Anglo Irish Bank: Informierte Investoren und risikoscheue Russen | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Anglo Irish Bank: Informierte Investoren und risikoscheue Russen

10.04.2006

Michael McGee, Vorstandsvorsitzender Anglo Irish Bank (Austria) AG, und Ernst Abensperg und Traun, Vorstand Private Banking, über konservative Reiche aus dem Osten, mündige Investoren und das Management von Erwartungshaltungen. Interview Maike Seidenberger
m.seidenberger@wirtschaft.at

Foto Richard Tanzer

die wirtschaft: Wie entwickelt sich das Klima für Privatbanken und ihre Klientel in Österreich?

Michael McGee: Sehr positiv. Die Weltwirtschaft wächst und damit auch die potenzielle Kundenschicht - Personen mit einem Vermögen von fünf bis zehn Millionen Euro. Aber ebenso schnell wächst die Gruppe derer, die zwar im Augenblick noch nicht über solche Summen verfügen, aber das Potenzial haben, sie einmal zur Verfügung zu haben.

Ernst Traun: Unser Geschäft ist international. Das hat mit unserer Geschichte zu tun: Anglo Irish entstand vor zehn Jahren aus der Übernahme der Österreich-Aktivitäten der Royal Trust Bank of Canada. Dazu kam noch die Übernahme der Wiener Niederlassung der französischen Crédit Lyonnais. Wenn wir einen geographischen Fokus haben, dann natürlich auf Zentral- und Osteuropa. Da ist Wien für unsere irische Mutter der ideale Standort: Hier gibt es Leute mit den banktechnischen und kulturellen Skills und den Sprachkenntnissen, um diese Klientel zu betreuen.

die wirtschaft: Wächst auch Ihr österreichischer Kundenbestand oder werden nur Osteuropäer immer reicher?

Traun: Wir verwalten im Augenblick rund 5.500 Kundendepots. Auch die Gruppe österreichischer Anleger wächst - parallel zur Wirtschaft. Wir haben hier einen sehr kompetitiven Privatbank-Markt, in dem es schwer ist, Anteile zu gewinnen. Osteuropa, wo die Strukturen für Private Banking oft noch fehlen, ist da ein klarer Wachstumsfokus.

McGee: Die Anglo Irish-Gruppe macht ja ihr Hauptgeschäft mit Krediten - etwa 80 Prozent des Volumens. Insofern haben wir in Wien im Konzern eine Sonderstellung, weil wir uns fast ausschließlich dem Private Banking widmen. Unsere Zielgruppe ist das mittlere Kundensegment: Freiberufler, KMU-Unternehmer - Menschen, die mindestens eine Million Euro zu investieren haben.

die wirtschaft: Welche Ziele verfolgt Ihre Klientel vorrangig: Vermögenserhalt, die Absicherung von Familienunternehmen oder einfach mehr Erträge?

Traun: Wir haben Klienten in allen Stadien - vom Vermögensaufbau über die Absicherung bis zur Weitergabe des Kapitals. Wir stellen aber fest, dass Menschen in immer jüngerem Lebensalter zu Geld kommen. Und das sind durchwegs mündige Investoren - sie wissen mehr über Kapitalmärkte und Finanzprodukte als jede Investorengeneration zuvor. Das ist für uns natürlich eine Herausforderung.

McGee: Da wir eine kleine Bank sind, scheuen wir uns auch nicht, manchen Klienten mit Spezialwünschen zu sagen: Sie wären vielleicht an dieser oder jener Stelle besser dran. Was bei unseren zentraleuropäischen Kunden auffällt: Viele haben eine Menge Risiko auf sich genommen, um ihr Vermögen zu erwerben. Jetzt wo es darum geht, es zu veranlagen, sind sie aber oft überraschend konservativ - es gibt eine starke Nachfrage nach soliden Produkten mit Kapitalgarantie.

Traun: Es gibt auch den einen oder anderen, der mit russischen Aktien 60 Prozent in einem Jahr gemacht hat und uns jetzt mitteilt: 13 Prozent bei euch sind aber nicht so toll.

McGee: Ja, das ist das Schwierige an unserem Job: die Erwartungen der Klienten zu managen. Dazu kommt, dass wir in den letzten 30 Jahren kontinuierlich stark gewachsen sind - das weckt natürlich auch Begehrlichkeiten. Dann muss man den Klienten sagen: Eine heiße Marktentwicklung der Vergangenheit ist nicht zwingend Benchmark für die Zukunft.

die wirtschaft: Kann man es in einem so beziehungsgetriebenen Geschäft wie der privaten Vermögensverwaltung überhaupt schaffen, Innovationen zu setzen?

Traun: Das ist ein laufender Prozess. Am wichtigsten ist es, gleich zu Beginn ein klares Bild von den Bedürfnissen, Wünschen und auch Ängsten des Klienten zu bekommen - und das laufend an die persönliche Situation anzupassen. Unsere Relationship Manager bleiben nah am Kunden - auch wenn das bei einer so internationalen Klientel schwer ist. Da geht man vielleicht nicht alle zwei Wochen miteinander zum Lunch, aber ein intensiver Telephonkontakt muss sein.

McGee: Die Unternehmenskultur ist zentral. Kleinheit hat durchaus Vorteile - wir können Produkte ziemlich rasch in den Markt setzen, ihnen einen kleinen Dreh verpassen. Es hilft, wenn man nicht durch eine ganze Konzern-Hierarchie hindurch muss.

die wirtschaft: Inwieweit tragen dazu die Fonds Ihrer Österreich-KAG bei?

Traun: Es sind 15 - wir sind schließlich nicht Fidelity, haben aber die Basis-Anlageinstrumente im Haus, die aus den Bedürfnissen unserer Kunden heraus entwickelt werden. Dabei hilft uns auch unsere Schwestergesellschaft in der Schweiz, die ihren Schwerpunkt in der Entwicklung von Alternativen Investments hat.

die wirtschaft: Anglo Irish verfolgt aggressive Wachstumsziele von 15 bis 20 Prozent pro Jahr bei Volumen und Ertrag - ist das in Österreich mit Private Banking realisierbar?

McGee: Vermögensverwaltung ist ein langsam wachsendes, aber wachsendes Geschäft. Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen können, in den nächsten fünf Jahren das Geschäftsvolumen zu verdoppeln, das Volumen des verwalteten Vermögens zu verdoppeln und das Betriebsergebnis auf 25 Millionen Euro zu steigern. Wir haben 2004 in Wien auch mit Treasury-Aktivitäten für den Unternehmensbereich begonnen - aus Sicht der Gruppe tun sich viele Chancen auf.

Traun: Anglo Irish ist mit neun Milliarden Euro Marktkapitalisierung das viertgrößte an der Dubliner Börse notierte Unternehmen, weist konstant hohe Wachstumsraten auf - das ist eine Geschichte, die Investoren gern hören, auch weil das in den letzten Jahren nicht viele Banken geschafft haben.
(4/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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