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Auf der Suche nach dem Ich

24.11.2015

Die österreichische Wirtschaft auf der Couch: Was bedeutet es, in diesem Land unternehmerisch tätig zu sein? Woher stammen die Komplexe, gibt es Chancen auf Heilung, und wo geht die Reise hin?

Text: Daniel Nutz

Die Herkunft
Erinnerungen an die frühe Kindheit sind schön. Vielleicht, weil der Filter der Zeit sie weichzeichnet. Die Familie hat zusammengehalten. Politikerpersönlichkeiten wie Karl Renner, Julius Raab oder Leopold Figl überwanden den tiefen Riss, der die Gesellschaft der Ersten Republik spaltete. Österreich wurde nach der Besatzungszeit nicht nur als souveräner Staat entlassen, das Land legte auch ökonomische Fesseln ab. „Die politischen Parteien haben sich in der Zweiten Republik zusammengerauft und so das Wirtschaftswunder erst ermöglicht“, sieht Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), in der Geschlossenheit einen wichtigen Erfolgsparameter. Es war die Zeit des Nachholbedarfs. Die Bevölkerung hatte nichts. Und mithilfe des Marshall-Plans sprossen Betriebe aus dem Boden, die das Land teilweise heute noch prägen. Das Wirtschaftswunder wurde von einer neuen Unternehmensethik begleitet, erklärt Walter Bornett von der KMU-Forschung: „Es gab trotz des Aufschwungs keine Goldgräbermentalität. Gewinne wurden im Unternehmen gehalten, was die Basis für eine nachhaltige Entwicklung war. Finanzielle Aspekte waren zu dieser Zeit weniger wichtig als in folgenden Dekaden. Viele führten ihre Betriebe aus Liebe zum Handwerk.“
# Bescheidenheit und ein Miteinander führten einst zum Erfolg.

Jugendjahre mit einem großen Bruder
Beziehungen zu nahen Verwandten sind nicht immer einfach. Eine ähnliche kulturelle Prägung erleichtert und erschwert das Miteinander gleichermaßen. Im Verhältnis zum wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschland fährt Österreich eine Doppelstrategie. Wirtschaftlich gesehen, nutzte man das Fahrwasser der Konjunkturlokomotive. Die enge Anbindung an Deutschland hinderte freilich die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit. „Wenn die Wirtschafts- und Währungspolitik und viele andere Entscheidungen sich immer am deutschen Vorbild orientieren, führt das natürlich zu einem verminderten Selbstwert“, erklärt der Wirtschaftspsychologe Roman Braun. Daher war das Verhältnis zur Bundesrepublik auch nie ein einfaches. Die für die eigene Identitätsbildung wichtige Abgrenzung erfuhr man in erster Linie durch die manchmal ins Groteske gehende Überstilisierung sportlicher Erfolge gegenüber Deutschland. Ein ökonomischer Emanzipationsschritt vom großen Nachbarn gelang bei der Öffnung Osteuropas. Hier agierten österreichische Betriebe an vorderster Front und entdeckten dabei andere Verwandte aus Zeiten, in denen noch ein Kaiser diese Länder regierte.
# Es lohnt sich, Beziehungen zu pflegen und nach neuen Freunden Ausschau zu halten.

Erwachsen und saturiert
Als guten Planer, der Vorsicht walten lässt, zu seinen Entscheidungen steht und überdies wenig Wagemut an den Tag legt, bezeichnet KMU-Forscher Walter Bornett den heimischen Durchschnittsunternehmer. Er ist mittlerweile erwachsen, in der Welt bekannt, zählt in vielen Nischen sogar zur globalen Spitze. Seine Beständigkeit ist oftmals eine Tugend, die das Land relativ unbeschadet durch Krisen führt. Sie hat aber auch ihre Schattenseiten. Wirtschaftsforscher wie Karl Aiginger orten eine seit Jahren bestehende Reformmüdigkeit im Land. Das mag an der Mentalität liegen: Während anderswo klare Fragen mit Ja oder Nein beantwortet werden, ist man in Österreich eher geneigt, sich durchzuwurschteln. Der Wienerische Ausdruck „Passt scho’!“ bringt es auf den Punkt, denn er bedeutet: Es passt zwar nicht, ist aber auch egal. Abhilfe bei diesen ersten Anzeichen einer Depression könnte die Politik schaffen. Sie tut es aber nur in homöopathischen Dosen. Immer, wenn eine neue Regierung ihr Amt antritt, führt das zu einem Stimmungshoch in gewissen Gruppen, die sich davon Vorteile erwarten. Im Endeffekt bleibt es allerdings oft beim Placebo.
# Alles gut? Jo, eh! – Oder doch nicht?

 

 Grübelzwang als Krankheitssymptom

Seit 2006 zeichnet die Unesco immaterielles kulturelles Erbe aus. Man kann darüber streiten, ob das Raunzen schützenswert ist. Fakt ist, dass Raunzen zur österreichischen Identität gehört. „Therapeutisch betrachtet, leidet Österreich an einer Zwangsstörung, die man als Grübelzwang klassifizieren könnte“, sagt der Psychologe Roman Braun. Hochburg des Raunzens ist die Bundeshauptstadt Wien. Über Jahre hinweg wird die Donaumetropole zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Ein guter Teil der Wiener kann sich darüber aber nicht freuen. Wie auch? Schon der bedeutende Soziologe Niklas Luhmann konstatierte, dass Prozesse der Selbsterhaltung einer Organisation dazu führen, dass diese sich immer nur aus sich selbst heraus und niemals komplett neu erschaffen kann. Soll heißen: Die Erziehung ist in dieser Hinsicht schwierig. Die Raunzerei ist kulturell verankert und übrigens ein transnationales Phänomen, diagnostiziert der Psychologe Braun. Verwandte Nationen sind dafür auch anfällig. Vor allem der Donauraum sei ein Kerngebiet, also auch die ehemaligen Kronländer, während es nach Westen hin abnehme. Vorarlberg als alemannisch geprägtes Bundesland sei sogar mehr oder weniger frei von der Raunzerei. Wirtschaftlich gesehen, kann eine solche Mentalität manchmal freilich sogar zum Vorteil dienen, nach dem Motto: je schlechter die Bedienung, desto besser das Essen. Allgemein hemmt der Grübelzwang aber die unternehmerische Entfaltung, da Verantwortung tendenziell außerhalb des eigenen Handlungsfeldes gesucht wird.
# Die Dinge sind nicht so schlecht, wie sie scheinen.

