre auswechseln muss. Man bewegt sich damit voll in eine Sklaverei und will damit das Wachstumssystem der Wirtschaft pushen. 

Sie haben auch baurechtliche Gründe für den Status quo genannt. Hält es die Unternehmen aktuell davon ab, umweltfreundlicher zu bauen?
Die Technologie und das Wissen sind da, die unterschiedlichen Regelungen sind das Problem. Man müsste aber sagen: Wenn eine bestimmte Bauweise in einem Land als zulässig gilt, dann sollte es in allen anderen Ländern auch möglich sein. 

Auf die Politik zu warten, kann langwierig sein. Unternehmer können allerdings auch unabhängig von der Politik rasch tätig werden, wenn sie wirklich wollen.
Darum machen wir auch eine Open Innovation Plattform. Viele Branchenkollegen halten mich aber für einen Exoten, der vom Geschäft keine Ahnung hat.

Wieso? Ihre Geschäfte laufen doch gut?
Ja, allerdings setzen wir auch noch sehr viel mit dem alten System um. Wir sind erst am Sprung in eine neue Welt, die alle Möglichkeiten, die der Systembau bringt, voll nützt. Alles spricht aktuell für eine Plattformtechnologie, in der dann andere Regeln gelten werden.

Wie viel von den Projekten, die Sie machen, können Sie denn bereits auf diese neue, ökologische Weise umsetzen?
Das ist ein schleifender Prozess. Beim einen geht es tiefer, beim anderen weniger. Wir bauen gerade für einen gemeinnützen Bauträger in Vorarlberg Wohnungen in Holzhybridbauweise, die genauso günstig sind wie der Massivbau, aber eine höhere Lebensqualität liefern. Das ist ein Erfolg. Das wollen wir skalieren. Es geht vor allem darum, nicht immer wieder alles neu zu erfinden. 

Wieso sollte man?
Es ist Usus, weil die Baubranche aus unzähligen Spielern besteht, die alle ihr Geschäftsmodell haben, und aus diesem Modell herauszukommen, ist nicht so einfach. Deswegen wird es auch völlig neue Player geben. Vielleicht werden in ein paar Jahren die Teile für Häuser fixfertig bei z. B. Amazon geliefert, von Spezialisten nur mehr montiert, und der Generalunternehmer wäre überflüssig.

Egal, wer die Teile für Gebäude liefern wird: Ein wesentlicher Faktor sind die schwindenden Ressourcen für die Bauwirtschaft. Denken Sie, dass Verteuerung und Verknappung etwa von Stahl und Sand die Branche zu Veränderungen zwingen werden?
Je nach Region ist das sehr unterschiedlich. Sand, den man für Beton braucht, ist sicher das knappste Gut. Sie müssen sich vorstellen: China hat in den letzten drei Jahren so viel Sand verbraucht wie Amerika im ganzen letzten Jahrhundert.

Wo kommt der Sand dafür her?
Er wird in der Regel vom Strand geklaut. Es gibt eine Mafia, die ganze Strände abbaut. Völlig crazy. Singapur baut einen komplett neuen Stadtteil, und die haben sich bei uns angeschaut, wie man mit Holz in die Höhe bauen kann. Wir haben eine Lizenz nach Singapur vergeben, und sie bauen jetzt mit unserer Holzbau-Technologie. Weil sie zu wenig Sand haben. Und weil es in den Nachbarländern Holz ohne Ende gibt.

Gibt es auch ausreichend Holz, um weltweit eine Alternative zu Beton zu bieten?
Nun, es wächst zumindest nach. Und die Regenwälder werden nicht wegen des Baus, sondern wegen des Fleischkonsums abgeholzt. Im DACH-Raum ist Holz der Rohstoff neben Wasser, von dem wir mehr haben, als wir verbrauchen. Wir verwenden es aber für die falschen Dinge.

