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18 Millionen Schmuckstücke im Jahr

02.02.2006

Die Geschichte des Swarovski-Kristallkonzerns kundet von einem zielsicheren Riecher für richtige Entscheidungen und der Fähigkeit, Nöte in Tugenden zu verwandeln. Den Großteil seines Milliarden-Umsatzes verdient das Familienunternehmen mit Schmucksteinen - für Glitzerwelten gibt es also auf der Welt Bedarf. Franz Weis, Enkel des Technikers, der die Original-Kristallschleifmaschine entwickelte, über Logistik, Transport und Produktionsprozesse in der Kristallglas-Manufaktur. Von Eva Stanzl
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Fotos Eva Stanzl, beigestellt

Für Hans Frischmann ist Franz Weis "der Franz": "Sein Vater ist mit meinem in die Schule gegangen." Der Mittvierziger betreibt ein Taxiunternehmen in Wattens und fährt für Franz Weis. Der Familie Weis gehören zehn Prozent des Kristallproduzenten Swarovski, "aber der Franz", sagt Frischmann, "der ist so richtig normal geblieben." Franz Weis ist der Enkel des gleichnamigen Swarovski-Mitbegründers. Zur Gründungsgeschichte erzählt er: "Mein Großvater war Techniker und als solcher im Stande, die Erfindung seines Schwagers, des Glasschleifers Daniel Swarovski, in die Tat umzusetzen." Swarovski und Weis entwickelten Ende des 19. Jahrhunderts eine automatische Präzisionsschleifmaschine, die Schmucksteine in großen Mengen herstellen konnte. "Der Original-Schleifapparat ist meinem Besitz", sagt der Enkel. Zu Weis gehören auch ein stattlicher Hut, ein Spazierstock mit Gabelantilopen-Geweih als Griff, Krokodillederstiefel, ein bäriger Tiroler Dialekt gepaart mit kosmopolitischer Weitsicht, scharfe, spitzfindige Augen sowie das Wechselspiel von Gelassenheit und Sorge, das finanzielles Vermögen Menschen bringen kann. Im Ort Wattens wird Franz Weis überall gegrüßt, und grüßt zurück. Und wenn er sein italienisches Lieblingslokal betritt, sitzen dort schon sein Vater, sein Versicherungsmakler und einige Bekannte. Die Pasta wird auf seinen Wunsch gekocht - Kristallerben sind Ortskaiser.
Kein Wunder: Vor der Gründung der Glashütte war Wattens ein Dorf von 600 Seelen. Swarovski und Weis waren auf der Suche nach einem Standort, wo sie kostengünstiger produzieren konnten als in Böhmen, da ihr Schleifapparat einiges an Energie verschlang. 1895 entdeckten sie 17 Kilometer östlich von Innsbruck zwischen den Kalkalpen und den Zentralalpen in Wattens eine aufgelassene Lodenfabrik. Unmittelbar am Fabriksgelände floss der Wattenbach vorbei, der Wasserkraft und jede Menge Kühlwasser für die Schleifmaschinen lieferte. Außerdem waren die beiden Schwager und ihre Erfindung nun weit weg von der böhmischen Konkurrenz und damit sicher vor Nachahmern.

Null-Zinsen-Kredite
Und heute? 5500 Mitarbeiter beschäftigt die Firma Swarovski allein in Wattens in der Glashütte, der Glasschleiferei, Synthesenherstellung, Distribution, Verwaltung, Lager und in den "Kristallwelten". Es gibt vier Wasserkraftwerke, die Autobahn ist in nächster Nähe. Die Wattener leben gut mit den Entwicklungen, was wohl auch an den Früchten einer paternalistischen Form der Mitarbeiter-Bindung liegt. "Mein Großvater war der Ansicht, dass die Leute eine Möglichkeit brauchen, sich in ihrer Freizeit zu beschäftigen, anstatt ins Gasthaus zu gehen" erklärt Weis: "Sie bekamen Grundstücke zur Verfügung gestellt und Null-Zinsen-Kredite, damit sie sich auf den Grundstücken Häuser bauen konnten. Die Monatsraten, die sie bis ans Lebensende zurückzahlen konnten, wurden vom Lohn abgezogen." Einige 100 Wattener wohnen heute noch auf Grundstücken und in Häusern, die ihre Ahnen sich auf diese Weise erarbeiten, manche von ihnen arbeiten ebenfalls bei Swarovski. Weis: "Wir sind das sozialste Unternehmen der Welt. Heute haben wir zwar keinen Platz mehr für Baugründe, aber es gibt eine freiwillige Sonderprämie für die Mitarbeiter."

