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Schon vor der Corona-Pandemie war Digitalisierung ein zentraler Erfolgsfaktor

Aus der Krise in die Zukunft

25.05.2020

Schon vor der Corona-Pandemie war ­Digitalisierung ein zentraler Erfolgsfaktor. Nun wurde sie für viele Unternehmen zum Lebensretter. Welche positiven Effekte der Sprung ins kalte Wasser bringt, und was Betriebe nun brauchen, um die Reise erfolgreich weiterführen zu können – eine Analyse.

Waren und Dienstleistungen online zu präsentieren und zu verkaufen, ist für alle Betriebe quer durch alle Branchen wichtiger denn je“, sagt Ubit-Obmann Alfred Harl.

Die Infektionszahlen in Österreich sinken kontinuierlich, und im Zwei-Wochen-Rhythmus werden die Einschränkungen Zug um Zug gelockert. Was bleibt, ist, neben einem mulmigen Gefühl, eine Veränderung im Konsumverhalten und bei der Arbeitsweise. Mitarbeiter wurden auf Homeoffice umgestellt, und zahllose Webshops sind aus dem Boden gestampft worden. Corona hat zweifellos für einen gewaltigen Digitalisierungsschub bei Österreichs Unternehmen gesorgt. Dass die Errungenschaften nach dem Ende der Pandemie wieder in der Versenkung verschwinden werden, ist nicht zu erwarten. Denn die digitalen Bemühungen haben sich vielfach als praktikabel erwiesen. Viele Angestellte wollen auch in Zukunft von zu Hause aus arbeiten, und die neuen Vertriebskanäle ergänzen das teils noch schleppende Geschäft in den Läden. Schätzungen gehen davon aus, dass dem österreichischen Einzelhandel seit Beginn des „Shutdown“ Mitte März rund vier Milliarden Euro Umsatz verloren gegangen sind. Entscheidend für die Höhe der Verluste in den einzelnen Unternehmen war weniger die Branchenzugehörigkeit als das vorhandene Angebot an Vertriebskanälen. Ein gut gestalteter Webshop erwies sich für viele Einzelhändler also als echter Rettungsring, denn die staatlichen Hilfeleistungen haben in zahlreichen Unternehmen noch nicht zum dringend benötigten Liquiditätszuschuss geführt. Dies geht aus einer Analyse hervor, die das Wiener Beratungsunternehmen Advicum Consulting anlässlich der breitflächigen Wiedereröffnung der Geschäfte in Österreich veröffentlicht hat.

Social Distancing treibt Online-Handel an

Pro verordnetem Schließtag büßten stationäre Einzelhändler in den vergangenen Wochen durchschnittlich 46,4 Prozent des Verkaufserlöses ein. In Shopping-Citys und Einkaufszentren betrug das Minus sogar rund zwei Drittel. Indes boomten die Webshops. „Buchhändler Thalia verzeichnete bereits in den ersten Lockdown-Tagen eine Verdoppelung seiner Online-Reichweite, der österreichische Amazon-Konkurrent Shöpping sogar eine Versechsfachung. Sogar im Lebensmittelhandel, der stationären Einkauf durchgehend ermöglichte, kam es im Online-Bereich zu einem deutlichen Plus“, berichtet Advicum Retail-Experte Florian Bernhard. Er ist überzeugt: „Das Gebot des Social Distancing wird uns bis auf Weiteres erhalten bleiben, daher werden digitale Vertriebskanäle wie Webshops und Social Commerce auch in näherer Zukunft boomen“. 

Gekommen, um zu bleiben

In die gleiche Kerbe schlägt auch Alfred Harl. „Heimische Online-Bestelldienste und Web­shops sind gefragt wie nie. Waren und Dienstleistungen online zu präsentieren und zu verkaufen, ist für alle Betriebe quer durch alle Branchen wichtiger denn je“, sagt der Obmann des Fachverbands Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT) der Wirtschaftskammer Österreich. Viele Händler hatten vor der Krise Bedenken, ob sie sich überhaupt in den Ring mit internationalen Plattformgiganten begeben sollten. Auch Harl gibt zu bedenken, dass es nicht einfach sei, Amazon und Co. das Wasser zu reichen. Doch auch österreichische Unternehmen könnten ihr Portfolio professionell und ansprechend präsentieren und so ein breites und österreichisches Angebot bieten – was wiederum der heimischen Wirtschaft insgesamt sehr gut tun würde. „Sie können große, internationale Mitbewerber in Sachen Qualität eindeutig schlagen“, meint der Unternehmensberater.  

