Anlage 2006: Das Investment-Jahr | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Anlage 2006: Das Investment-Jahr

02.02.2006

Wie Kapitalmarktprofis investieren würden, was ihnen Sorgen macht und welche Werte Wachstumsphantasie haben. Von Andrea Deutsch, Maike Seidenberger und Eva Stanzl
a.deutsch@wirtschaftsverlag.at
m.seidenberger@wirtschaftsverlag.at
e.stanzl@wirtschaftsverlag.at

Die Erste Bank sieht im Export den Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Die Dynamik der USA werde sich heuer abschwächen, der Dollar etwas aufweichen (Kurs zu Jahresende 1,30 Dollar für einen Euro) - was europäische Exporte im zweiten Halbjahr belasten könnte. Auch ein Hänger im Immobilienmarkt würde die Konsumlaune der Nordamerikaner dämpfen, die ihre Kaufsucht traditionell über Hypothekarkredite und Immobilienverkäufe finanzieren. Europa könnte das mit eigenem Wachstums (vor allem des privaten Konsums) kompensieren. Noch im ersten Quartal rechnet man mit einer weiteren Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank, zu Jahresende mit einem zweiten Zinsschritt.
Zu den Anlagerisiken zählt man die Überliquidität: Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung ist die Geldmenge in den letzten Jahren stark gestiegen - im Klartext: 8 bis 10 Prozent der weltweitem Geldmenge, meint man bei der Erste Bank, seien im weltweiten Wirtschaftskreislauf schlicht nicht notwendig. Das führt Preissteigerungen bei Vermögenswerten und macht die Rentenmärkte nervös. Euro-Anleihen seien auch wegen der niedrigen Renditen zur Zeit wenig attraktiv; Anleger sollten sie nicht übergewichten und vor allem nicht aggressiv in den langfristigen Bereich gehen. Heuer sollte wegen der steigenden M&A-Aktivität und großen Refinanzierungsbedarfs starkes Jahr für Unternehmensanleihen werden, die bei den Renditen Staatspapiere schlagen. Aktien blieben aber weiterhin deutlich attraktiver.
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Die Raiffeisen Zentralbank (RZB) rechnet mit einer Wachstumsbeschleunigung in Europa, auf gut zwei Prozent in der Eurozone heuer und 2007. Die Zinsen sollten im ersten Quartal und zu Jahresende (bei robuster Konjunktur) wieder angehoben werden; in den USA hingegen sei die Fed fast am Ende des Zinszyklus angekommen, besonders weil sich das Wachstum bereits verlangsamt. Während die RZB auf den Rentenmärkten gegen Jahresende leicht steigende Renditen erwartet, seien die Aktienmärkte vor allem von den Gewinnerwartungen der Unternehmen getrieben, die 2005 stark gestiegen waren. Die europäischen Unternehmen haben bei der Eigenkapitalrentabilität die US-amerikanischen bereits überholt. Der Boom dürfte vor allem in den USA (wegen der Immobilienmarktabkühlung und des exorbitanten Handelsbilanzdefizits) zu Ende gehen. In der Euro-Zone rechnet man hingegen noch mit weiteren Kursanstiegen. RZB- Empfehlung: Anleger sollten Aktien mit 60 Prozent gegenüber Anleihen übergewichten - hier vor allem Titel aus Japan, Euro-Land und Zentral- und Osteuropa (CEE).
Die Raiffeisen Centrobank findet weiterhin CEE-Banken- und Immobilienaktien interessant. Banken wachsen im Osten stark. Tendenziell ist ihre Eigenkapitalrentabilität höher als im Westen (was sich auch in den höhere Akquisitionsprämien widerspiegle - etwa beim Erste Bank-Kauf des BCR-Pakets). Immobilien-Investments im Osten haben 2005 stark zugelegt - in den Hauptstädten sind die Büromärkte teilweise gesättigt; die Renditen sinken teilweise schon, liegen aber immer noch über den westeuropäischen. Österreichische Gesellschaften, die früh investiert (wie Immoeast oder Meinl European Land) und sich die Portokassen mit Kapitalerhöhungen aufgefüllt haben, sind für die Centrobank attraktive Investments.
