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Überlebenswille

03.06.2015

Wir betrachten die Natur gern als etwas Romantisches, das es heute zu schützen gilt wie den Pandabären. Dabei sind wir selbst es, um die es geht. Die Natur sichert unser Überleben. Und sie zeigt vor, wie man wirtschaftet.

Essay: Harald Koisser

Wenn wir heute Verantwortung für die Natur übernehmen, tun wir es oft mit der milden Güte jener Wohlhabenden, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Es rührt unser Herz, es bringt Anerkennung, und es ist nur auf Zeit. Die Natur aber ist kein Flüchtling. Sie ist im Vergleich zur Lebensdauer eines Menschen oder eines Unternehmens unendlich und ewig. Sie ist auch nichts außerhalb von uns, das wir aufnehmen und wieder wegschicken können. Wir selbst sind es, die aufgenommene Gäste sind. Wir kommen, wir gehen, Natur bleibt. Verantwortung gegenüber der Umwelt ist nichts anderes als Überlebenswille.

Die Natur sichert das Überleben

Natur ist nichts Romantisches, Nostalgisches außerhalb unserer schalldichten Fenster und atmungsaktiven Wände. Natur ist in uns. Wir atmen, wir nehmen Nahrung auf und scheiden sie aus. Wir handeln sexuell. Wir haben einen Drang nach Entwicklung. Damit tun wir das, was alle Pflanzen und Tiere auf diesem Planeten tun. 
Die ganze Natur ist darauf aufgebaut und funktioniert so. Wir selbst sind die Natur. Wer das nicht versteht, bekommt Probleme.
Ganze Völker sind aus ökologischem Unverstand untergegangen. Die Wikinger etwa in Grönland. Sie waren von ihrer Größe und technischen Überlegenheit überzeugt, haben das Land erobert und dort ihre landwirtschaftlichen Methoden des Festlandes fortgesetzt. Sie haben Rinderwirtschaft mitgebracht. In Grönland ist aber die Grasschicht sehr dünn. Die Rinder haben diese Grasschicht abgetragen und damit allem die Lebensgrundlage entzogen. Die Wikinger hätten noch eine Chance gehabt, hätten sie auf die heimischen Inuit geschaut und von ihnen gelernt, wie man mit dem Land und dem Meer zurechtkommt, wie man hier überlebt. Aber sie haben die primitiven Eingeborenen lieber ignoriert und fallweise gegen sie gekämpft. Bis sie kläglich zugrunde gegangen sind. 
Wir haben durchaus respektable Vorbilder des Scheiterns in der Menschheitsgeschichte, von denen wir das lernen dürfen, was der Chemiker Hanswerner Mackwitz etwas launig ausdrückte: „Wir haben keine zweite Erde im Kofferraum!“ Wir schützen die Natur nicht. Sie schützt uns. 

Die Natur ist erfolgreich

Die Natur ist nicht nur Grundlage unserer Existenz, sie zeigt auch vor, wie man hier zu wirtschaften hat. Alles Lebendige folgt einem Rhythmus, den man nicht ignorieren und abkürzen kann. Es gibt die Phase der Stille und des Innehaltens, die Phase des Reifens, die Phase der vollen Blüte und Kraft und die Phase, in der geerntet werden kann. Wir haben diese Phasen allerdings in unserer Ökonomie auf Frühling und Sommer verkürzt – alles soll permanent sprießen und aufblühen. Nur geht das leider nicht. Es braucht auch den Herbst und den Winter. Von der Natur zu lernen wird heute daher mehr denn je zur ökonomischen Notwendigkeit. Es gibt mittlerweile Beratungsunternehmen, die darauf Bezug nehmen.
Woher kommt denn unser Burnout? Resultat einer Generation hyperventilierender Materie, die das Innehalten und Loslassen verlernt hat! Wollen wir der Natur beweisen, dass man auch unter Dauerbelastung und dauernder Temposteigerung überleben kann? Das Beweisverfahren ist längst abgeschlossen, die Heilanstalten überfüllt.
Auch bei der Entwicklung von Produkten sind wir gut beraten, von der Natur zu lernen. Erwin Thoma etwa hat Ameisenhaufen beobachtet und festgestellt, dass es im Inneren dieses Bauwerks immer eine angenehm warme Temperatur hat. Ganz ohne Wärmedämmung und chemische Verbundstoffe. Heute baut der Salzburger Unternehmer äußerst erfolgreich Häuser, die funktionieren wie Ameisenhaufen. Aus Holz, ganz ohne Chemie, vollkommen wärme- und schalldicht. Wir können die Natur nicht verbessern. Bloß unser Unternehmen! 
Thoma zeigt stellvertretend für alle wachen Unternehmer und Unternehmerinnen, dass Bionik überall möglich ist – in jedem Betrieb, welcher Dienstleistung oder welchem Produkt auch immer man sich dort verpflichtet fühlt. Wir könnten eine völlig neue Ära der Ökonomie entstehen lassen, wo das natürliche Prinzip unendlicher Fülle und Vielfalt und höchster Effizienz wirkt. Wenn wir schauen, wie es die Natur macht, erhalten wir immer die effizienteste, ökonomisch beste und die mit Abstand eleganteste Lösung. Die Natur ist faul und schön und damit seit vier Milliarden Jahren erfolgreich. Sie hat noch nie Konkurs angemeldet. – Der Weg der Wikinger ist vergleichsweise weniger sexy. 

 

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