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Auf Methusalems Spuren

10.07.2018

Das jüngste Mitglied von Les Hénokiens hat vor fünf Jahren 200. Geburtstag gefeiert. Die Vereinigung nimmt nur Unternehmen in ihre Kreise auf, die mindestens zwei Jahrhunderte am Buckel haben.

Das jüngste Mitglied von Les Hénokiens hat vor fünf Jahren 200. Geburtstag gefeiert. Die Vereinigung nimmt nur Unternehmen in ihre Kreise auf, die mindestens zwei Jahrhunderte am Buckel haben. Damit fällt der Löwenanteil der Unternehmen weg. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es auch noch einige andere Voraussetzungen. Zu den wichtigsten gehört, dass sich die Unternehmen zu mindestens 50 Prozent in Familienhand befinden und von einem Nachfahren des Gründers geführt werden müssen.
Auf den österreichischen Juwelier A. E. Köchert trifft all das zu. Drei Köcherts führen das 1814 gegründete Unternehmen. Es genoss besonders hohes Ansehen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Monarchie. Das lag vor allem daran, dass es seit 1849 Kammerjuwelier war und das kaiserliche Regentenpaar mit Schmuck beliefert hat. Wer es sich leisten konnte, kaufte seinen Schmuck dort, wo Kaiser Franz-Joseph und Sisi ihr Geschmeide bezogen. Aus dem Hause Köchert kommen etwa die berühmten Sisi-Sterne, die auch heute noch zu haben sind. Eine Auszeichnung, die weitere Kreise zog. Schon bald belieferte A. E. Köchert auch andere Königshäuser.
Alte Unternehmen, junge Vereinigung Schon ein Jahr vor dem 200. Geburtstag wurde der Traditionsjuwelier, der ein Geschäft am Neuen Markt in Wien und eines in Salzburg betreibt, in den erlauchten Kreis der alten Unternehmen aufgenommen. Nur knapp 50 Unternehmen sind Mitglied in dieser Vereinigung, die selbst noch gar nicht so alt ist. Gerard Glotin, damaliger Geschäftsführer der Apéritif-Marke Marie Brizard, gründete sie 1981. Anlässlich des 225-Jahr-Jubiläums seines Unternehmens fragte ihn ein Radiojournalist, ob er ähnlich alte Firmen kenne. Glotin verneinte, meinte aber: „Sie bringen mich auf eine Idee.“ Prompt startete er einen Aufruf: Wer alte Unternehmen kenne, solle sich melden. Eine Handvoll Menschen rief tatsächlich an. So gründete Glotin „Les Hénokiens“, ein Name, der sich auf den biblischen Partriarchen Enoch bezieht, der 365 Jahre alt wurde. Dieser war zudem der Vater von Methusalem, der gar ein stattliches Alter von 969 Jahren erreichte.
Zum Austausch im Rahmen eines Kongresses treffen sich die Mitglieder einmal im Jahr. Veranstaltet wird er immer in der Heimat eines Mitglieds, das ihn organisiert. 2017 viel die Wahl auf Wien. Neben dem verpflichtenden Programm der Generalversammlung werden an einem Halbtag Vorträge angeboten. Die meiste Zeit nimmt allerdings ein Kulturprogramm in Anspruch, bei dem sich die Unternehmer informell austauschen. Wolfgang Köchert, einer der drei Geschäftsführer von A. E. Köchert, schätzt daran vor allem den lockeren Umgang: „Das Tolle bei diesen Zusammentreffen ist die ganz große Tiefenentspannung. Es ist keine Konkurrenz zu spüren.“ Sogar über Probleme werde sehr offen gesprochen. 
Ein Umstand, der vermutlich dem Mindset geschuldet ist, das die Mitglieder verbindet. Dazu gehört etwa, dass die Traditionsunternehmen langfristiger denken und handeln als vergleichbare nicht familiengeführte Betriebe. Zum Programm gehört seit acht Jahren auch die Verleihung des ­Leonardo da Vinci-Preises, der an ein Familienunternehmen geht, das zwar aus dem Land kommen soll, in dem der Kongress stattfindet, aber weder Mitglied sein darf noch besonders alt sein muss. Vergangenes Jahr fiel die Wahl auf ­Swarovski.
