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v. l. Christian Weinhapl (GF Wienerberger Ziegelindustrie), Sabine Hanke (GF Voitl & Co), Davor Sertic (GF UnitCargo Spedition) und Andreas Kovar (GF Kovar & Partners).

Es wird am grünen Lack gekratzt

17.11.2015

Ökologische Trends in der Bauwirtschaft waren das Thema einer Podiumsdiskussion der Leitbetriebe Austria. Eine gute Sache, doch die Politik macht der Branche das Leben schwer – darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig.

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider ...“ Gemäß diesem Kinderlied scheinen derzeit viele Unternehmen zu agieren. Alle Produkte und Dienstleistungen müssen grün, ökologisch und nachhaltig sein. Am inflationären Gebrauch des Begriffs Nachhaltigkeit stört sich auch Andreas Vavra, neuer Verkaufsleiter des Baustoffhändlers Quester, im Rahmen einer Podiumsdiskussion des Netzwerks Leitbetriebe Austria. „Momentan ist jeder und alles nachhaltig. Dabei sollte ‚grün‘ keine Modefarbe oder saisonaler Trend sein. Besonders in der Bauwirtschaft ist das Thema extrem wichtig, da für Jahrzehnte gebaut und die Umwelt somit für einen langen Zeitraum beeinflusst wird.“ Der Baustoffhändler bietet seit 2012 gezielt umweltfreundliche Produkte an und arbeitet mit Baustoffproduzenten konsequent an der Erweiterung des ökologischen Sortiments. Auch Lobbyist Andreas Kovar schätzt den Hebel für Nachhaltigkeit in der Baubranche als „sehr hoch“ ein, gleichzeitig warnt er die Unternehmer vor halben Sachen. „Die Bevölkerung schaut mittlerweile ganz genau, ob die Nachhaltigkeitsmaßnahmen stimmig und für die Gesellschaft relevant sind. Die Kunden sind viel kritischer geworden und kratzen am grünen Lack, um zu prüfen, wie der Kern darunter aussieht.“ 

Das bestätigt auch Sabine Hanke, Geschäftsführerin des Bauunternehmens Voitl & Co. „In der Baupraxis ist Nachhaltigkeit ein wesentlicher Bestandteil. Wir achten auf regionale Zulieferer, versuchen die Transportkosten und die CO2-Emissionen zu reduzieren.“ Allerdings sei man als Bauunternehmer sehr stark von den Wünschen der Bauherren abhängig, die oft mit vorhandenen Födermitteln korrelieren. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn die Politik verstärkt sinnhafte – wie sie betont – ökologische Aspekte in Förderrichtlinien einbauen würde. „Natürlich versuchen wir zusätzlich, unseren Kunden auch ökologische Alternativen zu bieten, aber das funktioniert nur, solange diese preislich in einem akzeptablen Rahmen liegen.“

DIY-Politik

Förderungen sind das Stichwort für Wienerberger-Österreich-Geschäftsführer Christian Weinhapl. „Es ist ein Unding, dass die Politik einzelne Baustoffe bevorzugt“, kritisiert er in Anspielung auf die Holzbaucharta und auf Kriterien der Wohnbauförderung in einigen Bundesländern. „Die Politik sollte übergeordnete und ganzheitliche Ziele vorgeben, aber die Wahl des Weges beziehungsweise des Baustoffs sollte jedem selbst überlassen werden.“ Generell wird zurzeit in Österreich – egal ob Verpackungs- und Umweltverordnung, Energieeffizienzgesetz oder Bauordnungen – sehr vieles über­reglementiert, so mache das unternehmerische Arbeiten fast keinen Spaß mehr. „Die Wirtschaft muss aufstehen und sich stärker in den Gesetzgebungsprozess miteinbringen, damit die Diskussion zwischen Wirtschaft und Politik enger geführt wird.“

Dem kann auch Berater Andreas Kovar nur zustimmen. „Unternehmen beklagen sich häufig, übersehen aber gern, dass Politik auch eine Do-it-yourself-Angelegenheit ist. Unternehmen könnten und sollten sich viel intensiver in der Politik engagieren, denn sie haben die Praxiserfahrung, mehr Möglichkeiten der Einflussnahme als Privatpersonen und gerade im Umweltbereich auch oft einen größeren Gestaltungsspielraum und damit auch einen großen Nutzen."

 

Autor/in:
Sonja Meßner
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