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"In Österreich möchten schon zwei Drittel der Menschen in ihrem Ruhestand weiterarbeiten", zeigt Klaudia Bachinger auf, welches Potenzial brach zu liegen droht.

Altes Wissen erhalten

30.09.2020

Klaudia Bachinger ist CEO von WisR. Diese Jobplattform für Menschen im Ruhestand  konzentriert sich aktuell besonders auf eine HR-Software, mit der sie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern im Ruhestand verbindet. Mit ihrer Hilfe sollen Firmen auf ihre deren jahrelange Expertise zurückgreifen und rasch kurzfristige Wissens- oder Personallücken schließen können. Warum das gerade jetzt so wichtig ist? 5 Fragen und Antworten.  

Jedes Jahr gehen in Österreich tausende Menschen in Pension und damit dem Arbeitsmarkt verloren. Welche Bedeutung hat ihr Verlust für die Betriebe?

Eine enorme, in zweierlei Hinsicht: Menschen, die jahrelang im Betrieb waren und dadurch möglicherweise auch Führungspositionen innehatten, wissen nun mal, wie der Hase läuft. Sie haben technisches, sales, betriebsinternes Know-how und wertvolle kognitive Fähigkeiten - alles Eigenschaften, die sich durch jahrelange Erfahrung als implizites Wissen verfestigen. Gehen diese Menschen in Pension, geht dieses Wissen mit. Solche Kompetenzen können nicht einfach von Robotern ersetzt werden und wenn sie nicht unter den Generationen weitergegeben werden, sind sie für immer verschwunden. Andererseits fällt so ein Abgang auch monetär ins Gewicht: Für jede Rekrutierung von Nachfolgern eines Mitarbeiters, der in Pension geht, können Firmen 5.000 Euro rechnen. Der Produktivitätsverlust, der sich durch die Einarbeitung der Mitarbeiter ergibt, macht noch einmal so viel aus. Hier sind Manager dringend gefragt, den demografischen Wandel auf dem Radar zu haben und die Idee eines lebendigen Wissenstransfers top down zu etablieren.

In den meisten Fällen werden Mitarbeiter freundlich verabschiedet, aber der Kontakt reißt rasch ab. Wie lässt sich der Informationsaustausch am Leben erhalten?

Indem dieser Kontakt eben nicht abreißt. Indem sich Unternehmen mindestens ein Jahr vor einer möglichen Pensionierung gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Gedanken über diese neue Phase ihres Lebens machen. Indem, wenn es von den Mitarbeitern selbst auch gewünscht wird, gemeinsam Alternativen zum klassischen Ruhestand angedacht werden, die eben so einen lebendigen Wissenstransfer garantieren. Etwa, dass man sein Wissen als Mentor, Tandempartner oder für Projektarbeit immer noch mit den ehemaligen Kollegen teilt und dem Unternehmen zur Verfügung stellt -  organisiert über ein Senior Experten Netzwerk etwa. Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass sich viele ältere Menschen weiterhin beteiligen, einer Aufgabe - wenn auch nicht mehr für 40 Wochenstunden - nachgehen möchten. So bleibt die Wertschätzung für die Älteren erhalten, der Wissenstransfer lebendig und die Generationen können voneinander lernen. 

Welche rechtlichen Aspekte müssen beachtet werden, wenn Betriebe ihre ehemaligen Experten auch in der Pension etwa für Projekte beauftragen wollen?

Es gibt arbeits- und steuerrechtlichen Rahmenbedingungen, die es Betrieben nicht immer leicht machen, Senior Experts zu engagieren. Kollektivverträge, Senioritätsprinzip und Scheinselbstständigkeit schrecken so manche davon ab. Was wir in den Umfragen gelernt haben, ist aber, dass sich die wenigsten ein festes Anstellungsverhältnis wünschen, sondern gern auf Werkvertragsbasis arbeiten. So können sie sich ihre Arbeit frei einteilen, sind an keinen festen Ort gebunden - Stichwort Homeoffice - und können den Firmen mit entsprechend leistbaren Tagessätzen entgegenkommen. Für Menschen in der Regelpension gibt es außerdem keine Zuverdienstgrenzen. Unternehmen könnten sich aber durchaus auch kreativere Formen der Wertschätzung einfallen lassen - denn der Zuverdienst steht bei Senior Experts erst an vierter Stelle bei der Frage, warum sie weiterarbeiten. 

Haben Sie eine Schätzung oder Zahlen dazu, wie hoch der Anteil der Pensionisten ist, die gerne noch arbeiten würden?

Studien zeigen, dass Menschen heute immer älter und dabei immer gesünder werden. In Österreich möchten schon zwei Drittel der Menschen in ihrem Ruhestand weiterarbeiten, in Deutschland waren 2018 ganze 1,4 Millionen Rentner erwerbstätig. Wir sehen, dass es weltweit immer mehr potenziell Erwerbstätige gibt, die in ihrem Ruhestandsalter arbeiten möchten - oder auch müssen, um ihre Pension aufzubessern.  

Aufgrund der Pandemie reduzieren viele Betriebe ihren Personalstand. Ist es in so einer Phase sinnvoll, den Jungen zu kündigen und Alte zurückzuholen?

Viele Betriebe haben im Moment gar keine Gelegenheit, solche Entscheidungen strategisch zu treffen - vielerorts geht es primär ums taktische Überleben, darum, den größten Schaden rasch abzufedern. Die Empfehlung kann außerdem niemals sein, seine Jüngeren zu kündigen. Hilfreich in Zeiten, wie diesen, kann es aber sicherlich sein, wenn man auf die Expertise seiner erfahrensten Mitarbeiter im Ruhestand zählen kann. Als sich die Pandemie Anfang des Jahres in Europa auszubreiten begann, wurden in England 65.000 Ärzte und Pflegekräfte, die nicht länger als drei Jahre im Ruhestand waren, gebeten, sich freiwillig im Kampf gegen Corona zu engagieren. In Österreich unterstützen zahlreiche pensionierte Lehrer überforderte Eltern telefonisch beim Homeschooling. Wir sehen jedenfalls, dass Menschen im Ruhestand auch jetzt weiterarbeiten und einen Beitrag leisten möchten - wir haben auf unserer Plattform in den vergangenen Monaten viele neue Registrierungen verzeichnet. Homeoffice und Remote-Work könnten für Firmen insofern mittelfristig die Lösung sein, Ältere mit ihrem Know-how wieder ins Spiel zu bringen, so diese das wollen - ganz ohne sich einem erhöhten Risiko aussetzen zu müssen.

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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