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Ausgebrannt

09.03.2011

Immer mehr Menschen verglühen im Druck der Arbeitswelt. Die WIRTSCHAFT hinterfragt, welche Faktoren den Flächenbrand entfacht haben und welche Lösungsansätze mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

„Es bleibt zu befürchten, dass Burnout keine kurzfristige Erscheinung am Firmament der Arbeitswelt bleiben wird.“

Text: Stephan Strzyzowski

Auch wenn der Begriff Burnout durchaus kontroversiell diskutiert wird: Dass sich zu hohe Arbeitsbelastung und Stress mit der Zeit negativ auf die Gesundheit auswirken können, wird niemand bestreiten. Doch woran liegt es, dass die Zahl derer, die der Arbeitsalltag tatsächlich krank macht, ständig steigt?
Einer der wesentlichen Bausteine liegt in den Auswirkungen der Finanzkrise. Hat doch die wirtschaftliche Talfahrt auch im Arbeitsalltag vieler Unternehmen ihre Spuren hinterlassen. Unzählige Arbeitnehmer mussten miterleben, wie ihre Arbeitsplätze plötzlich gestrichen wurden oder zumindest monatelang auf der Kippe standen. Ganze Branchen erlitten enorme Einbußen, selbst erfahrene Manager standen der internationalen Entwicklung hilflos gegenüber.  Was blieb, ist ein Gefühl von Ohnmacht und Angst. Schlimm genug. Doch dazu kommt, dass viele Unternehmen ihren Personalstand bislang noch nicht wieder auf das Vorkrisen-Niveau anheben konnten. Die Folge: Weniger Leute müssen mehr leisten und das unter unsicheren Vorzeichen. Wer weiß schließlich, wann die nächste Blase platzt? Dass diese Rahmenbedingungen nicht gerade für entspanntes Arbeiten sorgen, liegt auf der Hand.

Ressourcenmangel sorgt für Druck
Regina Nicham ist Leiterin der Abteilung Arbeitspsychologie bei Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement, IBG. Auch sie beobachtet, dass immer mehr Menschen das Gefühl plagt, ihr Arbeits-pensum aufgrund knapper Personalressourcen nicht mehr ableisten zu können – und das trotz steigender Stundenbelastung. Wenn mangelnde Personalressourcen zum Dauerzustand werden, bleibt die Zeit für den dringend benötigten Ausgleich zur Mehrarbeit auf der Strecke. Diese Beobachtung wird auch von dem Unternehmensberater Alfred Harl geteilt: „Viele Betriebe können überhaupt keinen personellen Speck mehr ansetzen, den sie bei Krankheiten, neuen Projekten oder auch nur, um das laufende Geschäft sinnvoll abdecken zu können, dringend bräuchten.“ Den Grund dafür sieht er darin, dass die Unsicherheit der Krise noch immer nicht überwunden wurde. Deswegen sei man bei Einstellungen auch noch immer sehr zögerlich. Die Rechnung, die sich daraus ergibt, scheint fast zu simpel: Die Krise hat in vielen Unternehmen zu einer Ausdünnung des Personalstandes geführt, was wiederum zu mehr Stress und in Folge auch zu mehr Belastungserkrankungen.

Ein Thema, das laut der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz fast 80 Prozent aller europäischen Manager Kopfweh bereitet, die sich Gedanken über arbeitsbedingten Stress in ihren Unternehmen machen. Doch lediglich ein Drittel setzt dementsprechende Maßnahmen für die Mitarbeiter um. Was nicht verwundert, denn wenn man eine spürbare Entlastung erwirken will, geht das nicht ohne Ressourcen, und genau an denen mangelt es ja offenbar. Vom Vertrauen in die Zukunft ganz zu schweigen.