Midlife-Crisis
Identität ist vielfältig, die Sozialpsychologie spricht von Teil- und Projektidentitäten. Ein Teil des heimischen Unternehmerbildes funktioniert nach dem Motto: Werte konservieren und schön verpacken. Dabei geht es manchmal um Lipizaner oder Mozartkugeln und um ein Bild, das in etwa so echt ist wie ein Riesenrad in einer Schneekugel. Altbewährt heißt aber nicht zwangsläufig, bereit für die Aufgaben des Hier und Jetzt. „Wir müssen uns als Hochqualitätsland positionieren, weil uns aufgrund der hohen Lohnkosten nichts anderes übrig bleibt“, sagt KMU-Forscher Bornett. Dazu muss man aber Altes aufgeben, vor allem festgefahrenes Denken. Die Internationalisierung hilft dabei, sagt Roman Braun. „Es kommt eine Generation, denen der Schilling so fremd ist wie die Kronen.“ Die Identität der Wirtschaft ist also im Wandel. Dazu trägt auch das offene Europäische Bildungssystem bei. Immer mehr Führungskräfte machen – in Ausbildung oder Job – Auslandserfahrungen und verfügen über internationale Netzwerke. Das verändert das unternehmerische Handeln. Der Beitritt zur Europäischen Union vor 20 Jahren öffnete Chancen, die vielfach wahrgenommen wurden und die heimische Unternehmenswelt positiv beeinflusst hat. Der Internationalisierungsprozess schreitet weiter voran. Internationale Beziehungen steigern die Professionalität, ist Psychologe Braun überzeugt.

# Internationale Beziehungen erweitern den Horizont.

 

Im Alter neue Facetten entdecken
Im Laufe der Jahre werden viele, oft sehr verschiedene Kontakte und Bekanntschaften aufgebaut – und das ist ein Vorteil. Vielfalt ist ein Schlüssel zum Erfolg. Durchmischte Teams aus unterschiedlichen Geschlechtern, diversen Alters, unterschiedlicher sozialer Herkunft oder sexueller Orientierung sowie Nationalitäten tragen zum Erfolg bei. In Wien wird etwa jedes dritte Unternehmen von Menschen geführt, die ihre Wurzeln nicht in Österreich haben. Eine Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger Unternehmen gründen als jene ohne Migrationshintergrund. Das Klischee, wonach diese Unternehmer in erster Linie Mitarbeiter und Lieferanten aus dem eigenen Herkunftsland beschäftigen und die Kunden in dieser Community suchen, widerlegt die Studie, wie auch andere Vorurteile. Der Wiener Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck erklärt: „Es ist als Unternehmer egal, ob man hier geboren wurde oder woanders – das einzige was zählt, ist der unternehmerische Erfolg und die Verantwortung, die man für Mitarbeiter und Standort übernimmt.“ Die Gesellschaft und die Unternehmenswelt werden sich weiter verändern. Auch Menschen, die in diesen Wochen in diesem Land Asyl suchen, werden Unternehmen gründen. Man schaut in den Spiegel und erkennt ein paar interessante neue Züge am eigenen Antlitz. Darin stecken auch neue Chancen und Möglichkeiten.

# Die Identität ist im Wandel. Die österreichische Wirtschaft wird vielfältiger.

Durchstarten statt ausruhen
Was tun, um beruhigt in die Zukunft blicken zu können? Burnoutprävention ist das Thema, und zwar nicht nur auf Ebene des Individuums, sondern auch in der Wirtschaft als Ganzes. Es geht um Sinnhaftigkeit, sagt Braun. „Wenn wir in unserem Schaffen keinen Sinn sehen, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, ins Burnout zu rutschen.“ Was sinnerfülltes unternehmerisches Handeln anbelangt, sei Österreich im Vergleich zu anderen Ländern gut aufgestellt, da nachhaltige Unternehmensideen weit verbreitet sind, meint Braun. Wirtschaftsforscher Aiginger sieht in dieser Fokussierung einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil der heimischen Wirtschaft: „Die beste Technologie ist für mich – gepaart mit den höchsten Umweltstandards und einer offenen Unternehmenskultur – ein Identitätsbild, das wir anstreben sollten.“ Bei Umwelttechnik und erneuerbaren Energien sind österreichische Unternehmen schon derzeit Weltklasse. „In diesen Bereichen entsteht ein ungeheurer Markt“, prognostiziert Wirtschaftsforscher Aiginger. Österreich ist in den vergangenen Jahren bei einigen Umweltindikatoren zurückgefallen. Hier gilt es, eine Trendwende einzuleiten. Es gilt, hier eine Trendwende einzuleiten. Es wird eine gemeinsame Anstrengung benötigen, in der unterschiedliche Interessensgruppen eigene Befindlichkeiten für die größere Sache zurückstecken. Dann wird auch die Zukunft schön.
# Nachhaltigkeit kann eine Identitätsperspektive sein.


Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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