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Alles müsste uns optimistisch stimmen

11.05.2018

Der Blick in die Zukunft ist in vielen Unternehmen von Angst dominiert. Völlig zu Unrecht, meint der Zukunftsforscher Harry Gatterer und erklärt im Interview, warum gerade der Umsatzdruck Innovationen hervorbringt und wieso Unternehmer auf ihren Instinkt vertrauen sollten.

BUCHTIPP

FUTURE ROOM – ENTDECKEN SIE DIE ZUKUNFT IHRES UNTERNEHMENS
Mit seinem kürzlich erschienenen Buch „Future Room – Entdecken Sie die Zukunft Ihres Unternehmens“ gewährt Harry Gatterer erstmals Unternehmen und In stitutionen in Zukunft sfragen begleitet. Dabei wagt er sich bis in die vierte Dimension des räum lichen Wahrnehmens Zukunft eintauchen.

Sie wollen eines von zwei Exemplaren gewinnen? Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff „Future“ an s.strzyzowski@wirtschaft sverlag.at.

Aktuell herrschen anstatt positiver Utopien eher negative Zukunftsvisionen vor. Woran liegt es, dass der Glaube an eine bessere Welt von Dystopien abgelöst wurde? Wir sind aktuell mit sehr viel Ungewissheit konfrontiert. Unser Alltag wird zunehmend von Technik und einer gigantischen Informationsflut dominiert. Zudem stellt die Globalisierung vieles, was wir kannten, infrage. Diese Einflüsse führen dazu, dass wir uns die Zukunft nicht mehr vorstellen können. Das beunruhigt uns.

Wie wirkt sich das aus? Wir wenden uns von der Zukunft ab. Und wir hören zu, wenn jemand sagt: „Great again!“ Wir hören zu, wenn jemand sagt, dass wir Grenzen aufbauen müssen – weil wir glauben, dass wir damit wieder Gewissheit erzeugen können. Das ist aber eine Illusion.

Ist dieser kritische Blick nach vorn und der verklärte retour ein neues Phänomen? Von der „guten alten Zeit“ haben ja vermutlich schon die antiken Griechen geschwärmt. Die Vehemenz, mit der wir jetzt neuen Situationen gegenüberstehen, hatten wir tatsächlich noch nicht so oft. Es gab natürlich immer wieder Wendepunkte wie den Buchdruck oder den Niedergang des Römischen Reiches, aber so häufig sind sie nicht.

Unsere Zukunftsbilder sind aktuell massiv durch die technologische Entwicklung geprägt, an deren Spitze die künstliche Intelligenz den Menschen selbst infrage stellt. Ist es diese narzisstische Kränkung, die uns so dermaßen aus dem Gleichgewicht bringt? Die Technik spielt bei der Wahrnehmung der Zukunft eine so große Rolle, weil sie Verheißungen bringt. Natürlich liegt in der Überlegenheit von künstlicher Intelligenz eine narzisstische Kränkung, aber eine noch wesentlichere Rolle spielen Ängste. Wir wissen einfach nicht, was uns erwartet. Es sind nur Vermutungen. Mit diesem enormen Möglichkeitsraum können wir nicht umgehen. Wenn man von einer exponentiellen Entwicklung ausgeht, wird technisch fast alles möglich. Wenn man aber fragt, welche Bilder die Menschen von der Zukunft haben, sind es immer die paar gleichen. Wir machen zwar einen Raum auf, schauen aber mit einem Tunnelblick hinein. Das liegt an der Ungewissheit.

Wir wirkt es sich aus, wenn einer Gesellschaft die Zukunft vorwiegend Angst macht? Während man früher positiv in die Zukunft geblickt hat und davon ausgegangen ist, dass die Technik viele Probleme lösen wird, herrscht heute ein anderes Narrativ. Die Technologie bringt nicht mehr Freude und ein leichteres Leben. Jetzt ist sie ein Unsicherheitsraum, in den wir Probleme projizieren. Darin liegt die Gefahr einer selbsterfüllende Prophezeiung. Wir befinden uns als Gesellschaft zum Glück aber auch in Rekursionen. Wir sind lernfähig. Und in dem Moment, wo wir mit realen Problemen konfrontiert sind, können wir adaptieren. Im Moment stehen wir erst vor der Herausforderung, dass wir nicht begreifen können, welches Problem ein reales ist und welches ein fiktives.