Eine halbe Million im Burnout
Welches Ausmaß das Thema insgesamt hat, belegt eine  Studie von Marketagent.com. Sie hat ergeben, dass aktuell rund 500.000 Menschen in Österreich am Burnout-Syndrom leiden und sogar jeder Vierte Burnout-gefährdet ist. Darunter auch nicht wenige mittelständische Unternehmer, die laut Auskunft der SVA sogar ein besonders hohes Risiko tragen. Dass der Vormarsch psychischer Erkrankungen wie Burnout und Depressionen also auch am österreichischen Sozialversicherungssystem nicht spurlos vorübergehen kann, ist klar. So verursachen psychische Erkrankungen jährliche Kosten von 7,16 Milliarden Euro. 31 Prozent davon entfallen auf Krankenstände, 21 Prozent auf Krankenhausbehandlungen. Rund 20 Prozent aller Frühpensionen werden mittlerweile aufgrund psychischer Erkrankungen angetreten. 460 Krankenstandstage pro 1.000 Beschäftigte pro Jahr werden durch seelische Leiden verursacht.

Die ersten Anzeichen ernst nehmen
Zugegeben: Nicht jeder, der gestresst ist, gleitet automatisch ins Burnout ab. Dennoch sollte man im Arbeitsalltag wachsam sein. Auch wenn die ersten Anzeichen beinahe jeder kennt und man sie zu rasch auf die leichte Schulter nimmt: Zu Beginn spürt man oft eine Zunahme der Belastung, will aber alles selber machen. Man empfindet eine hohe Verantwortung, achtet weniger auf sich, schläft weniger, trifft seltener seine Freunde. Die Regeneration kommt immer kürzer. Irgendwann beginnt man aber immer mehr Fehler zu machen und kann die Arbeit nicht mehr korrekt ableisten. Man zieht sich immer mehr zurück.

Erzählt weniger, hat keine Lust mehr auf Kontakt und kann nicht mehr abschalten. Krankenstände häufen sich, man geht krank in die Arbeit. Wenn dieser Zustand nicht mehr nur ab und zu, sondern permanent wird, ist akute Gefahr in Verzug. Das Perfide dabei: Ein Symptom der Erkrankung ist, dass man die Entwicklung selbst nicht mitbekommt.
Die Betroffenen weisen die Probleme sogar meistens harsch zurück. Doch selbst wenn der Geist noch willig wäre, der Körper macht ihm irgendwann einen Strich durch die Rechnung: Kreislaufkollaps, Atembeschwerden, Panikattacken und Schwindelgefühle zwingen einen dann in die Knie; der Mensch ist am Ende seiner Kräfte. Und das kann dauern. Bis zur Gesundung können leicht drei bis zwölf Monate vergehen. Manche Menschen kommen sogar nie wieder mit dem Druck
der Arbeitswelt zurecht, weiß Regina Nicham.

Im Burnout angekommen
Wie rasch sich die Abwärtsspirale zu drehen beginnen kann, hat auch das Vorstandsmitglied einer österreichischen Bankengruppe, die namentlich nicht genannt werden möchte, erlebt. Der Manager erinnert sich noch gut daran, wie er den Crash erlebt hat: Die Auswirkungen des Burnout-Syndroms traten binnen weniger Tage und für ihn damals völlig unvorhergesehen auf. Ursache für seine Erkrankung war, wie er heute weiß, dass er sich über Jahre ausschließlich der Arbeit gewidmet und den privaten Ausgleich als Gegengewicht zum Berufsleben eklatant vernachlässigt hat. „Obwohl Burnout eine Erkrankung der Psyche darstellt und aus jahrelanger psychischer Stressbelastung resultiert, hatte ich die Krankheit als solche erst wahrgenommen, als körperliche Beschwerden auftraten“, resümiert er darüber, die entscheidenden Warnsignale nicht erkannt zu haben.

