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Am Scheidepunkt

17.03.2019

Umweltschäden, Fake News und totale Überwachung: Nur einige der Folgen von zunächst wohlgemeinten Innovationen. Warum Unternehmen heute wesentlich weiter bei der Entwicklung neuer Produkte denken müssen und wieso sie damit die großen Herausforderungen der Welt lösen könnten, erklärt André Martinuzzi, Leiter des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement der WU Wien.

André Martinuzzi, Leiter des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement der WU Wien
RESPONSIBLE INNOVATION

Responsible Innovation bedeutet technische und soziale Innovationen so zu gestalten, dass sie am Markt erfolgreich sind, Profite abwerfen und zugleich positive Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt haben. Institut für Nachhaltigkeitsmanagement:
www.sustainability.eu
Responsible Innovation im IT Sektor:
www.LIVING-INNOVATION.net
Selbst-Check für KMUs:
www.innovation-compass.eu

Innovationen haben enorme Auswirkungen auf uns alle. Auf Gesundheitssysteme, Bildung und Politik, aber auch unseren Alltag. Welche Verantwortung erwächst daraus für die Treiber der Innovation? Den Akteuren muss heute klar sein, dass es nicht nur darum geht, Profite, Wachstumsraten und Aktivitäten zu managen. Verantwortungsbewusste Unternehmen bedenken, dass ihre Entscheidungen weitreichende Konsequenzen für das Leben der Menschen, die Umwelt und den gesamten Planeten haben. Auch deshalb, weil viele Unternehmen extrem groß und mächtig geworden sind. Immerhin sind von den 100 größten Wirtschaftsakteuren der Welt 69 Unternehmen und nur 31 sind Staaten.

Die Unternehmen müssen sich weder Wahlen stellen, noch sind sie demokratischen Prozessen unterworfen. Wird das zum Problem? Jedenfalls hat sich die Rollenverteilung zwischen dem Staat, der einen Rahmen setzt, und den Unternehmen, die darin agieren, verändert. Auch durch Globalisierung und Wachstum. Daraus resultiert eine gesteigerte Verantwortung der Unternehmen.

Wie weit reicht diese Verantwortung? Es geht einerseits um Verantwortung entlang ganzer Wertschöpfungsketten und andererseits um Wirkungen bei der Nutzung und Entsorgung von Produkten. Auf beide Bereiche wirken sich Innovationen aus. Sie bestimmen, was für wen und wie produziert wird. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass es immer eine geteilte Verantwortung ist.

Inwiefern? Weil Verantwortung immer alle Beteiligten betrifft. Denken Sie an Smartphones. Die dafür benötigten seltenen Erden werden unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen abgebaut. Oder an die Umweltauswirkungen bei der Entsorgung von Elektronikschrott. Die Verantwortung dafür tragen alle, die an Smartphones verdienen, aber auch die Menschen, die jedes Jahr ein neues modisches Handy kaufen.

Die Digitalisierung wird unser Leben noch tiefgreifend verändern. Erwächst daraus jetzt eine größere Dringlichkeit, auch Fragen der Ethik und der gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen bei der Entwicklung neuer Technologien zu stellen? Wir haben ein globales Umweltproblem. Diese Dringlichkeit haben fast alle Politiker und Führungskräfte der Wirtschaft erkannt. Wer das ignoriert, ignoriert Naturgesetze. So wie jemand, der vom Dach springt und sich freut, wie schnell es vorangeht. Erst im Moment des Aufpralls wird ihm klar werden, wie groß die Katastrophe ist. Was den Klimawandel betrifft, befinden wir uns gerade im freien Fall. Verantwortungsvolle Innovation bedeutet daher, nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. Zugleich beobachten wir derzeit einen enormen Vertrauensverlust gegenüber Eliten und Entscheidungsträgern. Geht der Trend so weiter, werden irrationale Entscheidungen wie der Brexit an der Tagesordnung stehen und massiv Wohlstand vernichten. Unternehmen sollten daher rechtzeitig auf Verantwortung setzen, bevor es zu spät ist.

Was sind die Eckpfeiler dieses Ansatzes? Verantwortungsvolle Innovation besteht aus drei Elementen: Mehr Ideen durch Öffnung von Innovationsprozessen, mehr Verantwortung durch das rechtzeitige Abschätzen der Wirkungen von Innovationen und mehr Nachhaltigkeit durch die Gestaltung ganzer Systeme.

Wen müssen die Unternehmen dafür ins Boot holen? Unternehmen haben bereits Erfahrungen in Lead-User-Innovation und Crowdsourcing. Dabei wird aber zumeist ein ganz spezieller Typ von Konsumenten angesprochen: technisch interessierte, junge, gebildete und leistungsfähige Personen. Menschen, die diese Eigenschaften nicht aufweisen, werden tendenziell vergessen, obwohl auch sie neue Produkte und Technologien nützen werden.