Wofür denn?
Es gibt bei uns Politiker, die es intelligent finden, Holz zu verbrennen und das Bio-Energie zu nennen. Dafür gibt es sauteure Förderprogramme. Das ist aber nicht ökologisch sinnvoll. Außer, das Holz ist am Ende seiner Nutzung. Die Baustoffe werden also insgesamt sicher knapper, aber sie werden noch länger nicht ausgehen, sondern einfach teurer. Die Gebäude müssen darum wieder ressourceneffizienter werden. Was wir jahrelang erzählt haben, war also einfach falsch.

Was meinen Sie?
Dass man vorher mehr investieren muss, damit man nachher weniger Kosten und Verbrauch hat. Das war eine Lüge! Je mehr ich einbaue, desto mehr muss ich warten, auswechseln und updaten. Es ist totaler Schwachsinn. Das bisserl Energie, das man einspart, kompensiert nie die Kosten, die man durch die zusätzliche Technik hat. Aber das sieht keiner. Weil alle nur die Energieeinsparung anschauen. Wir brauchen aber jetzt schon so wenig Energie. Wir müssen weg von technischen Lösungen und hin zum Hausverstand. 

Könnte man Gebäude bereits so bauen, dass sie recycelt werden können?
Wenn man will, geht das natürlich. Wir haben ein Bausystem entwickelt, bei dem jedes Teil eine digitale Adresse im BIM-Plan hat. Gewicht, Ökobilanz, Bestandteile, was kostet es, wer liefert es. Diese Infos sind mit den Teilen verbunden. Wenn man das Gebäude einmal abreißt, weiß man auch genau, wo was ist, was man recyceln kann. Es ist also eine Materialliste und Rückbauanleitung enthalten. Es gibt heute viele, die behaupten, Greenbuildings zu errichten. Fragen Sie einmal nach der Rückbauanleitung und der Materialliste. Wenn Sie das nicht haben, ist das unverantwortlich. Die Leute in 100 Jahren werden die Materialen dringend brauchen. Und obwohl wir das wissen, wird so gebaut, als ob es uns völlig egal sei, und man nennt es auch noch Grünes Gebäude. 

Wenn man in der Bauwirtschaft Nachhaltigkeit leben will: Lässt sich das auch profitabel darstellen?
Es wird immer unterstellt, dass es mehr kostet. Es kostet aber nicht mehr. Es gibt immer 100 Möglichkeiten, etwas nachhaltiger zu tun, und 50 davon kosten keinen Cent mehr. Mit denen fangen wir an. 

Haben Sie ein Beispiel?
Man kann im öffentlichen Raum rund um ein Gebäude Sträucher setzen, anstatt eines Rollrasens. Die Pflege ist günstiger, und man hat Bienen und Biodiversität. Das ist den meisten Leuten aber egal, weil sie nicht wissen, dass 50 Prozent der Menschheit verhungern, wenn es keine Bienen mehr gibt. Wenn man es aber weiß, trägt man Verantwortung. Man müsste denen, die so etwas nicht wissen, verbieten solche Projekte zu planen. 

Ihr Ansatz lautet „Bauen 4.0“. Was beinhaltet er?
Aktuell ist es so, dass jeder etwas plant und man erst am Schluss merkt, dass vieles nicht zusammenpasst. Ein Rohr geht etwa durch eine Wand, trifft aber auf einen Lüftungsschacht, also muss es versetzt werden. 

So etwas schaut sich vorher niemand an?
Nicht wirklich. Die Gewerke werden seriell beauftragt. Irgendwann kommt alles zusammen, dann müssen diverse Konflikte bereinigt werden. Das kostet. Wenn aber alle im selben digitalen Datenmodell arbeiten, sieht man Probleme gleich. Die Bauwirtschaft baut heute noch genau gleich wie vor 1000 Jahren, das ist ein Wahnsinn. Wenn aber alle im gleichen System arbeiten würden, könnte man voneinander lernen und müsste nicht immer wieder die gleichen Fehler machen. Wissen und Erfahrungen würde man teilen. Ich sage immer: None knows more than everyone! 

