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Ausbildung ist kein Geschenk

28.02.2018

Wer in der Digitalisierung nicht untergehen will, muss sich ständig weiterbilden. Im Interview erklärt WIFIKurator Markus Raml, warum Unternehmen jetzt auch Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen eine echte Chance geben sollten, und warum man mit 45 noch nicht an die Pension denken darf.

INTERVIEW: STEPHAN STRZYZOWSKI

Die Gesellschaft überaltert, während die Digitalisierung viele Jobs kosten wird. Welche Herausforderungen kommen dadurch im Bereich Weiterbildung auf Unternehmen zu?
Aufgrund der Digitalisierung verändern sich die Berufsbilder gerade insgesamt sehr stark. Es geht heute in beinahe allen Bereichen nicht mehr nur um die eigentliche, fachliche Kompetenz, sondern immer auch um die Frage, wie sie sich in den digitalisierten und automatisierten Arbeitsprozess eingliedern lässt. Gerade KMU sind entsprechend gefordert, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu schulen, um die Vorteile der Digitalisierung abholen zu können.

Wie muss eine zeitgemäße Ausbildung gestaltet sein, um diesem Anspruch gerecht werden zu können?
Natürlich müssen wir mit dem Bildungsangebot permanent am Puls der Zeit bleiben und unsere Kurse laufend anpassen. Wo Bedarf herrscht, wissen wir deshalb so genau, weil unsere WIFI-Trainer und Trainerinnen aus der Praxis kommen. In meiner Unternehmens- und Steuerberatung arbeiten zum Beispiel vier Damen, die auch Trainerinnen am WIFI sind. Sie sehen tagtäglich, was wirklich benötigt wird und können dieses Wissen entsprechend gezielt weitergeben. Es geht aber nicht immer nur um die Inhalte selbst, sondern auch um die Herangehensweise. Es muss klar sein, dass die zentrale Herausforderung der Digitalisierung darin liegt, alle Mitarbeiter mitzunehmen – und zwar langfristig. Natürlich müssen sie die Techniken lernen, und das unter der Voraussetzung, dass es sich um einen lebenslangen Prozess handelt.

Dafür muss aber eine entsprechende Awareness bei den Angestellten da sein und auch ein entsprechendes Budget in den Unternehmen. Ein Wunschtraum?
Mittlerweile sind sich alle der Bedeutung von Digitalisierung und Automatisierung bewusst. Und zwar nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei allen, die schon lange im Arbeitsleben stehen. Wer sich jetzt nicht weiterbildet, läuft Gefahr, aus dem System zu fallen. Die Erkenntnis ist also angekommen und auch die Einsicht, dass es Handlungsbedarf gibt. Dass auch entsprechende Mittel bereitgestellt werden, können wir am Umsatzanstieg und der gestiegenen Nachfrage nach Ausbildungen ablesen. Es wird definitiv mehr Geld ausgegeben, und ein Großteil der WIFI-Kurse wird von Unternehmen bezahlt.

Die Konjunktur zieht an. Der Wirtschaft fehlen zahllose Arbeitskräfte und Qualifikationen, die gar nicht so schnell ausgebildet werden können. Wo sehen Sie Lösungsansätze?
Wir versuchen natürlich, unsere Trainer möglichst rasch zu qualifizieren, damit sie bei brennenden Themen, wie der Datenschutz- Grundverordnung, rasch unterstützen können. Das ist aber natürlich nur eine kurzfristige Maßnahme. Es muss mittel- und langfristig gelingen, mehr Frauen für Technik zu interessieren. Nach wie vor sind nur 20 Prozent der IT-Fachkräfte weiblich. Wenn sich dieser Anteil nicht steigern lässt, wird es immer einen Mangel geben. Am Beginn der Flüchtlingswelle gab es die Hoffnung, dass unter ihnen viele Fachkräfte sein würden. Leider hat sich dann schon die Alphabetisierungsrate als niedrig herausgestellt. Natürlich sind aber auch viele gebildete Menschen zu uns geflüchtet, die wir rasch in Deutsch fit machen und schnell in die Bereiche bringen müssen, wo es Bedarf gibt.

