2017 bringt mehr Insolvenzen | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt
Die Insolvenzweltkarte zeigt die Entwicklung der Pleiten in den globalen Märkten

2017 bringt mehr Insolvenzen

18.01.2017

Eine aktuelle Studie der Kreditversicherer Euler Hermes und Prisma prognostiziert, dass die Zahl der weltweiten Insolvenzen 2017 um 1% ansteigen dürfte. Haupttreiber dieses Anstiegs: negative Prognosen für Lateinamerika, Afrika, Asien-Pazifik sowie Nordamerika.  

 

 

Marina Machan von Prisma rechnet mit zwei bis drei Zinserhöhungen der Federal Reserve 2017.

Gute Nachrichten sehen anders aus. „Das ist der erste Anstieg von weltweiten Insolvenzen seit sieben Jahren“, fasst Marina Machan, Expertin der Prisma die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Kreditversicherung zusammen. „Das hat sich in den letzten Jahren bereits abgezeichnet: Der rückläufige Trend hat sich zunehmend abgeschwächt und dreht sich nun. Der Anstieg ist mit einem Prozent zwar relativ moderat. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Beunruhigend sind die vermutlich deutlich steigenden Schäden durch die bevorstehenden Pleiten von Unternehmen, die bereits straucheln. In den ersten drei Quartalen 2016 haben wir 45% mehr Großinsolvenzen verzeichnet als im Vorjahreszeitraum. Dies führt zu einem negativen Schneeballeffekt, der sich auch 2017 fortsetzen wird.“ Die Weltwirtschaft wächst zwar um rund 2,8%, aber das Wachstum ist nicht stark genug, um einen Anstieg von Insolvenzen zu verhindern. Auch langfristig wird das Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts unter der 3%-Marke bleiben.

Österreich: Deutliche Zunahme der Insolvenzfälle in Salzburg, Oberösterreich und Kärnten

„Diese Trendwende bei den Firmeninsolvenzen ist auch in Österreich festzustellen“, so Machan weiter. „Es gibt wieder einen leichten Anstieg um 1,5 % im Jahr 2016. Besonders in der Steiermark und Kärnten sind wirtschaftlich bedeutende Traditionsunternehmen unter die Räder geraten:  die Steirerfrucht-Gruppe, Vogel & Noot Landmaschinen, die Spinnerei Borckenstein, Reifen Ruhdorfer und Kresta Anlagenbau, um nur einige zu nennen“, so Machan. Insgesamt entwickelte sich die Anzahl der Insolvenzen in der Steiermark dennoch rückläufig mit -7,7 %. Zugelegt haben vor allem Wien (+7,7%), Oberösterreich (+2,2%) und Salzburg (+18,4%). Zu den besonders gefährdeten Branchen zählt Prisma die Bauwirtschaft und die Maschinen- und Metallindustrie. Rückläufige Auftragseingänge und Verzögerungen beim Abschluss von neuen Projekten machen einigen Anlagenbauern, aber auch den Mittelbetrieben in der Bauwirtschaft zu schaffen. „Insbesondere, wenn sie den Schritt in die Digitalisierung noch nicht begonnen haben“, betont Marina Machan.

Schwache Finanzierungskraft trotz niedriger Zinsen

Trotz der niedrigen Zinsentwicklung schaffen bonitätsmäßig angeschlagene Unternehmen auch in Österreich derzeit nicht die Finanzierung für notwendige Investitionen oder Forschungs- und Entwicklungsausgaben für neue Produkte. Damit zählen sie zu den Unternehmen mit Insolvenzpotential. „Sollten die Zinsen wieder steigen, wird man mit höheren Insolvenzzahlen rechnen müssen, da es für diejenigen, die schon eine schlechtere Bonität und knappe Liquidität haben, nicht immer möglich sein wird, die Produktion für das gestiegene Auftragsvolumen vorzufinanzieren oder auslaufende Finanzierungen zu refinanzieren“, erläutert Machan. Die wichtigsten Handelspartner Österreichs haben eine rückläufige Insolvenzentwicklung in 2016: D mit – 2 %, Italien – 5 %, Frankreich – 5%. Nur die USA brechen hier aus: 8% mehr Pleiten in 2016 und weitere +5 % prognostiziert für 2017. Aber auch in DE wird für 2017 bereits mit einer Zunahme der Pleiten um 1 % gerechnet, während die Insolvenzzahlen in Italien und Frankreich weiter sinkend angenommen werden. In den Schwellenländern, in denen deutsche Exporteure ebenfalls Wachstumschancen wahrnehmen, zeichnen sich auch deutlich steigende Ausfälle ab: Noch vor China (+10%) liegen 2017 Brasilien und Singapur mit je +15% sowie Chile mit +12%, die alle stark vom chinesischen Markt abhängig sind.

