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Ab in die Angreiferposition

12.09.2018

Düsteren Zukunftsszenarien erteilt T-Mobile-CCO Maria Zesch eine Absage. Die Digitalisierung ist aus ihrer Sicht vor allem eines: eine Riesenchance für unsere Wirtschaft. Was sich Österreich dabei von Israel abschauen kann und warum der Staat mehr investieren muss, erklärt sie im Interview.

T-Mobile hat soeben UPC gekauft und nun das Ziel ausgegeben, Österreichs Digitalisierung massiv vorantreiben zu wollen. Was bringt diese digitalisierte Zukunft den Unternehmen?
Wir sind davon überzeugt, dass unser Land ein besseres Internet als bisher verdient. Das betrifft besonders alle Unternehmen, die dringend eine leistungsfähige Netzanbindung benötigen. Die Digitalisierung verändert gerade die gesamte Wirtschaft. Dieser Tatsache wollen wir Rechnung tragen.

Wie wird das konkret aussehen?
Wir haben das Thema bei uns selbst in drei Bereiche gegliedert. Im ersten Bereich digitalisieren wir die Costumer-Journey. Im zweiten Bereich befassen wir uns mit neuen Geschäftsfeldern wie dem Internet der Dinge und Big Data. Der dritte Bereich betrifft die Digitalisierung als Mittel zur Kostenreduktion. Das Gleiche gilt aus meiner Sicht für alle Unternehmen: Man muss die Digitalisierung nutzen, um Geld zu sparen, aber auch um neues zu verdienen. Ich suche laufend das Gespräch mit unseren Businesskunden, um herauszufinden, wie wir ihnen dabei helfen können, ihr Geschäft zu verbessern, Kosten zu senken und neue Umsätze zu erwirtschaften.

Sie haben damit schon die diversen positiven Möglichkeiten der Digitalisierung angesprochen. In vielen Studien und Analysen zeichnet sich jedoch ab, dass aufgrund der Entwicklung in absehbarer Zeit bis zu 60 Prozent aller Jobs gefährdet sein werden. Ein Szenario, das Sie für realistisch halten?
Nein, ich sehe die Digitalisierung nicht als Gefahr, sondern als wunderbare Chance. Die Digitalisierung wird neue Jobs bringen. Klar ist aber, dass sich viele Jobbilder verändern werden. Die negativen Prognosen kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Denn die Digitalisierung ist schon voll im Gange, und wir verzeichnen aktuell Arbeitslosenraten, die so gering sind wie schon lange nicht mehr. Wir suchen selbst jede Menge Mitarbeiter, die Interesse an der Digitalisierung haben. Auch Kollegen aus anderen Industrien berichten mir, dass sie Mitarbeiter einstellen und nicht nur Personal wegkürzen wollen.

Fraglich ist halt, ob jene, deren Jobs jetzt automatisiert werden, entsprechend qualifiziert werden können.
Ich hoffe sehr, dass unser duales Ausbildungssystem, aber auch die diversen Coding-Initiativen zur Lösung dieser Herausforderungen beitragen werden. Klar ist, dass wir als Standort sicher noch stärker in Ausbildungen im Bereich IT investieren müssen.

T-Mobile will sich jetzt noch stärker als Partner der Politik ins Spiel bringen. Wie können Sie ihr auf die Sprünge helfen?
Wir sind bereits bewährter Partner der Politik in Österreich, und das wollen wir noch ausbauen. Konkret geht es darum, neue Ideen zu vermitteln, wie man die Digitalisierung in alte Geschäftsmodelle reinbringt. Die Politik muss zur erfolgreichen Umsetzung den Boden bereiten, und wir sind dafür ein wertvoller Gesprächspartner. Denn wir haben aufgrund unserer Konzernstruktur schon viele Beispiele vorzuweisen. Dieses Wissen, das wir weltweit sammeln, bringen wir nach Österreich. Dabei ist es uns wichtig, dass vor allem der Mittelstand partizipiert und sich der Digitalisierung verschreiben kann.

Ist dem typischen Mittelständler bereits bewusst, welche Möglichkeiten sich hier bieten?
Wir sehen laufend sehr gute Beispiele im Mittelstand. Es gibt in jedem Bundesland KMU, die toll aufgestellt sind und die Möglichkeiten schon voll ausnutzen. Das ist genau der Punkt, an dem sich heute die Spreu vom Weizen trennt. Genau hier geht es um Erfolg oder Misserfolg. Unser Ziel ist deswegen auch, möglichst viele Unternehmen dazu zu bringen, die Digitalisierung als Chefthema zu sehen.