Wie schnell kann das gehen?
WKO-Präsident Christoph Leitl hat die Forderung aufgestellt, dass es 1000 Euro pro Flüchtling und Monat für Unternehmen geben soll, die Flüchtlinge einstellen. Das finde ich sehr schlau. Da wir gerade so niedrige Arbeitslosenzahlen haben und viele Unternehmen Mitarbeiter suchen, sind Betriebe eher bereit, auch bildungsferne Menschen einzustellen und auszubilden.

Sehen Sie die Bereitschaft dazu bei den KMU?
Durchaus. Man muss heute Personen längerfristig schulen und in sie investieren. Das gilt für Langzeitarbeitslose genauso wie für Migranten und Flüchtlinge. Diese Gruppen hatten vor fünf Jahren kaum eine Chance am Arbeitsmarkt, aber jetzt ist der Bedarf so hoch, dass die Unternehmen Geschäft verlieren, wenn sie diese Personengruppen vernachlässigen. Es gibt viele darunter, die wirklich arbeiten wollen, und denen muss man eine Chance geben. Klar, es dauert länger, bis man Geld verdient, aber man kann als Unternehmer sehr profitieren. Wir haben mit exponierten Gruppen gute Erfahrungen gemacht. Das bringt auch soziale Wärme ins Unternehmen. Aufgrund der guten Wirtschaftslage lässt sich das auch kostenseitig wieder leichter darstellen.

Wer sich jetzt nicht weiterbildet, läuft Gefahr, aus dem System zu fallen.

Welche Ausbildungen sind gerade besonders gefragt?
Drei Bereiche erleben gerade Hochkonjunktur: Betriebswirtschaft, Technik und IT sowie Gesundheit. Kurse wie Bilanzierung, Personalverrechnung und Buchhaltung sind bei uns traditionell stark. Im IT-Bereich haben vor allem Social Media-Kurse zugenommen. Denn der Onlineauftritt ist für viele KMU wirklich wichtig geworden, und die meisten betreuen ihn selbst. Im Bereich Marketing wird aktuell besonders der Onlinehandel forciert und nachgefragt. Auch Fertigungstechnik-Ausbildungen ziehen stark an. Ein dritter Trend liegt im Bereich Stressmanagement und Burnout-Prävention.

Die Menschen lernen also jetzt, wie sie dank Digitalisierung alles noch schneller und effizienter gestalten können, und wenn sie das geschafft haben, wie sie es aushalten, ohne durchzudrehen.

Ein wenig überspritzt sieht es danach aus.

Wenig verwunderlich, dass dann nicht alle mit purer Begeisterung auf die Entwicklung reagieren, oder?
Jeder Mensch hat Angst vor Veränderungen. Deshalb muss man das Thema auch zunächst positiv besetzen. Ich glaube, das gelingt langsam. Das Bild der Digitalisierung, die nur Jobs vernichtet, wird gerade abgelöst. Wenn die Menschen dem Thema nicht mehr mit Angst begegnen, können sie von der Entwicklung echt profitieren. Viele Routinearbeiten fallen weg, genau wie schwere und gefährliche Arbeiten. Das, was den Menschen ausmacht, zum Beispiel Kreativität und Empathie, wird dafür wichtiger. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, dass wir keine Arbeit mehr haben werden. Nur wie man seine Fähigkeiten im Einklang mit der Digitalisierung einsetzt, das muss man lernen.

Haben Sie eine Vorstellung, wo Österreich in diesem Prozess steht?
Wir wissen, dass 75 Prozent der Unternehmen schon Schulungsmaßnahmen rund um Digitalisierung gesetzt haben. Und schon jetzt laufen 36 % der Weiterbildungen bei uns online ab. In sieben Jahren sollen es 63 % sein. Studien zeigen auch, dass der Anteil der Erwachsenen, die sich weiterbilden lassen, von Jahr zu Jahr steigt. Das sind alles Anzeichen dafür, wie rasch die Entwicklung voranschreitet.

Geht diese Entwicklung mittlerweile auch von den Angestellten selbst aus? Steigt die Bereitschaft, sich weiterzubilden?
Ich glaube schon, und das ist auch dringend nötig. Man darf heute nicht mehr ab 45 an die Pension denken. Weiterbildung muss Spaß machen. Ihre Früchte bereichern das Berufsleben enorm, wenn man auf der Höhe der Zeit ist und überall mitreden kann. Klar, Ausbildung ist kein Geschenk, aber ein Segen, wenn man sie hat.

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