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Anwalt auf Knopfdruck

07.02.2021

Wenn KMU juristische Hilfe benötigen, bricht selten Begeisterung aus. Denn häufig steht die Befürchtung im Raum, dass die Angelegenheit teuer und aufwendig wird. Abhilfe will nun die Firma incaseof.law schaffen – und zwar mit Künstlicher Intelligenz.

Max Kindler, CEO, incaseof.law

Wenn Max Kindler über sein Legal-TechStart-up spricht, werden zwei Dinge rasch klar: Der studierte Jurist weiß aus der Praxis, wovon er spricht, und seine Leidenschaft für ausgeklügelte Lösungen trifft haargenau den Nerv der Zeit. Beinahe in allen Wirtschaftsbereichen hat die Digitalisierung eine Vielzahl der Abläufe radikal vereinfacht und dank Automatisierung für Bequemlichkeit und niedrigere Kosten gesorgt. Warum sollte das also nicht auch auf juristische Herausforderungen zutreffen? Max Kindler bekam nach Stationen in internationalen Konzernen, in denen er die „Legal Affairs“ geleitet hat, Lust auf eine unternehmerische Herausforderung. Und er wollte den Praxisbeweis antreten, dass selbst in der traditionellen Welt der Juristen das 21. Jahrhundert angekommen ist. Nach mehr als einem Jahr voll intensiver Vorbereitungsarbeiten ist seine „digitale Rechtsabteilung on demand“ nun unter www.incaseof.law online. Es hat geklappt. Doch was dürfen sich Unternehmen von der Lösung erwarten? Und warum sollen Juristen mitspielen? Im Zentrum der Plattform stehen zu Beginn zwei juristische Standardfälle, die laut Kindler nun einfacher und günstiger als bisher abgewickelt werden können: Forderungsbetreibung und Forderungsabwehr. Weitere Produkte, etwa in den Bereichen Vertrags-, Gesellschafts-, Verwaltungs-, Vergabeund Markenrecht, sind in der Entwicklungsroadmap enthalten.

Viele Betriebe haben keinen Haus- und Hofanwalt., Max Kindler, CEO, incaseof.law

WAS DIE PLATTFORM BIETET

Der Ablauf ist denkbar einfach. Nachdem man sich auf der Seite registriert hat, steht einem ein Dashboard zur Verfügung, über das die gesamte Abwicklung läuft. Will man etwa eine Forderung betreiben, lässt sich über die Plattform als erstes das Inkasso-Service aktivieren. Für den Auftraggeber kostenfrei, wie Kindler betont. Dafür spielt man die Rechnungen und Mahnungen ins System ein. Dieses liest die nötigen Informationen aus und erstellt automatisiert ein Schreiben, das bei dem säumigen Schuldner landet. Zuvor erfolgt noch ein Cross-Check mit der Insolvenzdatenbank und dem Firmenbuch. Schließlich muss alles seine Richtigkeit haben. Im Brief vorgesehen sind stets drei Antwortmöglichkeiten: zahlen, nicht zahlen oder der Wunsch eines Zahlungsplans. So weit so simpel und noch ohne Juristen machbar. Wenn es dagegen um Mahnklagen geht, die eine Summe von 5.000 Euro überschreiten, benötigen Unternehmen zwingend einen Anwalt. In diesem Fall kommt eine weitere Funktion der Plattform zum Einsatz. Sie sucht und findet für den jeweiligen Klienten und Fall genau den Anwalt, der mit seiner Expertise optimal auf die jeweiligen Parameter passt und Kapazitäten frei hat.

An dieser Stelle wird auch die Frage beantwortet, welchen Vorteil die Plattform Anwälten bietet. „Sie bekommen automatisiert eine Anfrage, ob sie den Fall übernehmen wollen“, erklärt Max Kindler. Das System liefert ihnen also Geschäft und neue Klienten frei Haus. Mögliche Interessenskonflikte werden dabei schon vorab vom System ausgeschlossen. Sagt der Anwalt zu, muss auch noch der Klient den ausgewählten Rechtsvertreter bestätigen, und dann wird die Beziehung über die Plattform hergestellt. Über die Kundenakquise hinaus profitieren die Anwälte auch von der Intelligenz des Systems.

KI SPART ZEIT

Die Künstliche Intelligenz kann nicht nur Mandantenanfragen analysieren und den für den speziellen Fall aufgrund seiner Erfahrung, Fachexpertise etc. am besten geeigneten Anwalt beiziehen. Die Software unterstützt den Anwalt auch von Beginn an insbesondere bei der gesetzlich verpflichtenden mandanten- und rechtsfallspezifischen Informationsbeschaffung, wie Abfragen von Firmenbuchauszügen, Stammdaten, Compliancedatenbanken und beim Recherchieren von passenden Gesetzestexten, Gerichtsurteilen sowie Rechtskommentaren. Eine enorme Zeitersparnis, wie Kindler ausführt. Genau dieses Mehr an Effizienz gibt die Plattform direkt an die Klienten weiter.