Ofen-Innenseite aus Platin
Ein Blick in die Unternehmensgeschichte verrät einen zielsicheren Riecher für die richtigen Entscheidungen und die Fähigkeit, Nöte in Tugenden zu verwandeln. Kaum war die Fabrik in Wattens funktionstüchtig und das Kristallrezept ausgeklügelt, bekamen die Unternehmensgründer die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs zu spüren. Rohmaterialien und Ersatzteile wurden knapp und sie sahen sich gezwungen, ihre eigenen Schleifmittel zu entwickeln: Tyrolit war somit geboren. Nach dem Krieg waren Kristall-Schmucksteine Pflichtaccessoire der Mode der 1920er Jahre. Und ab 1935, rechtzeitig vor dem Zweiten Weltkrieg, schliff Daniel Swarovskis Sohn Wilhelm die ersten Ferngläser und legte damit den Grundstein für die Militäroptik-Sparte. Bis Anfang der Siebzigerjahre war das Unternehmen in erster Linie Zulieferer für die Schmuck- und Lusterindustrie - bis sich nach der Ölkrise 1974 niemand mehr für Kristallluster interessierte. Der Weg aus der Krise war eine Maus: "Einer unserer Werkmeister (Max Schreck, Anm.) fragte sich: Was machen wir mit den vielen Lusterteilen? Er klebte sie zusammen - heraus kam eine Maus", erzählt Weis. Die Maus wurde zunächst als Schlüsselanhänger zum Giveaway bei der Münchener Olympiade 1976. Eine ganze Swarovski-Tierwelt folgte und schließlich eine eigene Schmucksparte mit heute 50.000 Produkten. Über die Qualität der Kristalle verrät Weis nur die Basics: "Die Rohmaterialien kommen über einen Trichter in eine Mischanlage und danach in einen Ofen, dessen Innenseite aus Platin ist, weil Platin keine Mischreaktionen mit irgend etwas eingeht. Danach wird die Masse gerührt. Wie bei einem Kuchen kommt es auch hier auf den Rührprozess an, der ist gefinkelt: Du musst wissen, wie du rührst. Bei uns gibt's keine Blasen und keine Schlieren, und das ist die Qualität, und die ist mehr oder weniger unübertroffen."
Mit einhundert Millionen Schmucksteinen fährt Swarovski jährlich mehr als die Hälfte seines Kristallumsatzes ein. Allerdings war das nicht immer so. In seinem Besteben, den Familienbetrieb von Großhändlern unabhängig zu machen, und ein eigene Linie aufzubauen, kaufte der damalige Konzernchef Gernot Langes-Swarovski 1986 die US-Schmuckhandelskette Zale. Die Hoffnung war gewesen, den US-Markt zu knacken. Der Plan misslang: Zale ging in Konkurs, das Abenteuer soll die Tiroler über 50 Millionen Dollar gekostet haben.

Aus Kristall wird Asphalt
Heute gehen die geschliffenen Steine von Wattens nach Thailand, Hong Kong oder Rhode Island, um zu Mäusen, Lustern, Armbändern, Uhren oder Colliers zusammengefügt zu werden. Die fertigen Produkte werden dann wieder zurück nach Europa gebracht - und zwar ins Logistik-Zentrum im Liechtensteiner Dörfchen Triesen. 14 Millionen Einheiten mit Tiroler Kristallware jährlich werden dort mit einem Bar-Code versehen und erfasst, um an weltweit 8000 Händler verschickt zu werden. 40 Vertriebsgesellschaften und 480 eigene Shops kurbeln den Absatz an. In Lichtenstein sei die Arbeitskraft zwar "um ein Hauseck teurer als in Österreich", aber "wir zahlen dort 14 statt 50 Prozent Steuern", sagt Logistiker Weis, der das Liechtensteiner Verteilungszentrum aufgebaut hat. Sparen am richtigen Ort als Erfolgsfaktor: Deswegen würde auch schadhafte Ware "sofort ersetzt statt repariert" und die Asche des Glasmülls wieder verwendet: "Das geht direkt in eine Verbrennungsanlage am Rhein und dann in die Herstellung von Asphalt." Auch der weltweite Transport fiele nicht übermäßig ins Gewicht: Man könne sich die Konditionen praktisch aussuchen. "Speditionen, die mit uns zusammenarbeiten, müssen in die ganze Welt liefern, die machen also viel Geschäft mit uns", weiß Weis genau, denn: "Durch meine Hände laufen 18 Millionen Schmuckstücke im Jahr.
"Das wichtige ist, nie zu schlafen", beton Weis. Geplant sei demnächst eine "Kristallwelt" in China, "in Südamerika müssen wir mehr bewegen, und auch das Lohnniveau in China und anderen Ländern Asiens ist eine Herausforderung, die man nutzen muss." Den europäischen Markt hält er für "weitgehend gesättigt, allerdings, ein bisschen was geht schon, zum Beispiel in Italien. Das sieht man an der Besucherstruktur der "Kristallwelten"." Doch während fröhlich die Kassen klingeln, reißen die Gräben zwischen den 58 Gesellschaftern immer weiter auf. Denn Firmengründer Daniel Swarovski, der 1956 starb, verfügte strenge Regeln für die Erben. Die Nachfolger seiner drei Söhne Fritz, Fred und Wilhelm dürfen ihre Anteile nur innerhalb der Familie verkaufen und Führungspositionen dürfen nur Familienmitglieder inne haben. Daniel Swarovski und Franz Weis unterzogen sogar sich selbst einer "Heiratspolitik": Swarovski heiratete einst die Schwester seines Kompagnons Franz Weis, der wiederum Swarovskis Schwester ehelichte. Bei der Gründung standen die Anteile im Verhältnis von 51:49 Prozent mit Mehrheitsbeteiligung Swarovskis.

