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Aus-gewachsen

13.04.2015

Geht der Konjunktur auf lange Sicht die Puste aus? Die einen meinen, ja, und das sei sogar gut so. Die anderen halten mit der Innovationskraft der Wissensgesellschaft entgegen.

Text: Daniel Nutz
 

Die Wirtschaft benötigt Wachstum, eh klar! In diesem Punkt herrschte bisher Einigkeit. „Europa braucht Wachstum", wirft die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihren Anhängern hoffnungsvoll entgegen, und sie klingt dabei selten einig mit ihrem griechischen Pendant Alexis Tsipras, der meint: „Eine starke Wachstumspolitik muss in Europa Priorität haben." Ihre Wege zu mehr Wachstum mögen unterschiedlich sein, doch in einem sind sich beide Lager einig: Die alljährliche Vermehrung des Bruttoinlandsprodukts ist so etwas wie das Lebenselexier der Volkswirtschaften. Und auch in den meisten Managementbüchern steht der mehr oder weniger deutliche Rat an Unternehmen: Wachse, damit du auch morgen deine Mitarbeiter zahlen, deine Kreditraten bedienen kannst und auch noch ein wenig zum Leben auf der Seite hast.

Was passiert aber, wenn uns das Wachs­tum langsam im Stich lässt? Die meisten hochindustrialisierten Länder bringen es seit 2008 nur noch auf Wachstumsraten von durchschnittlich einem Prozent oder noch weniger. Doch was sind die Gründe dafür? Seit Beginn der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren tat die Wirtschaft – getrieben von Arbeitskräften, Kapital und Innovation – meist das, was sie sollte: nämlich wachsen. Kann es sein, dass dieses Zeitalter langsam ein Ende nimmt? Für Marcus Scheiblecker vom Forschungsinstitut Wifo besteht unmittelbar noch kein Grund zur Aufregung: „Wir beobachten eine schon länger andauernde Konsum- und Investitionsmüdigkeit. Dieses Phänomen ist allerdings kein neues Paradigma, wir müssen nicht am System drehen", meint der Volkswirt. In der Vergangenheit führten stets Innovationen wie die Elektrifizierung oder Einführung von Computern zu Produktionssteigerungen. Unternehmen investierten in neue Technologien, und das alles sorgte letztlich für Wachstum. Diese innovativen Kräfte scheinen derzeit eingeschlafen zu sein. „Wir sehen Computer überall, nur nicht deren Auswirkung auf die Produktionszahlen. Im Bereich Robotik oder Genetik gibt es zwar viele neue Patente, doch sie beeinflussen das Wirtschaftswachstum kaum", sagt Scheib­lecker. Allerdings glaubt er nicht, dass sich die Welt bereits an den Grenzen der wirtschaftlichen Entwicklung befindet. Innovationen werden auch in Zukunft die Produktivität – der maschinellen wie geistigen Arbeit – steigern, glauben die meisten Ökonomen. Damit hat das Warten auf das nächste große Ding seit dem Computer begonnen. Gesucht wird eine Entwicklung, die große Kapazitäten freisetzt. Manche denken dabei an das Schlagwort „Internet der Dinge" beziehungsweise „Industrie 4.0", manche an Bio- und Nanotechnik oder an neue Dienstleistungen. Andere sehen diese Entwicklung dagegen schon am Plafond und führen soziale und ökologische Argumente an, um komplett auf Wachstum zu verzichten.

 

Ende des Wachstums

Es sind Ökonomen wie der Brite Tim Jackson oder der Deutsche Niko Paech, die vom Rande ihrer Disziplin kommend derzeit als Crasher der Wachstumsparty agieren. Jackson postuliert in seinem bereits 2009 erschienen Bestseller „Wohlstand ohne Wachstum", dass das Streben nach mehr und mehr Wachstum zu Deregulierung, Schulden und letztlich zum Platzen der Finanzblase 2008 führte.

Auch Paech gibt den Polterer, der längst nicht bei allen Kollegen Anerkennung findet. Seine Argumente sind aber spannend wie diskussionswürdig. Die Kernthese der sogenannten Post-Wachstums-Theorie besagt: Hochentwickelte Volkswirtschaften müssen, ob sie wollen oder nicht, auf Wachstum verzichten. Einerseits deshalb, weil Umweltverschmutzung und Klimawandel kein Wachstum mehr zulassen, andererseits, weil die Nachfrage des Konsumenten nach immer mehr Gütern irgendwann zum Erliegen komme. In diesem Punkt greift die Post-Wachstums-Theorie Argumente von Klassikern wie Adam Smith oder Joseph Schumpeter auf, die im Erfolg der Marktwirtschaft letztendlich auch ihren Untergang sahen. Doch was kommt, wenn die Wirtschaftsordnung, die wir kennen, gehen sollte?

 

Was kommt nach der Marktwirtschaft?