Und was bringt das dem einzelnen Unternehmen? Mehr Ideen, mehr Innovationskraft und eine größere Nähe zu den Bedürfnissen ihrer künftigen Kunden. Viele Technologien vermitteln ja heute den Eindruck, als würde zuerst eine Lösung entwickelt und erst dann nach dem Problem gesucht. Beispielsweise werden Kühlschränke angeboten, die mit dem Internet verbunden sind. Das bringt dem Handel zwar Daten über meine Einkaufs- und Essensgewohnheiten, aber die Frage ist: Was bringt mir das als Konsument? Wenn ich eine Nahrungsmittelunverträglichkeit habe und mich mein smarter Kühlschrank beim Kochen unterstützen und als Ernährungsberater fungieren könnte, wäre das vom Problem her gedacht und nicht von der Technologie.

Es geht also nicht notwendigerweise um technische Innovationen? Nein, die technologischen Basisentwicklungen wird man nicht immer selbst schaffen müssen. Es gilt, eine smarte Anwendung zu finden. Das ist eine Frage des Geschäftsmodells und der durchdachten Verknüpfung. Dafür muss man gut zuhören.

Über Open Innovation und Design Thinking wird seit Jahren geredet. Was spricht dafür, dass sich jetzt Responsible Innovation durchsetzt? Weil Innovationen, die am Konsumenten vorbeischrammen, enorme Verluste verursachen. Denken Sie an die Google Glass oder den Segway. Beide wurden als das „Next Big Thing“ beworben und sind weit unter den Erwartungen geblieben.

Kann Responsible Innovation auch Risiken und ethische Dilemmas erkennen? Dafür gibt es viele Beispiele, denn Technologien bieten nicht nur Lösungen, sie können auch neue Probleme schaffen. Denken Sie an Asbest, Contergan oder Atomkraft. Bei jeder neuen Technik stellen sich auch ethische Frage, wenn zum Beispiel Stammzellen aus Embryonen gewonnen werden oder bei Eingriffen ins menschliche Genom. Solche gesellschaftlichen Diskussionen kennen wir seit Jahrzehnten. Jetzt stehen wieder Technologien an, die man debattieren muss.

Wo besteht besonderer Bedarf? Beispielsweise beim Thema Künstliche Intelligenz. Steven Hawkings und Elon Musk haben die Menschheit sehr explizit gewarnt und damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Zugleich haben viele Menschen irrationale Ängste, die ihren Ursprung in Science-Fiction-Filmen wie Odyssee 2001, Terminator oder Matrix haben.

Aber die Konzerne, die in KI investieren, sind mächtig, schwer zu steuern und es winken enorme Gewinne und Marktchancen. Haben die ein offenes Ohr für Bedenken? Vermutlich werden diese Unternehmen sogar sehr vorsichtig sein. Denn es steht zu befürchten, dass das Vertrauen völlig verloren gehen könnte – wie bei der Gentechnik. Für die beteiligten Unternehmen wäre das dramatisch. Diese wichtigsten Player haben daher schon Stakeholder-Dialoge gestartet und ethische Prinzipien für den Einsatz von KI festgelegt.

Sind diese Prinzipien ausreichend? Sie sind ein Anfang. Ein Prinzip besagt beispielsweise, dass alle Entscheidungen, die eine KI trifft, nachvollziehbar sein müssen, damit keine „Black Box“ entsteht, in die wir als Menschen gar nicht mehr hineinschauen können. Ein anderes Prinzip besagt, dass KI nur beratend eingesetzt werden soll und Menschen die letztendlichen Entscheidungen treffen. Der Teufel steckt aber im Detail: Wir groß ist der Aufwand, um die Entscheidungen einer KI nachzuvollziehen und wer hat die dafür erforderlichen Kapazitäten? Wann soll eine KI doch autonom entscheiden? Zudem sollten wir auch Zweitrundeneffekte beachten.

Was verstehen Sie darunter? Die erste Konsequenz einer Innovation wird häufig noch bedacht, die zweite aber schon nicht mehr. Wir können KI zur Krankheitserkennung einsetzen und die Erkennungsrate ist bei manchen Krebsarten bereits besser als die von erfahrenen Ärzten. Zugleich soll aber der Mensch die letzte Entscheidung treffen. Wie lange wird ein Arzt das noch können, wenn er sich immer mehr auf die KI verlässt? Wann geht die Qualifikation verloren? Auch diese Überlegungen haben mit Responsible Innovation zu tun, nämlich mit der Gestaltung nachhaltiger Systeme.