Ein Resultat Ihres Ansatzes ist das höchste Holzhochhaus der Welt, das Sie 2012 in Dornbirn errichtet haben. Wie hoch geht es aktuell?
100 Meter. Es ginge höher, aber irgendwann macht es keinen Sinn, weil dann wieder wahnsinnig viel Material verbraucht wird. Wir haben in Dornbirn acht Stock hoch gebaut, um zu zeigen, dass es geht. Sogar ohne Sprinkleranlage. Die Behörden haben also großes Vertrauen in das Konzept.

Es gibt immer mehr Menschen, die in Städte ziehen, die Temperaturen steigen, die Luftverschmutzung ebenfalls. Wie löst man das bautechnisch?
Ich denke, dass es aus ökologischer Sicht sogar von Vorteil ist. Stadtbewohner sind nachhaltiger als Landbewohner. Die Wohnungen werden definitiv kleiner, so genannte Micro-Apartments. Allerdings ohne großen Komfortverlust, wenn sie gut eingeteilt, modular und flexibel sind. Viel wichtiger werden Allgemeinplätze, wo Community geschaffen wird. Dadurch könnte auch leistbares Wohnen wieder möglich werden. 

Wie gut kommen Ihre Ideen in den Regionen voran, in denen es klimatisch schon ungemütlich wird?
Wir geben unser Know-how gerne weiter, aber es ist eine Frage des Willens der Politik und der Unternehmer. China zeigt in manchen Städten vor, wohin die Reise gehen wird. Der Trend wird sich noch beschleunigen, weil große Städte sonst unbewohnbar werden. Durch den aufkeimenden Nationalismus wird es allerdings schwieriger, globale Abkommen einzuhalten. Hier stellt sich die Frage, ob die Spezies Mensch es letztlich schafft zu überleben. Ich glaube, dass es sehr übel wird. Um die Erde selbst mache ich mir aber keine Sorgen.

Was prägt Ihre Sicht auf die Erde?
Meine Beziehung zur Natur. Ein Baum ist nicht nur ein Pixel in meiner Wahrnehmung. Ich habe selber eine kleine Landwirtschaft, wo ich alte Sorten ausbringe. Ich bin ein bewusster Mensch, meditiere sehr viel und beschäftige mich mit dem Wesen des Selbst. Denn wenn man eine Beziehung zu allen Dingen hat, bringt einen das in eine andere Situation. Die einzige Möglichkeit, etwas auf diesem Planeten zu ändern, ist, wenn sich die Menschen ihrer selbst bewusst werden. Wir können nur uns selbst ändern, das ändert aber alles.

Sie haben das Unternehmen in vierter Generation übernommen. War das auch der Anspruch, mit dem Sie an diese Herausforderung herangegangen sind?
Ja, schon. Die ersten zehn Jahre waren stark vom Ausbau der Bahntechnik sowie der Entwicklung des ökologischen Gedankens im Unternehmen geprägt. Ich setze auf diese innovativen Themen, weil ich glaube, dass sie unsere Zukunft bestimmen werden. 

Und wo soll Ihr Unternehmen in dieser Zukunft stehen?
Ich habe drei Kinder und hoffe, dass eines Interesse hat, irgendwann weiterzumachen. Es gibt da aber keinen Druck. Klar ist, dass sich das Unternehmen laufend verändern muss und es dafür auch immer wieder Impulse von neuen Generationen braucht. Nur so kommen neue Ideen und Sichtweisen. 

Zahlt diese Art von Innovation auch auf Wachstum ein?
Ich stelle das Wachstumsparadigma durchaus infrage, obwohl ich weiß, dass wir unser System darauf abgestellt haben. Man muss jetzt aber darüber nachdenken, was passiert, wenn die Menschen draufkommen, dass sie nicht mehr so viel brauchen. Ich glaube nämlich, dass das Wachstum an eine natürliche Grenze stoßen wird. Wissen Sie welche?

Zeit?
Genau. Sie können sich noch 20 Produkte kaufen, werden aber keine Zeit mehr haben, sie zu benützen. Das wird eine Bremse sein. Sie wird allerdings konterkariert durch die explosionsartige Zunahme der Menschen. Sie benötigt unfassbare Ressourcen. Ich frage mich, was das auf diesem Planeten für unsere Spezies bedeuten wird. 

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