Atembeschwerden, Panikattacken, Schweißausbrüche, starke Verspannungen, Hautausschläge, Tinitus und Schlaflosigkeit haben seinem beruflichen Engagement damals ein abruptes Ende gesetzt. Sogar das Schreiben eines simplen E-Mails wurde zur Herausforderung. „Ich war nicht in der Lage, die Gesamtheit der Schmerzen und Emotionen objektiv zu analysieren oder gar zu verstehen. Ich war dieser Krankheit völlig ausgeliefert“, blickt er zurück. Heute ist er überzeugt davon, dass ihm sein Übereifer und Engagement zum Verhängnis geworden sind. Dass Manager allerdings generell stärker gefährdet sind, kann die Fachwelt nicht belegen. Es kann vielmehr jeden in jedem Arbeitsbereich betreffen. Und es hängt, wie Nicham betont, nicht allein vom Unternehmen und seinen Strukturen, sondern auch maßgeblich von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Wenn das Fass tatsächlich überläuft, spielen meistens neben betrieblichen auch individuelle, private sowie gesellschaftliche Faktoren zusammen.

Rechtzeitig richtig handeln
Dieser Umstand entlässt Unternehmer und Manager allerdings nicht aus ihrer Pflicht, ihre eigene und auch die Gesundheit ihrer Mitarbeiter im Auge zu haben und nach Möglichkeit im Betrieb zu fördern.
Der HR-Experte Gerhard Habitzl hat unterschiedliche Herangehensweisen, von Verleugnung bis zu ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Thema, beobachtet. Manche Unternehmen würden einfach den Kopf in den Sand stecken und keine Aktivitäten setzen. Aussagen wie „Wir wollen doch keine Rehe scheu machen“ seien zu hören. Die Angst besteht, dass Burnout-Präventionsprogramme Mitarbeiter zu Arztbesuchen motivieren könnten. Dies könnte wiederum lange Krankenstände oder Kuraufenthalte nach sich ziehen.

Auf der entgegengesetzten Seite des Spektrums stehen Unternehmen, die mit voller Kraft für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter eintreten. Sie organisieren Veranstaltungen mit Top-Referenten für ihre Mitarbeiter und wollen für das Thema Burnout sensibilisieren. Bei ihnen erhalten Führungskräfte Intensivschulungen, um Anzeichen frühzeitig zu erkennen und die entsprechenden Gegenmaßnahmen zu setzen. Maßnahmen im Bereich der Organisationsentwicklung und Arbeitsplatzgestaltung werden zu diesem Thema allerdings derzeit nur am Rande diskutiert, kritisiert Habitzl.

Angst vor dem Eingeständnis
Ein Grund dafür, dass sich Mitarbeiter, die ernste Anzeichen von Belastungserkrankungen wahrnehmen, nicht immer gleich von selbst und unverzüglich an ihre Vorgesetzen wenden, mag darin liegen, dass sie als schwach gelten könnten. Zu groß ist auch die Angst vor der Ersetzbarkeit und davor, den hohen Erwartungen der Mitarbeiter und Vorgesetzten nicht gerecht werden zu können. Dabei müsste man es eigentlich als Zeichen der Stärke erkennen, rechtzeitig Stopp sagen zu
können, meint Nicham. Keiner hätte etwas von dem Stillschweigen der Probleme. Sind es doch mehr Fehler und weniger
Leistung, die wie das Amen aufs Gebet folgen.

Doch nicht alle kehren ihre Probleme unter den Teppich. Viele Menschen hätten in Burnout sogar die Möglichkeit erkannt, ihrer Überlastung und der fehlenden Sinnhaftigkeit im Berufsleben sowie ihrer empfundenen Ausweglosigkeit einen Namen zu geben, meint Burnout-Coach Petra Brenner. Sie könnten über ihre Probleme sprechen, ohne gleich als verrückt oder schwach zu gelten.
Verständlich, denn auch wenn man mit einem Burnout nicht gerade hausieren geht, passt doch das Geständnis, sich überarbeitet zu haben, viel besser in den Zeitgeist unserer Leistungsgesellschaft als das Eingeständnis einer klassischen Depression. So könnten nun unzählige Menschen über das Vehikel Burnout ihren Gefüh-
len Ausdruck verleihen und den ersten Schritt Richtung professionelle Hilfe machen.