Was bedeutet das konkret? Haben Sie ein Beispiel? Die Kombination aus Smartphone und Internet hat nicht nur unsere Kommunikationsmöglichkeiten enorm erhöht, sondern auch Auswirkungen auf Medien und Politik. Natürlich hat das Internet viel demokratisiert, aber auch Verschwörungstheorien und Falschmeldungen werden dadurch rasch verbreitet. Fake News können gezielt eingesetzt werden, um Wahlen und Abstimmungen zu manipulieren. Dieser Nebeneffekt ist uns passiert, und heute plagen wir uns mit einem neuen Politikstil herum, der sich um Fakten nicht mehr schert. Dabei ist das ein einfaches System, verglichen mit dem globalen Finanzsystem, das die Weltwirtschaft vor zehn Jahren fast in den Abgrund gerissen hätte.

Wie lässt sich verhindern, dass uns ganze Systeme entgleiten? Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Märkte das alles regeln können. Sie sind sehr effiziente Mechanismen, aber blind für langfristige Entwicklungen. Sie kennen keine Fairness und sind unfähig, radikale Innovationen zu koordinieren. Verantwortungsbewusste Innovation bedeutet, ganze Systeme gemeinsam zu gestalten. Mobilitätssysteme, Ernährungssysteme, Gesundheitssysteme. Wir tun RESPONSIBLE INNOVATION Responsible Innovation bedeutet technische und soziale Innovationen so zu gestalten, dass sie am Markt erfolgreich sind, Profite abwerfen und zugleich positive Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt haben. Institut für Nachhaltigkeitsmanagement: www.sustainability.eu Responsible Innovation im IT Sektor: www.LIVING-INNOVATION.net Selbst-Check für KMUs: www.innovation-compass.eu dies in Living Innovation, einem von der EU geförderten Projekt, in dem wir gemeinsam mit führenden IT-Unternehmen Smart-Home-Technologien entwickeln, die den Bedürfnissen der Menschen Rechnung tragen. Damit gestalten wir heute, wie wir im Jahr 2030 wohnen und leben werden.

Welchen Beitrag kann Responsible Innovation dazu leisten? Sie hält die Akteure dazu an, sich zu öffnen, auszuwählen und systemisch zu denken. Dadurch werden Personen eingebunden und Wirkungen berücksichtigt, an die man sonst nicht gedacht hätte. Dadurch wird der gesellschaftliche Diskurs breiter aufgestellt und zugleich entsteht viel Inspiration für die Unternehmen. Umso bewusster man das macht, umso besser lassen sich Fehler und unerwünschte soziale und ökologische Wirkungen vermeiden. Es geht um ein systemisches Denken. Das ist echt neu und heraufordernd.

Das mag großen Unternehmen gelingen, welche Bedeutung hat Responsible Innovation für KMU? KMU sind meist flexibler, innovativer und näher an den Bedürfnissen der Menschen dran als große Unternehmen. Manche von ihnen setzen Innovation aber fälschlicherweise mit Hightech gleich und glauben, sie könnten hier nichts gestalten. Dabei gibt es viele Arten von Innovationen, die für KMU profitabel sein können. Wer genau zuhört, kann leichter neue Produkte, Dienstleistungen, Kooperationen und auch Geschäftsmodelle entwickeln.

Abseits aller Ängste steckt in technologischen und sozialen Innovationen ja auch die Chance, die großen Herausforderungen unserer Welt zu lösen. Muss sich Innovation generell stärker in den Dienst der Gesellschaft stellen? Die Frage ist, wer den Anstoß für eine Innovation gibt. Sie geht ja nicht immer nur von der Grundlagenforschung bis zum Produkt. Wie müssen stärker von den Bedürfnissen ausgehen. Immer mehr alte Menschen sind alleine zu Hause und in ihrer Mobilität eingeschränkt. Könnte Virtual Reality eine Lösung sein? Was kann Technik ihnen bieten? Es geht also nicht um faltbare Handys, sondern um Bedürfnisse.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass verantwortungsvolle Innovationen unsere Welt nachhaltig verbessern? Die Frage ist, ob wir als Menschen durch Responsible Innovation wieder stärker in die Lage kommen, unsere Lebensumstände und unsere Zukunft zu gestalten. Wenn wir uns nur noch von Sachzwängen getrieben und hilflos wahrnehmen, dann ist das in meinen Augen ein ziemlich hoffnungsloses Weltbild. Wenn wir aber die Zukunft fair und verantwortungsbewusst gestalten wollen, dann ist Responsible Innovation eine Einladung, daran teilzunehmen, und eine enorme Chance. Wir sind jetzt am Scheidepunkt. Wenn wir aufhören, die großen Technologien mitzugestalten, dann haben wir aufgegeben. Wollen wir das? Ist das unsere Zukunft?

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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