„ Es gibt keinen Grund, warum wir vor irgendetwas Angst haben müssten.“

Haben Sie ein Beispiel dafür? Denken Sie an die Digitalisierung. Die Wirtschaft weiß nicht, wie sie mit ihr umgehen soll, weil es real noch kaum ein Problem gibt. Die Banken verdienen momentan noch ihr Geld in den Filialen, obwohl jeder in der Bank sagt, dass sie nicht die Zukunft sind. Es entstehen also Paradoxien. Das führt zu Konfusionen. In dieser Phase braucht es Achtsamkeit und ein neues Bewusstsein.

Abgesehen von berechtigten Ängsten, erleichtert uns die Technik definitiv das Leben. Zudem sehen wir Trends wie Nachhaltigkeit oder die Sharing Economy. Überwiegen aus Ihrer Sicht die Trends, die uns gefährlich werden könnten, oder doch jene, die uns weiterbringen? Man muss eines klar sehen: Egal ob wir uns die Entwicklung in den Bereichen Gesundheit, Lebensqualität oder Ökonomie ansehen – wir machen überall positive Entwicklungen. Es gibt keinen Grund, warum wir vor irgendetwas Angst haben müssten. Alles müsste uns optimistisch stimmen. Das tut es aber nicht, und das ist interessant! Die Menschen haben nämlich Angst davor, dass es ihnen schon bald schlechter gehen könnte. Sie fragen sich, was die Maschinen und der Fremde mit ihnen tun werden. Die Rhetorik in der Öffentlichkeit befeuert diese Negativität zusätzlich und verleugnet den Zustand, in dem wir wirklich sind.

Wer erschafft die Trends und Zukunftsvision? Trends entstehen durch die Bewegung von Massen. Visionen entstehen aber durch Menschen! Das ist ein großer Unterschied.

Können Visionen von einzelnen Menschen Trends auslösen? In einer Frühphase, ja. Elon Musk kann zwar keinen Megatrend auslösen, der morgen alles verändert. Aber er kann etwas anstoßen. Er hat zum Beispiel eine klare Vision: Er will auf den Mars. Und zwar mit 1000 Raumschiffen im Jahr 2033. Alles, was er jetzt tut, ordnet er dieser Vision unter. Das bewegt Menschen. Und darauf kommt es an. Denn Visionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie gefährlich sind. Das ist auch der Grund, warum Politiker nur selten Visionen schaffen. Sie können nichts postulieren, das den Status quo gefährdet, weil sie vom Status quo leben. Visionen müssen aber den Geschmack einer Utopie beinhalten. Die Frage, ob das wirklich möglich ist. Sie müssen gefährlich sein und vor allem erstrebenswert.

Unser gesamtes System ist heute umsatz- respektive wachstumsgetrieben. Steht das guten Zukunftsvisionen entgegen? Eigentlich nicht, und zwar aus folgendem Grund: Unternehmen sind verpflichtet, ein Plus abzuliefern. Dieses Plus machen zu müssen zwingt sie dazu, in die Zukunft zu schauen. Sie müssen herausfinden, was in Zukunft gebraucht wird. Wenn sie das nicht richtig vorhersagen, wird es ein Minus.

Der Wachstumsdruck ist also ein Trigger für Innovation? Ja, er ist sogar die beste Voraussetzung, um Visionen zu entwickeln. In kaum einem etablierten System ist es so eingebettet wie in der Wirtschaft, sich Zukunftsgedanken zu machen. In der Vergangenheit mussten wir uns nur nicht sehr anstrengen, weil die Zukunft ganz gut vorhersagbar war. Erst, wenn die Ungewissheit groß ist, müssen sie in die visionäre Arbeit gehen. Dann muss man die Zukunft selber gestalten.

Wo sehen Sie aktuell abseits von Wirtschaftsinteressen große, idealistische Visionen? Denken Sie etwa an das bedingungslose Grundeinkommen. Das ist eine große Vision. Sie resultiert daraus, dass uns klar wird, dass uns die Technik sehr viel abnehmen können wird.

Mit dem Grundeinkommen wird auch immer die Vorstellung verbunden, dass dann jeder freiwillig zum Gemeinwohl beiträgt und sich kreativ entfaltet. Müsste man die Menschen nicht besser kennen? Ich denke, dass diese Vision durch permanenten Dialog durchaus umsetzbar wäre.