Bei Mahnklagen sind grundsätzlich fixe Preise zu entrichten, die schon vorab feststehen. Zu den unumgänglichen Gerichtsgebühren käme beispielsweise bei einer Forderung von 5.000 Euro lediglich ein geringfügiges Anwaltshonorar. Von diesem behält incaseof.law 25 Prozent als Gegenleistung für diverse Automatisierungsschritte ein. Womit auch das Geschäftsmodell der Plattform erklärt wäre. Für die Klienten sei diese Variante in jedem Fall deutlich günstiger, als wenn sich ein Anwalt erst alles zusammensuchen müsse, versichert Max Kindler. Ganz ähnlich sieht der Ablauf aus, wenn es eine Forderung abzuwehren gilt. Auch dann werden die entsprechenden Unterlagen hochgeladen, um den Gegenbeweis anzutreten und gegebenenfalls einen Rechtsbeistand zu identifizieren.

ON DEMAND STATT INHOUSE

Primäre Zielgruppe der Plattform sind mittelständische Unternehmen. „Viele Betriebe haben keinen Haus- und Hofanwalt und wenig Kapazitäten, um sich mit juristischen Angelegenheiten zu befassen“, meint Kindler. Ihnen will er eine kostengünstige und unkomplizierte Lösung bieten. Wenig überraschend sind auch digitalisierungsaffine jüngere Unternehmen und Start-ups im Visier des Law-Tech-Start-ups. Dass ihm bei erfolgreicher Erledigung der Fälle Klienten abhandenkommen könnten, die sich einfach direkt mit den Anwälten in Verbindung setzen, befürchtet Kindler nicht. Denn: Handelt es sich um Leistungen, die auf der Plattform nicht erbracht werden können, freue er sich darüber, eine fruchtbare Geschäftsbeziehung auf Schiene gebracht zu haben. Darüber hinaus baut incaseof.law auf die Vorteile und die hohe Convenience, die ihre Plattform bietet. So kann auch losgelöst von den zwei bereits vorhandenen Standard-Cases stets das juristische Problem eingegeben werden und die Künstliche Intelligenz der Software ermittelt den optimalen Juristen für die Herausforderung. „Der Matching-Algorithmus kann für eine konkrete rechtliche Fragestellung eines KMU berechnen, welcher auf der Plattform angemeldete Anwalt auf Basis vieler Parameter am besten zu deren Lösung geeignet ist“, erklärt Kindler, der auch als Vorstand der Vereinigung österreichischer Unternehmensjuristen fungiert. Dieser Matching-Algorithmus basiert auf Machine Learning. So wird beispielsweise aus dem Text einer konkreten rechtlichen Fragestellung extrahiert, welche Rechtsgebiete betroffen sind, um welche juristischen Themen es geht und welche rechtlichen Risiken bestehen könnten. Zudem arbeitet Kindler mit einigen „brillanten Programmierern“ bereits unter Hochdruck daran, auch noch weitere juristische Herausforderungen standardisieren und lösen zu können. Konkret nennt Kindler den Themenkreis der Ausschreibungen. Auch hier müssten Unternehmen umfangreiche Unterlagen befüllen, was sich mit dem Sprach- und Textverständnis der vorhandenen Software erleichtern lassen würde.

INSOLVENZEN ERKENNEN UND BEANTRAGEN

Ein weiterer Bereich, in dem der Unternehmer Chancen erkennt, sind Insolvenzen. Ein eigenes Tool soll die Finanzunterlagen von Unternehmen automatisiert auf mögliche Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung überprüfen können, um zeitgerecht die richtigen Schritte zu setzen. Sind doch Betriebe dazu verpflichtet, innerhalb von 60 Tagen ein Insolvenzverfahren zu beantragen. Die Schritte der Analyse und auch die Einreichung könnten automatisiert erledigt werden. Neue Geschäftsfelder gehen der Plattform also vermutlich nicht so schnell aus. Dafür, dass die Entwicklungen auf die Zielgerade kommen, sorgen neben wachsenden Umsätzen auch langfristige Förderungen und bislang drei gut vernetzten Business Angels. So würdigte die FFG die neuartigen KI-Entwicklungen mit einer Basisprogramm-Förderung. Womit dem Ziel, der führende, digitale Anbieter für durch Künstliche Intelligenz erbrachte juristische Dienstleistungen im DACHRaum zu werden, nicht mehr viel im Weg steht.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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