Kein Erfolg ohne Infrastruktur Wie gut die entsprechenden Bemühungen aufgehen, hängt abgesehen von der gelungenen Umsetzung und der Kauflaune der Konsumenten auch stark davon ab, wie leistungsfähig die digitale Infrastruktur des Landes ist. Und hier tut sich ein Nadelöhr auf. Denn der schönste Webshop und das smarteste Kollaborationstool bringen nichts, wenn das Netz zu schwach ist und die Verbindung stottert. Ein Thema, das altbekannt, aber nun umso brisanter ist. Wie es tatsächlich um den Standort und seine Infrastruktur bestellt ist, erhebt jedes Jahr der Österreichische Infrastrukturreport der Initiative Future Business Austria (FBA). Befragt werden zum Thema Status und Zukunft der Infrastruktur neben ausgewiesenen Experten auch 240 Manager großer Unternehmen in Österreich. Die aktuelle Analyse deckt diverse Baustellen auf und gibt gleichzeitig Handlungsempfehlungen. 

Hohe Bedeutung, hohes Potenzial

Die enorme Bedeutung der digitalen Infrastruktur bestätigt der Report auf ganzer Linie. Lautet doch eine zentrale Erkenntnis: „Den digitalen Wandel sehen 52 Prozent als jene Herausforderung unserer Zeit, die den größten Einfluss auf die Infrastruktur von morgen hat.“ Die Rangliste der spontan genannten wichtigsten Infrastrukturbereiche führt deutlich der IT-Bereich an. Und hier wünschen sich die Unternehmen höhere Investitionen, die zu größeren Bandbreiten führen sollen. Auch im ländlichen Raum. Dass sich eine entsprechende Verbesserung der digitalen Infrastruktur auf die gesamte heimische Wirtschaft sehr positiv niederschlagen würde, steht für die Autoren des Reports gleichermaßen fest wie, dass aktuell noch nicht alles eitel Wonne ist.

Würden in Österreich die notwendigen infrastrukturellen Rahmenbedingungen in den Schlüsselbereichen IKT und IT – inklusive Breitband und 5G – gesichert, so könnte Österreich von einer erheblichen Produktivitätssteigerung durch den Einsatz neuer digitaler Anwendungen profitieren. Nach Schätzungen der Manager beträgt das Produktivitätssteigerungspotenzial durch neue digitale Anwendungen enorme 15,2 Prozent. Die Realisierung dieses Potenzials würde laut Berechnungen der Autoren für Österreich eine Produktivitätssteigerung von rund 58,7 Milliarden Euro möglich machen. Zahlen, die vor Corona erhoben wurden, aber nun umso mehr an Bedeutung gewinnen, da viele Betriebe stärker als vorher auf das Funktionieren der digitalen Autobahnen angewiesen sind.

Wettbewerbsfaktor Digitalisierung

„Um im weltweiten Wettbewerb um Wachstum und Wohlstand bestehen zu können, müssen auch in der Zukunft gezielte Schritte für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Österreichs gesetzt werden“, fordert deswegen David Ungar-Klein. Er ist Autor des Österreichischen Infrastrukturreport und Initiator der Standort- und Infrastrukturinitiative Future Business Austria. Die Auswirkungen der Covid-19-Krise haben aus seiner Sicht deutlich gemacht, wie entscheidend die Rolle der digitalen Infrastrukturen für die Resilienz des Standortes sind. Um sie zu sichern, müsse nun der 5G-Ausbau rasch vorangetrieben werden. Denn: „5G ist weit mehr als nur die nächste Generation des Mobilfunks, sondern die Meta-Infrastruktur der Zukunft“, meint Unger-Klein. Die Technologie sei die Grundlage dafür, dass digitale Transformation in den unterschiedlichsten Bereichen gestaltet werden könne. Dabei denkt Ungar-Klein auch an die Bereiche Industrie 4.0, autonome- bzw. automatisierte Mobilität, Smart Citys und Smart Villages, E-Health, Cyber Securtity, künstliche Intelligenz oder das „Internet der Dinge“. 