Sie halten alle Menschen für dialogfähig? Durchaus. Nehmen wir den IS her. Der rekrutiert Menschen, die nicht in der Lage sind, ihr Leben zu gestalten. Ich habe mit den Mitarbeitern einer Entwicklungsorganisation in Malaysia geredet, die mir erzählt haben, dass es in vielen Dörfern arbeitslose junge Menschen gibt, denen der IS einen Job anbietet. Wenn Google ihnen einen anbieten würde, würden sie zu Google gehen. Nur Google kommt nicht vorbei. Da auf beiden Seiten Hass geschürt wird, kann jetzt auch kein Dialog entstehen. Niemand würde sich mit einem IS-Führer an den Tisch setzen. Wir sind also auch nicht dialogfähig. Wir müssen uns überlegen, ob wir wirklich moralisch in der Lage sind, alle anderen als schlecht zu bewerten.

Wenn wir akzeptieren, dass es sehr unterschiedliche Lebensweisen und Vorstellungen gibt, und damit aufhören, westliche Lebensweisen missionarisch zu verbreiten: Steuern wir dann auf eine Zukunft hin, in der es Regionen gibt, die hochliberal und technisiert sind, und solche, wo Religion eine zentrale Rolle spielt? Dass es eine Zukunft der unterschiedlichen Geschwindigkeit ist, würde ich sofort unterschreiben. Es wird nicht gelingen, bald zehn Milliarden Menschen auf die gleiche Geschwindigkeit zu bringen. Es ist die Vielfalt, die unsere Welt ausmacht. Mit ihr umzugehen ist die große Herausforderung. Es gibt ja mittlerweile kaum noch eine Herausforderung, die nicht global ist. Es ist ein Irrglaube, dass wir auf globale Probleme lokal mit Abgrenzung und Ausschließung reagieren können.

Denken Sie, dass sich alle Unternehmen in der Zukunft einen Platz schaffen können? Grundsätzlich hat jedes Unternehmen Zukunft. Die Frage ist nur, ob man sie rechtzeitig herausfindet. Man muss akzeptieren, dass Unternehmen Einheiten sind, die Lebenszyklen durchlaufen. Es gibt welche, deren Zeit vorbei ist, und auch Unternehmer, deren Zeit abgelaufen ist.

Wie kann sich ein Unternehmen der ungewissen Zukunft angstfrei und konstruktiv nähern? Man muss die Komplexität erhöhen, da auch die Welt komplex ist. Wir kommen aber aus einer Zeit, in der wir die Komplexität reduzieren wollten. Das liegt daran, dass wir Komplexität und Kompliziertheit verwechseln. Die können wir uns nicht mehr leisten. Auf die Komplexität müssen wir uns einlassen. Unternehmen müssen zu jeder Zeit Situationsanalysen machen können und wieder neuen Schwung reinbringen.

„Visionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie gefährlich sind.“

Ist in den Unternehmen selbst das Wissen darüber vorhanden, was auf sie zukommt und an welchen Stellen sie sich mit ihren Stärken einbringen können? In Unternehmen arbeiten immer Leute, die Erfahrungen haben, die auch selbst in der digitalen Welt zu Hause sind. Die Intelligenz ist also vorhanden. Nur wird sie noch kaum genutzt. Man glaubt immer, dass man jemanden holen muss, der es einem erklärt. Das Wissen ist da, wird aber nicht abgerufen. Man muss lernen hinzuschauen und es zu nutzen. Dann kann man es ausrichten und daraus Kraft entwickeln. An Informationen herrscht kein Mangel. Es ist eher ein Mangel an Interpretationsqualität. Wenn man weiß, wer man ist und wo man steht, zeigt sich, was man daraus machen kann. Dann werden aus 200 Trends fünf, mit denen man arbeiten kann.

Welches Mindset braucht es dafür? Es braucht Raum für Ideen. Raum, in dem das komplexe, mutige, vertrauensvolle und würdevolle Denken erlaubt ist. Es braucht einen Raum, um mit den Vorständen darüber zu reden, wie man sich fühlt. Das ist noch fast unmöglich. Wir sind immer extrem in der Ratio. Wir müssen aber andere Zugänge entwickeln. Leben ist schließlich auch Emotion. Dafür sollte man Raum schaffen, und wenn es nur für eine Stunde ist. Dann entstehen Einsichten und Erkenntnisse. Die kann man dann auch wieder rationalisieren.

Unternehmer sollten also auf ihren Bauch hören? Das müssen sie sogar! Sie müssen einen Instinkt für die Zukunft entwickeln. Und den muss man trainieren. Es braucht Mut zu paradoxen Denkweisen. Nicht, um ihnen zu folgen, sondern um sie zu erforschen. Was wir jetzt brauchen, ist eine Führung, die imstande ist, vom Managen zum Beobachten umzuschalten.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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