Dynamische Gründerszene: Junge Firmen mit höheren Risiken

Seit fast 20 Jahren hat Österreich eine sehr dynamische Gründerszene: es werden ca. 30.000 Unternehmen jährlich neu gegründet. Neben steigenden Exportrisiken und höheren Schäden durch Großinsolvenzen spielt bei der Insolvenzentwicklung auch eine dynamische ‚Unternehmens-Demografie“ eine große Rolle. Marina Machan: „Die Zahl der Firmen und Neugründungen ist schneller gestiegen, als die Gewinnmargen. Das führt in einigen Bereichen automatisch zu steigenden Insolvenzzahlen, da junge Firmen in der Regel eine wesentlich höhere Ausfallrate haben, als etablierte Unternehmen.“

Gründe für Insolvenzen und steigende Schäden variieren lokal und global

Die Gründe für die Trendwende bei Insolvenzen sind die schwache Weltwirtschaft, das sinkende Wachstum des Welthandels, starker Preiswettbewerb und volatile Währungen. Umsätze und Margen geraten dadurch zunehmend unter Druck. In einigen Branchen, vor allem im Handel und Einzelhandel, fehlt es deshalb an der notwendigen Finanzkraft für Investitionen, beispielsweise in die Digitalisierung. In anderen Branchen kämpfen Unternehmen mit Überkapazitäten und entsprechendem Preisverfall (z.B. Rohstoffe, Stahl).

Ausblick: Finanzierung wird teurer, die Zinswende steht unmittelbar bevor 

Durch Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank wird mit einer Verschlechterung der weltweiten Finanzierungsbedingungen gerechnet. „Wir rechnen mit zwei bis drei Zinserhöhungen der Federal Reserve (Fed), sowohl 2017 als auch 2018“, sagt dazu Marina Machan. „2019 dürfte das Zinsniveau dann bei etwa 3% liegen. Das verteuert Finanzierungen in den USA.  In anderen Ländern geraten viele eher anfällige Regionen und Unternehmen in Gefahr, vor allem in den Schwellenländern. Südamerika und dort insbesondere brasilianische Firmen sind beispielsweise gefährdet. Aber auch die Türkei und einige asiatische Länder wären davon erheblich betroffen.“ Weltweit dürfte die Rückkehr zu moderater Inflation Unternehmen auf der Umsatzseite nur sehr eingeschränkt entlasten. Gleichzeitig stehen sie vielerorts steigenden Beschaffungskosten und Lohnkosten gegenüber sowie den schwierigeren Finanzierungsbedingungen.

USA: Insolvenzanstieg trotz angekündigter Finanzspritzen und Protektionismus

„In den USA erwarten wir trotz der angekündigten Finanzspritzen für die nationale Wirtschaft einen leichten Anstieg der Insolvenzen“, so Marina Machan. „Nicht alle Branchen werden von den angekündigten Maßnahmen profitieren. Die Aufwertung des US-Dollars trifft vor allem die amerikanischen Exporteure. Dabei macht die strengere Geldpolitik allen Branchen zu schaffen, nicht nur denjenigen mit besonders hohem Verschuldungsgrad, wie zum Beispiel dem Maschinenbau. Bei den angekündigten protektionistischen Maßnahmen gehört der Metallsektor vermutlich zu den Gewinnern, die Textilbranche hingegen zu den Verlierern mit hohen Importzöllen von bis zu 32%.“ Handelsbarrieren sind jedoch in Zeiten der Globalisierung nicht nur in den USA ein Problem. „Zunehmende protektionistische Maßnahmen und Handelsbarrieren machen Exporte vielerorts noch komplexer und teurer“, so die österreichische Prisma-Expertin. „Dies könnte die Weltwirtschaft 2017 wesentlich beeinflussen.“

Zur vollständigen Studie

 

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