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Antwort auf Geldwäsche: Know your customer

11.08.2006

Jörg Menzel, Managing Director Group Anti Money Laundering Officer in der Deutschen Bank, geht von einem weiteren Wachstum der Geldwäsche-Aktivitäten aus. Gerade Finanzdienstleister müssten daher besondere Schutzmaßnahmen anwenden. Interview Harald Hornacek h.hornacek@wirtschaftsverlag.at

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die wirtschaft: Geldwäsche ist ein internationales Problem. In welcher Größenordnung spielt sich diese Facette der Wirtschaftskriminalität ab?

Jörg Menzel: Es liegt in der Natur der Kriminalität und somit natürlich auch der Geldwäsche, dass diese verdeckt betrieben werden. Die Dunkelziffer an Straftaten ist hoch, verlässliche Zahlen sind nicht greifbar. Daher sind auch Schätzungen in dieser Hinsicht grundsätzlich wohl kaum verlässlich.
Die Financial Action Task Force (FATF) bezieht sich nach wie vor auf eine Schätzung des Internationalen Währungsfonds aus den neunziger Jahren, nach der die Geldwäsche zwischen 2 und 5 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes ausmacht, was letztlich in etwa auf einen vierstelligen Milliardenbetrag hinausläuft.

die wirtschaft: Geldwäsche wird zumeist mit dem organisierten Verbrechen, also der Mafia in allen erdenklichen Variationen und Länderprovenienzen, verbunden. Ist das wirklich der Kern oder greift diese Vereinfachung zu kurz?

Menzel: Berücksichtigt man das weite Spektrum der kriminellen Aktivitäten, die von der organisierten Kriminalität heute "abgedeckt" wird (vor allem Betrug, Menschenhandel, Schmuggel, Drogenhandel, Erpressung, Korruption), so kann dies nach wie vor als Kern bezeichnet werden. Diese Betrachtung ist auch deshalb nach wie vor sinnvoll, da sie das primäre Ziel der Geldwäschebekämpfung in Erinnerung ruft, und eine Ausdehnung des Themas auf alle sonstigen illegal erworbenen Gelder verhindert. Letzteres birgt nämlich die Gefahr eines unangemessenen Aufwandes, sowohl seitens der Behörden als auch der Banken. Dessen ungeachtet verfolgen Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber vermehrt den so genannten "all-crime-Ansatz", d. h. Gelder aus allen erdenklichen Straftaten, sofern nicht eindeutig banal, können letztlich "geldwäschetauglich" mit allen daraus resultierenden Konsequenzen in Bezug auf Strafverfolgung einerseits und Präventionsmaßnahmen seitens der so genannten "Verpflichteten" andererseits sein.

die wirtschaft: Wer ist gefährdet in Bezug auf Geldwäsche? Inwieweit sind Klein- und Mittelbetriebe von dieser Problematik betroffen?

Menzel: Grundsätzlich ist jeder, der Gelder (nicht nur bar) im Rahmen seiner Geschäftstätigkeit entgegennimmt, prinzipiell in Gefahr, zur Geldwäsche missbraucht zu werden, da diese Gelder stets aus illegalen Quellen stammen könnten. Allerdings steigt - strafrechtlich betrachtet - die Gefährdung in dem Maße, in dem man aufgrund seiner Tätigkeit Kenntnisse über die Herkunft der Gelder hat (oder haben müsste). Die Finanzbranche wiederum ist hier besonders exponiert, da sie diese Gelder nicht nur entgegennimmt, sondern auch z.B. verwaltet oder weiterleitet. Letztlich sieht man dem Geld seine ggf. kriminelle Herkunft nicht an, so dass bereits im Bereich der Prüfungen vor Eröffnungen neuer Konten entsprechende KYC ("Know Your Customer")-Maßnahmen im Hinblick auf den noch nicht näher bekannten Kunden durchgeführt werden müssen. Hierbei kommt der aktiven Durchführung von "Intelligence", d.h. dem Sammeln/Prüfen wichtiger Informationen aus Medien oder anderen öffentlichen Quellen, wie beispielsweise dem Internet, eine besondere Bedeutung zu.
Eine besondere Gefährdung für etliche Klein- und Mittelbetriebe besteht darin, dass diese - je nach Geschäftstätigkeit - häufiger Bargeld entgegen nehmen. Die Einhaltung der "Know Your Customer"-Grundsätze hilft auch hier, Auffälligkeiten im Vorfeld zu erkennen. Geschäftstätigkeiten, die nicht dem bekannten Profil eines Geschäftskunden entsprechen, sollten hinterfragt und gründlich geprüft werden. Gleiches gilt analog auch für Geschäfte mit Personen oder Firmen aus Risikoländern bzw. mit bestimmten Risikobranchen.

die wirtschaft: Das Problem ist, dass man ja nicht weiß, wann es sich um Geldwäsche handelt. Welche Vorsichtsmaßnahmen gibt es, sich als Unternehmen dagegen zu schützen?

