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Der Kärntner Shuttleservice im Einsatz am Villacher Bahnhof.

Mobilität im Tourismus wird immer wichtiger

21.11.2017

Auf der 10. Mostviertler Nachhaltigkeitskonferenz in Wieselburg wurden Mobilitätsangebote für den autolosen Urlaub vorgestellt – zunehmend eine Notwendigkeit, gerade im alpinen Raum.

 

Sanfte Mobilität in Hinterstoder: Mobilitätszentrale im Dorf, ...
... und Elektroauto „Twizy“ zum Mieten.

Verkehrsplaner Romain Molitor (komobile w7) nannte Zahlen und Trends: Die Schneelage hat sich in den Alpen in den letzten zehn Jahren im Schnitt um einen Monat verkürzt. Der alpine Tourismus ist daran mit schuld – und gleichzeitig Leidtragender. 
75 % der CO2-Emissionen im Tourismus sind verkehrsbezogen, davon fallen auf Flüge 40 %, aber schon 32 % auf den Pkw-Verkehr. Immer mehr Gäste kommen aus den wachsenden urbanen Räumen. Der Metropolraum Paris zum Beispiel wird bis 2030 von jetzt 9,5 Mio. Einwohner auf 11,5 Mio. wachsen. In diesen Räumen leben immer mehr Menschen ohne Auto, die immer später einen Führerschein machen, auch in Wien. Immer mehr ältere Menschen würden gerne im Urlaub auf das Auto verzichten und auch ohne Auto anreisen – wenn man es ihnen leicht(er) machte. 

Attraktion Mobilität

„Beim Thema Anreise und Mobilität vor Ort ist viel zu holen“, sagt Molitor. Gerade in Österreich. Von den 140 Millionen Übernachtungen und 41 Millionen Ankünften 2016 entfielen 70 % auf den Alpenraum, 33 % der Übernachtungen fanden in Tirol statt (10,6 % in Wien). Drei Viertel der Touristen kamen aus dem Ausland (das ist bedeutend mehr als in Deutschland, Italien, Frankreich oder der Schweiz), 9 % mit dem Flugzeug, 8 % mit der Bahn, 75 % mit dem Auto. Selbst die bahnaffinen Schweizer fahren lieber mit dem Auto nach Österreich. Noch. 

Wie kann man den Bahnanteil erhöhen und den Autoanteil senken? Welche Angebote brauchen Touristen? Mit wem können Tourismusregionen kooperieren? „Der Tourismus allein schafft das nicht“, sagt Molitor. Dazu kommt, wie Stefan Bauer von der Niederösterreich Werbung weiß: „Der Alltagsverkehr im ÖPNV funktioniert anders als im Tourismus und im urbanen Raum besser als im ländlichen.“ 

Lösungsansätze

Der Verkehrsexperte Romain Molitor stellte einige Lösungsansätze vor. Bei der An- und Abreise sind die intermodalen Schnittstellen und vor allem die erste bzw. letzte Meile entscheidend: Wie kommt der Gast vom Bahnhof (Flughafen) zum Hotel? Eine passende Gepäckslogistik ohne Auto ist teuer und schwierig umzusetzen, besser ist es, die sperrige Sportausrüstung (Ski u. a.) vor Ort anzubieten (Packages). Molitor spricht von „Mobility as Service“ und meint damit integrierte Angebote, die Fahrkarte wird zum Beispiel gleich mitgebucht. Es gehe um Bewusstseinsbildung in den Köpfen der Gäste: „Servicegedanke statt Selbstfahrergedanke!“ Das gelte auch für den Tagestourismus.

Dazu bieten die ÖBB für Touristiker proaktive Angebote („Tirol auf Scheine“) und coachen die Touristiker vor Ort. Brigitte Hainzer ist so ein „Mobilitätscoach“ in Tirol. Sie wird von Tourismusverbänden gebucht, um zunächst das Mobilitätsangebot vor Ort zu analysieren. Anders als in Kärnten gebe es in Tirol noch keine landesweiten Lösungen, sagt sie. Deshalb geht sie zu den einzelnen Betrieben, um mit ihnen über autofreie Angebote zu reden. Auch hier ist noch viel zu tun. Oft werde die Anreise auf der Homepage nur für Autofahrer erklärt. Es sollte genau umgekehrt sein: Bei jeder Buchung sollte es den Hinweis geben, wie man ohne Auto anreisen und sich vor Ort bewegen könne. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, in die Buchungsmaske eine Verlinkung zur ÖBB, der Deutschen Bahn und den Schweizer Bahnen anzulegen, wo sofort erklärt wird, wie man mit der Bahn anreisen kann.

Mobilität vor Ort

Neben der Anreise ist die zweite Säule einer funktionierenden sanften Mobilität das Angebot vor Ort. Hier empfiehlt Molitor den ÖPNV im ländlichen Raum mit Sharing-Modellen zu kombinieren, Fahrradtaxis wie in Großstädten einzusetzen, attraktive Geh- und Radwege zu bauen, eine Parkraumbewirtschaftung einzuführen. Ganz wichtig seien auch Angebote für Einheimische, die sollen und können von diesen autofreien Angeboten profitieren. Zum Beispiel kann man Schülerbusse mit Wander- und Skibussen kombinieren bzw. ergänzen. Mit bedarfsorientiertem Verkehr (Taxi, Shuttle, Carsharing) könne man eine Mobilitätsgarantie abgeben, auch am späteren Abend, was ganz wichtig sei, gerade im Tourismus. 

