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„Ich bin ein extremer Optimist“

03.06.2015

Verantwortungsvolles Handeln steckt in der Natur des Unternehmers, sagt Hans Harrer. Ein Gespräch mit dem Vorstand des „Senat der Wirtschaft“ über das Gute im Menschen, die Lehren von John F. Kennedy und seine Abneigung gegenüber Excel-Junkies. 

Interview: Daniel Nutz

Sie haben sich mit dem „Senat der Wirtschaft“ zum Ziel gesetzt, unternehmerische Verantwortung zu fördern. Was verstehen Sie darunter? 
Es geht darum, eine enkeltaugliche Zukunft zu gestalten. Jede unternehmerische Handlung ist daher auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Manager müssen mehr Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft übernehmen, weil sie aktiv gestalten können. Es geht folglich nicht nur um das Hier und Jetzt, sondern auch und vor allem um die Generationengerechtigkeit. 

Der US-Ökonom Milton Friedman sagte, Unternehmen sollen Gewinne maximieren und nicht an soziale Verantwortung denken. Was halten Sie dagegen?
Ich bin nicht bei Friedman, sondern bei John F. Kennedy. Kennedy sagte bekanntlich: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst. Milton Friedman hat dagegen den Neokapitalismus konstruiert. Wir Europäer haben das nichtwissend übernommen. Das passt aber gar nicht in unsere Kultur. Wo wir damit hingekommen sind, haben wir 2008 gesehen. 

Welches Unternehmertum entspricht denn unserer europäischen Kultur?
Es gibt grob zwei Typen, die sich gegenüberstehen: Einerseits gibt es den kapitalgetriebenen Unternehmer, also den Manager, der sich jeden Tag nach Börsenkursen und dergleichen zu orientieren hat. Er muss kapitalgetrieben alle Instrumentarien ausnützen, die zu einem maximalen Profit führen. Das sind die Excel-Junkies, die alle ihre Entscheidungen nach einer Schablone ausrichten. Durch das ausschließliche Starren auf Zahlen wird aber die ganze kulturelle Energie ausgeblendet. Dem gegenüber gibt es die sehr stark über Familienstrukturen geprägten mittelständischen Unternehmen, die einen Generationenprozess leben. Denen geht es nicht darum, in wenigen Jahren das Unternehmen mit Profit wieder zu verkaufen. Bei ihnen ist die soziale Verantwortung in den Genen und nicht einzig der Drang nach Profitmaximierung. 

Stichwort Verantwortung: Braucht es strengere Rahmenbedingungen, die dieses nachhaltige Unternehmertum fördern? 
Nein, denn das wahrhaftige Handeln entsteht nur in der Selbstbestimmung. Jede Regulierung schränkt dieses Handeln ein. Wir sind doch schon zugemüllt mit Regeln, die keiner mehr versteht. Wir müssen den Menschen wieder dort abholen, wo er zu Hause ist. Jeder Mensch will etwas Gutes tun und ist von seiner Natur aus nicht darauf aus, dem anderen Schaden zuzufügen. Der Staat muss einen Rahmen schaffen, in dem die Menschen selbst gestalten dürfen. 

Das ist aber doch ein sehr optimistisches Bild, das Sie hier zeichnen. 
Ich bin ein extremer Optimist. Der Pessimist beklagt den Riss in der Hose. Der Optimist freut sich über den Luftzug. 

Wo orten Sie diesen frischen Wind?
Bei den nachkommenden Generationen. Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass die Heranwachsenden in vielen Dingen anders denken. Wir müssen den Jungen aber auch Verantwortung übertragen. Das wird zu einem Wandel führen, weil sie weniger gierig agieren.  

Soziologen sprechen von der sogenannten „Generation Y“, die eher wert- als profitorientiert ist. Was ist Ihre Hoffnung bezüglich dieser Generation? 
Es ist zu beobachten, dass die Beziehungen zwischen den Menschen wieder wichtiger werden als das reine Erfolgsstreben. Die Älteren müssen sich davon etwas abschauen. Die Kinder haben den Change-Prozess, den wir brauchen, bereits verinnerlicht. 

Was kann ein Unternehmer daraus für sein Tagesgeschäft lernen?
Er muss diesen Wandel verstehen. Ökologie ist beispielsweise ein großes Thema. Wer diesen Prozess versteht, wer sich dieser Herausforderung stellt und sie selbstbestimmt annimmt, betritt einen der spannendsten Investitionsprozesse. Denn in diesem Prozess wird Innovation und Kreativität stattfinden. Es geht um neue Produkte und um ein neues Sozialverhalten. Man kann ­beides nicht mehr auseinanderdividieren, denn technische Innovationen haben immer auch einen sozialen Aspekt. Wir brauchen Innovationen, die uns als Gesellschaft helfen. Wir müssen an einer gerechteren und nachhaltigen Zukunft arbeiten. 

Viele beklagen, dass der Begriff Nachhaltigkeit zunehmend verwässert wird. Können Sie ihn noch in den Mund nehmen? 
Wir sollten mit dieser Begrifflichkeit wertschätzend umgehen. Wir können darauf Einfluss nehmen. Wir müssen uns mit der Sprache auseinandersetzen. Der Begriff der Nachhaltigkeit kommt aus der Forstwirtschaft und definiert im Grunde ein Handeln, dass auch in der Zukunft Wohlstand sichert. Wenn wir über das Klima diskutieren, dann geht es also um Investitionen, die den Ertrag von morgen sichern. 

Die sogenannte „Postwachstumstheorie“ besagt, wir müssen uns vom Wirtschaftswachstum verabschieden, um die ökologischen Herausforderungen zu bewältigen. Was ist Ihre Meinung?
Ich bin der Überzeugung, dass für uns alle genug da ist. Wachstum ist gut, aber die Verhältnismäßigkeit muss stimmen. Die Rahmenbedingungen für Wachstum müssen passen. Wenn es sich lohnt, langfristig in unseren Globus zu investieren, dann gibt es auch nachhaltiges Wachstum.  

Der Ressourcenverbrauch ist dennoch ein Thema. Vor allem, wenn wir an die aufstrebenden Volkswirtschaften wie China oder Indien denken. Die wollen in Zukunft ähnlich leben wie wir.  
Wir können diese Frage über Innovationen lösen. Dabei geht es aber nicht nur um den Technologietransfer, sondern auch um unsere sozialen Verhaltensformen. Wir müssen das Konzept des  verantwortungsvollen Handelns transferieren. 

Viele Menschen denken, dass sie als Einzelne nichts gegen die globalen Probleme ausrichten können.
Jeder, der glaubt, dass seine eigene Handlung keine Wirkung hat, der unterliegt einem Irrglauben. Jedes Handeln, jede Innovation hat eine Wirkung, dessen muss sich jeder bewusst sein. 

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