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Die Allianz Investmentbank erwartet heuer einen Aufwärtstrend an den Börsen (im ersten Quartal aber vor allem in Europa wegen der starken Performance zu Jahresende eher Gewinnmitnahmen). Europäische Aktien werden seien attraktiver als US-amerikanische, die im Vorjahr schlechtere Renditen lieferten. Hohe Unternehmensgewinne und Cash-Flows ermöglichen steigende Dividendenausschüttungen, Akquisitionen und Aktienrückkaufprogramme, was für ein lebhaftes Börsenjahr sorgen sollte. Übergewichten würde Allianz Aktien aus den "Emerging Markets" (vor allem China, Indien, Russland, Brasilien, Osteuropa), deren Märkte auch wegen der anziehenden Binnennachfrage Wachstumstreiber bleiben.
Die Zinsen sollten heuer in Europa noch weiter erhöht werden, die USA sieht man hingegen schon fast am Ende der Zinsspirale angekommen. Deren Situation wird relativ zuversichtlich gesehen: Die steigenden Nachfrage aus Asien und den Erdöl-Exportländern werde das labile Gleichgewicht der Finanzierung des US-Konsums bis auf weiteres erhalten.
Bei Anleihen ist man vorsichtiger - der Trend institutioneller Investoren gehe in Richtung langfristiger Veranlagungen (zehn bis 30 Jahre Laufzeit). In Summe reduziert die Allianz die Aktien-Übergewichtung ihres Musterportfolios gegenüber Anleihen auf 53: 47.
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Auch die Deutsche Bank geht von einer positiven Entwicklung der Aktienmärkte aus. "Während die Rentenmärkte eher wenig Potenzial haben, bieten die Aktienmärkte weiterhin attraktive Renditechancen", so Klaus Martini, Global Chief Investment Officer für Privatkunden, "die Gewinne der Unternehmen wachsen solide und die Globalisierungsdividende zahlt sich aus." Trotzdem sei eine sorgfältige Auswahl bei Alternativen Investments notwendig. Allgemein befinde sich die Weltwirtschaft 2006 weiterhin auf einem guten Weg, ein Wachstum von 3,3 Prozent sei zu erwarten.
Obwohl die USA weiterhin tonangebend bleiben (trotz eines erwarteten BIP-Zuwachses von lediglich 3 Prozent), spielt Asien zunehmend eine wichtige Rolle und wird damit zu einem interessanten Absatzmarkt. Die chinesische Wirtschaft etwa kann 2006 die 8-Prozent-Rate übertreffen und damit deutlich schneller wachsen als der Rest der Welt. Auch Indiens BIP sollte um 6 Prozent steigen. Euroland dürfte aufgrund struktureller Gründe die 2 Prozent Hürde nicht übersteigen.
Durch den Basiseffekt bei den Energiepreisen und den globalen Wettbewerbsdruck kann sich die Inflation, vom derzeit hohen Niveau, deutlich abschwächen. Von der amerikanischen und europäischen Notenbank wird voraussichtlich eine eher restriktive Geldpolitik verfolgt, die zu einer Normalisierung des noch relativ niedrigen Leitzinsniveaus führt. Diesen sieht die Deutsche Bank bei einem Gipfelpunkt von 4,50 Prozent. Martini: "Langfristig erwarten wir jedoch, dass das enorme Leistungsbilanzdefizit der USA den Dollarkurs wieder drücken wird."
Eine moderate Bewertung europäischer Aktien, aufgrund der Globalisierungsdividende, ist zu erhoffen. Der heurige ATX mit seiner Spitzenperformance von 57 Prozent, beinhalte weiteres Potenzial für eine Steigerung. Dies wird mit einer Angleichung des österreichischen Bewertungsniveaus an den europäischen Gesamtmarkt im heurigen Jahr erklärt. Vor allem gegenüber Osteuropa haben wir uns gut positioniert.
Die Rohstoffrallye dürfte sich fortsetzen, da Asien immer massiver als Konsument auftritt und bestehende Kapazitätsengpässe nur langsam behoben werden können. Öl bleibt, historisch gesehen, teuer.
Gold behält sein gutes Kurspotenzial, zumal es neben eines strukturellen Nachfrageüberhangs (vor allem durch die beginnende Hochzeitssaison in Indien), immer mehr als Absicherungsinstrument genutzt wird.
Das Thema "Life Science" wird laut Deutsche Bank 2006 ein großes Thema, im Besonderen Wasserversorgung. Die Schweiz betreibt bereits zwei Wasserfonds. Ideenfindung und alternative Energien bleiben weiterhin Schlagworte.
Viel Potenzial und einen hohen Diversifikationsvorteil sieht die Deutsche Bank in Investitionen in BRIC - Brasilien, Russland, Indien und China.
Aber: Trotz aller positiver Ausblicke weist Martini auf eine steigende Prognoseunsicherheit der Banken hin.