Die Stimmungslage erheben
Sich als Unternehmer auf die Auskunftsbereitschaft seiner Mitarbeiter zu verlassen könnte sich dennoch als trügerisch herausstellen. Wer hingegen regelmäßige Befragungen macht, kann sich ein objektives Bild der empfundenen Belastung machen. Anonym und damit ohne schleimerische Unwahrheit.

Diese Maßnahme sollte übrigens von Unternehmerseite nicht nur als Akt der Nächstenliebe betrachtet werden. Lassen sich doch daraus Prognosen ableiten, was in den kommenden Jahren auf das Unternehmen zukommt. Bei Bedarf kann man rechtzeitig gegensteuern und teure Krankenstände und Personalrochaden vermeiden. Doch dazu braucht es konkrete Maßnahmen. Führungskräfte müssen als Erstes Kontakt mit ihren Mitarbeitern aufnehmen, denn oft kann schon ein Gespräch Erleichterung bringen.

„Es geht zum Beispiel darum zu akzeptieren, dass Pausen gemacht werden, dass man Erholung braucht, dass man nicht immer erreichbar sein muss. Dass es erlaubt ist, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen und sich zu erholen. Dass die Führungskraft nicht erwartet, dass man keinen Urlaub macht“, erklärt Regina Nicham. Natürlich gilt das auch für die Vorgesetzten selbst. Die guten Mitarbeiter, die besonders viel ableisten, zuzuschütten, bis sie zusammenbrechen und man sie verliert, bringt also nur Probleme. Auf die motivierten, engagierten Mitarbeiter muss vielmehr besonders gut geachtet werden. Spezielles Augenmerk gilt dabei den Überstunden – ein klares Nein von der Führungskraft lohnt sich auf Dauer.

Realistische Ziele verfolgen
Natürlich müssen sich auch Mitglieder der Geschäftsführung und des Managements selbst bei der Nase nehmen und darauf achten, dass sie nicht ausbrennen. Für sie ist es besonders wichtig, zwischen den eigenen Erwartungen und Erfolgserlebnissen zu unterscheiden und dem, was von außen verlangt wird. Denn wenn unrealistische Ziele gesteckt werden, auf deren Erreichung man selbst keinen Einfluss hat, droht Frustration. Man muss sich vielmehr eigene, realistische Ziele setzen und über sie Erfolgserlebnisse generieren. Diese Methode sollte natürlich auch bei Zielvorgaben der Mitarbeiter angewandt werden.

Dass man allerdings mit den diversen Bemühungen Burnout komplett ausschließen kann, darf man nicht erwarten. Denn auch in Unternehmen, die alles richtig machen, erkranken Mitarbeiter. Doch spielen in diesen Fällen zumeist persönliche Aspekte die ausschlaggebende Rolle. Auch wenn also der Druck der Arbeitswelt gehörig zugenommen hat, muss jeder für sich selbst entscheiden, wie weit er zu gehen bereit ist. Man muss Methoden zum Stressabbau entwickeln und konsequent Grenzen setzen.

Das hat auch unser anonymes Vorstandsmitglied getan: „Ich habe meine Einstellung zur Arbeitswelt durch diese Erfahrung um 180 Grad gedreht. War damals mein Leben primär auf die Arbeit ausgerichtet, so arbeite ich heute mit Freude, um mein Privatleben finanzieren und genießen zu können. Die Wochenenden nütze ich strikt zum Ausgleich. Wenn ich Anzeichen wie stressbedingte Muskel verspannungen verspüre, gebe ich mir heute ausreichend Zeit zur Regeneration. Dabei bin ich insofern kompromisslos geworden, als ich meiner Gesundheit Vorrang vor sämtlichen Terminverpflichtungen und Interessen anderer und insbesondere auch denjenigen des Arbeitgebers einräume.“

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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