An der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen sitzt André Reichel und macht sich über solche Fragen Gedanken. „Es gibt eigentlich keine wissenschaftliche Post-Wachstums-Theorie. Es geht dabei mehr um eine politische Utopie", meint der Betriebswirt. Dennoch glaubt Reichel, dass sich das Wirtschaftssystem faktisch in einem Wandel befindet. „Wenn jeder alles hat und es keine neuen Märkte mehr gibt, fallen irgendwann die Gewinnspannen ab. Wenn überall Wohlstand herrscht, gibt es keine lohnenden Investitionen mehr", erklärt Reichel. Denn die Grundlage des Wachstums ist die Produktivitätssteigerung durch den Einsatz von Technologie. „In allen entwickelten Volkswirtschaften geht aber das Produktivitätswachstum zurück. Diesen Trend gibt es schon lange. Wenn man schon sehr gut ist, wird es eben umso schwieriger, noch besser zu werden", so Reichel weiter. Und was ist mit den Möglichkeiten des Internets oder der Nano- und Biotechnologie, die immer wieder als nächster großer Wachstumsmotor gepriesen werden? Reichel glaubt nicht daran: „Es wird immer Innovationen geben. Aber die haben keineswegs die gleiche fundamentale Wirkung wie Strom, das Telefon, fließendes Wasser oder der Verbrennungsmotor."

Endet das Wachstum, hat das einschneidende Auswirkungen auf die Unternehmen. Genaue Forschungen gebe es dazu nicht, aber so manche Annahmen, erklärt Reichel. „Auch in einer post-Wachstums-Wirtschaft wird es ansteigende und stark schrumpfende Branchen geben. Wir werden Produkte und Anwendungen brauchen, die mit viel weniger Energieaufwand und weniger CO2-Verbrauch auskommen." Diese neuen Rahmenbedingungen stecken das Terrain für Sieger und Verlierer einer solchen Wirtschaftsordnung ab. Denn eines muss klar sein: Ohne Wachstum wird der Wettbewerb härter. Neue Ideen werden kommen, und sie werden den alten Marktanteile wegnehmen. Dann gebe es keine Win-win-, sondern Win-loose-Situationen, prophezeit Reichel. Gewinnen würden jene Unternehmen, die sich darauf spezialisieren, besonders ressourcenschonende langlebige Produkte herzustellen. Profitieren könnten auch Betriebe, die Nischen, etwa im Handwerk, besetzen. Nach Auffassung der Anhänger der Post-Wachstums-Theorie gewinnen auch Dienstleistungen, die die Gemeinschaft stärken, an Relevanz. Wenn allgemein weniger produziert wird, bekommt das Thema „Teilen" eine neue Bedeutung – die „Sharing Ökonomie" könnte in einer Post-Wachstums-Gesellschaft einen großen Schub erfahren. Am Ende bleibt aber dennoch für jeden Einzelnen weniger materieller Wohlstand übrig. Ist das wirklich das System der Zukunft? Reichel glaubt daran: „Wenn wir weniger haben, verfügen wir ja trotzdem noch über viele Produkte. Es gibt auch eine gewisse Sehnsucht nach einer Rückkehr. Die Einschränkung an Materiellem bringt ein Plus an Zwischenmenschlichem."

Die Ansichten der Post-Wachstums-Theorie gehen freilich ans Eingemachte. Natürlich gibt es Gegenstimmen, die an ein grünes Wachstum glauben, ohne dass der Konsum zurückgehen muss. Wifo-Ökonom Marcus Scheiblecker denkt beispielsweise nicht, dass sich die Nationen schon jetzt vom Wachstumsgedanken verabschieden müssen. „Wenn wir eine Entkoppelung von den ökologischen Effekten schaffen, werden wir weiterwachsen. Vonseiten der Nachfrage sehe ich kein Problem. Die Kunden sind noch nicht gesättigt."

 

Wachstum durch Wissen

An Wachstum glaubt auch der Ökonom und Zukunftsforscher Erik Händeler. Als Vertreter der Kondratjew-Theorie sieht er die gesamte wirtschaftliche Entwicklung in langen Wellen. Aufschwung wird nach dieser Lehre stets durch eine bahnbrechende Innovation ausgelöst, die Investitionen veranlasst und Produktivitätssteigerungen erwirkt (siehe Grafik, oben). Die momentane Flaute liege daran, dass die Wirkungen der von der Informationstechnologie geschaffenen Vorteile langsam ausgeschöpft sind. Darum bleiben die Investitionen der Unternehmen mittlerweile aus. Man braucht nur auf Großkonzerne wie Apple schauen, der auf Cashreserven von rund 100 Milliarden Dollar sitzt. Sprich, mit dem Computer lassen sich heute kaum mehr Produktivitätssprünge machen. Auch die Erwartungen an die „Industrie 4.0" hält Händeler für übertrieben. „In Deutschland oder Österreich ist der Anteil der industriellen Produktion einfach zu gering, als dass die Vorteile der Technologie den Wohlstand steigern würde. Unsere Häuser sind schon bis unters Dach voll, wir haben keinen Mangel an Dingen", meint er. Doch was soll dann Wachstum bringen?