Stiftung oder GmbH als Lösung
Die Nachkommen haben sich inzwischen auf über 150 Familienmitglieder vermehrt, wovon 28 in der Firma arbeiten und 58 als Gesellschafter fungieren. Die Familie füllt die Gazetten: Nicht nur ist Fiona mit ihrem Karl-Heinz Grasser in "Bunte" und "Gala" präsent, auch das Wirtschaftsmagazin "trend" widmete dem Clan eine groß angelegte Coverstory. Das Erbe geht nach dem Tod der Eltern automatisch an die Kinder oder kann zu Lebzeiten freiwillig an sie weitergegeben werden. Bleibt ein Gesellschafter kinderlos, fällt sein Erbe gleichermaßen an die drei Stämme Fritz, Fred und Wilhelm, wobei immer der Älteste einen Stamm anführt. Mit Ausnahme des 62-jährigen Vorstandsvorsitzenden Helmut Swarovski, der den Fritz-Flügel anführt, hat mittlerweile die fünfte Generation das Sagen: Mathias Margreiter (32), Daniel Cohen (38), Robert Buchbauer (38) und Paul Gerin Swarovski (34). Der 30-jährige Vorstandssprecher, Markus Langes-Swarovski, ist einer von acht Geschäftsführern und zuständig für Branding und Kommunikation. Er ist am Unternehmen mit nur 0,1 Prozent beteiligt, fungiert aber als operativer Chef der Kristallsparte des 15.000-Mann-Konzerns, weil er als Sohn des Hauptaktionärs künftig den mächtigen Fred-Verband führen wird. Unterstützt wird er von seinem Vater Gernot Langes-Swarovski, der allein 21,33 Prozent des Aktienkapitals der Firma hält und zusammen mit seiner Schwester Marina Giori über 33 Prozent des Aktienkapitals kontrolliert. Jüngst entzündete sich ein Machtkampf am Plan von Gernot Langes, den Schleifmittelhersteller Tyrolit abzustoßen. Langes hatte bereits zusätzliche Anteile an Tyrolit erworben und wollte die Sparte an Bosch um kolportierte 300 Millionen Euro versilbern. Daraufhin legten andere Familienmitglieder des Stammes Fritz rund um den Tyrolit-Finanzchef Christoph Gerin Swarovski ein eigenes Kaufangebot. Bei der Gesellschafterversammlung divergierten die Meinungen zu den Kaufangeboten, schließlich stimmte der Stamm Fritz gegen einen Verkauf an Dritte. Das Fazit: Da es bei solchen Entscheidungen Einstimmigkeit braucht, bleibt alles beim Alten und die Gesamtfamilie behält 100 Prozent. Weil aber der Verband Fritz den Tyrolit-Deal blockiert hatte, wurde Helmut Swarovski als Beiratsvorsitzender abgesetzt und Christoph Gerin Swarovski legte seinen Job bei Tyrolit nieder.
Gegenseitige Blockaden wie diese könnten durch eine Entflechtung gelöst werden. Am klarsten formulierte das Optik-Chef Gerhard Swarovski gegenüber dem ORF: "Wir sind eine Vielzahl von Gesellschaftern, 60 bis 70 und jede Woche kommt einer dazu. Das ist eine Situation, wo man nicht mehr klare Entscheidungen treffen kann. Der Gedanke der Entflechtung könnte eine Lösung sein, weil man in ein, zwei oder drei von 13 strategischen Geschäftsfeldern Einheiten schaffen könnte, wo wieder Kapitalmehrheiten bestehen würden, die klare Entscheidungskompetenz hätten." - "Eine börsenotierte Aktiengesellschaft wird keine Zustimmung bekommen", findet Weis: "Aber wenn wir unsere Anteile in eine Stiftung oder in eine GmbH einbringen würden, dann wären wir nicht schlecht dabei. Nur: Wenn Sie so viele Familienstämme haben, ist das alles nicht so einfach. Familie ist Familie, und deswegen sind wir so stark." Er macht eine Pause, steckt sich eine Zigarette an, und setzt nach: "Zu stark darf man allerdings nicht werden." Der Familie Weis hätten bei der Gründung des Unternehmens 49 Prozent gehört, "heute gehören uns zehn." Was sich nur teilweise durch die Fruchtbarkeit und das Paarungsverhalten der Familienmitglieder erkläre und Weis nur so erklären will: "Wenn Sie gerade gehen, dann gehen Sie falsch."
(1_2/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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