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Vor dem Hintergrund verbesserter Wachstumsaussichten geht die Volksbank Investmentbank von einer anhaltend guten Performance der europäischen Aktienmärkte aus. Dem ATX, dem DAX und dem Euro-Stoxx-50 bescheinigt sie ein Aufwärtspotenzial von zehn Prozent. Für den Dow Jones in den USA und den japanischen Nikkei erwarten die Volksbanker etwas schwächere Kurszuwächse.
Wegen wachsender Gewinne sollten Werte der klassischen Industrie und der Grundstoffindustrie (inklusive Öl und Gas) begünstigt bleiben. Die Inflationsgefahr bleibt nach Einschätzung der Volksbank Investmentbank auch 2006 geringer als der hohe Ölpreis vermuten lasse: Die Notenbanken würden die begonnene Straffung zwar fortsetzen, die Zinsniveaus blieben im historischen Vergleich aber niedrig, heißt es. So werde die US-Notenbank voraussichtlich noch maximal zwei Zinsschritte zu je 25 Basispunkten setzen und den Leitzins dann bei 4,75 Prozent belassen. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte im ersten Quartal ihren Mindestrefinanzierungssatz anheben und dann bei 2,50 Prozent belassen. Auf Jahressicht sollte sich der Dollar gegenüber dem Euro etwas abschwächen. Grund für diese Annahme: Der Wachstums- und Zinsvorteil dürfte allmählich verblassen und die defizitäre Leistungsbilanz wieder in den Vordergrund rücken. Als weltweite Spitzenreiter bei der wirtschaftlichen Dynamik sehen die Volksbanker 2006 einmal mehr China und Indien mit Wachstumsraten von jeweils 8 bis 9 Prozent. Innerhalb Europas sei Zentral- und Osteuropa (CEE) die dynamischste Region mit für heuer erwarteten vier bis fünf Prozent Wachstum.
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Die Capital Invest, die Kapitalanlagegesellschaft der BA-CA, sieht für 2006 besonders gute Chancen an den Börsen in Europa und Asien, insbesondere in Japan. Die Entwicklung an den Kapitalmärkten 2005 lag Vorstandschef Helmut Sobotka zufolge "über den Erwartungen": Die Capital Invest konnte das verwaltete Fondsvolumen 2005 um rund 20 Prozent auf 24,2 Mrd. Euro steigern. Sie liegt mit 15,5 Prozent Marktanteil hinter Raiffeisen (22,3) und der Erste Sparinvest (17,4). In Osteuropa wurden die verwalteten Vermögen 2005 auf 2,47 Mrd. Euro gesteigert, ein Plus von 77 Prozent gegenüber 2004. Gemessen am verwalteten Vermögen sind Ungarn und Polen für die Capital Invest die wichtigsten CEE-Länder, am dritten Rang liegt Tschechien. Für 2006 erwartet Capital-Invest-Vorstand Johann Kernbauer ein "erfreuliches Konjunkturbild": Der Aufschwung im Euro-Raum mit höheren Wachstumsraten zeichne sich insbesondere in Deutschland ab, wo die Wirtschaft durch mehr privaten Konsum angekurbelt werde. Und in den USA sieht Kernbauer "sowohl Risiken als auch Chancen": Einerseits könnten weitere Zinsanhebungen den Konsum der US-Haushalte dämpfen, die derzeit eine negative Sparquote aufweisen - also mehr ausgeben als sie einnehmen. Andererseits stimmen die jüngsten Zahlen aus US-Unternehmen, besonders was Investitionsentscheidungen betreffe, optimistisch. An den Aktienmärkten werden für 2006 die "Emerging Markets", besonders im asiatischen Raum, favorisiert. Bei den entwickelten Märkten erwartet die Capital Invest, dass sich die europäischen Indizes nicht mehr so deutlich von den amerikanischen Vorgaben abkoppeln werden können. Die Bewertung sei aber für die europäischen Titel nach wie vor günstig. In Japan gehe die Deflation langsam zu Ende, die Inlandsnachfrage steige. Die japanische Börse sollte auch 2006 eine gute Performance ablegen. 2005 stieg der Nikkei 225, der Leitindex der Börse in Tokio, um über 40 Prozent. Als attraktive Börsenplätze bewertet die Capital Invest Tschechien, Russland und die Türkei. Neben sehr guten makroökonomischen Faktoren sprächen auch die günstigen Gewinnaussichten für diese Börsen.
(1_2/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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