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Ab ans Schwarze Meer

28.04.2006

Russische Provinz-Gouverneure suchen traditionell auf eigene Faust Wirtschaftskontakte im Westen. Eine eigenständige Positionierung ist angesichts der ebenso traditionellen Dominanz der Regionen um Moskau und St. Petersburg bei ausländischen Direktinvestitionen nicht einfach. Ein Versuch in Österreich: die Präsentation der südrussischen Region Krasnodar/Kuban in Wien. Von Maike Seidenberger
m. seidenberger@wirtschaftsverlag.at

Foto beigestellt

Manches ändert sich nie: Wenn Politiker auf ausgedehnte Auslandsreisen gehen, haben sie einen stattlichen Tross mit. So auch Alexandr Nikolajevitsch Tkatschev, seines Zeichens Gouverneur der russischen Region Krasnodar (auch Kuban genannt): 200 Firmenvertreter und Administratoren hatte er bei einer Präsentation des von Landwirtschaft und Fremdenverkehr geprägten Gebiets an der Ostküste des Schwarzen und Assowschen Meeres dabei. Ziel der Tour: österreichischen Investoren den südrussischen Markt schmackhaft zu machen.

Russland ist groß und der Zar weit
Die Daten, die Tkatschev mitbringt, klingen eindrucksvoll: Das Bruttoregionalprodukt steigt jährlich um 7 Prozent. Das liegt zum einen am Boom des Tourismus (2001 3,5, 2005 10 Millionen Gäste). Zwar bevölkern in der Sommersaison noch fast ausschließlich Russen die 1.200 Kilometer langen Strände am Schwarzen Meer rund um den Traditionskurort Sotschi, aber das soll sich mit westlichen Investitionen ändern. Zum anderen hat die Region die Rolle der Ukraine als Kornkammer Russlands übernommen: 10 Millionen Tonnen Getreide produziert Krasnodar pro Jahr, wovon drei Millionen exportiert werden. Noch ist der Großteil der Wirtschaft unter staatlicher Kontrolle, vor allem die Großunternehmen, aber, so Tkatschev, bereits gut 30 Prozent der KMU sind private Gründungen; vor allem Kleingewerbe und Dienstleistungen florieren.
An der vergleichsweise günstigen Wirtschaftsentwicklung haben ausländische Unternehmen ihren Anteil: Nach Moskau und St. Petersburg zieht Kuban schon jetzt die meisten Investoren an. Vor allem der Energiesektor (Pipelinebau und eigene Erdöl- und -gasvorkommen) lässt Dollars ins Land fließen - 200 Milliarden in den letzten fünf Jahren, so der Gouverneur. "Von unseren fünf Millionen Einwohnern haben mehr als drei Millionen ein Mobiltelephon", ist er stolz auf die Infrastruktur. Auch die acht Häfen am Schwarzen Meer seien gut ausgebaut und für die Exportwirtschaft offen.
Was für österreichische Exporteure (sie liefern vor allem Landwirtschaftsmaschinen und Medizintechnik, 2005 um 50 Millionen Euro) noch wichtiger ist: Die AUA fliegt Krasnodar vier Mal pro Woche direkt an. Heimische Unternehmen sollen ihr Know-how im Bereich Tourismus etwa bei der Errichtung neuer Hotelanlagen und Lifte (die Schibewerbe der Olympischen Winterspiele 2014 finden in der Region statt) sowie im Bereich Weinbau und Lebensmittelverarbeitung einbringen, wünscht sich Tkatschev.
Das Investitionsklima malt der Gouverneur in hellen Farben: "Wir haben niedrige Steuern für Unternehmen - alles zusammen etwa 30 Prozent, die Einkommensteuer liegt bei 13 Prozent - , billige Arbeitskräfte - der Durchschnittslohn liegt bei rund 300 US-Dollar - und politische Stabilität." Ein One-Stop-Shop für Investoren soll erste Ansiedlungshilfe leisten, Immobilienerwerb durch ausländische Unternehmen sei zu 100 Prozent möglich, und: "Wir versuchen die Genehmigungsprozesse bei Neugründungen zu beschleunigen - viele Beamte leisten hier Hilfestellung. Es gibt immer wieder Korruption und Bürokratie, die dabei hinderlich sind, aber ich setze mich persönlich dafür ein, dass das möglichst gering gehalten wird. Und ich glaube, das gelingt uns auch im Vergleich mit anderen russischen Regionen ganz gut."

Vogelgrippe und unliebsame Bürgermeister
Probleme gibt es auch; die lässt Tkatschev lieber unerwähnt. Derzeit grassiert gerade die Vogelgrippe, auch in Nutztierbeständen. Nach Meldungen der russischen Nachrichtenagentur "Novosti" sind einige hunderttausend Tiere verendet, auf den Geflügelfarmen wird geimpft. Politisch ist Gouverneur Tkatschev nicht unumstritten - einer aus der jungen Putin-Garde (geboren 1960), greift er gegen widerborstige Bürgermeister gern mit eiserner Hand durch: Jüngstes Opfer war Nikolai Pris, Bürgermeister der Regionshauptstadt Krasnodar, berichtet die Internetzeitung "Russland-Aktuell". Anlass für den Kleinkrieg: die unpopuläre, aber lukrative Privatisierung kommunaler Dienstleistungen, die Tkatschev betrieb und gegen die sich Pris gesträubt hatte. Die stark über die Medien geführte Auseinandersetzung geriet im Prozess gegen den seines Amtes enthobenen Bürgermeister auch ins Licht einer überregionalen Öffentlichkeit, was nicht eben dazu beitrug, Tkatschevs politische Stellung zu festigen. Der Gouverneur, der seine berufliche Karriere als Wärmetechniker in einem Mischfutterwerk und seine politische im sowjetischen Jugendverband Komsomol begann, war Abgeordneter zur Staatsduma, bevor er 2000 zu Gouverneur seiner Heimatregion gewählt wurde.
(5/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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