Entscheidend sei auch die Information und Kommunikation, und zwar schon vor der Buchung. Die Infos vor Ort müssten intuitiv und selbsterklärend sein. Es müsse auch zu einer Bewusstseinsbildung „nach innen“ kommen: Sanfte Mobilität muss in der Region verankert sein und vor Ort gelebt werden.

Gute Beispiele

Chancen gebe es zuhauf: Gäste-Mobilitätskarten finden eine hohe Akzeptanz, immer mehr Urlauber würden autofreie Tourismusorte suchen. Und gute Beispiele gibt es schon einige.
Im Nationalpark Hohe Tauern Salzburg wird die Sommercard mobil über ein Umlageverfahren finanziert: Sie ist im Zimmerpreis inkludiert; 19 Gemeinden haben sich im Pinzgau zusammengetan und bieten einen „kostenlosen“ ÖV inklusive Wandertaxis und E-Bike-Verleih für einen Tag. Postbusse und die Lokalbahn zwischen Zell am See und Krimml sind integriert. Damit habe man allein 56.000 zusätzliche Gäste für die Lokalbahn im Sommer generiert. 

Auch die Region Wilder Kaiser in Tirol setzt mit Erfolg auf sanfte Mobilität: 2009 begann man mit einem E-Bike-Verleih, 2012 führte man Wander- und Skibusse ein und integrierte alle Angebote in eine Gästekarte. Im Ötztal gibt es Ski- und Wanderbusse und einen Thermenbus zum Aqua Dome – mit Gratisrückfahrt, auch spätabends, die die Therme den Gästen spendiert. 

An der Südsteirischen Weinstraße hat man mit „WEINmobil“ einen flächendeckenden kostenpflichtigen Tür-zu-Tür-Shuttleservice mit Sammeltaxis eingeführt, der täglich von 10 bis 24 Uhr in allen fünf Gemeinden unterwegs ist. Rund 50.000 Fahrgäste nutzen das, obwohl die Fahrt zwischen 10 und 30 Euro kostet (allerdings aufgeteilt auf bis zu acht Personen). 2014 hat man damit 175.000 Euro Einnahmen lukriert.

In Kärnten kooperieren seit einem Jahr acht Tourismusregionen mit dem Land, der Kärnten Werbung, den ÖBB und DB. Auch hier kommen für die letzte Meile Sammeltaxis zum Einsatz, die mit 30 % über Klima.aktiv gefördert werden. Die Fahrt ist kostenpflichtig, aber günstiger als mit einem normalen Taxi. Über eine Buchungsplattform bucht man seine Fahrt einen Tag im Voraus.

In Südtirol ist die Vinschger Bahn 2005 wiedereröffnet worden und wird mittlerweile von ihrem eigenen Erfolg fast überrollt. Sie wird von drei Millionen Fahrgästen genutzt (bei 40.000 Einwohnern im Einzugsgebiet), sie verkehrt im Einstundentakt und ist so voll, dass eine Radmitnahme nicht mehr möglich ist. Dafür gibt es jetzt einen Radverleih an den Stationen.

Auch in Hinterstoder setzt man auf sanfte Mobilität und generell sanften Tourismus „ohne Ökoromantik“ – und das seit vielen Jahren, wie Bürgermeister Helmut Wallner berichtete. Damit leitete man Mitte der 1990er-Jahre einen Strategiewechsel ein, um eine siechende Tourismusregion erfolgreich wiederzubeleben – und das sogar ohne große Unterstützung des Tourismusverbandes Pyhrn-Pryl, der dem Thema bis heute eher skeptisch gegenübersteht. „Die nachhaltige Stärkung unseres Dorfes hatte Priorität“, sagt Wallner. „Einheimische müssen sich wohlfühlen, dann ist auch der Urlaub authentisch.“ Dafür reicht ein sanftes Mobilitätsangebot natürlich nicht aus, aber es ist ein wichtiger Teil davon. Man hat für das Straßendorf ein funktionierendes Dorfzentrum entwickelt (u. a. mittels eines Lichtkonzeptes) und den Tälerbus eingeführt, attraktive Bushaltestellen gebaut, das Dorf autofrei gemacht und eine (zunächst umstrittene) Parkraumbewirtschaftung eingeführt, die den Tälerbus mitfinanziert. Die Kosten für die Automaten waren schon nach wenigen Wochen eingespielt. 

Man hat alle Mobilitätspartner vor Ort miteinbezogen und avisiert im Marketing bewusst die „Autoverweigerer“ aus den urbanen Räumen. Man bekam Unterstützung vom Land und von Klima.aktiv, errichtete eine Mobilitätszentrale. Seit 2007 ist man Mitglied beim internationalen Verband „Alpine Pearls“, der auf sanften Tourismus setzt. Darauf ist man sehr stolz. Mittlerweile wird wieder im Ort investiert, die Bettenanzahl steigt, neue Hotels werden gebaut. „Wir in Hinterstoder haben uns darauf verständigt, dass wir nicht mit Geboten und Verboten den Weg in Richtung Mobilität der Zukunft weisen, sondern durch ein attraktives Mobilitäts-Angebot in einem durchdachten Verkehrssystem“, sagt Bürgermeister Wallner. „Denn wir sind der Überzeugung, dass das Auto im Urlaub dann an Attraktivität verliert, wenn’s ohne Auto mehr Spaß macht.“

 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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