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler sieht das Potenzial dafür in immaterieller, in geistiger Arbeit. Die von der Post-Wachstums-Theorie vorgebrachten Grenzen des Wachstums sieht Händeler nicht: „Es gibt keine Wachstumsgrenzen, weil die Wirtschaft in der gedachten Welt wächst." Was meint er damit? Zunächst gibt es viele Dienstleistungen, die die Produktivität steigern. Beispielsweise Organisation, Beratung, die komplexes Wissen verständlich für andere aufbereitet und somit Probleme löst.

Die große Innovationskraft liege darin, dass sich in der Wissensgesellschaft der gesamte Umgang mit Information ändert. Es geht um die Nutzbarmachung von unstrukturierter Information und das Thema Gesundheit. Genau darin stecke so viel produktives Potenzial, wie es einst die Einführung des Computers freizusetzen vermochte. Vorausgesetzt, dieses neue Denken dringt in die DNA der Unternehmen vor. „Es geht um Sozialverhalten. Weil die Arbeitswelt sich immer komplexer gestaltet, wird die Gemeinschaft wichtiger als das Wissen des Einzelnen. Es geht um Teamarbeit, die Streitkultur und Vielfalt." Händeler zeichnet das Bild eines neuen Unternehmenstypus, der den streng hierarchischen Unternehmensbildern des Industriezeitalters entwächst. Es gehe darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die kreative Ideen und somit Innovationen freisetzen. Das beginnt schon in der Schule, wo das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten gefördert werden muss, und läuft weiter in den Berufsalltag, in dem die systemische Leistung des Betriebs wichtiger wird als die Qualifikationen eines Einzelnen.

 

Das Unternehmen der Zukunft

Der deutsche Unternehmer Detlef Lohmann ist einer, der als gewachsener Mittelständler diese Ideologie vorlebt. In seinem in der Ladegutsicherung tätigen Unternehmen Allsafe Jungfalk schaffte er so gut wie alle Hierarchieebenen ab. Ein Beispiel: Seine Mitarbeiter entscheiden über gewisse Dinge, nach gegenseitiger Absprache, ohne dabei vom Chef das Okay einholen zu müssen. Lohmann war mit seiner Kursänderung in der Unternehmenskultur tatsächlich erfolgreich, stieß Innovationen an, die letztlich Wachstum bedeuteten.1 Das würde auch Erik Händeler gefallen. „Die kleinen Arbeiter gibt es nicht mehr. Der Facharbeiter ist heute der Einzige, der sich noch auskennt", sagt er. Und um die gesamte Wirtschaft wieder zum Wachsen zu bringen, gehe es eben genau darum, die intellektuellen Potenziale aller Arbeitskräfte zu nützen. Dann komme Wachstum ganz von allein.

 

Wozu Wachstum?

Benötigen wir aber überhaupt Wachstum – also die alljährliche Steigerung des Werts der in einem Land hergestellten Güter und Dienstleistungen –, um Wohlstand zu erhalten? Dass der Anstieg des BIP die dafür beste Messvariante ist, bezweifeln selbst Experten, die täglich damit arbeiten. „Es ist ein schlechter Indikator, aber noch immer der valideste, den wir messen können", meint Wifo-Ökonom Scheiblecker. Errungenschaften wie der freie Zugang zu Informationen im Internet können über das BIP beispielsweise nicht erfasst werden, wiewohl sie offensichtlich einen großen gesellschaftlichen Nutzen bringen. Das Wifo arbeitet ähnlich wie andere Forschungsstellen schon längst daran, soziale und ökologische Faktoren besser zu erfassen. Der Nachteil: Die Messverfahren werden dadurch immer komplexer. Bleibt der Ausweg, das Wachstum ganz vom Radar zu nehmen, wie es die Post-Wachstums-Theorie fordert? Oder machen wir weiter wie bisher, und die Errungenschaften der Wissensgesellschaft beflügeln schon bald wieder die Wirtschaft? Am Ende stehen viele Fragen und wenige Antworten. Fakt ist, dass das derzeitige Wirtschafts- und Sozialsystem etwa zwei Prozent jährliches Wachstum benötigt, um Vollbeschäftigung und Pensionssicherheit zu gewährleisten. Das Wifo prognostiziert bis 2019 allerdings bloß ein Wachstum von durchschnittlich 1,25 Prozent. So gesehen ist es verständlich, dass auch Kanzler Werner Faymann weiter dem Wachstumsdenken anhängt und sich in den eingangs zitierten Chor der Regierungschefs einstimmt. „Wir engagieren uns für mehr Wachstum", begründete er die unlängst präsentierten Steuerreformpläne. Es herrscht das Prinzip Hoffnung.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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