Sehen Sie hier großen Aufholbedarf?
Durchaus, aber es wird besser. Jeden Tag gewinnt das Thema mehr an Bedeutung. Es muss einfach Chefsache sein, weil es Unternehmen zerstören kann. Neue Marktteilnehmer wie Uber können klassische Branchen komplett auf den Kopf stellen. Deswegen muss man sich diesen Themen aktiv stellen. Wir haben das auch selbst erlebt. Whatsapp hat zum Beispiel das Geschäft mit SMS zerstört. Es geht also nicht darum, dass es einem gefallen muss, aber man muss sich mit dieser Entwicklung proaktiv befassen. Wir wollen mit unseren Kunden gemeinsam dagegen arbeiten.

Die Handytarife werden immer günstiger und müssen immer mehr Datenvolumen beinhalten. Womit kann Ihr Unternehmen in Zukunft Geld verdienen?
Die Österreicher surfen jedes Jahr um 100 Prozent mehr. Das ist ein Kapazitätsthema, an dem wir hart arbeiten. Wir investieren pro Jahr 170 Millionen Euro in den Netzausbau, um das leisten zu können. Das ist auch der Grund, warum wir glauben, dass die UPC-Integration wirklich das Geld wert ist. Wir brauchen aber auch einen dementsprechend stabilen Umsatz, und das muss sich auf der Preisseite abbilden. Wir setzen zudem auf neue Kundenlösungen im Logistikbereich sowie bei Security über alle Branchen hinweg. Heute hat jeder alle Daten auf dem Handy, da besteht enormer Sicherheitsbedarf. Besonders spannend finde ich eine neue Technologie, die wir am Start haben: Narrowband IoT. Das ist genau für das Internet der Dinge optimiert – kostengünstig und langlebig.

Wie sehen die Anwendungen aus?
Es gibt zum Beispiel kleine Geräte mit SIM-Karten, die erkennen und melden, sobald eine Mülltonne voll wird oder ob Parkplätze frei oder belegt sind. Damit ergeben sich neue Geschäftsmodelle.

Wir beurteilen Sie denn insgesamt die heimische ITInfrastruktur?
Österreich hinkt im Vergleich zu anderen europäischen Staaten hinterher und ist Schlusslicht. Was die Geschwindigkeiten betrifft, ist Österreich nicht dort, wo es sein müsste. Deswegen investieren wir auch so intensiv.

Ich glaube fest daran, dass wir das Land in eine Angreiferposition bringen können.

Investiert der Staat nicht genug in die digitale Infrastruktur?
Die Breitbandmilliarde hat uns leider nicht geholfen. Da wird Lehrverrohrung subventioniert. Natürlich wünschen wir uns ein anderes Modell, das nicht nur den Monopolisten hilft. Hier muss mehr passieren, denn ohne gescheites Internet kann es keine Digitalisierung geben. Sie bildet die Basis.

Die Digitalisierung mit allen Folgeerscheinungen ist überwiegend technologisch getrieben. Bleibt da ausreichend Platz für den Menschen?
Anhand unserer eigenen Situation würde ich sagen: Ja! Die Herkulesaufgabe der Integration zweier Unternehmen kann man auch nur schaffen, wenn Menschen daran beteiligt sind, die an etwas glauben. Es braucht eine inspirierende Idee, aber auch die Leute, die sie umsetzen wollen. Ich bin also überzeugt, dass sogar Platz für Menschen und Emotionen da sein muss. Erst der Mensch macht es möglich.

Wenn der Mensch aber zusehends durch die Technik ersetzt wird, welche Rolle kann er dann in Zukunft spielen?
Die Menschen müssen nicht ersetzt werden, wenn wir die Entwicklung als Chance begreifen. Denken Sie an Israel, ein kleines Land in der Wüste. Sie haben eine enorme Innovationskraft aufgrund der Vision von Menschen, die aus dem Land eine wirtschaftliche Weltmacht machen wollen. Sie haben geschaut, was sie können, und darauf gesetzt. Ich glaube, dass wir so eine Vision auch für Österreich brauchen. Stehen wir für Berge, „Sissi“ und „Sound of Music“, oder gibt es ein Österreich, das für Exzellenz steht, für Digitalisierung, für das Internet der Dinge? Ich glaube fest daran, dass wir das Land in eine Angreiferposition bringen können, und dann wird es mehr Arbeitsplätze geben als Menschen, die hier arbeiten können. Dafür braucht es Innovationskraft und ein klares Ziel, wofür wir stehen wollen. Das ist unsere Chance.

Sie erteilen negativen Prognosen also eine Absage?
Ja, das tue ich. Wenn wir uns eine positive Zukunft wünschen, dürfen wir nicht resignieren, sondern müssen die Herausforderungen aktiv angehen. Wir sind in einer guten Position und müssen etwas daraus machen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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