Menzel: Bei den eingangs angesprochenen Größenordnungen liegt es auf der Hand, dass es einen hundertprozentigen Schutz nicht geben kann. Darüber hinaus wird der Geldwäscher grundsätzlich immer bestrebt sein, seine illegalen Gelder so in den Wirtschaftskreislauf einzuschleusen, dass sie wie reguläre Zahlungen erscheinen, das heißt, er wird sich den allgemeinen Regeln im Geschäftsleben anpassen und zusätzlich eine entsprechende geschäftliche "Legende" besitzen, um seine illegalen Machenschaften zu verdecken und gegebenenfalls inkriminierte Gelder mit den Transaktionen im Rahmen einer realen Geschäftsbeziehung zu vermischen.
Wie bereits angedeutet, ist der für Finanzdienstleister geltende aufsichtsrechtliche Grundsatz "Know Your Customer" an sich für alle Unternehmen brauchbar. Je enger und länger die Beziehung zum Geschäftspartner besteht , desto eher ist man in der Lage, abweichendes und potentiell verdächtiges Verhalten zu erkennen. Je gründlicher der Kunde bei Eröffnung der Geschäftsbeziehung geprüft wurde, desto mehr kann man darauf vertrauen, von diesem nicht zu Zwecken der Geldwäsche missbraucht zu werden. Es empfiehlt sich darüber hinaus, auch eine risikobasiert zeitlich gestaffelte Überprüfung des Kundenbestandes durchzuführen.
Neben besonderen Prozessen zur Neukundenannahme kommt sicher auch dem daran anknüpfenden risikobasierten "Monitoring" der Geschäftsbeziehung, also der weitergehenden Überwachung, eine besondere Bedeutung zu. In Bezug auf durchgeführte Finanztransaktionen wird dieses Monitoring in vielen Kreditinstituten neben anderen Sicherungsmaßnahmen mittlerweile durch IT-Tools zur Überprüfung sämtlicher Kundentransaktionen auf bestimmte Auffälligkeiten abgedeckt.
Maßnahmen in vergleichbarem Umfang können von kleineren Unternehmen natürlich nicht erwartet werden, die Grundsätze sind jedoch sicher hilfreich.

die wirtschaft: Eine Bank lebt vom Geld ihrer Kunden. Wie realistisch ist es daher, wenn sich Banken zum "Kampf gegen Geldwäsche" bekennen?

Menzel: Es ist sicher nicht erstrebenswert, in einem Atemzug mit der organisierten Kriminalität genannt zu werden, selbst wenn man trotz aller Sicherungsmaßnahmen letztlich unwissentlich für deren Zwecke missbraucht wurde. Die Reputation einer Bank gehört ebenso zu ihrem Kapital wie die eigentlichen Vermögenswerte. Heutzutage kann es sich kein Kreditinstitut mehr leisten, zu Recht oder Unrecht öffentlich der Geldwäsche bezichtigt zu werden. Die negative Aufmerksamkeit, die verschiedene international tätige Kreditinstitute in der Vergangenheit in dieser Hinsicht bekommen haben, kann hier als Beispiel dienen. Es ist daher nicht nur sinnvoll, sondern auch absolut im Eigeninteresse, angemessene interne Kontrollmaßnahmen einzuführen. Auch die Überwachung durch die zuständigen Aufsichtsbehörden nimmt in dieser Hinsicht drastisch zu. Entsprechende Vorfälle werden hier zunehmend besonders kritisch gesehen, da entsprechende Vorfälle dem jeweiligen Finanzplatz erheblich schaden können.

die wirtschaft: Welche tatsächlichen Exekutionschancen hat die 3. Geldwäsche-Richtlinie?

Menzel: Rein rechtlich betrachtet: 100 Prozent, da die Richtlinie bereits in Kraft ist, und nun zwingend bis Ende 2007 von den Mitgliedsstaaten umzusetzen ist. Spannender ist die Frage, ob der der Richtlinie zugrunde liegende Ansatz, die Präventionsmaßnahmen dem vermeintlichen Risiko anzupassen, auch entsprechend gelebt wird. Dieser Ansatz, der eine wesentlich effektivere Geldwäschebekämpfung seitens der Banken erlauben würde, kann aber nur gelingen, wenn die entsprechenden nationalen Regularien auch die notwendigen Ermessenspielräume für die Banken vorsehen, und die jeweiligen Aufsichtsbehörden den Banken auch erlauben, die Spielräume angemessen zu nutzen.
(7_8/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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