Langzeit-Visionen Die Frage aller Fragen, die Gérard Lipovitch, Generalsekretär von Les Hénokiens, schon oft gehört hat, lautet: Was ist das Geheimnis dieser Unternehmen? „Es gibt kein Geheimnis“, sagt er. Lernen könne man trotzdem von ihnen und zwar von den individuellen Geschichten und Erfahrungen. Nachzulesen sind die Case ­Studies von mittlerweile zwölf Mitgliedern auf der Website der Vereinigung. „Generell gesprochen“, erklärt Lipovitch, „lautet das Schlüsselwort Langzeit-Vision. Die Unternehmen bereiten sich auf die nächsten 30 Jahre vor und denken nicht nur an das nächste Drei-Monats-Ergebnis.“ Sie würden verdientes Geld ins Unternehmen investieren, anstatt es in die eigenen Taschen zu stecken.
Das älteste Mitglied ist gleichzeitig auch das älteste Unternehmen der Welt: das japanische Ryokan Hoshi, ein Gasthaus, das 717 gegründet wurde und seitdem durchgehend in Familienbesitz war. Bisher sind übrigens nur europäische und japanische Unternehmen Hénokiens-Mitglieder, was sich ändern soll. Denn in den nächsten Jahren werden einige Unternehmen aus den USA, aber auch aus Australien und Südafrika für die Mitgliedschaft infrage kommen. Das heißt aber nicht, dass die Mitgliederanzahl explodieren wird. ­Lipovitch: „Die Idee der Assoziation ist, sehr, sehr langsam, aber international zu wachsen.“ Er bekommt laufend Post von 200 Jahre alten Unternehmen, die aber oft zu klein und meist nicht repräsentativ für ein alternatives und wertebetontes Wirtschaften sind.
Gratwanderung Nachfolge Manchmal führt die Notwendigkeit von Unternehmen zu wachsen dazu, dass sie sich aus dem erlauchten Kreis der Hénokiens wieder zurückziehen müssen. Lipovitch: „Manche mittelständische Unternehmen müssen wachsen und brauchen dafür Geld.“ So passiert es mitunter, dass Investoren einsteigen und die 50 Prozent im Familienbesitz flöten gehen. So ­geriet sogar das Unternehmen des Hénokiens-Gründers Glotin, der Apéritif-Hersteller Marie Brizard, vor einigen Jahren in wirtschaftliche Not und erfüllte die strengen Kriterien nicht mehr. Die größte Herausforderung für die ­meisten Mitgliedsunternehmen ist das Thema Unternehmensnachfolge. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Nachfahre das Management übernehmen kann oder will. Schließlich ist die Übernahme des familiären Traditionsbetriebs eine lebenslange Entscheidung, wie Wolfgang ­Köchert betont. Er selbst war 22 Jahre alt, als sein Vater überraschend starb und er daher sehr früh ans Ruder musste. Wichtig bei der Übergabe an die jüngere Generation ist seiner Ansicht nach, dass die Jungen die Möglichkeit haben, dem Unternehmen ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Außerdem sollte klar und frühzeitig geregelt sein, wann die ältere Generation abtritt. Oft ist auch Überzeugungsarbeit nötig. Köchert: „Man muss die Tür offen lassen, die Kinder nicht ans Unternehmen binden, aber das Thema auch nicht zu locker nehmen.“
Die Kraft der Tradition Aus Sicht von Gérard ­Lipovitch ist für den langfristigen Erfolg eines Familienunternehmens auch der private Zusammenhalt der Familie wichtig. Oft seien es die Frauen, die das etwa durch regelmäßige sonntägliche Familienessen schaffen. Denn: „Sie halten den Spirit der Familien zusammen. Und der Spirit der Familien ist auch der Spirit der Unternehmen.“ Neben dem Bewahren alter Werte ist aber auch das Öffnen für die Zukunft besonders wichtig. Wer sein betagtes Unternehmen nicht fit für die Zukunft mache, der sterbe, so Lipovitch: „Tradition ist eine Kraft und ein Vorteil und wichtig für das Image. Aber Tradition reicht nicht aus, um am Markt zu bleiben.“

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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