Konjunkturmotor Digitalisierung

Abgesehen von zahllosen Anwendungsfeldern für Unternehmen sieht er noch einen weiteren Vorteil eines raschen Ausbaus: Ein flächendeckender Rollout der 5G-Infrastruktur und eine damit verbundene Breitbandversorgung würden wie ein Konjunkturmotor nach der Krise wirken. „Ein investierter Euro bringt laut Erhebungen des aktuellen Infrastrukturreport sechs Euro Wertschöpfung“, rechnet Ungar-Klein vor. Ob und wie rasch die Forderungen umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Gibt es zu wenige Investitionen in Breitband und Digitalisierung, gehen allerdings 80 Prozent der Befragten im Infrastrukturreport davon aus, dass der Wirtschaftsstandort Österreich zurückbleibt. 37 Prozent befürchten sogar den Verlust von Arbeitsplätzen. Eine Entwicklung, die Österreich schon vor Corona nur schwer hätte verkraften können. 

Mit Plan zum Ziel

Dass es eine höhere Aware­ness sowie konkrete Maßnahmen vonseiten der Politik braucht, unterstreicht auch UBIT-Obmann Alfred Harl. Neben raschen Maßnahmen in den Bereichen Bildung und Infrastruktur wünscht er sich vor allem eine landesweite Strategie samt Umsetzungsplänen, deren Status online eingesehen werden kann. Sein Credo: „Strategien, Budgetpläne und Umsetzung müssen transparent sein.“ Es brauche ein klares Ziel und einen klaren Plan anstatt vieler Einzelmaßnahmen, wenn Österreich das digitale Mittelfeld in Richtung Spitze verlassen wolle.

So wünschenswert eine rasche Umsetzung der verschiedensten Forderungen durch die Politik auch wäre, ihre Mühlen mahlen bekanntlich langsam, und die Zeit drängt. Womit der Ball auch wieder bei den Unternehmen selbst liegt. Wie können sie sich also fit machen? Wie die Weichen Stellen? Wie ihre Mitarbeiter bei dem digitalen Wandel an Bord holen? Alfred Harl rät zunächst zu einer möglichst agilen Herangehensweise. Wer jetzt rasch zu reagieren bereit ist, könne in zwei Wochen einen funktionierenden Webshop installieren und neue Vertriebskanäle bespielen und so sein wirtschaftliches Überleben sichern. Dies gilt umso mehr für Branchen, die bislang nur wenig Veranlassung hatten, sich in den digitalen Dschungel vor zu wagen. Als Beispiel nennt Harl Friseure, die ihre Kunden wärend des Shutdown online beraten und ihnen die entsprechenden Färbemittel einfach per Post geschickt haben. Ein Ansatz, der wohl vorher undenkbar gewesen wäre, der aber durchaus positiv und nachhaltig auf die Kundenbeziehung einzahlt. Damit solche Konzepte das klassische Angebot vielleicht auch in Zukunft sinnvoll ergänzen können, brauche es allerdings entsprechendes Fachwissen, meint der Unternehmensberater und pocht auf die Integration von digitalem Know-how in allen Ausbildungsrichtungen.

So groß die Chancen nun auch sein mögen, Alfred Harl rät dringend dazu, immer auch mögliche Cybergefahren sowie den Datenschutz im Auge zu behalten. Sicherheit müsse bei allen Prozessen gewährleistet sein. Auch und vor allem, wenn Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Nicht zuletzt wäre die Phase auch geeignet, um das Prozessmanagement im Unternehmen stärker zu digitalisieren. Denn: Mithilfe smarter Systeme fällt es wesentlich leichter, etwa gewisse Kennzahlen im Auge zu behalten und zeitgerecht zu reagieren. Wer einmal damit begonnen hat, den Betrieb zu digitalisieren, sollte sich mit einem gesamtheitlichen Blick an das Thema nähern, damit am Ende alles reibungslos ineinandergreift.  

Um für diesen Wandel eine entsprechende Stimmung im Betrieb zu schaffen, rät Harl dazu, nicht nur ständig über Digitalisierung und Tools zu sprechen, sondern vielmehr ihre Vorteile aufzuzeigen. Schließlich müsse man Begeisterung für die erreichbaren Ziele wecken, meint der Unternehmensberater und zitiert den französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Dann heißt es wohl nur noch: Leinen los und Schiff ahoi!

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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